Alfred Steinheimer

Der Schemel auf der Kanzel

Wer in Museen Ritterrüstungen betrachtet oder Kleidungsstücke aus vergangenen Jahrhunderten, kann unschwer feststellen, dass unsere Vorfahren ein beträchtliches Maß kleiner waren als der Durchschnitt der Menschen heute. Diese Veränderung der Körpermaße geht weiter, und wir haben uns schon längst daran gewöhnt, dass nicht selten die Enkel ihre Großeltern um Haupteslänge überragen.

Es klingt zwar kaum glaubhaft, aber wegen der geringen Körpergröße eines auf der zweiten Roßtaler Pfarrstelle eingesetzten Geistlichen gab es ein Problem, das der erste Pfarrer glaubte, nur mit Hilfe des zuständigen Dekans in Langenzenn lösen zu können. Dies geschah im Jahre 1791, als Kaplan Siegmund Christian Stieber73, in Roßtal von 1791–1795, die zweite Pfarrstelle übernahm.

Wir kennen seine Körpermaße leider nicht, aber er wird als klein bezeichnet und konnte, so ist es einem Schreiben zu entnehmen, auf der Kanzel hinten stehend, nicht von allen Kirchenbesuchern bei der Predigt gesehen werden. Sein Vorgesetzter, der Pfarrer auf der ersten Pfarrstelle, war Johann Jakob Klett74, der in Roßtal von 1784 bis zu seinem Tode 1793 wirkte.

Es ist nicht bekannt ob die Kirchenbesucher Klage führten und es deswegen zu einer Aussprache zwischen den beiden Geistlichen kam, oder ob der Mesner nicht willig war, für eine Abhilfe zu sorgen, jedenfalls, so lächerlich es auch klingen mag, Pfarrer Klett trug dem Dekan Johann Gottfried Eisen75 in Langenzenn diese Angelegenheit vor und bat um eine Lösung.

Es ist nur das Antwortschreiben des Dekans im Archiv76 vorhanden, das „aufreizend“ höflich, kurz und unmißverständlich die Meinung des Dekans wiedergibt.

„Hochehrwürdiger und Hochgelahrter, insbesonders hochgeehrtester Herr Senior,“

Die Kanzel in Roßstall ist tief und der Herr Kaplan ist klein. Nothwendigerweiß muß er einen Tritt auf derselben haben. Wer soll ihn besorgen? Nicht der Kaplan. Es ist nicht Sitte, daß ein Geistlicher seine eigene Bedienung besorgt. Der, der in der Kirch die übrige Bedienung hat, der muß auch dieses thun. Nicht ich, Euer Hochehrwürden müßen es wissen, wie die Verfaßung in Roßstall ist, wer die eigentliche Bedienung in der Kirch hat.

Euer Hochehrwürden werden also die Gütigkeit haben, dem, der die übrige Bedienung bei den gottesdienstlichen Verrichtungen hat, es sey der Kantor oder der Meßner, ganz kärglich, weil es eine Sache von Geringfügigkeit ist, zu befehlen, den Tritt mit Hin- und Wegthun zu besorgen.

Ich verharr mit größter Hochachtung
Langenzenn 6. Oct. 1791

Euer Hochehrwürden
Gehorsamer Diener Johann Gottfried Eisen

Damit wurde dieser „schwierige Fall“ geklärt und vor allen Predigten des Kaplans wird der Mesner einen Schemel oder „Tritt“, wie es der Dekan nannte, auf die Kanzel gebracht und wieder entfernt haben.

Die recht spöttische Zurechtweisung des damals schon 65 Jahre zählenden und den Titel „Senior“ tragenden Pfarres Klett, mag allerdings auch noch eine andere Ursache gehabt haben, wie nachstehend aufgezeigt77 wird.

Sechs Jahre vor dieser Anfrage beim Dekan, wurde am 14. März 1784 Pfarrer Klett vom Erstgenannten in sein Amt in Roßtal eingeführt.

Nach der kirchlichen Feier gab es, wie es der Brauch war, ein Essen und damit begann das gespannte Verhältnis zwischen den beiden.

Der Pfarrer sollte dem Dekan für die Installation eine Gebühr von vier Gulden entrichten, zog diesem aber für die Teilnahme am Festessen einen Betrag von einem Taler78 ab, was immerhin einer Summe von 1 ½ Gulden entsprach.

Ob es schon während der Feier eine Auseinandersetzung gab, ist nicht bekannt, wohl aber, dass Dekan Eisen dem Consistorium in Ansbach über die eigenmächtige Kürzung seiner Gebühren berichtete und den Pfarrer Klett als „… einen impertinent groben Menschen“ bezeichnete.

Es mag sein, dass zu dieser, sicher nur mit Geiz und Taktlosigkeit zu bezeichnenden Haltung des Roßtaler Pfarrers, noch andere gravierende Dinge während der Festlichkeit dazukamen, die den Dekan voller Zorn zu dieser Bemerkung hinreißen ließen.

Aber des Dekans Lebensweg zeigt, dass er selber weit davon entfernt war vom Bild eines braven, biederen Landpfarrers und eines „sanftmütigen Hirtens“.

Dekan Johann Gottfried Eisen stand in den Jahren 1757–1764 als Feldprediger bei den Ansbacher Dragonern im Dienst und der tägliche Umgang mit den meist nur durch die harte Disziplin und entsprechende Strafen „bei der Fahne zu haltenden“ Soldaten wird auch ihn geprägt haben.

Aus seiner Amtszeit in Langenzenn ist bekannt79, dass er, wenig friedlich, den Vogt dort eines Amtsvergehen beschuldigte, diesen verklagte und „… weil er bei der Klage nicht das richtige Maß eingehalten habe“ 100 Gulden Strafe bezahlen mußte.

So ist wohl anzunehmen, dass bei der beschriebenen Auseinandersetzung zwischen den beiden das geschehen ist, was der Volksmund so treffend formuliert, nämlich, dass „auf einen groben Klotz, ein grober Keil“ traf?

Anmerkungen:

73Matthias Simon: Ansbachisches Pfarrerbuch 1956 S. 489
74ebenda S. 247
75ebenda S. 99
76Archiv der Evang.-Luth. St.-Laurentius-Pfarrei Roßtal, Akte Nr. 270
77Archiv wie unter 1. Akte Nr. 96
78Fritz Verdenhalven: Alte Maße, Münzen und Gewichte aus dem deutschen Sprachraum
79Stadtpfarrer Einfalt: Die Geschichte der Stadt, des Klosters und der Pfarrei Langenzenn, Ansbach, 1910, S. 77


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 70 ff.