Alfred Steinheimer

„… dem geistlichen Stand unziemliche Kleidertracht“

Der Zeitgeschmack geht oft eigenartige Wege und am auffälligsten wird uns dies in der jeweiligen Kleidermode aufgezeigt. Auswüchse gab es da schon immer und die Reichsstadt Nürnberg erließ deshalb im 15. und 16. Jahrhundert einschränkende Kleiderordnungen. Diese allerdings nicht allein um die übertriebene Zurschaustellung des Wohlstandes durch kostbare Stoffe und Pelze zu unterbinden, sondern weitmehr deshalb, um Standesunterschiede auch nach außen sichtbar zu machen. Alle Bürgerinnen und Bürger sollten nur die ihrem Stand zukommende und angemessene Kleidung tragen, Verstöße wurden bestraft.

Aber was sind schon Erlasse und Anordnungen wert, wenn es um die Eitelkeit und Selbstdarstellung geht, nicht von ungefähr entstand das Sprichwort: „Kleider machen Leute“.

So kam es besonders im 17. und 18. Jahrhundert, beeinflusst durch höfische „Vorbilder“ in Frankreich, auch bei den gehobenen Ständen der vielen kleinen deutschen Fürstentümer zur Nachahmung modischer Überspanntheiten in der Kleider- und Haartracht.

Wie aus dem nachstehenden Erlaß ersichtlich, gab es offenbar auch Pfarrer die diesen Torheiten verfallen waren.

Am 22. Juli 1738 schreibt das hochfürstliche Consistorium in Ansbach an alle Dekanate der Markgrafschaft:

„Nachdem man bey dem hochfürstl. Consistorio in mißliebiger Erfahrung gebracht hat, dass theils derer der Pfarrer nicht nur vor ihrer Person zumal bei vornehmenden Spaziergängen, Fahrten oder Ritten einer dem geistlichen Stand unziemlichen Kleidertracht und Farbe bei den sogenannten Surtout und anderen Röcken, wie auch mit Tragung der Zopfperüquen sich bedienen, sondern auch statt sonster herkömmlich gewesener Bauernknechte Bediente in ordentlicher Livree halten und große Hunde mit sich in die Kirche (!) laufen lassen. Ein solches aber hohen Ortes mißfällig und insgeheim viel Tadel und Kritiken, auch Vorwurf von geistlichem Hochmuth und reichem Einkommen erwecket,daraus auch andere Folgen entstehen“

Das Schreiben fährt fort, dass die Betreffenden ihr, den Anderen zum Gespött und Gelächter Anlaß gebendes Bezeigen einstellen und sich in einer ihrem Gut und Stand angemessenen Kleidung und eines entsprechenden Lebenswandels zu bestreben haben.

Über die „Betreffenden“ schwieg sich das Consistorium aus. Auch der damalige Pfarrer Abraham Heinrich Lips (1735–1747), der eine ausführliche Beschreibung aller gottesdienstlicher Abläufe seiner Zeit verfaßte, hat, als er die Verfügung in sein Diarium, sein Tagebuch, abschrieb, keinen Kommentar oder eine Notiz dazu angebracht.

Es darf wohl begründet angenommen werden, dass kein Roßtaler Pfarrer mit diesem Schreiben zur Ordnung gerufen werden musste.

Roßtal war der Sitz eines markgräflichen Richters und über Verfehlungen der aufgezeigten Art, wäre die fürstliche Hofkanzlei oder das Consistorium sehr bald unterrichtet worden. Überdies zählten zum Pfarrsprengel Roßtal eine Reihe adeliger Grundherren, die zum Teil argwöhnisch in ihren eigenen Reihen ihre Standesunterschiede betonten und die einen Pfarrer in einer „herrschaftlichen Selbstdarstellung“ kaum toleriert hätten. Für sie war der Pfarrer zwar eine geachtete Person, aber gesellschaftlich nicht ebenbürtig.

(Anmerkung:
Das im Schreiben des Consistoriums erwähnte Kleidungsstück „Surtout“ war ein im 18. Jahrhundert getragener mantelartiger Überrock mit mehreren übereinanderhängenden Schulterkragen.)

Quellen:

Archiv St. Laurentius, Roßtal Akte Nr. 271 und 276


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 67