Alfred Steinheimer

Das „umkämpfte“ Pfarrhaus

Unter dem Bestand an historischen Fachwerkbauten in der Bundesrepublik gilt das Pfarrhaus am Oberen Markt in Roßtal als eine Besonderheit. Urkundlich wird das Haus erstmalig im Jahre 1414 genannt und in der Beschreibung Bayerischer Kunstdenkmale, veröffentlicht von Gebhard und Horn, 1963, wird es als „… eines der ältesten und bedeutensten spätgotischen Fachwerkbauten Deutschlands“ vorgestellt.

In einer Pfarrbeschreibung des frühen 19. Jahrhunderts wird die Vermutung ausgesprochen, dass dieses Bauwerk im „Städtekrieg“18 im Jahre 1388, in dem auch die Kirche zerstört wurde, ebenfalls beachtliche Schäden erlitt, sodass ein Neubau errichtet werden musste. Als Amtssitz des Pfarrers in ununterbrochener Folge seines Bestehens und als ehemalige starke Bastion in der Südwest-Ecke des mit einer Mauer umzogenen Friedhofes, von der sich heute noch die Höhe des nicht mehr existierenden Wehrganges am Pfarrhaus und am Torturm abzeichnet, ist das Haus immer wieder ein Anziehungspunkt fachkundiger Besucher.

In seiner über 500-jährigen Geschichte hat es manche einschneidende Geschehnisse erlebt, wie Zeiten wütender Pest oder die schrecklichen Jahre des 30-jährigen Krieges, der besonders im Jahre 1632 in der Pfarrgemeinde die Zahl der Bewohner mehr als dezimierte, gottlob aber gab es doch weit mehr Zeitabschnitte eines gedeihlichen Gemeindewesens.

Es ist kennzeichnend für die Bedeutung der Pfarrei Roßtal, dass, soweit die Aufzeichnungen zurückgehen, von 1397 bis zum Jahre 1556, die „Pfarrherren“ fast ausschließlich dem Adel angehörten. Sie, die nicht in Roßtal ansässig waren, erhielten vom Bischof oder Kaiser zu ihrer Versorgung Pfarreien als Lehen übertragen und konnten über die Einnahmen, Pfründe genannt, verfügen.

Die Arbeit der Seelsorge am Ort aber wurde von Pfarrern und Kaplänen, die man als „Leutpriester“ bezeichnete, wahrgenommen. Kirchenrechtlich waren diese Vikare und Kapläne demnach Pfarrverweser für die Pfarrherren.

Ihre Entlohnung setzte sich aus den Einnahmen durch Mess-Stipendien, Stolgebühren oder aus den Erträgnissen einer „Frühmeßstiftung“ zusammen, ansonsten waren sie abhängig vom Wohlwollen des Pfarrherren, der ihnen einen Anteil am Zehnt zustand. Ein Gutteil der durch den Zehnt eingehenden Einkünfte der Pfarrei kam jedoch dem Pfründeinhaber, dem Pfarrherrn zu. Das trug dazu bei, dass es nicht selten, je nach den vertraglichen Abmachungen zwischen dem Pfarrherren und dem Ortspfarrer, eine Kluft zwischen diesen Beiden gab. (Die Pfarrstelle Roßtal blieb trotz dieser Abführung an Zehnteinnahmen an den jeweiligen Pfründeinhaber eine begehrte Pfarrei im Fürstentum Ansbach).

Bis zur Reformation wohnten der jeweilige Pfarrverweser und seine Kapläne gemeinsam in diesem mächtigen Gebäude. Das heutige zweite Pfarrhaus wurde erst nach der Reformation errichtet.

Es wird aus der Sicht der Ortsgeistlichkeit immer ein mit Spannung erwartetes Ereignis gewesen sein, wenn nach dem Tode eines Pfründeinhabers ein neuer Pfarrherr das Nutzungsrecht verliehen bekam. Von seiner Großzügigkeit hing ja letztlich der Lebensstandard der am Ort eingesetzten Pfarrverweser ab.

Eine solche bemerkenswerte Pfründeübertragung hier in Roßtal ist in Consistorialakten aufgezeichnet. Für das Verstehen der nachfolgend geschilderten Ereignisse sind einige erklärende Bemerkungen notwendig:

Seit den frühen kirchlichen Gebietsaufteilungen, eingeleitet und durchgeführt unter dem angelsächsischen Missionar Bonifatius um das Jahr 750, war das Gebiet der Urpfarrei Roßtal dem Bischof von Würzburg unterstellt, was übrigens bis zum Jahre 1817 Gültigkeit hatte.

Mit der Gründung des Bistums Bamberg im Jahre 1007 wurden den beiden schon seit mehr als 250 Jahren bestehenden Bistümern Würzburg und Eichstätt Gebietsteile abgetrennt und dem neuen Bistum Bamberg angegliedert. Über einen späteren Gütertausch und einer Pfandnahme kam dem Bamberger Bischof aber das Recht zu, über die Belehnung der Pfarrei Roßtal bestimmen zu können, obwohl die Pfarrei ansonsten kirchenrechtlich dem Bistum Würzburg unterstellt blieb.

Da es später üblich war, die nachgeborenen Söhne des Adels dem Dienst in der Kirche zuzuführen und diese ihre Versorgung übernahm, war eine Pfarrei, die über bedeutende Einkünfte verfügte wie die in Roßtal, gefragt und manchmal umstritten. Zwei solcher Fälle sind uns aktenkundig überliefert.

Der erste Streitfall konnte im Jahre 1462 noch vor seiner Zuspitzung beigelegt werden, obwohl es schon hart genug war, dass der päpstliche Pronotarius und Rat der Herzöge Johannes und Sigmund von Ober- und Niederbayern, Thomas Pirkheimer, am Betreten der Pfarrkirche gehindert wurde. Der zweite Fall im Jahre 1494 dagegen endigte recht handgreiflich, wie ein Auszug aus Abschriften der Akten19 des Consistoriums in Ansbach berichtet und Pfarrbeschreibungen es wiedergeben.

Ausgelöst wurde dieses Ereignis durch den Tod des damaligen Pfründeinhabers Dr. Endres in der Klingen im Jahre 1494.

Über das nun vakant gewordene Pfarrlehen begann, entstanden durch die eigentümliche Rechtslage und Zuständigkeit, eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Bistümern Bamberg und Würzburg, wobei, wie der Aktenauszug zeigt, auch der Ansbacher Markgraf Friedrich als Landesherr bei der Besetzung gefragt werden wollte.

Doch während der Bischof von Bamberg mit dem Ansbacher Markgrafen noch Schreiben wechselte und um den Schutz seines vom Kaiser und ihm beauftragten Domherrn durch den Amtmann in Cadolzburg bat, besetzte im Auftrag des Würzburger Domherren Hans von Grumbach, ein von ihm bestellter Prokurator, das Pfarrhaus in Roßtal.

Die Haltung des Ansbacher Fürsten scheint schwankend gewesen zu sein, da der Bischof von Bamberg, Heinrich III. Groß von Trockau20, den Markgraf in einem erneuten Schreiben wissen ließ, dass der Kaiser dem bestätigten Bamberger Domherren Eberhard von Rabenstein die Pfarrei bereits übertragen habe.

Nun beabsichtigte auch der Bamberger Domherr durch einen Vertreter eine „förmliche“ Besitznahme vornehmen zu lassen und so kam es zu einer Konfrontation, wie der damalige Ortspfarrer und Pfarrverweser Johannes Neff später dem Markgrafen in Ansbach schrieb: Am 26. Juli 1494, nachts um 3 Uhr erschienen Bewaffnete aus Bamberg, weckten die beiden Kapläne auf und wollten in das Pfarrhaus eintreten. Der Pfarrer war nicht zu Hause und die Kapläne erklärten, wohl wissend was ihnen aus einer Parteinahme für den Würzburger Domherren erwachsen könnte, dass ihnen die ganze Sache nichts angehe, aber das Öffnen der Türe sei ihnen vom Würzburger Prokurator, der im Pfarrhaus nächtigte, verboten worden.

Einer der Anführer des Bamberger Gefolges, ein Hans Feurer, ließ daraufhin das Haus umstellen, wobei Reiter, bewaffnet „mit gespannten Armbrüsten“ den Befehl ausführten; das nachfolgende Fußvolk aber stieß die Tür des Pfarrhauses auf.

Pfarrverweser Neff schrieb in seinem Bericht über die in recht brachialer Weise ablaufende Pfarrübernahme weiter, dass auch die Türen der Speisekammer und der Küche aufgebrochen wurden. Die Köchin und einer der Kapläne öffneten klugerweise ihre Türen aber freiwillig. Der zweite Kaplan und der Würzburger Prokurator, die sich weigerten gleiches zu tun, hatten insofern noch „Glück“, dass sie von den aufgebrachten Soldaten „nur die Treppe hinuntergestoßen“ wurden, bevor die Bewaffneten sich im Keller an Wein, Brot, Käse und anderem Essbaren gütlich taten. Eine Gruppe der bischöflichen Streitmacht erbrach im Zimmer des Pfarrverwesers Neff eine Truhe, nahm einen Betrag von 40 Gulden und Kleidungsstücke des Geistlichen.

Markgraf Friedrich (Friedrich der Ältere, regierte 1486–1515)21, dem der Bericht des Pfarrers zuging, beschwerte sich daraufhin beim Bischof von Bamberg über die „freventliche und mutwillige“ Handlung und verlangte eine Entschädigung für den Pfarrverweser Johannes Neff, der seinen Schaden mit 80 Gulden bezifferte. (Eine bedeutende Schadenssumme, da die angeführte Höhe, noch viele Jahre später, etwa 2/3 der jährlichen Einnahmen des Roßtaler Pfarrers an barem Gelde entsprach).

Der neue Pfründeinhaber, der Bamberger Domherr Eberhard von Rabenstein, der die Schadenssumme begleichen sollte, zweifelte auch deren Höhe an, besonders aber „die Masse des getrunkenen Weines“. Er musste sich aber vom geschädigten Pfarrverweser sagen lassen, dass die Bamberger „… mehrere Stunden gesoffen haben und sie haben denen die außen gestanden auch gegeben“.

Nach einem Schiedsspruch des Markgrafen einigte man sich auf eine Entschädigung von 60 Gulden und der neue Pfründeinhaber zog auch seine Forderung „auf Abschaffung“ des Pfarrverwesers Johannes Neff zurück, den er verdächtigte, für den Würzburger Hans von Grumbach Partei ergriffen zu haben.

Mit keinem Wort erwähnt Johannes Neff in seinem Bericht an den Markgrafen eine Beteiligung der Roßtaler Einwohner an diesem nächtlichen Überfall, jedenfalls ist in dem hier im Archiv vorliegenden Auszug aus der Consistorialakte kein Hinweis darüber enthalten.

In einem Jahrbuch22 der evang.-luth. Landeskirche Bayerns schilderte Pfarrer D. Dr. Schornbaum, dem entweder noch andere Quellen zugänglich waren oder der dieses Ereignis literarisch ausschmückte, dass vom Bamberger Bischof und dem Domherrn von Rabenstein bei den Verhandlungen über die Schadenshöhe und deren Erstattung geäußert wurde, dass: „… an dem vielen Schaden nicht zum wenigsten allerlei Gesindel von Roßstall schuld wäre, das die Gelegenheit benutzte in Kannen, Krügen, ja in Schäffern (?) den Wein fortzutragen oder anderes sich anzueignen.“

Zwar heißt es im Bericht Neffs, dass nicht nur die im Hause „gesoffen“ hätten, sondern, dass diese auch an denen weitergegeben haben „die außen gestanden.“

Da das bambergische Kommando zahlreich gewesen sein soll und nur 15 Bewaffnete als „Besatzung“ im Pfarrhaus verblieben, wird es sich bei den Außenstehenden ebenfalls um bischöfliche Soldaten gehandelt haben.

Die Teilnahme Roßtaler Einwohner an diesen Übergriffen ist kaum anzunehmen. Bei der geringen Einwohnerzahl kannte jeder jeden und die harten Strafen, bei Diebstahl verschärft, wenn es um kirchliches Gut ging, schreckten sicher auch die Anfälligen zurück.

Die Meinung der Ortsbevölkerung über diese nächtliche Aktion wird vielmehr der entsprochen haben, wie es die beiden Kapläne gleich zu Beginn gegenüber den „Besetzern“ äußerten, nämlich „… dass sie mit der ganzen Sache nicht zu tun haben wollten.“ Für den „gemeinen Mann“, der den Zehnt abgeben musste, war es schließlich gleich, ob ein Bamberger oder ein Würzburger in den Genuß der Pfründe kam, sie sahen weder den einen noch den anderen Pfarrherren je in der Gemeinde.

Der nächstfolgende und letzte Pfarrherr war der Propst zu St. Severin in Erfurt, Theoderich von Rheda. Seine Rechte hier in Roßtal endigten mit seinem Ableben im Jahre 1556. Der Markgraf zog die reiche Pfründe ein und was über Jahrhunderte „geistlichliche Herren“ erhielten, ging nun an die Kasse der hochfürstlich-markgräflichen Verwaltung in Ansbach.

Anmerkungen:

18Krieg des Nürnberger Burggrafen Friedrich V. (1332–1398) gegen einen Bund der fränkischen Reichsstädte, dem u. a. auch die Reichsstadt Nürnberg angehörte.
19Archiv der Pfarrei St Laurentius, Roßtal, Akten-Nr. 86, 87, 90, 95, 96
20Das Bistum Bamberg in Geschichte und Gegenwart, Heft 2, Editions du Signe, Strasbourg 1994
21Schuhmann: Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, S. 57, Ansbach 1980
22 Einzusehen in der Akte Nr. 255 des unter 19. genannten Archivs; der Aufsatz ist ein Auszug aus dem Jahrbuch, eine Jahresangabe fehlt


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 18 ff.