Alfred Steinheimer

Der Einzug der Reformation in Roßtal

Mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen, die eigentlich, wie es damals akademischer Brauch war, eine gelehrte theologische Diskussion auslösen sollten, gab am 31. Oktober 1517 Martin Luther in Wittenberg den Anstoß zu einer Bewegung, die zu einem Wendepunkt in der Kirchengeschichte, ja der Weltgeschichte führte.

Mit tiefem religiösen Gefühl und seiner Wortgewalt wollte er eine Reformation, ein Erweckung der Christenheit herbeiführen, wollte „… Gottes Wille direkt aus der Bilbel begreifen“.

Der 31. Oktober 1517 gilt heute als der Tag des Beginns der Reformation, der Begründung des Protestantismus aber auch des Einsetzens einer folgenschweren Glaubenspaltung.

Mit einer uns heute kaum mehr vorstellbaren Heftigkeit versuchten Befürworter und Gegner seiner Thesen und Gedanken, diese nicht selten in groben Worten, in Diskussionen und Schriften theologisch zu begründen oder zu verwerfen.

Unter den Bürgern in den Städten, Nürnberg vorweg, verbreiteten sich die Gedanken der Reformation verhältnismäßig schnell. Weniger bekannt ist, wie die bäuerliche Bevölkerung das aufnahm, was ihnen die Pfarrer, die sich der Reformation angeschlossen hatten, von der Kanzel predigten.

Roßtals Pfarrer Dieter Koerber hat im Jahre 1975 in einer Schrift „450 Jahre evangelische Predigt in Roßtal“ über die Einführung der Reformation schon berichtet. Seine Ausführungen sind Grundlage der nachstehend erweiterten Darstellung. Die Schilderungen des Übergangs sind den Akten des Pfarrarchivs entnommen. Die einzelnen Auszüge stammen aus Akten des Consistoriums in Ansbach, die, erst im 19. Jahrhundert, von geschichtlich interessierten Geistlichen der Pfarrei ausgewertet wurden. Die einzelnen historischen Begebenheiten haben auch Eingang in die von Zeit zu Zeit abgeforderten Pfarrbeschreibungen gefunden.

Aus einem Eintrag im Ausgabenbuch der Pfarrei aus dem Jahre 1525 wird auf den Einzug der Reformation hier in Roßtal geschlossen. Es ist das zweimalige Predigen des Kaplans Lorenz Heller (verschiedentlich auch Laurentius Hiller genannt), der als Geistlicher in Kleinhaslach wirkte.

Die Notiz im genannten Rechnungsbuch von 1525 nennt Ausgaben für die zweimalige Verköstigung eines namentlich nicht genannten Geistlichen zusammen mit den Heiligenpflegern Hans Menger und Hans Strauss aus Roßtal, Hans Eberle aus Stöckach und Hans List aus Weinzierlein.

Da in dieser Rechnung jedoch vermerkt ist, dass der Kaplan aus Kleinhaslach kam, steht auch ohne Namensnennung fest, dass es sich nur um den genannten Heller handeln kann. Er gilt als der erste evangelische Prediger im Fürstentum Ansbach.

Kam er aufgrund einer Einladung hierher oder gab es für die zweimalige Predigertätigkeit des Kleinhaslacher Kaplans hier nur den einfachen Grund, dass der hiesige Pfarrverweser Wenger erkrankt oder sonstwie abwesend war und Kaplan Heller die Aushilfe übernahm?

Seine Tätigkeit kann jedenfalls nicht ohne die Einwilligung des damaligen Pfarrverwesers Wenger geschehen sein, da das Recht zu predigen kirchenrechtlich nur der Ortsgeistliche aussprechen konnte. Dass dies formal so gewesen sein muss, wird durch den oben genannten Eintrag im Kirchenrechnungsbuch bestätigt und außerdem noch dadurch bekräftigt, dass der Richter alljährlich die Überprüfung der Ausgaben vornahm und dies ohne Anstände geschah. Außer im genannten Rechnungsbuch, wird die Predigertätigkeit Hellers in keiner Akte hier im Archiv genannt.

Es kann allerdings schon angenommen werden, dass der Kaplan, der wegen seiner theologischen Ansichten im Fürstentum Ansbach um 1520 eine Gefängnisstrafe erleiden musste, aber 1525 längst wieder im Amt war, in seinen beiden Predigten in Roßtal Gedanken der Reformation verkündete. (Pfarrverweser in Roßtal war seit dem Jahre 1514 bis zum Jahre 1526 Konrad Wenger, der anschließend die Pfarrei in Rohr versah)

Unter Konrad Wenger entstand in den Jahren 1520–1521 der Bau der Jakobskapelle auf dem Friedhof, die erst im Jahre 1802 abgebrochen und an deren Stelle das heute noch existierende „Bahrhaus“ errichtet wurde.

Die um diese Zeit beginnenden oder bereits stattgefundenen Umwälzungen im kirchlichen Leben der Reichsstadt Nürnberg lassen sich nicht auf die markgräfliche Pfarrei Roßtal übertragen.

Pfarrer, Richter und die hier ansässigen Adeligen waren sicher über das, was in der Stadt geschah, unterrichtet, aber es wäre sicher zu weit gegangen, wollte man in den beiden Predigten des Kaplans Lorenz Heller im Jahre 1525 bereits den Einzug der Reformation in Roßtal sehen.

Der Gottesdienst konnte in altgewohnter Weise und ungestört weiter stattfinden. Erst zwei Jahre später, im Jahre 1527, nach dem Antritt der Regierung des Markgrafen Georg im Fürstentum Ansbach, der als Förderer der Reformation später den Beinamen „Der Fromme“ erhielt, leitete man durch organisatorische Maßnahmen eine Wende des kirchlichen Lebens auch auf dem Lande ein.

Gemeinsam mit der Reichsstadt Nürnberg, die alte Feindschaft zwischen ihr und dem Fürstentum Ansbach wurde beendet, beschloß man im Jahre 1528 eine Vorladung aller Geistlichen. Während Nürnberg sich mit den Pfarrern, die im reichsstädtischen Gebiet Pfarreien innehatten, befasste, unterzogen die Ansbacher Behörden die Geistlichen im Machtbereich der Markgrafschaft einer Überprüfung.

Im allgemeinen kümmerte man sich damals wenig um die Meinung des „gemeinen Mannes“ aber im Falle der Visitation war man nicht sicher, ob es in Glaubensfragen in den einzelnen Ortschaften nicht doch zum Widerstand kommen könnte, war doch der blutig endende Bauernkrieg von 1525 noch in aller Erinnerung.

Aus diesem Grunde wurden die Pfarrer nicht am Ort verhört, sondern nach Nürnberg oder Ansbach zitiert.

Von Nürnberg ist bekannt, dass mit dem Ortspfarrer fünf bis sieben Bauern aus der Gemeinde zu erscheinen hatten; die Prüfung fand im Egidienkloster statt. Den Pfarrern wurden fünf Fragen zur Beantwortung vorgelegt:

„Wer sie auf die Pfarre gesetzt habe,
ob sie Eheweiber hätten,
ob es Schwärmer oder Täufer gäbe (Anmerkung: Wiedertäufer),
Punkte religionis,
wie es im Leben und Wandel der Pfarrkinder stehe“.

Als Grundlage für die Visitation galt eine von Melanchthon im Jahre 1528 erarbeitete Schrift mit dem Titel: „Unterricht der Visitatoren“, die für das Kurfürstentum Sachsen galt. Die daraus von den Nürnbergern Lazarus Spengler und Andreas Osiander abgeleitete Ansbacher „Fragenliste“ umfasste insgesamt 30 Fragen.

Erasmus Enk, nach Konrad Wenger Pfarrverweser in Roßtal, musste sich am 12. Oktober 1528 den Visitatoren in Ansbach stellen.

Obwohl die Gemeinde mit ihm, dem Sohn des Roßtaler Schulmeister zufrieden ist, wird er, der als Anhänger der „alten Kirche“ gilt, abgelöst. Auch sein Vorgänger Konrad Wenger, der die Pfarrstelle in Rohr hatte, gilt als „Papist“ und ihm widerfährt das gleiche Schicksal.

Der so rigoros abgesetzte Roßtaler Pfarrer Erasmus Enk konnte auf der „Frühmeßstiftung“ in Buttendorf noch bis zum Anfang des Jahres 1530 verbleiben. Sein Wunsch, die dem Klarakloster in Nürnberg unterstehende Pfarrstelle in Regelsbach zu erhalten, verwehrte indes der Markgraf.

Die verwaiste Pfarrstelle in Roßtal wurde nun Thomas Appel übertragen, der aus Weißenburg stammte. Von ihm weiß man, dass er im Jahre 1507 seine Primiz feierte, als Kaplan in der Diözese Eichstätt tätig war und als „evangelisch“ von dort im Jahre 1522 vertrieben wurde. Im Herbst des gleichen Jahres war er in Windsheim, wo er auch heiratete. Wegen seiner Zuneigung zur unruhigen Bürgerschaft in der Zeit des Bauernkrieges, kündigte man ihm die Kaplanstelle im Februar 1525 auf, aber auf Drängen der Bürgerschaft erhielt er einen Monat später sein Amt zurück.

Im August 1525 verlor er erneut seine Stellung und musste Windsheim verlassen. Gleiches geschah ihm in Nürnberg, wo er sich ohne Anstellung aufhielt und im Oktober 1525 aus der Stadt verwiesen wurde. Im Oktober 1528, nach der mit der sofortiger Entlassung endenden Überprüfung des Roßtaler Pfarrverwesers Erasmus Enk, wurde Thomas Appel die Pfarrstelle in Roßtal übertragen.

Um darzustellen, welche verwirrende Situation mit der Entlassung des katholischen Geistlichen Enk in Roßtal entstand, sei angeführt, dass zu diesem Zeitpunkt die Pfarrpfründe der katholische Dechant Jörg Ferber besaß, der 1534 als Propst in Rebdorf starb. Erst im Jahre 1556 verschied der letzte katholische Pfründeinhaber – ein Domherr zu Erfurt – und bis zu diesem Zeitpunkt waren alle evangelischen Geistlichen hier in Roßtal Pfarrverweser der katholischen Pfarrinhaber.

Thomas Appel, der erste evangelische Prediger in Roßtal scheint allerdings wenig dazu beigetragen zu haben, die verunsicherte Gemeinde zu konsolitieren und zu überzeugen.

Sein aktenkundiger Lebenslauf ist stark vom unruhigen Zeitgeschehen geprägt; er war offenbar sehr selbstbewußt und versuchte in eigenwilliger Weise seine Vorstellungen gegen alle Widerstände am Ort durchzusetzen.

So kommt es 1530 zu einer Klage der Honoratioren am Ort. Die Schloßherrin, Margarethe von Zedwitz, der Richter, der Bürgermeister, zwei Stadträte und einige aus der Gemeinde beschweren sich beim Markgrafen in Ansbach.

In ihrer Klage bringen sie u. a. vor, dass er keine liturgische Kleidung trägt, dass er keine Messe(!) hält, dass er die Kirche verschließt und sie nur am Sonntag, Mittwoch und Freitag zur Predigt öffnet und dass er im Pfarrhaus Bier und Wein ausschenkt.

Der Höhepunkt der Klageschrift war eine Beschreibung des Gottesdienstes am Sonntag nach Jakobi 1530 in Buttendorf. Dort habe Appel die Decke vom Altartisch gerissen, ließ keine Kerzen entzünden und war überhaupt gegen jede Kirchenzier; an Stelle von Hostien habe er eine Semmel für drei Heller kaufen lassen, diese beim Abendmahl in drei Teile gebrochen, zwei Teile gegeben und den dritten Teil selber genossen.

Der markgräfliche Kanzler Georg Vogler übermittelt den Inhalt der Klageschrift an den Roßtaler Geistlichen Appel zur Stellungnahme.

In seiner Beantwortung bezichtigte Thomas Appel den nach Erasmus Enk in Buttendorf noch 1530 auf der „Frühmeßstiftung“ eingesetzten, Johannes Sutor als den Urheber der Beschwerden, der, nach seiner Meinung, die Leute am Ort gegen ihn aufhetzt.

Auch in der Person des nun die „Frühmeßstiftung“ innehabenden Sutors zeigt sich wie unklar die personelle und kirchliche Situation noch lange nach der Visitation von 1528 hier und sicher auch anderswo war.

Johannes Sutor war Zisterziensermönch im Kloster Ebrach, das er im Jahre 1525 verließ. Er heiratete im Jahre 1530 und war bis zum November 1535 in Buttendorf. Seine letzte Pfarrstelle im Jahre 1542 war in Kleinlangheim.

So beschrieben, kann Sutor wohl nicht, wie Appel ihn schilderte, als Anhänger der „alten Lehre“ angesehen werden. Die Gründe für die Zwistigkeit zwischen den beiden dürften deshalb zum geringsten Teil theologischer Art gewesen sein.

Zum Wesen einer „Frühmeßstiftung“, wie sie z. B. Johannes Sutor in Buttendorf innehatte, gehörte u. a., dass der dort eingesetzte Priester täglich eine Messe zu halten hatte. Dass Sutor, der, inwieweit ist nicht vermerkt, den Gottesdienst nach der herkömmlichen Weise gestaltete, wie Appel nach Ansbach berichtete wohl auch noch unter Beibehaltung der katholischen liturgischen Kleidung, war bis zum Erlaß der „Brandenburgisch-Nürnbergischen Kirchenordnung“ im Jahre 1533 noch gang und gäbe. In Nürnberg brachte Andreas Oslander 1526 die Neuerung, neben der lateinischen Verlesung von Epistel und Evangelium, diese auch in deutsch zu verlesen, die Liturgie wurde noch in lateinischer Sprache gesungen. Der Austeilung des Abendmahles in beiderlei Gestalt ging eine deutsche „Vermahnung“ voraus. Das äußere Bild des Gottesdienstes hatte sich bis dahin kaum von dem der vorreformatorischen Zeit unterschieden. Allerdings waren bereits 1526 in Nürnberg eine Reihe von kirchlichen Bräuchen abgeschafft worden.

Appel nahm weiter zu den einzelnen Punkten der Beschwerde Stellung und befragte die „unbedarftesten“ Unterschreiber der Klageschrift, nämlich die beiden Ratsherren, an ihrer Spitze den Bürgermeister Hans List und einige Gemeindebürger.

Diese, vielleicht fürchtend, dass auf sie Schwierigkeiten zukommen könnten, ließen verlauten: „… wollen mit der ganzen Sache nichts zu schaffen haben“.

Die Klage gegen Thomas Appel verlief, da in den Akten keine Anmerkungen dazu aufzufinden sind, offenbar „im Sande“.

Anfang des Jahres 1533 verließ der unruhige Thomas Appel Roßtal, um eine Pfarrstelle in Helmstadt (Lkr. Marktheidenfeld) zu besetzen, dort ist er auch im Jahre 1542 verstorben. Der ihm nachfolgende Johann Lazarus war in Wassertrüdingen beheimatet, wo er auch als katholischer Theologe seine Primiz feierte. In Ansbach als Kaplan eingesetzt, wurde er im Juni 1526 wegen seines Bekenntnisses zur Reformation zum Bischof von Würzburg zitiert. Im Februar 1527, schon verheiratet, flieht er aus Ansbach und wird im Juni des gleichen Jahres als Kaplan in St. Sebald in Nürnberg angestellt; im Juli 1533 erhält er die Verwesung der Pfarrstelle Roßtal, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1547 wirkt.

Ein kleines Bronzeepitaph im Chor der St.-Laurentius-Kirche erinnert an den ersten hier in Roßtal bestatteten evangelischen Prediger.

Da im Jahre seiner Amtsübernahme 1533 auch die „Brandenburgisch-Nürnbergische Kirchenordnung“ eingeführt wird, war damit die Voraussetzung für eine einheitliche Gestaltung der Gottesdienste sowie eine Ordnung des religiösen Lebens in der Gemeinde vorgegeben. Die Aufzeichnungen in den verschiedenen Pfarrbeschreibungen im Archiv lassen keinen Hinweis erkennen, dass um diese Zeit aus der Gemeinde noch Widerstand wegen des Aufgebens der altgewohnten Messfeier oder der alten kirchlichen Bräuche bestanden haben. Mit Johann Lazarus hat die Reformation somit in Roßtal festen Fuß gefasst.

Quellen:

Pfarrarchiv St. Laurentius Roßtal, Akte Nr. 90 u. 95

Literatur:

Pfr. Dieter Koerber: 450 Jahre evang. Predigt in Roßtal, 1975

Gottfried Seebaß: Die Reformation in Nürnberg in Mitteilung des Vereins für die Geschichte der Stadt Nürnberg, 55. Band, 1967/68

Matthias Simon: Ansbachisches Pfarrerbuch von 1528–1806,

Verein für Bayerische Kirchengeschichte, Nürnberg, 1955

Ausstellungskatalog: Reformation in Nürnberg, Ausstellung zum Deutschen Evangelischen Kirchentag, 1979

Stadtpfarrer Einfallt: Die Geschichte der Stadt, des Klosters und der Pfarrei Langenzenn, Historischer Verein für Mittelfranken, 1910

Klaus Leder: Kirche und Jugend in Nürnberg und seinem Landgebiet 1400–1800, Verein für Bayerische Kirchengeschichte, Band 52, 1973

Adolf Rohn: Heimatbuch von Roßtal und Umgebung Roßtal, 1928


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 25 ff.