Alfred Steinheimer

„Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben …“

Es ist schon eigentümlich, dass das Schicksal manche Menschen zusammentreffen läßt, die besser meilenweit getrennt voneinander gelebt ein weniger aufregenderes Dasein geführt hätten.

Ein Beispiel dafür ist die Amtszeit des Roßtaler Pfarrers Ernst Georg Schülin (1697–1731), der, sehr selbstbewußt und eher ein „Pfarrherr“ denn ein sanftmütiger Seelsorger war, aber das Pech hatte, dass er auf den herrschsüchtigen Richter Johann Gottfried Rötter 70 (1711–1737), den Vertreter der markgräflichen Obrigkeit hier am Ort, traf und über 20 Jahre seiner Amtszeit mit ihm auskommen musste.

Im Alltag der „kleinen Leute“ dazumal beschäftigten sich die Behörden mit Streitfällen nur dann, wenn jemand an Hab und Gut oder körperlich einen Schaden erlitt. Da dies offenbar nicht häufig der Fall war, spielten sich aktenfüllende „Sticheleien“ zwischen den Amtsträgern ab, hier zwischen dem Richter und dem Pfarrer. Ihre wechselnden Schreiben, in der weitschweifenden Kanzleisprache der Zeit abgefaßt, ähneln einem Kampf mit spitzen Florett ausgetragen.

Man wahrte die Form, versicherte sich der gegenseitigen Hochachtung, führte in der Anrede alle Titel auf, aber, bei allen Äußerlichkeiten, war der Inhalt besonders der richterlichen Schreiben an den Pfarrer nicht selten unsachlichlich, anzüglich, ja boshaft und herabsetzend.

Das Jahr 1716 war offenbar ein Höhepunkt in den permanenten Reibereien dieser beiden Amtsträger, wobei der Richter schon bei vermeintlichen Anlässen glaubte, einen Grund für ein Einschreiten zu sehen.

So am 22. August 1716, als sich Johann Gottfried Rötter beim Oberamt in Cadolzburg, dem der „Hochfürstliche Geheime Rath und Hofmarschall Johann Friedrich von Eyb auf Vestenberg“ vorstand, beschwerte und dem Pfarrer eine Reihe von Amtsverfehlungen unterstellte.

Die Klageschrift71, begann damit, dass Pfarrer Schülin am Sonntag „Handelsschaft“ getrieben hätte, dass „… schon unter der Kinderlehr am Sonntag eine Chaise bereitgestanden habe, um den Pfarrer zu einem Gastmahl in die Neuseser Mühl zu holen“. Noch gravierender waren die Anschuldigungen, der Pfarrer verzögere den Beginn der Sonntagspredigt so, dass die Leute „… wegen des langen Aufwartens in die Wirtshäuser sitzen und mit Essen und Trinken sich dergestalt überladen, dass wann sie selber hernach in die Kirchen kommen, sie nicht mehr gescheit sind auf die Predigt zu merken, sondern bringen die Zeit hin mit schlafen“. Auch würde der Pfarrer die „Kinderlehr“ am Sonntag nachmittags so spät beginnen und enden, dass der Gemeindehirt nicht austreiben und das Vieh nicht weiden lassen könne.

Den Abschluß der Anklagen bildete der Vorwurf, dass der Pfarrer sowie sein Diakon Geyer ohne Grund und Not in bestimmten Häusern Kindstaufen vornehmen würden.

Das Oberamt in Cadolzburg leitete die Klageschrift umgehend an das „Consistorium“ in Ansbach weiter, das den Pfarrer mit einem „Befehl“ aufforderte, sich wegen „ der beschuldigten Entheyligung des Sonntags und schlechter Beobachtung der Brandenburger Kirchenordnung zu verantworten“.

Schülin, der auf alle erhaltenen Schreiben eine kurze Bemerkung anbrachte, versah diesen „Befehl“ mit dem Kommentar: „… wird vom Hochfürstl. Consistorio die ganz unbillig und auch unwahrhaftig eingesandte Klagschrift dieses frevelhaften Richters Rötter zur Beantwortung verlangt“.

Es würde zu weit führen, die Beantwortung aller Klagepunkte zu bringen, die der Pfarrer auf acht Seiten seinen Vorgesetzten in Ansbach vorlegte. Er konnte alle Vorhaltungen entkräften, oder verständliche Erklärungen dafür abgeben, wenngleich manche Antworten im „Hochfürstlichen Consistorio“ wohl mit einem Schmunzeln gelesen wurden. So zum Vorwurf der „Handelsschaft am Sonntag“, da konnte sich der Pfarrer nur daran erinnern, dass eine ehemalige Dienstmagd seiner Hausfrau, ohne sein Wissen, Zwetschgen gebracht habe „aber nach seiner Erinnerung sei das weder an einem Sonntag noch an einem Feiertag geschehen“.

Zur Klage über den späteren Beginn des Gottesdienstes schrieb er, dass er bei seinem Dienstantritt keine herrschaftlichen Verordnungen darüber gefunden hätte. Bezüglich des Beginns und das Ende der Kinderlehr gab er zu, dass sich dies nach der Anzahl der Zuhörer richtet und meint: „… dass dem unvernünftigen Vieh mehr Sorge zukommt, als die höchstbenötigte Seelenweide des gar bedürftigen Landvolk“.

Am 17. Oktober 1716 schickte er seine Rechtfertigung an das Consistorium nach Ansbach, das sich mit seinen Ausführungen zufrieden gab.

Der Pfarrer kam jedoch nicht zur Ruhe, weil es dem Richter einfiel, schon während der Beantwortung des Briefes an das Consistorium Schülin mit einem neuen Schreiben zu attackieren.

Er bezog sich in diesem Brief auf einen Satz in der Predigt, die der Geistliche am 13. September 1716 hielt.

Ernst Georg Schülin hielt an diesem Sonntag eine „Kirchenbußpredigt“ und wohl im Eifer um die ihm anvertrauten Gemeindemitglieder klagte er, dass in Roßtal Leute wären, „die in ihren vier Pfählen Eheverfehlungen begingen, wozu genügsame Indizien vorhanden seien“.

Ob er damit in seiner Predigt nur allgemein eine Ermahnung, ein Warnung oder Drohung aussprechen wollte oder ob es Fälle dieser Art wirklich gab, ist nicht bekannt. Der Richter glaubte jedenfalls einen Anlaß zu sehen hier tätig werden zu müssen und wollte vom Pfarrer „insgeheim wissen wo, er mit seiner Inquisition beginnen könne, die er ohne Ansehen der Person vornehmen wolle“.

Der Pfarrer, der den Winkelzügen des Richters gewachsen war, konnte auch diese, sicher von ihm selbst verschuldete Situation meistern, da keine weiteren Nachrichten oder Folgerungen wegen dieser Predigt bekannt sind.

Schließlich wurde der Pfarrer aber doch müde, wie das Konzept eines Schreibens von ihm zeigt, fortwährend „unnütze Streitschriften abzufertigen“ und er bat das Consistorium um Hilfe bei der „gnädigsten Herrschaft“.

Pfarrer Ernst Georg Schülin verstarb im Jahre 1731. Des Richters ständige Beschwerden, seine Streitigkeiten mit anderen markgräflichen Dienststellen, aber auch Fehlleistungen brachten ihm zuletzt selber Ungemach.

Im Jahre 1737 wurde er nach Cadolzburg versetzt, was, gemessen an seiner „Machtfülle“ in Roßtal, quasi einer Degradierung gleichkam.

Aber auch dort sorgte er für Aufsehen und Ärger72. Zum Leidwesen des Cadolzburger Pfarrers Walther ruhte er nicht eher, bis er die Einrichtung eines Hochgerichtes durchgesetzt hatte. Vor der Zeit des Richters Rötter wurde die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod für den Ort Cadolzburg in Langenzenn ausgeübt.

Am 29. Oktober 1739 war der Galgen errichtet und nach einer Ansprache der Richters „… haben die Leute tanzen müssen“.

„Wäre es nicht christlicher gewesen“ schrieb der Pfarrer „wenn man die Leute zu einem andächtigen Vaterunser aufgemuntert, dass sie Gott mit ihren Kindern und Kinds-Kinds vor diesem unseligen Ort bewahren wolle?“

Der Notiz in der Pfarrbeschreibung ist weiter zu entnehmen, dass der ob seiner harten Urteile gefürchtete Richter später selber eine Verfehlung beging, die zu seiner Verhaftung führte und er mit einer hohen Geldstrafe belegt wurde.

Richter Rötter verließ im Jahre 1746 mit seiner Familie das Fürstentum Ansbach, convertierte und ging in bambergische Dienste. Im Amte Lichtenfels war er als Kastner (Verwalter der Amtskasse) eingesetzt.

Eine Randnotiz, die Pfarrer Walther der Pfarrbeschreibung hinzufügte, endigt mit der Bitte: „… Gott erbarme sich dieses verhärteten Menschen und bekehr ihn … um Christi Willen“.

Anmerkungen:

70Adolf Rohn: Heimatbuch von Roßtal und Umgebung, 1928, S. 20
71Archiv der St. Laurentius Pfarrei, Roßtal, Akte Nr. 23
72Frank Präger: Das Hochgericht in Cadolzburg 1739–1816, erschienen in den Heimatblättern des Heimatvereins Cadolzburg 1991/1


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 60 ff.