Steinkreuz in Neuses

Alfred Steinheimer

Das Steinkreuz in Neuses

An der Straße, die von Neuses nach Buttendorf führt, steht, heute über Straßenniveau an einer Böschung, ein Steinkreuz, das zu den größten in Franken zählt.

Der Volksmund spricht fälschlicherweise oft von „Schwedenkreuzen“, wohl noch in Erinnerung an die Greuel des 30jährigen Krieges.

Steinkreuze sind jedoch mittelalterliche Sühnedenkmäler, stammen zumeist aus dem 13. bis 16. Jahrhundert und umfassen so einen Zeitraum von rd. 300 Jahren.

Teilweise existieren noch Urkunden darüber, die Aufschluß über den Grund der Aufstellung eines solchen Zeichens geben. Häufig ist jedoch das Wissen darüber verlorengegangen, weil diese Denkmäler selten Inschriften oder Jahreszahlen tragen.

Sagen und Erzählungen von grausigen Untaten, von Generation zu Generation immer mehr ausgeschmückt und oft weit entfernt von der Wahrheit, ranken sich nicht selten um diese Kreuzzeichen; man mied, besonders bei Nacht, furchtsam die Orte, an denen diese Steinzeichen aufgestellt waren.

Richtig ist, dass dort, wo ein solches Denkmal steht, ein Mensch gewaltsam ums Leben kam.

Es gibt unterschiedliche Formen dieser Denkmäler, nämlich, die meist ältere Form, bei denen in rechteckigen oder runden Steinplatten Kreuzzeichen eingemeißelt sind, oder die Steinkreuze, wie die Abbildungen zeigen:

Steinkreuze

Diese Steinzeichen stehen meist an den Rändern von Altstraßen, an Wegkreuzungen, an Ortsausgängen, selbst im Waldesdunkel oder auf Feldfluren.

Aus der Literatur ist ersichtlich, dass diese Kreuze/Kreuzsteine selten an einen heimtückisch verübten Mord erinnern, sondern daran, dass dort im Streit ein Totschlag begangen wurde.

Bis zum Ausgang des Mittelalters, d. h. bis zum Erlaß der „Halsgerichtsordnung“ im Jahre 1533 durch Karl V., war das Delikt „Totschlag“ oft eine Angelegenheit, um die sich die Gerichte nur kümmerten, wenn es zwischen dem Täter und den Hinterbliebenen des Opfers zu keiner gütlichen Einigung kam.

Diese Einigung bestand darin, dass man in einem Vertrag, der unter der Mitwirkung der Kirche geschlossen werden mußte, die Sühneleistung des Täters festlegte.

In einem Punkt des Vertrages wurde fast immer die Forderung gestellt, dass am Tatort ein Kreuzzeichen zu errichten war, damit Vorübergehende an dieser Stelle ein Gebet sprechen konnten, da das Opfer ja ohne die Sterbesakramente der Kirche empfangen zu haben verschieden war.

Außerdem mußten für das Seelenheil des Getöteten eine Anzahl Messen in der Kirche gelesen werden.

Der Täter war verpflichtet, an der Beerdigung teilnehmen, deren Kosten einschließlich des Leichenschmauses er zu tragen hatte, und hatte darüber hinaus am Grabe den Hinterbliebenen Abbitte zu leisten.

Häufig mußte er über Jahre die Heimat verlassen, um nicht durch seine Anwesenheit die Hinterbliebenen an die Tat zu erinnern.

Es gibt auch Hinweise darüber, dass der Täter oft ein Leben lang einen Strick oder einen eisernen Ring um den Hals tragen mußte.

Eine der häufigsten Sühne- und Bußleistungen, die auferlegt wurden, war die Verpflichtung zu einer Wallfahrt, oft ein gefahrvolles Unternehmen, nach Rom, nach Jerusalem, nach Santiago de Compostella in Spanien oder, wenn er Glück hatte, nach Aachen oder Maria-Einsiedeln in der Schweiz.

Mit der Einführung der schon genannten „Halsgerichtsordnung“ im Jahre 1533 wurden „private Abmachungen“ nicht mehr geduldet, sondern die Täter nach dem neuen Recht verurteilt. Trotzdem sind noch „Sühneverträge“ aus dem 16. und 17. Jahrhundert bekannt.

Die Kirche als moralische Institution konnte mit ihrem Einwirken, zusammen mit der weltlichen Rechtsprechung, durch die Auflage von Büß- und Sühneleistungen oft Härten alter Rechtsvorstellungen mildern.

So waren Täter früher oft „vogelfrei“, d. h. sie hatten ihr Leben verwirkt und konnten nur in der Einsamkeit oder unerkannt in der Fremde ihr Leben fristen, wobei ihre Familien nicht selten die „Blutrache“ zu fürchten hatten, wiewohl schon Karl der Große diese durch seine „Capitularien“ einzudämmen versuchte.

Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch im Heldenlied der „Edda“, verfaßt im Jahre 1225 und auf wesentlich ältere Erzählungen zurückgehend, schon die Rede von einer gütlichen Einigung zu finden ist, was aber als schmählich und als Feigheit betrachtet wurde.

Auch das „Bayerische Gesetz“ aus dem Beginn des 8. Jahrhunderts kannte ein „Wergeld“, das für einen freien Mann oder einer Frau im Falle eines Totschlags bezahlt werden mußte.

Welches Geschehnis führte nun in Neuses zur Errichtung des Steinkreuzes?

Aus Akten des kaiserlichen Landgerichts in Nürnberg, die in den Jahren 1393, 1402, 1404 und 1412 über Streitfälle in wasserrechtlichen Fragen in Neuses angefertigt wurden, sind eine Reihe von Familien bekanntgeworden.

Es waren dies die Familien des Conz Lederer, die des Berthold Rudolt und die des Eberlein Vogt.

Sie stritten über die aufgezeichneten Jahre hinweg über die Nutzung des Wassers – wahrscheinlich zur Bewässerung der Wiesen an der Bibert – und der lange Streit konnte nicht friedlich beigelegt werden, im Gegenteil, er endigte mit der Erschlagung des Conz Lederer.

Den Tag der Tat weiß man nicht, die Verhandlung über den Totschlag fand am 23. November 1412 statt.

Unbekannt blieb auch der Umfang der den beiden Bauern Rudolt und Vogt auferlegten Sühne. Bekannt ist aber, dass die beiden Täter ein Steinkreuz zu setzen hatten.

Der Tatort war ca. 150 m nördlich des heutigen Standortes. Das Steinkreuz wurde für die Errichtung des Mahnmals für die Gefallenen der beiden großen Kriege an den heutigen Standort versetzt.

Auf der Vorderseite trägt das Kreuz, das ursprünglich 210 cm hoch über der Erde ragte und so zum größten dieser Zeichen in Franken zählt, die Darstellung einer Pflugschar und zeigt damit den Beruf des Opfers an.

Ende der 70er Jahre soll es in Franken und Bayern zusammen noch an die rd. 2000 Steinkreuze gegeben haben.

Vielfach sind im Laufe der Jahrhunderte, ganz besonders aber in den Zeiten des Ausbaues von Ortsverbindungsstraßen in den 50er und 60er Jahren, in Unkenntnis ihres geschichtlichen Wertes diese Sühnezeichen entfernt oder mutwillig zerschlagen worden.

In Neuses wird der Standort und das Kreuz gewürdigt und vor dem Verfall bewahrt.

Alfred Steinheimer, 3.5.1999

Literatur:

Auszug aus einem Ausstellungskatalog der Stadtbibliothek Nürnberg 1967, „Steinkreuze in Franken“
Materialsammlung Leonhard Wittmann
Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Neuses-Stöckach, 1993 von Roland Kühn.