Friedrich Bomhard

Tagebucheinträge

Kirche und Nationalsozialismus

Friedrich B o m h a r d (1884–1956) war von 1936 bis 1953 2. Pfarrer in Roßtal. Schon auf seiner Pfarrstelle in Weihenzell kam er bald nach der „Machtergreifumg“ in Kollisionskurs zur NSDAP, weil er deren totalitären Anspruch auf die Inhalte der christlichem Verkündigung nicht widerspruchslos hinnahm. Im April 1935 war er für einige Tage in „Schutzhaft“. Er hatte trotz Verbotes der Partei einen Kanzelaufruf des Landesbischofs verlesen.

Die folgenden Tagebucheinträge spiegeln etwas wider von dem Zwiespalt der Empfindungen eines Mannes, der sich als deutsch-national denkender Weltkriegsteilnehmer von der Erneuerung des Staates die Wiederherstellung des Ansehens des Deutschen Reiches erhofft hatte und dann bitter enttäuscht wurde.

2. September 1933
Wenn man sich mit erhobenem Arm grüßt, nennt man das jetzt den Deutschen Gruß. Ist aber gar nicht wahr. Es ist der Faschistengruß, ein italienisches Gewächs. Auch dann ist dieser Gruß nicht deutsch, wenn man „Heil Hitler!“ dazu sagt, ruft, schreit oder brüllt. Kinder, Narren und Beamte grüßen jetzt so in Deutschland: Deutscher Gruß? Hat sich was: Ausgestreckter rechter Arm, halb nach oben, mit ebenso gestreckter Hand, die Finger geschlossen. Das ist uns so fremd wie das gegenseitige Reiben der Nase. Die Kinder tun es natürlich gern. Kinder sind eben immer ein bißchen närrisch und Narren sind immer kindisch. Das sind so Betrachtungen über gewisse Äußerlichkeiten des deutschen Aufbruchs, die mir nicht gefallen wollen.

14. Juni 1934
Wenn man sich mit einem kleinen Kind beschäftigt, kommen einem allerlei Vergleiche in den Sinn. Wie wäre z. B. die Annahme, daß der neue Staat noch ein Kind ist? Große Freude hat so ein Kind am Umsturz. Es jauchzt, wenn der Turm einfällt, den der Vater aus Holzwürfeln gebaut hat, und es lernt sehr schnell hinstoßen mit den Händchen, damit die gewünschte Wirkung erzielt wird. Unser Staat begnügt sich natürlich nicht mit dem Einwerfen. Er baut auch wieder gerne auf. Aber ob Bestand ist in dem raschen Aufbau, der gegenwärtig geschieht? Nun, das muß die Zeit lehren.

Das nötige Selbstbewußtsein hat er auch, der neue Staat; er ist da ebenfalls ähnlich einem Kinde, das nur an sich selbst denkt und alles in seinen Machtbereich einbeziehen möchte, was es gibt. Man nennt das den Totalitätsanspruch des dritten Reiches. Dieser reicht von der Milchversorgung bis zur Religion, von der Musik bis zur Philosophie, von der Kindererziehung bis zum Staatsbegräbnis.

Der Mann, der aus der Kiste spricht, muß nur noch rufen: „Seid ihr alle da?“ Gut, dann kann Göbbels sprechen.

Dienstag, 21. August 1934
Meinem Studienfreund in Hamburg schrieb ich einen vernünftigen Brief über meine politischen Meinungen, daß ich ja sagen kann zu vielem, was unsere neue Regierung leistet, daß aber so viele Leute, die man sonst für ganz vernünftig ansehen müsse, erbitterte Feinde des NS und sogar des Führers seien, ich erzählte ihm einiges von den Dingen, die man sich von Streicher sagt. Er antwortete ganz kurz, daß er fassungslos sei über meinen Brief, daß ich leicht ins Konzentrationslager käme, wenn er den Brief der Gestapo übergäbe und daß er bald von mir einen vernünftigen Brief erwarte. Offenbar hat er meine Absicht gar nicht erkannt, meine gute Meinung nicht gemerkt und nichts von Vernunft gespürt bei meinen Zeilen. Wahrscheinlich ist auch er schon jenseits aller Vernunft angekommen, wie so viele begeisterte Nationalsozialisten.

Dienstag, 4. September 1934
Es ist scheußlich, wie es in der Welt zugeht. Am Sonntag sollten wir eine Kundgebung im Gottesdienst verlesen, die der Landeskirchenrat anläßlich der letzten Landessynode herausgegeben hat. Aber am Samstag abend kam ein Schreiben von der Gendarmeriestation Bruckberg, die bayerische Regierung habe die Bezirksämter angewiesen, die Verlesung zu verbieten. So wird die Kirche jetzt vom Staat beaufsichtigt und schikaniert, nur weil der Lügenludwig in Berlin es verlangt. Dieser gleisnerische Schuft, der noch nicht einmal zum Reichsbischof geweiht ist, obwohl er schon seit einem Jahr die deutsche Kirche tyrannisiert, tut nichts für die Kirche, aber alles zur Hebung seiner Macht. Er bricht die Verfassung und hatte die ungeheure Frechheit, eine Synode einzuberufen, zu der er nur ihm genehme Leute einlud. Von dieser „Nationalsynode“ ließ er seine Verfassungsbrüche, Lügen und Gewaltakte anerkennen. Die bayerische Landessynode, die daraufhin tagte, lehnte feierlich den ganzen faulen Zauber ab. Jetzt aber darf man den Gemeinden nichts davon sagen. Na ja! Sagen kann man es schon, aber ich glaube, den meisten Leuten ist es wurscht, wenigstens fragt mich nie jemand über die näheren Dinge.

12. Februar 1935
Es gibt bei uns Deutschen eine Redensart, die heißt: „Ich will dir helfen“. Wer sich in unserer Sprache auskennt, weiß, daß dieser Ausdruck auch soviel heißen kann wie „mores lehren“, den Kopf zurechtsetzen, zeigen, wo Barthel den Most holt. Im dritten Reich nun ist es so, daß allen Menschen „geholfen“ werden soll, weil in Deutschland bisher alles verkehrt gemacht wurde.

Die unentwegten Nationalsozialisten, besonders die ganz neugebackenen, die unter der Rinde noch feucht sind, die sind unermüdich in ihrem Helferwillen. Den neuen und jungen Ständen mag diese Hilfe vielleicht gut tun, den Arbeitern z. B., die nach langem Müßiggang wieder Beschäftigung und Verdienstmöglichkeit haben, oder der Jugend, die, seit unvordenklichen Zeiten unterdrückt, nun organisiert, unter Baruch ben Sirach (Baldur von Schirach), die Welt, d. h. die Zukunft erobert. Aber wehe, wenn die Hilfsaktion einen alten Stand auf die Beine bringen will! Dann ruft alle Welt um Hilfe gegen die unwillkommenen Helfer. Da haben wir die evangelische Kirche. Bisher hat sie nach Ansicht der neuen Vaterlandsretter nichts getaugt und seit 400 Jahren vollkommen versagt. Das muß jetzt anders werden und wir wollen der Kirche schon helfen, daß sie ein nützliches Glied im Staat und ein gefügiger Kulturfaktor wird. Es muß eine Reichskirche her! Den Bischof haben wir schon für sie. Er heißt Ludwig Müller. Aber holla, die Kirche will sich ja gar nicht helfen lassen und verbittet sich auf einmal einen solchen Bischof, der einfach tun kann, was er mag.

Dienstag, 19. März 1935
So etwas hundsdummes, wie die Art des Ludwig Müller und seiner Deutschen Christen, ist mir doch noch nie vorgekommen. Verliert der Kerl einen Prozeß nach dem andern in seiner Eigenschaft als überfälliger Reichsbischof und wurstelt doch immer im selben Stil weiter. Die gesamte Vertretung der deutschen Kirchen gibt ihm den bindenden Rat zum Abtritt, aber er bleibt, ein Wunder von Taktlosigkeit und Unverstand, von Brutalität und Einbildung! Man sagt von diesem Monstrum, es habe so eine dicke Haut, daß es ohne Rückgrat stehen bleibt, wo man es hinstellt. Mir tut nur der Staat leid, der sich durch diesen Popanz diskriminieren läßt. Die Kirche selbst erneuert sich und reinigt sich und erlebt manche Erweckung, wo sie bisher geschlafen hat.

Sonntag, 24. März 1935
Der Landeskirchenrat hat nun doch etwas getan. Gestern bekam ich ein Schreiben zur Abkündigung und ich habe es heute auf der Kanzel verlesen. Vor dem Gottesdienst kam heute der Gendarm in Zivil und gab mir ein Schreiben der Regierung zu lesen, daß die obige Abkündigung verboten sei. Ich unterschrieb, daß ich das Verbot gelesen habe und entließ den Schand-Arm des Staates in Höflichkeit. Somit habe ich mich gegen den ausdrücklichen Befehl der Staatsgewalt vergangen. „Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Das soll freilich nicht heißen, man soll dem LKR mehr gehorchen als dem Staat, aber es soll heißen: Den Vater Staat gehen die inneren Angelegenheiten der Mutter Kirche nichts an. Und um eine solche Sache handelt es sich hier. Der LKR stellt aufs neue fest, daß wir kein Vertrauen zu Ludwig Müller haben können und äußert sich zum bevorstehenden Besuch dieses zweifelhaften Reichsbischofs mit den Worten: Wir können ihn nicht willkommen heißen und versagen ihm unsere Gotteshäuser. Das ist eine männlich-christliche Sprache und ich freue mich darüber. Deshalb habe ich die Abkündigung vorgelesen und sehe meiner Bestrafung durch den Staat entgegen.

Mittwoch, 22. Mai 1935
Die wenigen Sympathien, die das 3. Reich in unserer Gegend noch genießt, werden von dem Nürnberger Allgewaltigen mit plumpen Füßen zertreten wie Würmer. Kein Bekenntnispfarrer, kein treuer Christ, kein anständiger Bürger glaubt mehr an Adolf Hitler und seine Vasallen, nur noch Kinder, Narren und Ideologen kämpfen für das dritte Reich und dem Staat dient ein Heer feiger Beamter, denen längst das Kreuz eingeschlagen ist. In mir ist jeder Funke von Interesse für die Reden eines Prominenten erloschen.

… Der Unglaube feiert Triumphe äußerlicher Art und die politische Macht schneidert mit Eifer an dem Mantel eines religiösen Nimbus, den sie sich anziehen will. Der deutsche Gott im Herzen des Volkes, die Verbundenheit mit Blut und Boden, die arische Rasse, die Götter Germaniens, das sind die Schnapsideen einer neuen Religion, der neue Inhalt, mit dem nach Ansicht der Parteioberen der Christenglaube gefüllt werden muß.

In Deutschland gibt es ein großes Volk von Christen, die all diesen Schwindel ablehnen und ihre Stimme immer lauter erheben gegen dieses Heidentum. Es ist auch kein Zweifel, daß die Kirche Christi sich nach schweren Kämpfen durchsetzen wird. Aber der arme, verblendete Staat wird in Scherben gehen.

… Wie furchtbar droht das Gericht Gottes über Deutschland! Gar nichts braucht Gott tun, um das Gericht über uns kommen zu lassen. Er braucht lediglich der Sünde ihren freien Lauf lassen: Der Ungerechtigkeit, der Willkür, der rohen Gewalt, dem Sinnentaumel, dem Ehebruch, der Hurerei. Wer Wind sät, wird Sturm ernten und wer Haß sät, wird Verderben ernten. Satan hat Hochbetrieb und Jesus hüllt sich in Trauer über das deutsche Volk.

Donnerstag, 20. Juni 1935
Die Zeit vergeht und die Not bleibt bestehen, der Unsinn gedeiht und die rohe Gewalt macht sich breit und rühmt sich öffentlich. Der Sultan von Nürnberg nähert sich in seinem Gehabe bolschewistischen Vorbildern. Ein tapferer Lehrer hat allzu öffentlich Kritik an dem Alleinherrscher geübt und war dafür in „Schutzhaft“ gekommen. Da besuchte ihn seine beleidigte Majestät und schlug ihn mit der Hundspeitsche. Solche Tatsachen verdienen aufgezeichnet zu werden, damit die Nachwelt das wahre Gesicht unserer Zeit sieht, in welcher der deutsche Mensch leiblich, geistig und seelisch vergewaltigt, geknechtet, geknetet und geschunden werden kann. Solange der Grundsatz gilt, daß die Partei der Staat ist und absolut herrschen muß, solange regiert die Hundspeitsche und jeder Mensch, der anderer Meinung ist, gilt als gemeiner Hund. So wenig glaublich es ist, daß ein Julius Streicher einst eines natürlichen Todes stirbt, so unwahrscheinlich ist es, daß Deutschland ohne Gewalt aus diesem Umsturz herauskommt, denn es wird immer noch umgestürzt. Und weil sich im Volk kein bemerkenswerter Widerstand mehr findet, so kämpft man gegen Gott und unseren Glauben, will die Kirche „gleichschalten“, wie es mit jedem Verein gemacht wird …

Alles Lumpengesindel sammelt sich bei den von der Kirche abgefallenen Deutschen Christen und verkörpert den Haß des Satans gegen den lebendigen Gottessohn und seine Gemeinde. Was hilfts noch, wenn ich Staatstreue predige? Die Bauern sehen es ja deutlich, wie der Staat die Kirche zerstört. Armer Staat! Armes Deutschland!

Samstag, 31. August 1935
Am Donnerstag bekam ich einen Rüffel vom Landeskirchenrat, weil ich den Reichsbischof am 7. Juli in der Predigt ein Rindvieh genannt hatte. Es heißt in der Entschließung, ich habe einen kirchlichen Geger beschimpft. Das ist ein spassiger Schreibfehler, denn er sagt mir, daß man den Reibi nicht als Rindvieh bezeichnen darf. Das ist zu ehrenrührig für unsere fleißigen Arbeitsgenossen auf dem Land. Er ist ein Göker, ein eitler Hahn, ein aufgeblasener Wichtigtuer, der gern auf erhöhtem Posten steht und kräht, obwohl kein vernünftiger Mensch darauf achtet.

Dienstag, 17. September 1935
Die Führer der Bewegung haben das Christentum verlassen und werden es bekämpfen bis aufs Blut. Aus ists! Gar ists! Der schöne Traum einer Erneuerung Deutschlands auf christlicher Grundlage ist vorbei. Gott im Himmel ist wird ja auch noch mitreden, wenn es um die Seele unseres Volkes geht. „Aber der im Himmel wohmt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer“ Ps.2,4. … Der Deckel ist vom Hafen genommen, und die Gerüche, die aufsteigen, sind eindeutig: Sie stinken gen Himmel, genauso wie in Rußland; mögen sie dort proletarisch sein, bei uns sind sie arisch. Der Arierrausch wird zum Wahnsinn und der tätige Wahnsinn kann nur noch mit Blut enden. Gott möge uns helfen, Menschen könnens nicht mehr, denn die Staatsgewalt liegt in den Händen der Wahnsinnigen.

7. Dezember 1935
… Die Angst freilich, die machts. Sie zwingt das ganze Volk zum willigen Gehorsam unter den geliebten Führer und die verhaßten Unterführer. Ich habe noch nie soviel glühenden Haß im deutschen Volk gesehen wie heute. Die verblendeten Hetzhunde des NS leiten die Richtung des Hasses auf den Punkt, wo schließlich der gutmütigste Deutsche keinen Spaß mehr versteht, auf den Glauben. In brutaler Frechheit reden die allerhöchsten Männer vom Glauben ans Vaterland, wenn wir den Glauben an Gott meinen und reden vom Glauben an den Führer, wenn wir den Glauben an Jesus Christus meinen. Wie soll das enden?

… Erschreckend ist die Ignoranz vieler Emporkömmlinge gegenüber der Geisteskultur. Geist gilt nichts, Blut und Boden alles. Unter Blut verstehen sie die deutsche Abstammung und Reinhaltung der Rasse, unter Boden den Landbesitz des Reiches und die Liebe zur Heimat. Aber Geist gilt nichts. Ihr Geist heißt Fanatismus und Brutalität, auf gut deutsch: Dummheit und Rohheit!

… Wir wollen in Geduld und Widerstand verharren, bis dieser Höllenrausch verraucht sein wird in 10 Jahren. Drei sind schon herum.

Sonntag, 5. Juni 1936
Heut ist Kirchenchor-Tag in Ansbach. Die mittelfränkischen Kirchenchöre sind versammelt und singen feste drauf los, daß es eine wahre Freude ist. Wenn die braungelben Affen soviel Vernunft im Kopf hätten, daß sie die Texte unserer Lieder lesen könnten oder lesen würden, dann müßten sie mit den Zähnen knirschen. Aber so, wenn sie die Chöre singen hören, werden sie bloß sagen: Das Horst-Wessel-Lied ist doch viel schöner. De gustibus non est disputandum.

Dienstag, 1. September 1936
Der erbitterte Kampf der unentwegten Narren gegen die Kirche ist nur eine Teilerscheinung. Auf anderen Gebieten ist es ebenso:

1. In der Schule soll nicht mehr der Verstand allein ausgebildet werden, sondern auch das Gemüt. Das bedeutet einen Freibrief für allen Blödsinn, der mit den Kindern getrieben werden darf.

2. Der NS betrachtet die Geschichte seines Volkes mit besonderen Augen: Da wird Karl der Große klein und Widukind der Kleine wird groß. Es sind tagblinde Augen, die nicht nach der Wirklichkeit fragen, sondern nach einer verrückten Idee wittern.

3. Die Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft gelten nichts, weil sie ihre Wurzeln im verhaßten Jahrhundert des Liberalismus hatten. Also huldigt man der Kurpfuscherei. Wenn das Mastodon von Nürnberg sich z. B. für einen verrückten Lehmapostel oder einen Dreckprophet begeistert, dann gelten deren Methoden mehr als die Schulmedizin und Onkel Julius hält den Erlanger Professoren einen medizinischen Vortrag, den sie anerkennen müssen, wenn sie nicht aus ihren Stellen fliegen wollen. Eine Kuh spielt auf der Harfe und niemand darf lachen.

4. Der Staat wacht über die Rechtsprechung, die Partei wacht über den Staat. Also ist das Recht eine parteiliche Sache, es wird parteiisch gerichtet. Das ist das Furchtbarste, was unsere Zeit bietet, das ist Bolschewismus. Dafür komme ich nach Dachau, daß ich so etwas schreibe. Und Deutschland kommt ins Gericht, weil es sich so etwas gefallen läßt. Treu und Glauben sind beim Teufel. Jeder mißtraut dem anderen, weil er nicht weiß, ob er von ihm verraten wird.

Dienstag, 13. April 1937
… Vor dem Schulgottesdienst, etwa um halb neun Uhr, kam ein Polizeibeamter und lud mich zu einer Vernehmung auf die Station. Ich versprach, um 10 Uhr zu kommen. Es lag die Anzeige eines Blockwartes der NSDAP gegen mich vor über Aussagen, die ich in der Schule zu Buchschwabach und in der Bibelstunde zu Raitersaich gemacht hätte. Ein Teil war richtig, ein Teil dazuerfunden, das meiste war falsch verstanden. Ich habe am 2. März im Konfirmandenunterricht und in der Bibelstunde die unsinnige Lehre der Deutschen Christen besprochen, die behauptet, seit 2000 Jahren sei Jesus der Heiland der Welt gewesen, seit 1933 aber sei es Adolf Hitler. Im Anschluß daran hätte ich gesagt, wer das glaube, bekomme das goldene Parteiabzeichen. Ich hätte dann einen Schüler gefragt, ob er dieses goldene Parteiabzeichen noch wolle. Dies letztere ist frei erfunden. Ich machte meine Aussagen und sie wurden sorgfältig notiert. Die Vernehmung dauerte eine Stunde. Dazwischen war es herzlich langweilig. Außerdem hatte ich einen Bärenhunger.

Dienstag 4. Mai 1937
… Heute überbrachte mir der Gendarmeriewachtmeister eine „ernstliche Verwarnung“ von der Gestapo München wegen meiner staatsgefährlichen Äußerungen am 2. März huius anni. Eine ernstliche Verwarnung soll heißen, daß es keine scherzhafte ist; das glaube ich wohl. Wer es mit der geheimen Staatspolizei zu tun bekommt, darf froh sein, wenn es bei einer Verwarnung bleibt. Ich machte mich auf Schlimmeres gefaßt.

Samstag, 22.5.1937
Wenn es etwas Großes wäre um die Sache, die wir seit einigen Jahren erleben, dann müßte sie längst große Männer begeistert haben zu künstlerischer Darstellung in Dichtung, Malerei und Musik. Es ist aber nicht viel davon zu spüren: Ein erbärmlicher Gassenhauer als allerheiligste Musik zu einem mittelmäßigen Gedicht, einige gottlose Lieder und ein paar überspannte Gedichte, die an heilige Dinge rühren, wie der Köter es macht, wenn er die Wand berieselt. Malereien sieht man viele, aber nichts Überragendes, nur Häuser werden massig gebaut zur höheren Ehre einer Partei, die längst keine mehr ist. Der Selbstruhm hat sich hier mit dem Wahnsinn, dem Größenwahn vereinigt.

Sonntag, 12. Dezember 1937
Es ist einem Christenmenschen heute mehr als sonst Bedürfnis, das Wort Gottes lauter und rein zu hören, weil es heute mehr als sonst mißbraucht, gelästert und verhöhnt wird. So hat z. B. der Tyrann von Noris in einer öffentlichen Rede zu Hagen vor 15000 Hallbaffen gesagt: Welch herrlichere Gottesoffenbarung gibt es denn, als den Wiederaufstieg des deutschen Volkes? Außerdem sagte er, an Weihnachten sollen wir uns über die Geburt Adolf Hitlers freuen. Diese Äußerungen erregten tosenden Beifall.

Freitag, 3. November 1939
… Ein „verhinderter Dichter“ zu sein ist ein beschämendes Los. Aber es ist zum Glück nicht mein einziges Los, sonst wäre ich ja dauernd unglücklich und wahrscheinlich auch unausstehlich. Ich bin ein glücklicher Familienvater, glücklich durch mein treues Weib und durch ein Häuflein fröhlicher Kinder. Ich bin Pfarrer, der immer wieder das Größte predigen und lehren darf, was es gibt, und ich bin ein Deutscher, der mit seinem Volk lebt und empfindet. Das Beste daran ist, daß mich Gott bewahrt hat, ein Narr zu werden. Was wird Gott tun, damit die Narretei aus unserem Volk verschwindet? Er wird vor allem erst eine ganze Generation absterben lassen, die nächste wird wieder nüchtern sein.