Maximilian Gaul

Martinimarkt in Roßtal

Jahrhunderte lange Markttradition ist eng mit Roßtals Geschichte verbunden

Im Jahre 1974 wurde der alte Herbstmarkt in Roßtal wiederbelebt und mit einer zeitgemäßen Konzeption ausgestattet. Als Martinimarkt erhielt er ein neues Gesicht. Dieser weit in Franken bekannte Martinimarkt ist aber bedeutend älter. Er ist unser letzter übrig gebliebene Markt aus den Marktrechten des Mittelalters. Am 22. April 1328 erhielt Roßtal in Rom durch den im Januar 1328 neugekrönten Kaiser Ludwig dem Bayern auf Bitte des damaligen Ortsherren, Burggraf Friedrich zu Nürnberg, Stadt- und Marktrechte verliehen. Roßtal war damit bereits im ausgehenden Mittelalter mit Stadtrechten ausgestattet. Das in den Stadtrechten beinhaltete Recht, Märkte abzuhalten, besitzt Roßtal nun seit dem Jahr 1328 ununterbrochen. Im Jahre 1821 hat Roßtal dieses Stadtrecht mit 100 zu 1 Stimmen zurückgegeben und sich als Landgemeinde zurückstufen lassen. Aber die Marktrechte sind Roßtal trotz der selbst beantragten Rückstufung zur „Ruralgemeinde“ verblieben.

Durch die Gemeindegebietsreform im Jahre 1978, als Roßtal noch am 22.April des Jahres 1978 das 650. Jubiläum als „Marktgemeinde“ feiern konnte, hörte diese Einheitsgemeinde in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1978 auf zu existieren. Das gesamte Ortsrecht erlosch. Das gleiche passierte den Gemeinden Großweismannsdorf, Buchschwabach, Weitersdorf und Weinzierlein. Am 1. Mai 1978 entstand die neue Gemeinde mit dem gemeinsam bestimmten Ortsnamen Roßtal mit nunmehr 17 Orten. Diese neu geschaffene Gemeinde erhob der Bayerische Innenminister wiederum zum „Markt“. Das ist also neu ab dem 1. Mai 1978: Der traditionsreiche Ort Roßtal und die umliegenden 16 Dörfer, Weiler und Mühlen bilden nun als Kleinzentrum, mit der Option auf ein Unterzentrum, zusammen die neue Marktgemeinde, also den neuen Markt Roßtal.

Der Roßtaler Martinimarkt ist ein Besuchermagnet

Roßtal ist also aus der Reihe der Gemeinden mit dem Titel „Markt“ herausgehoben. Darauf sind wir Roßtaler heute stolz. Genauso stolz sind wir auf den Martinimarkt, der nunmehr auf eine 675-jährige Tradition zurückgeht. Und das Ambiente dieses Marktes ist schon etwas Besonderes. Die kleine Budenstadt auf dem Marktplatz und vor dem Museumshof hat ein besonderes Flair. Hierzu tragen die treuen Fieranten des Roßtaler Martinimarktes bei, die schon von ihren ebenso treuen Kunden erwartet werden. Aber auch unsere Ortsvereine beteiligen sich mit ihren Buden und Verkaufsangeboten. Natürlich darf der Stand für die »Roßtaler Martinerli« nicht fehlen, denn sie sind das Hauptgebäck des Martinimarktes in Roßtal. Essen und Trinken haben sowieso Saison am Martinsfest.

Die Kulisse aber, die sich dem Besucher bietet, wurde einmal mit Recht als „eines der schönsten fränkischen Ortsbilder“ geschildert. Die Möglichkeiten, die sich uns durch die Städtebauförderung für unsere Altortsanierung seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bieten, nutzen wir seither regelmäßig.

Unser Museumshof ist ein besonderes Schmuckstück und präsentiert sich meist mit einer eigenen Ausstellung. Von ihm aus ist man schnell hinüber gewechselt zur Gewerbeschau in der Grundschule. Sie bildet das heimische Standbein einer gelungenen Marktkonzeption des Jahres 1974. Denn die Gewerbeschau beweist, dass man in Roßtal nicht nur gut wohnen und leben, sondern auch hervorragende Qualität kaufen und Handwerker wie Dienstleistungen bekommen kann. Hier zeigt der Gewerbeverband unter seiner rührigen Vorstandschaft, was Gewerbetreibende und Selbständige zur Lebensqualität in Roßtal beitragen können und wollen.

Die Neukonzeption hat sich bewährt

Dabei sah es im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts fast so aus, als wäre die Markttradition endgültig zu Ende. Selbstbedienungsläden wurden eröffnet, Supermärkte verdrängten den „Tante Emma-Laden“, in dem man noch bedient wurde und sich nicht die Ware nahm, sondern die Frage stellte „Haben Sie…?“ Große Kaufhäuser boten das ganze Jahr über einen Einkaufsmarkt, so dass Märkte in der herkömmlichen Form, wie unseren Oster- und Herbstmarkt, überflüssig erschienen. Die Besucher blieben weg. In den 70er Jahren kam es zu einer Nostalgiewelle, in der man sich wieder der alten Bräuche und Traditionen erinnerte. Es ist dem damaligen Marktrat Hans Schrodberger zu verdanken, dass es zu einer Neugestaltung und Wiederbelebung unseres Herbstmarktes kam. Valentin Fürstenhöfer, der damalige Kreisheimatpfleger, hat dann ein Grundkonzept des neuen Martinimarktes erarbeitet. Am 30. Juli 1974 traf sich die Kommission zur Vorbereitung des Martinimarktes unter Bürgermeister Christian Wackersreuther. Ihr gehörten aus dem Marktgemeinderat Georg Schütze, Hans Schrodberger und Roland Winkler, vom Gewerbeverband Reinhold Bogisch, vom Obst- und Gartenbauverein Theo Deindörfer und vom Geflügel- und Kleintierzuchtverein Werner Krause an. Die Niederschrift führte Heinz Raab.

Im Mittelpunkt des Martinimarktes steht seither wieder das alte Brauchtum. Im protestantisch geprägten Roßtal besuchte am 11. November der »Pulzermärtel« die Kinder, wie in vielen Gegenden Mittelfrankens. Diese romantische Perchtgestalt kommt aus dem Wald und hat nichts gemein mit dem aus den USA importierten Weihnachtsmann, dessen Aussehen durch Coca-Cola weltweit vereinheitlicht ist, und den man leider nun oft auch als »Pelzmärtel« bei uns in Franken antrifft. Einen Monat später geht der selbe Weihnachtsmann als Nikolaus durch. Mit Weihnachten hat weder der Pulzermärtel noch der Martinimarkt etwas zu tun. Dieser Martinimarkt ist auch kein Vorweihnachtsmarkt, sondern ein echter Herbstmarkt. In alter Zeit war der Martinstag ein Lostag. An diesen Tag ging auch das bäuerliche Jahr zu Ende. Mägde und Knechte wechselten den Dienstherrn. Sie erhielten ihren Lohn und kleideten sich auf dem Markt ein. Alles, was Keller und Küche zu bieten hatte, wurde auch aufgeboten. Vor allem der neue Wein wurde nun genossen, ein Schwein geschlachtet und die Martinsgans verzehrt. Vor dem Martinsfest, wie vor allen großen Kirchenfesten, wurde in alter Zeit gefastet. Damals wussten die Menschen den Jahreslauf zu strukturieren, Fest wurden noch gefeiert, wie sie fallen. Nichts wurde vorweggenommen. Diese Tradition ist heute verschwunden. Das Fasten als christlicher Verzicht vor einem großen Fest wird allenfalls von wenigen Christen noch für die Zeit vor Ostern beachtet. Es macht gerade den Reiz des Martinimarktes aus, dass dieser in seiner Gesamtkonzeption wenigstens wieder an alte Traditionen erinnert.

Das Grundkonzept von damals gilt nun schon 30 Jahre. So hält man in Roßtal vor allem strikt am Verkaufscharakter des Marktes fest. So sehr man auch die Beteiligung der Vereine und Organisationen schätzt und wünscht, sie treten mit ihren Verkaufsangeboten in Konkurrenz zu den Fieranten, die vom Marktgeschehen leben müssen. Ein echter Markt lebt aber auch von treuen professionellen Marktbeschickern. Aus diesem Grunde kann die Verwaltung auch nicht die Vereine bevorzugen, auch dann nicht, wenn Teile des Erlöses einem sozialen Zweck zugeführt werden, wie dies schon lange bei einer Reihe von beteiligten Organisationen der Fall ist.

Elemente des Martinimarktkonzepts seit 1974

Valentin Fürstenhöfers Vorschläge fielen damals in Roßtal bei Bürgermeister Wackersreuther und seinen Marktgemeinderäten auf fruchtbaren Boden. Was sind nun die wichtigsten Elemente, die bis heute den Martinimarkt Roßtal prägen?

1. Kleine Kunstausstellung einheimischer Künstler im Rathaus

Der Sitzungssaal wird hier zu einer Verkaufsausstellung von Bildern. Obwohl viele Bilderausstellungen im neuen Rathaus das Jahr über stattfinden, die Verkaufsschau der Hobbymaler im Sitzungssaal gehört bis heute zum Rahmenprogramm.

2. Eine Gewerbeschau

Die Gewerbeschau »Handwerk, Handel und Gewerbe« war anfangs in der Turnhalle der Grundschule, inzwischen findet man sie aber auch im Pausenhof und an der Spitzweed-Scheune sowie Aula und Mehrzweckräume der Grundschule. Diese Gewerbeschau erfreut sich bei Ausstellern wie bei den Tausenden Besuchern bester Beliebtheit.

3. Gemütliches Beisammensein in den Wirtschaften.

Die Tradition des Martinsgansessens wurde vor allem vom »Kapellenhof« aufgegriffen, wird heute aber auch in mehreren Wirtschaften gepflegt.

4. Buden und Budenbeschaffung

Von Beginn an setzte man hier auf die Eigeninitiative der Gewerbetreibenden und der Vereine. Eine gemeinsame Budenbeschaffung mit einheitlichen Buden wurde allerdings angedacht, kam aber nie zur Verwirklichung.

5. Konzert

Das Konzert am Martinimarktsamstag findet entweder als Kirchenkonzert oder als „Bunter Abend“ statt. Dieses musikalische Element ist seit Jahren ein Höhepunkt im Kulturkalender des Marktes Roßtal.

6. Standkonzert am Martinimarktsonntag

Damals gab es noch keinen Musikzug und so schlug man 1974 vor, dass der Männergesangverein und die Kapelle Bauer ein Standkonzert geben. Inzwischen spielt regelmäßig der im Jahre 1979 gegründete Musikzug. Gründungskapellmeister war Georg Bauer.

7. Auswahl der Musikstücke

Die Musikstücke bei den Standkonzerten sollten zeitenstprechend, aber nicht weihnachtlich sein.

8. Illuminieren der Häuserfenster

Die herrliche Kulisse des Marktplatzes wird durch die Illumination in den Fenstern der Gebäude rund um den Marktplatz romantisch betont. Lichter und Laternen gehören zum Martinsfest und zu den Bräuchen an diesem Tag.

9. Pelzmärtel (Pulzermärtel)

Der Vorschlag von Valentin Fürstenhöfer, dass der Pelzmärtel mit einem Ponygespann am Marktplatz vorfährt, wurde verwirklicht. Seit vielen Jahren kommt das Ponygespann vom Reiterhof in Raitersaich. Damals dachte man, dass am Samstagabend der Pelzmärteleinzug unter Mitwirkung der Kindergärtnerinnen stattfinden soll. Inzwischen finden die Laternenzüge der Kindergärten entweder bereits am Donnerstag und Freitag vor dem Martinimarkt statt oder am Martinstag selbst. Stattdessen erlebt man am Martinimarktsamstag inzwischen den Lampionumzug der Grundschule, Martinslieder und das Martinsspiel. Die hochdeutsche Namensform „Pelzmärtel“ wurde inzwischen durch die alte umgangssprachliche Namensform „Pulzermärtel“ weitgehend ersetzt, auch weil dieser Name „Pulzer“ lautmalerisch an die Perchtgestalt erinnert. Der „echte“ Pulzermärtel kommt auch heute noch am Sonntagnachmittag um 14.00 Uhr auf den Roßtaler Marktplatz und beschenkt die Kinder mit den schmackhaften »Martinerli«.

Den ersten Prolog des Pulzermärtels aus dem Jahre 1974 hat Hans Hemmeter erstellt. Er wurde vom „Roßtaler Pulzermärtel“ Erwin Hemmeter vorgetragen. Dieser Prolog hatte noch sehr viel Lokal- und Zeitkolorit. Ein paar Beispiele mögen dies belegen: „Dou druntn af dem Heinleinplatz, mei Pony hat dou gmacht an Satz, hat dann die Kurvn grod nu gschafft...wos habt ihr denn blous dou zamgmacht.“ Hier wurde der als „Banane“ heiß diskutierte Verkehrsteiler auf die Schippe genommen. Ein anderes Beispiel aus dem Gedicht setzt sich mit der neuen Hauptschule, Dreifachturnhalle und damals geplanten und umstrittenen Hallenbad auseinander: „Ihr baut ja lustig, froh und heiter, Schollheiser, Tornhalln und so weiter. Sugor a Schwimmboad liechert Eich im Kroongn, su hört mehr überall scho sogn.“ Und natürlich macht sich der Autor des Prologs auch über die Finanzierung lustig, denn Geld war in Roßtal schon immer rar: „Wou nehmt denn Ihr des Gerschtla her? Ihr habt ganz gwieß an Geldscheißer! Martinimarkt nach altn Brauch, den fangt Ihr wieder an etz auch.“

Seit 1975 wird ein von Valentin Fürstenhöfer gedichteter Prolog vom Pulzermärtel deklamiert.

10. Gebäck

Auch hier kam der Vorschlag von Valentin Fürstenhöfer zum Zuge. Von den Roßtaler Bäckern erklärte sich nur Bäcker Heckel bereit, an der Entwicklung des Martinerla mitzuwirken. Er steckte sehr viel Energie in dieses Gebäck, das einen stilisierten St. Martin mit Mitra und Mantel darstellt. Nachdem die Bäckerei Heckel nicht mehr existiert und sich in Roßtal selbst kein Nachfolger für die Martinerli-Erzeugung fand, wird dieses Schmalzgebäck von der Bäckerei Held aus Dietenhofen hergestellt.

11. Werbung

Zunächst wurde nur an einen Werbeprospekt gedacht. Inzwischen erscheint eine stattliche Festschrift von bis zu hundert Seiten. Sie enthält Grußworte und Programm, viele Anzeigen der Aussteller und auch Interessantes rund um das Martinsfest.

Willkommen zum Martinimarkt

So lautet die Einladung durch den jeweiligen Bürgermeister in der Festschrift. Erster Bürgermeister Christian Wackersreuther (1972 bis 1976), unter dessen Regie der neu belebte Martinimarkt entstand, schreibt in seinem ersten Grußwort im Herbst 1974:„Seit alters hält der Markt Roßtal einen Oster- und einen Martinimarkt ab. Jahrhundertelang boten die Handwerker und Kaufleute Roßtals und die Bauern der umliegenden Dörfer ihre Waren an den eigens dafür bestimmten Werktagen auf dem Marktplatz feil. Waren die Jahrmärkte im verflossenen Jahrhundert noch gut besuchte Jahresfeste, auf die sich alt und jung freute, so wurde ihre Bedeutung und ihr Gepräge durch die Ausbreitung der Einzelhandelsgeschäfte auf dem Lande und das Überhandnehmen des Hausierhandels stark beeinträchtigt. So büßten die Jahrmärkte nach und nach ihren ursprünglichen Charakter und Zweck ein. Nachdem im Rangau der Sinn für schönes Brauchtum wieder geweckt wurde und man allenthalben neues, sinnvolles Brauchtum eingeführt hat, will auch der Markt Roßtal seinem Martinimarkt ein neues Gepräge geben. Verschiedene Veranstaltungen und die Einführung eines neuen Gebäcks, die »Roßtaler Martinerle« sollen dem nach außen Ausdruck geben…“

Heidnisches Brauchtum und Erinnerung an den alten Frankenheiligen

Heute suchen wir, ob evangelisch oder katholisch, wieder mehr auch nach den christlichen Wurzeln des Martinifestes. Wir lassen heidnisches und christliches Brauchtum bewusst nebeneinander stehen. So kommt der Pulzermärtel, aber auch der Heilige Martin von Tours, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt, im Rahmen der Festtage auf den Roßtaler Marktplatz.

Mit der „Sozialmesse“, einer Information über die sozialen Dienstleistungen im Markt, knüpfen wir im umgestalteten Rathaus an die alte Martinslegende an, die aufzeigt, dass man im Bedürftigen dem Herrn selbst begegnet. Hier und auf dem Markt an den Ständen der Vereine und Organisationen wird auch deutlich, dass wir es in Roßtal mit einer Pflege der „Sozial- und Bürgerkultur“ ernst meinen: Vorrang hat die Eigenverantwortung und die Solidarität mit den Menschen. Die Kommune leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Das schafft eine kulturelle Identität in unserem Markt Roßtal, die auch die Besucher zu schätzen wissen.

Von altersher wussten die Menschen: An Martini ist das bäuerliche Jahr um. Es beginnt eine stillere Zeit, eine Zeit zum Feiern, zum Danken und zum Auftanken.

Mit Festgottesdiensten zeigen beide Kirchen den jahrhundertealten Grund zur Abhaltung unseres Herbstmarktes: das Namensfest des in Pannonien geborenen ehemaligen Römeroffiziers, des Mönches und späteren Bischofs Martin von Tours, eines der größten fränkischen Feste, aber auch das Fest des Namenspatrons des großen Reformators Martin Luther.

Quelle: Roßtal, 1050 Jahre Heimat – offen und lebendig, S. 277–282