Alfred Steinheimer

Ein unscheinbarer Pfennig?

Es war in den Jahren nach dem Einzug der Reformation, als in Roßtal, südlich des Pfarrhauses am Platz des heutigen Pfarrgartens, jemand ein Geldstück verlor und vielleicht fleißig danach gesucht haben mag.

Die Mühe der Person war vergebens und es mussten mehr als 450 Jahre vergehen, bis im Jahre 2000 die kleine und unscheinbare Münze bei Gartenarbeiten wieder zum Vorschein kam.

Vom Schmutz der Gartenerde befreit, war nur das Jahr der Prägung, nämlich 1531, zu erkennen und ein Fachmann37 des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, der um Rat gebeten wurde, gab bereitwillig nähere Auskunft zu diesem Fund.

Nach seinen Feststellungen handelte es sich bei diesem Geldstück um einen Pfennig, der in der Reichsstadt Nördlingen im schon genannten Jahr geprägt wurde und, was mit bloßem Auge nicht mehr sichtbar war, der Silberpfennig trägt zwei Wappen, nämlich das eines Geschlechts der Eppstein-Königstein und das der Stadt Nördlingen.

Die Neugier war geweckt und über das bescheidene ca. 13 mm Durchmesser und papierdünne, nur 0,35 mm Stärke betragende Pfennigstück war sicher noch mehr in Erfahrung zu bringen.

So war der nächste Schritt eine Anfrage bei einer Fachkraft38 des Stadtmuseums am Ort der Münzprägung in Nördlingen.

Aus den von dort übersandten Unterlagen39 war zu ersehen, dass die in Nördlingen geprägten Münzen keine eigentlichen städtischen Münzen waren, obwohl welche das Stadtwappen tragen.

Nördlingen war als Umschlagplatz für Tuche bekannt, aber auch in der Stadt selbst wurde Barchent, ein besonders gefragtes dichtes Gewebe aus Baumwolle, hergestellt.

Im bayerisch-fränkischen Handelsleben spielte die Stadt durch ihre Lage am Schnittpunkt großer Handelswege eine besondere Rolle.

Ein Weg der von Augsburg über Donauwörth dorthin führte, teilte sich in Nördlingen in zwei Richtungen, nämlich in eine Straße, die nach Aalen, Gemünd und in den Neckarraum führte, und der zweite Weg nahm die Richtung über Rothenburg, Würzburg, Frankfurt und weiter in das Rheinland.

Durch diese günstige Verkehrslage entstand schon sehr früh der Messe- und Handelsplatz Nördlingen. Die dort verkehrenden Kaufleute benötigten Bargeld und auch eine Einrichtung für den Geldwechsel, letztere deshalb, weil die Anzahl der fremden Münzen verwirrend war und Geldwechsler die Kaufleute über die unterschiedlichen Münzwerte informieren mussten.

So existierte bereits unter dem Staufer Friedrich II., sicher schon vor 1219, in Nördlingen eine nur während der Zeit einer Messe eingerichtete Prägestätte für Münzen. Später wurden an einigen großen Messeplätzen dauernde Reichsmünzstätten eingerichtet, wie in Frankfurt, Basel und Dortmund, so auch in Nördlingen.

Das Recht, dort Münzen zu prägen, wurde vom König an Münzherren verliehen. Er und anderswo Städte und Reichsfürsten konnten sich durch die Verleihung des Münzrechts, von ihren Schulden befreien. Ihre Gläubiger, die Münzherren, erzielten aus den zur Prägung verwendeten Edelmetallen, Gold und Silber, einen Gewinn und kamen damit wieder zu ihrem geliehenen Kapital. (Die Geschichte kennt Beispiele eines daraus entstehenden Wertverfalls einer Währung durch Geringhaltigkeit der Münzen an Edelmetall und/oder durch deren Mindergewicht).

Nördlingen wurde im Jahre 1418 zur dauernden Reichsmünzstätte bestimmt. In den Jahren 1503–1535 erhielt ein Eberhard von Eppstein-Königstein das Lehen, der seinerseits Münzmeister einsetzte, die für die Prägung das nötige Fachwissen besaßen.

Der genannte von Eppstein entstammte einem Geschlecht aus der Wetterau und kam durch seine Frau auf dem Erbwege zu diesem Münzrecht. Die Familie besaß offenbar Privilegien, da ein Werner von Eppstein 1259 die Wahl Rudolf von Habsburg zum deutschen König bewirkte.40

Der in Nördlingen geprägte Pfennig, um auf den Fund zurückzukommen, war auch in Franken verbreitet.

Der Geldumlauf wurde gestattet durch eine Einigung des Bischofs Heinrich III. von Bamberg, des Ansbacher Markgrafen Friedrich des Älteren und des Pfalzgrafen Otto, die im Jahre 1495 gemeinsame Richtlinien für die Silberprägung erlassen haben. In einer Art Währungskonferenz wurden Edelmetallgehalt und Gewicht der Münzen festgelegt. In dieser Zusammenkunft, die in Forchheim stattfand, einigte man sich auf das Silbergewicht eines Schillings mit 2,78 Gramm. Da 10 Pfennige einen Schilling ergaben, sollte das Gewicht des Pfennigs demnach 0,278 Gramm betragen. Die Wägung des hier gefundenen Pfennigs ergab in der Tat ein Gewicht von 0,28 Gramm.

Welche Kaufkraft hatte nun damals dieser Pfennig?

Um die Jahre 1497 und 1500 erhielt ein Maurergeselle in Nürnberg41 als Tagelohn 20–25 Pfennige. Für sechs Pfennige konnte er einen Laib Brot kaufen (Gewicht unbekannt) und vier Pfennige kostete ein Pfund Fleisch.

Für eine Maß Bier (etwas mehr als ein Liter) waren in Nürnberg drei Pfennige zu zahlen, Wein dagegen kostete die gleiche Menge acht bis zehn Pfennige; 20 Pfennige waren der Preis für ein Paar Schuhe und in einem Gasthaus forderte der Wirt für die Tagesverpflegung den Betrag von 10,5 Pfennigen.

In Nördlingen42 war der Bierpreis im Jahre 1542 für eine Maß, je nach Qualität des Bieres ein, zwei oder drei Pfennige.

Obwohl es schwierig ist, die Kaufkraft des Pfennigs aus dem Jahre 1531 nach heutigen Maßstäben zu bewerten, soll, wie nachstehend an zwei Beispielen gezeigt, der Versuch gemacht werden:

Der Tagesverdienst des Maurers von 25 Pfennigen entsprach einer Kaufkraft bei zwei Pfennigen pro Maß Bier gewählt, von 12,5 Maß.

Würde man den Bierpreis von heute (Ende 2000) mit rd. 6,80 DM/l (mit der Einheit „Maß“ gleichgesetzt) zugrundelegen, entspräche dies einer Kaufkraft des damaligen Tagelohns von 85.- DM.

Wird der Fleischpreis für Vergleiche herangezogen, so hätte bei einem Tagelohn von 25 Pfennigen und einem Fleischpreis von vier Pfennigen je Pfund, der Maurer 6,25 Pfund Fleisch kaufen können.

Bei einem heutigen Preis von rd.10 DM/500 gr. Rindfleisch entspräche dieser Tagelohn einer Kaufkraft von 62,50 DM.

Wer mit dem Nettotageslohn, also nach Abzug aller Steuern und Abgaben, eines Maurers heute einen Kaufkraftvergleich anstellen wollte, muss berücksichtigen, dass die tägliche Arbeitszeit damals 10 und mehr Stunden betragen hat.

Es ist, wie schon erwähnt, auch nur für bestimmte Waren annähernd möglich, den Kaufwert alter Münzen mit der Kaufkraft unserer Arbeitslöhne heute zu vergleichen.

Nach den oben angeführten Beispielen der heute, im Jahre 2000 geltenden Bier- und Fleischpreise, entspräche die Kaufkraft des Silberpfennigs zwischen 2,50 DM und 4,25 DM. Für den Verlierer des so unscheinbaren Pfennigs in Roßtal war der Verlust sicher ärgerlich, denn ein einheimischer Handwerker hatte kaum den Lohn eines Maurers der Reichsstadt Nürnberg. War es ein Bauer, der den Pfennig verlor, so war für diesen das Mißgeschick noch schwerer zu verschmerzen, weil er ja nicht wie ein Handwerker über einen täglichen Arbeitslohn verfügen konnte.

Von Ludwig van Beethoven (1770–1827), dem berühmten Komponisten, ist uns überliefert, dass er einen Groschen verlor, was zu dieser Zeit einem Wert von zwölf Pfennigen oder drei Kreuzern entsprach.43 Obwohl in günstigen äußeren Verhältnissen lebend, muss sein Ärger darüber groß gewesen sein.

Seinen Unmut über den Verlust setzte er in Noten um und schrieb das Klavierstück: „Die Wut über den verlorenen Groschen“.

Anmerkungen:

37Herr Dr. Mauè
38Frau Andrea Kugler, M. A.
39Hans Herzfelder: Die Reichtsmünzstätten Nördlingen und Ausgsburg unter den Häusern Weisberg und Königstein, in Mitteil. der Bay. Numismat. Gesellschaft XLII. Jahrgang, München 1924
Prof. Ludwig Mußgnug, Stadtarchivar: Das Nördlinger Münzhaus, veröffentl. im Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen und das Ries, 1917
40Herders Konversations-Lexikon, Band III, 1904
41Peter Fleischmann: Das Reichssteuergesetz von 1497 der Reichsstadt Nürnberg und der Reichspflege Weißenburg, Nürnberg 1993, S. XXII
42Prof. Mußgnug: Das Nördlinger Münzhaus, siehe auch Fußnote 39
43Um 1800 erhielt ein Geselle in Wien, verpflegt von seinem Meister, einen Tagelohn von 4 Groschen, in gleicher Höhe bewegte sich der Tagessold eines unteren Dienstgrades der kaiserlichen Armee.


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 33 ff.