Alfred Steinheimer

Warum läuten jetzt die Glocken?

Glocken gehören schon seit dem frühen Mittelalter zu einer Kirche und jeder weiß, dass vor dem Beginn von Gottesdiensten oder gottesdienstlichen Handlungen wie Eheschließungen, Taufen oder Beerdigungen die Glocken geläutet werden. Was weitgehend in Vergessenheit geraten ist, ist jedoch das Wissen um das Läuten zu bestimmten Tageszeiten.

Vorweg, die meisten der über den Tagesablauf verteilten „Läutezeiten“ haben von altersher und selbstverständlich auch noch heute den Sinn, bestimmte Zeiten des Gebetes anzukünden. Dabei wurden diese Glockenrufe nicht nur für die Klostergemeinschaften, sondern auch für die Bevölkerung zu Fixpunkten im Ablauf des Tagesgeschehens und, wie noch gezeigt, bestimmend für den Ablauf einer Arbeitswoche.

Die Betrachtung soll auf den Kernort Roßtal mit seinen beiden Pfarrkirchen beschränkt bleiben, weil hier im Tagesablauf vom Turm der evangelischen St.-Laurentius-Kirche wie auch von dem der katholischen Christkönigskirche, über den Tag verteilt, Glockenrufe manchmal zu unterschiedlichen Zeiten, manchmal gleichzeitig zu hören sind.

Grundsätzlich ist zu bemerken, dass die aus langer Geschichte übernommenen Läutezeiten auch nach der Reformation von den evangelischen Gemeinden in Franken beibehalten wurden.

Vom Turm der katholischen Christkönigskirche erschallen täglich um 6 Uhr, 12 Uhr und unterschiedlich im Sommer gegen 21 Uhr und zur Winterzeit gegen 17 Uhr die Glocken, die zum Gebet auffordern. Diese täglich dreimalige Aufforderung wird auch das „Angelus-Läuten“ oder das „Ave-Läuten“ genannt. Mit dem griechisch-lateinischen Wort „Angelus“ wird der Bote bezeichnet, der Erzengel Gabriel, dessen Botschaftsworte an Maria Bestandteil des zum Glockenzeichen sprechenden Gebetes sind.

Die Geschichte dieses Glockenzeichens geht weit zurück und ertönte bis zum 13. Jahrhundert erst bei Anbruch der Nacht. Erst nach diesem Zeitpunkt wurde auch der Tagesbeginn damit eingeläutet und unter dem Papst Kalixt III. kam das Mittagsläuten dazu, das die Christenheit zum Gebet gegen die vordringenden Osmanen aufforderte.

Weitere „Läutezeiten“ vom Turm der Christkönigskirche sind an den Freitagen um 11 Uhr, wobei an das Leiden Christi erinnert werden soll und am Samstag um 15 Uhr, das „Einläuten“ des Sonntags.

Nun zu den Läutezeiten der evangelischen Kirche St. Laurentius. Auch hier wird zur frühen Morgenstunde, nämlich bereits um 5:15 Uhr mit dem Gebetläuten, das gleichzeitig die Bedeutung eines „Weckläutens“ hat, der Tag begonnen. Darauf folgt um 11 Uhr das Läuten, das täglich an die Kreuzigung Christi erinnern soll, das aber auch in der Vergangenheit für die auf dem Felde arbeitenden Bauern ein Zeichen war, nach Hause zur Mittagspause zurückzukehren.

Das 12-Uhr-Läuten hat die gleiche Bedeutung wie auf katholischer Seite. Es wurde im Jahre 1683, als die Türken vor Wien standen und das ganze Abendland bedrohten, vom Kaiser angeordnet. Sobald die Glocken um die Mittagsstunde zu hören waren, sollte um Hilfe und Frieden aus dieser Gefahr gebetet werden.

Das Abendläuten ist im Sommer um 20 Uhr und im Winter um 17 Uhr. An allen Freitagen um 11 Uhr wird mit allen Glocken der Kreuzigung Christi gedacht. Das „Einläuten“ des Sonntags geschieht am Samstag um 14 Uhr und vor den Feiertagen wird am Vortag ebenfalls um 14 Uhr mit allen Glocken daran erinnert.

Im Dunkel der Geschichte bleibt eine Anordnung des Glockenläutens um 19 Uhr, zehn Minuten lang in der Zeit von Michaelis, also vom 29. September an bis zu Fastnacht.

Einer Sage nach sollen zwei, anderen Quellen zufolge drei Edelfräuleins beim Spazierengehen sich im Buttendorfer Wald verirrt haben. Der Klang der Roßtaler Gebetsglocke führte sie wieder auf den rechten Weg zurück und aus Dankbarkeit stifteten sie das „Siebenuhrläuten“ im genannten Zeitraum.

Eine Kuriosität ist das Läuten an den Samstagabenden um 21 Uhr. Es war der Pfarrer Ernst Georg Schülin (1698–1731) der anordnete, dass an den Vorabenden der Sonn- und Feiertage um 21 Uhr die „Betglocke“ zu läuten sei, damit; „… dass die Leute erinnert und die in der Zech (im Wirtshaus) Sitzenden veranlasst werden, sich nach Hause und in die Stille zu begeben“.

Pfarrer Johann Friedrich Grün (1903–1920) schrieb im Jahre 1914 darüber: „Der beabsichtigte Erfolg ist aber im Allgemeinen damals wie heute ausgeblieben“. Daran wird sich auch nichts geändert haben.

Mit dieser kurzen Ausführung sollte dargestellt werden, dass die verschiedenen Läutezeiten am Tag mehr bedeuten, als die Einteilung der Tagesarbeitsstunden, für die für viele heute andere Maßstäbe gelten.

Literatur:

Evang.-Sonntagsblatt vom 3. Mai 1970, Herders-Konversationslexikon von 1902

Quelle:

Archiv der Evang.-Luth. Pfarrei St. Laurentius, Akte Nr. 96


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 74 ff.