Alfred Steinheimer

Ludwig Christoph Rosenthal –
Der Lebensweg eines Roßtaler Findelkindes

Das Taufregister84 des Jahres 1797 der Pfarrei St. Laurentius, Roßtal beginnt mit einem merkwürdigen Eintrag:

„Den 3. Jenner früh um 8 Uhr wurde in Raitersaich ein neu gebornes Söhnlein in einer Schachtel an der Scheune des dasigen Bauer Stinzendörfer ohne Anzeige niedergelegt, bei hiesiger Richteramtsverwesung die Anzeige davon gemacht und dasselbe durch die hiesige Hebamme abgeholt. Am vierten wurde es getauft. Die Taufzeugen waren: S. T. Herr Christoph Kündiger, dermaliger Richteramts-Verweser und T. Herr Georg Christoph Conrad, Kantor und Schullehrer allhier. Vor diesen erhielt das Söhnlein die Nahmen Ludwig Christoph und den Zunamen Rosenthal“

Eine Notiz unter diesem Taufeintrag vermeldet:

„Nach einem Schreiben des kgl. 2ten Artillerie-Regiments zu Würzburg als Bombardier zu Nürnberg den 30. März 1833 früh ½ 1 Uhr verstorben.“

Die wenigen Zeilen, die von der Geburt, der Auffindung, der Namensgebung in der Taufe und vom Tode eines Menschen Kenntnis geben, dessen Eltern unbekannt waren und blieben, weckten das Interesse, mehr über den nur 36 Jahre zählenden Lebensweg und das Schicksal des Findelkindes Ludwig Christoph Rosenthal in Erfahrung zu bringen.

Die hier eingesehenen Akten lassen nicht erkennen, ob und welche Nachforschungen nach der Mutter des Kindes angestellt wurden, was jedoch mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann. Sie führten zu keinem Ergebnis, obwohl es kaum vorstellbar ist, dass in den oft nur wenige Familien zählenden Ortschaften des Roßtaler Pfarrbezirks, anders als in einer Stadt, eine Schwangerschaft und eine Geburt verheimlicht werden konnte.

Vieles spricht dafür, dass die Mutter des ausgesetzten Kindes, wahrscheinlich eine unverheiratete Frau, dort in Raitersaich oder unweit davon beheimatet gewesen sein muss, denn die Zeitspanne von der Aussetzung bis zur Auffindung des Kindes kann, bei den winterlichen Temperaturen, nur kurz gewesen sein. Ein Neugeborenes hätte eine längere Aussetzungszeit wohl kaum überlebt.

Ausgesetzte Kinder waren in den Städten keine Seltenheit und schon im Mittelalter waren es die Nonnen in den Klöstern, die sich dieser armen Geschöpfe annahmen. Nach der Reformation und der Aufhebung der klösterlichen Gemeinschaften in den evangelischen Landesteilen, später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast überall, übernahmen die Städte in den Findel- und Waisenhäusern die Aufgabe der Erziehung dieser Kinder. Diese Einrichtungen waren meist Stiftungen wohltätiger Bürger.

Oft übertrug man das Sorgerecht für ein elternloses Kind auch unbescholtenen Bürgern, die dann aus der Armenkasse einer städtischen Einrichtung oder Stiftung oder aus der Kasse der Kirchengemeinde ein „Zehrgeld“ für dessen Unterhalt erhielten.

Die Zahlungen aus den öffentlichen Armenkassen endeten mit der Erreichung des 12. Lebensjahres. Dieses Alter setzte man damals gleich mit der Erreichung der Selbständigkeit eines Kindes.85

Das vielfach bezeugte Elend der ledigen Mütter – meist Mägde und Tagelöhnerinnen – zu dieser Zeit und noch weit in das 19. Jahrhundert hinein, kann hier nur angedeutet werden. Unter kaum vorstellbaren Schwierigkeiten mussten sie sich und ihr Kind durchbringen, als Magd nicht selten vom Hof verjagt oder selbst von der eigenen Familie verstoßen, in den Städten als Dirnen diffamiert und beschimpft.

Es verwundert deshalb nicht, dass bei diesen Gegebenheiten die Sterblichkeit unehelich geborener Kinder wesentlich höher war als bei denen, die in einer Familie aufwachsen konnten86.

Dass auch die Fälle von Kindstötungen zunahmen, zeigt die Beantwortung einer Anfrage87 an das Justizamt in Cadolzburg, die der Roßtaler Pfarrer auf der 2. Pfarrstelle, Johann Alexander Heidenreich (1795–1807) dorthin richtete.

Der Anlass für die Anfrage ist aus der Akte im Archiv leider nicht zu ersehen. Das Justizamt kündigte mit seinem Schreiben vom 28. Juli 1797 jedenfalls an, dass bald eine Resolution erfolgen werde, die allen Pfarrämtern dann bekannt gemacht werden wird.

Da die allein auf sich gestellten ledigen Mütter zwangsläufig die Schar der Armen und Bettler vermehrten und damit den Armenkassen der oft ebenfalls in dürftigen Verhältnissen lebenden Dorfgemeinschaften zur Last fielen, ergriffen die Behörden Maßnahmen, die diesem Übelstand abhelfen sollten. Die Anordnungen bewirkten aber gerade das Gegenteil.

Von den heiratswilligen Paaren forderte man vor der Eheschließung und der Ansässigmachung den Nachweis einer Barschaft, deren Höhe so bemessen war, dass selbst der fleißigste Knecht oder Handwerksgeselle sie kaum ersparen konnte88. Die Auswirkungen dieser heiratseinschränkenden Verfügungen, die übrigens, wenn auch abgeschwächt, in Bayern bis zum Jahre 1868 galten, führten zu einer Steigerung der unehelichen Geburten.89

Die Zahlen für den Pfarrbereich Roßtal zeigen von 1701–1800 etwa 7,5 % unehelich eingetragene Geburten und von 1800–1900 erhöhte sich dieser Anteil auf 19 %, wobei selbstverständlich für die letzte Angabe gilt, dass die meisten dieser Kinder in später gegründeten Ehen aufwuchsen90.

Wie häufig gehandhabt91, erhielten Findelkinder einen Zunamen, der auf ihren Fundort Hinweis gab. So geschah es auch mit dem in Raitersaich aufgefundenen Knaben, dem vom Richter und dem Kantor ein an den Pfarrsprengel Roßtal anklingender Name, nämlich Rosenthal, gegeben wurde.

Die Erziehung des Kindes übemahm das kinderlose Kantorenehepaar Georg Christoph und Maria Barbara Conrad. Conrad92 war von 1742 bis zu seinem Tode im Jahre 1809 als Lehrer und Kantor in Roßtal tätig.

Dem Buben wurde, wie das Landgericht Cadolzburg verfügte und wie es die Kirchenrechnungen ausweisen, aus der Armenkasse von Roßtal und aus der von Buchschwabach ein „Zehrgeld“ von je 13 Gulden, also 26 Gulden jährlich zugestanden.

Über die Jugendjahre des Ludwig Christoph sind nur spärliche Angaben im Archiv zu finden. 1809 wird er unter den Erstkommunikanten namentlich genannt.

Aus dem gleichen Jahre stammt ein Bittgesuch des Kantors, der die Fortzahlung einer Unterstützung über das 12. Lebensjahr des Findlings hinaus beantragte, damit sein Pflegesohn einen Beruf erlernen könne.

Das Landgericht befürwortet die Bitte des Kantors in einem Schreiben an das königliche geheime Ministerium des Innern und schlägt auch die „Geldgeber“ für die Weiterzahlung vor. Die Kirchenkassen von Roßtal und Buchschwabach sollten weiterhin 12 Gulden zahlen, damit „jener Findling der Mitleid verdient“ eine Profession erlernen kann.

Die Bemühungen des Kantors für seinen, ihm anvertrauten Zögling einen Zuschuss zu erreichen, zeigen, dass das Ehepaar Conrad seine Erziehungsaufgabe ernst nahm. Bei dem geringen Einkommen eines Lehrers wurde die erbetene Unterstützung auch dringend benötigt.

Ludwig Christoph Rosenthal erlernte das Schneiderhandwek, wie später noch bestätigt wird, wobei er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Lehrstelle bei einem Roßtaler Meister gefunden haben dürfte.

(In einem „Familienverzeichnis“ aus dem Jahre 1815 werden in Roßtal bei 683 Einwohnern sechs Schneidermeister genannt)93.

Für seine Berufsausbildung in Roßtal spricht, dass hier am Ort seine „unehrliche Herkunft“, eine Bezeichnung, mit der man die unehelich Geborenen und Findelkinder bedachte, wohl weniger eine Rolle gespielt haben dürfte als in der Stadt. Dort wäre seine Abkunft u. U. ein Hinderungsgrund für den Eintritt als Lehrling bei einem Meister gewesen, obwohl bereits ab 1804 mit der Einführung einer Art Gewerbefreiheit, weniger strenge Maßstäbe angelegt wurden, als zur Zeit „zünftigem Denkens“.

Die Wahl eines Berufes war damals weniger eine Sache der Neigung, als vielmehr eine Frage nach der Höhe des Lehrgeldes, das bezahlt werden konnte.

Der Betrag hierfür hing vom Status des zu erlernenden Handwerks ab und auch davon, ob mit dem erlernten Beruf ein sicheres Auskommen zu erzielen war.

In Schweinfurt z. B. mussten um das Jahr 1800 für das Erlernen des Zinngießerhandwerks 80–100 Gulden, für das Metzgerhandwerk 60 Gulden und für das des Nagelschmiedes 15–20 Gulden Lehrgeld bezahlt werden94. (Für das Schneiderhandwerk sind leider keine Angaben genannt).

Den Kindern von Minderbemittelten, zu dieser sozialen Schicht zählten auch die Lehrer und Kantoren – besonders auf dem Lande – blieb meist nur die Möglichkeit, ein geringer angesehenes Handwerk zu erlernen, was dazu führte, dass diese Berufsgruppen weit überbesetzt waren.

(Im bereits genannten „Familienverzeichnis“ von Roßtal aus dem Jahre 1815 sind außer den sechs Schneidermeistern, noch sechzehn Weber und neun Schuhmacher und Schuster aufgeführt; die Armut dieser Handwerker war sprichwörtlich).

Ob Rosenthal den Schneiderberuf nach seiner Lehrzeit in Roßtal ausübte und wie lange er hier am Ort blieb, ließ sich nicht feststellen.

Erst der Vermerk seines Ablebens, als Notiz im Taufregister eingetragen, ermöglichte weitere Nachforschungen.

Da diese Mitteilung von einer Militärdienststelle kam, war anzunehmen, dass das Archiv des Bayerischen Armeemuseums in Ingolstadt mit Hinweisen dienen könnte. Dort war in Erfahrung zu bringen, dass das genannte Regiment zu den Würzburger „Hausregimentern“ gehörte und in diesem Regiment vorwiegend aus Franken stammende Soldaten dienten.

Die weiteren Nachforschungen führten an das Bayerische Hauptstaatsarchiv, Abt. Kriegsarchiv, in München, wo die „Friedenstagebücher“ auch dieses Regiments verwahrt sind.

Das „Grundbuch“ dieser Einheit, das noch erhalten ist, zeigt, dass das 2. Feldartillerieregiment im Jahre 1824 durch Teilung des bis dahin einzigen bayerischen Artillerieregiments entstand, aber was noch wichtiger war, das Buch enthält auch alle Angaben über die Militärzeit des Roßtaler Findlings.

Ludwig Christoph Rosenthal, der mit einem falschen Geburtsdatum, nämlich 3. Juni 1797, statt 3. Januar 1797 in den Militärakten geführt wurde, blieb unverheiratet und nannte bei seiner Einstellung, als Profession, den Beruf des Schneiders. Er verschwieg offenbar seine ungeklärte Herkunft, denn er gab an, dass sein Vater Kantor gewesen sei.

Am 29. Juni 1822, also mit 25 Jahren, trat er in die Bayerische Armee ein und zwar gegen 100 Gulden „Einsteherkapital“ für einen aus Schlegelsberg, Landgericht Ottobeuren stammenden Anton Immerts.

Nach dem Konskriptionsgesetz von 1813 war jeder unverheiratete Bayer im Alter von 19–23 Jahren militärdienstpflichtig. Die Dienstzeit betrug sechs Jahre. Nach französischem Vorbild gab es die Möglichkeit, einen Ersatzmann zu stellen, einen „Einsteller“. Wer sich so vom Militärdienst befreite, musste 24 Gulden in die Rekrutierungskasse zahlen und die mit einem Ersatzmann ausgemachte Summe bei Gericht deponieren. Der „Einsteller“ bezog die Zinsen und erhielt, nach seiner Dienstzeit, das Kapital ausgezahlt.95

War Rosenthal im süddeutschen Raum als Wandergeselle unterwegs? War er in eine solche Notlage geraten, dass er für den genannten Immerts die Militärpflicht gegen die genannte Summe übernahm?

Die Angaben aus den Militärakten der späteren Jahre lassen eher den Schluss zu, dass Rosenthal, der keine Geschwister hatte und bei seiner Herkunft und seinem Beruf wenig Aussichten hatte auf eine auskömmliche bürgerliche Existenz, in der Armee ein Zuhause suchte und offenbar auch fand.

(Sein Pflegevater starb im Oktober 1809, knapp 64 Jahre alt und nur wenige Monate nach seinem Bittgesuch um die Gewährung einer Unterstützung für den damaligen 12-jährigen Pflegesohn, zur Erlernung eines Berufes. Die Pflegemutter Maria Barbara Conrad, 1748 in Roßtal als Tochter des „Schuldieners“ Georg Michael Schiedmeyer geboren, überlebte ihren Mann um 23 Jahre. Sie starb 84-jährig im Jahre 1832 in Roßtal).

Aus der Stammrolle des Regiments ist seine Personenbeschreibung zu entnehmen: Ludwig Christoph maß 5 Fuß,11 Zoll (etwa 1,70 m). Das Mindestmaß für die Einstellung bei der Artillerie betrug 5 Fuß, 4 Zoll (etwa 1,54 m).

Er hatte einen rötlichen Haarwuchs, eine hohe Stirn, blaue Augen, einen roten Bart und ein ovales, leicht blatternarbiges Gesicht.

Sein militärischer Lebensabschnitt fiel in eine Friedensperiode und führte ihn in vier Jahren über drei Chargen, nämlich vom Kanonier 2. Klasse zu dem der 1. Klasse, weiter vom Bombardier 2. Klasse zum Bombardier, was damals immerhin der erste Unteroffiziersdienstgrad der bayerischen Artillerie war.

Dieser erstaunliche Aufstieg innerhalb der sechsjährigen Dienstzeit ist sehr wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sein Bildungsstand, als Lehrersohn, besser war als der vieler Rekrutierter. Die Besetzung einer freien Bombardierstelle ging so vor sich, dass von den Offiziersdienstgraden drei taugliche Kanoniere vorgeschlagen wurden, die lesekundig waren; die Auswahl unter den Vorgeschlagenen traf dann der Regimentskommandeur. Der Sold des einfachen Kanoniers belief sich zu dieser Zeit auf 8 ½ Kreuzer, der des Bombardiers 1. Klasse auf 13 ½ Kreuzer täglich.96

Nach Ablauf der sechjährigen Militärzeit im Juni 1828 verpflichtete er sich auf weitere zwei Jahre und im Jahre 1830 auf nochmals vier Jahre.

Ein Jahr vor dem Ende der letzten Verpflichtungszeit starb er in Nürnberg, wohin er mit einer Gruppe von 10 Soldaten vom Regiment abgeordnet war.

Nach den Akten des Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg starb der Bombardier Ludwig Christoph Rosenthal im Militärhospital am 30. März 1833, morgens um ½ 1 Uhr im Alter von 36 Jahren; als Todesursache ist im Sterbebuch der Pfarrei St. Egidien in Nürnberg, die für die Seelsorge der Militärpersonen zuständig war, „Lungenschwindsucht“ vermerkt.

Ludwig Christoph Rosenthal fand seine letzte Ruhestätte am 1. April 1833 auf dem Militärfriedhof in Nürnberg.

Zum Dank verpflichtet bin ich:

Frau A. Müller, Landeskirchliches Archiv, Nürnberg,
Herrn Dr. E. Aichner, Bayerisches Armeemuseum, Ingolstadt,
Herrn Dr. Tröger, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. Kriegsarchiv, München

Anmerkungen:

84Archiv St. Laurentius, Roßtal; Taufbuch K 8, Jahrgang 1797, S. 441, Nr. 1
85Ernst Schubert: Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts, S. 132, Kommissionsverlag Degener u. Co., Neustadt/Aisch 1983
86ebenda, S. 127
87Pfarrarchiv, Akte o. Nr., Geschichte der II. Pfarrstelle, ihrer Funktionen, Filialen usw.
88siehe unter 85. S. 122
89Gemeindeedikt des Königreiches Bayern vom 16. April 1868.
(Das Gesetz über Heimat.Verehelichung und Aufenthalt hob das absolute Verbot der Gemeinden bei Ansässigmachung und Verehelichung auf und erleichterte der ärmern Bevölkerung das natürliche Recht auf Verehelichung.) (Siehe auch Dr. W. Schreiber Geschichte Bayern II. Band 1891, Herder Verlagsbuchhandlung Freiburg i. Br).
90Pfarrarchiv, Akte Nr. 96
91siehe unter 85. S. 133
92Adolf Rohn: Heimatbuch von Roßtal und Umgebung, 1928, S. 56
93ebenda S. 87
94siehe unter 85. S. 117
95Friedrich Münich: Geschichte der Entwicklung der bayerischen Armee seit 2 Jahrhunderten, München 1864, S. 208
96ebenda S. 277


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 78 ff.