Alfred Steinheimer

„… ein zänkischer Kopf, des Umherlaufens gewohnt,
der im Dorf viel Zank anrichtet“

In einer Zusammenstellung kurzer Biographien von den nach der Reformation in der Zeit von 1528–1806 im Fürstentum Brandenburg-Ansbach eingesetzten evangelischen Geistlichen, ist ein Magister Paulus Christian Spiegel verzeichnet, der in den Jahren 1640–42 in Roßtal der Pfarrei vorstand und der aus dem Kirchendienst entlassen wurde.51

Warum das unrühmliche Ende seiner Predigerlaufbahn?

Im Archiv der Pfarrei fanden sich Aufzeichnungen eines geschichtlich interessierten Pfarrers, der aus Unterlagen des Consistoriums in Ansbach Auszüge fertigte, die Auskunft geben über die Amtszeit des genannten Geistlichen.52

Magister Paulus Christian Spiegel wurde im Jahre 1605 in Halle geboren, studierte Theologie in Jena und war 1631 Pfarrer in Mörslingen. Nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahre 1634 wurde er vertrieben, irrte als Flüchtling sechs Jahre im Lande umher und lebte von dem, was er sich erbettelte.

Im März 1640 kam er in Regensburg unter und erfuhr dort, dass in der Markgrafschaft Ansbach etliche Pfarreien unbesetzt seien. Ein kaiserlicher Beamter stellte ihm aus Mitleid über seine jämmerliche Lage ein Zeugnis aus, dies wohl auch deshalb, weil dem kaum wieder seßhaft gewordenen Pfarrer wegen des bevorstehenden Reichstages aus Platzgründen die Wohnung aufgekündigt wurde.

So zog Spiegel nach Nürnberg und im April 1640 wohnte er im Wirtshaus „Zur blauen Glocke“ am Kornmarkt.

Sein Gesuch, um Einsetzung in eine der vakanten Pfarreien, wurde vom Consistorium in Ansbach befürwortet. Es bot sich die Pfarrei Roßtal an, da der Vorgänger Pfarrer Johannes Balthasar Bernhold Ende 1639 Roßtal verließ – er wurde 1640 Dekan in Leutershausen – und auch die zweite Pfarrstelle seit 1632 verwaist war, weil Kaplan Georg König unweit von Neuses von Kroaten erschlagen wurde.

Nachdem er damit einverstanden war, die freie Stelle in Roßtal anzunehmen – er hätte sich auch für die Pfarrei in Solnhofen entscheiden können – erklärte Magister Spiegel, dass er „wegen der umherziehenden Kriegsvölker und der unsicheren Zeiten, bis zum Zeitpunkt eingetretener Sicherheit“ die Pfarrei Roßtal von Nürnberg aus versehen wolle. Das Consistorium scheint diese Lösung akzeptiert zu haben, jedenfalls wird der Meinung des Pfarrers nicht widersprochen.

Erst ein Jahr später wird wieder über Paulus Christian Spiegel berichtet, der offiziell am 23. Mai 1640 die Stelle in Roßtal übertragen erhielt.

Die Bevölkerung der Markgrafschaft hatte in diesen Jahren sehr unter Kontributionen, Geldforderungen und Quartierlasten durchziehender Soldaten zu leiden, wobei die Truppen durch Exekutionen ihren Forderungen Nachdruck verliehen.53

Auch in Roßtal war die Not groß und man hätte annehmen können, dass ein Pfarrer, der selbst das Elend des Flüchtlings ertragen musste, mit viel Verständnis von der kleinen verbliebenen Gemeinde aufgenommen worden wäre.

Doch Pfarrer Spiegel scheint nach knapp einem Jahr seiner Amtsübernahme nicht die Sympathie der Gemeinde gewonnen zu haben; das Gegenteil war der Fall. Seine „anmaßende Art“ sind für den Richter, den Dekan in Langenzenn und vor allem für die Gemeinde, nach diesen wenigen Monaten seines Dienstes, ein ununterbrochenes Ärgernis.

Von der Gemeinde erhält er offenbar keine oder kaum eine Unterstützung, denn am 29. März 1641 schreibt er an den Markgraf Albrecht V. (1639–1667) in Ansbach, dass „… er schon drei Tage kein Brot gesehen habe“ und beklagt sich bitter über den Kastner in Cadolzburg, der ihm „…ohne Spezialbefehl des Markgrafen weder Geld noch Getreide geben wolle“.

Da er in Nürnberg wohnt, vernachlässigt er die „Kirchenarbeit“ und wenn er hier erscheint „… will er neue Ceremonia einführen“, klagt die Gemeinde.

Es kommt zu einer ersten offiziellen Aussprache mit dem Dekan, der ihn in seinem Quartier „Zur blauen Glocke“ in Nürnberg besucht und der, so die Notiz, als Zeuge für die Unterredung klugerweise den Nürnberger Bürgermeister Paul Harsdörfer bittet, daran teilzunehmen – Hier irrt der Berichter: Es muß der Ratsherr und Poet Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) gewesen sein.

Einer der Punkte, die zur Sprache kamen, betraf offenbar seine Versorgung, denn das Consistorium, das Mitteilung von diesem Gespräch erhielt, versuchte über den Markgraf eine Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage zu erreichen; 26 Gulden und ein Simra (Hohlmaß mit etwa 328 Liter) Korn soll er erhalten, so lautet die Zusage des Hofamtes.

Doch mit seiner Art des ständigen Aufbegehrens hat er nirgendwo Sympathien erworben, und der Kastner in Cadolzburg gab ihm nur drei Gulden und die zugesagte Kornmenge, gleichzeitig aber mit dem Hinweis: „… ob er gleich hundert Befehle aufbrächte, ergebe ihm nichts mehr“.

Im August 1641 legt die Gemeinde dem Amtmann in Cadolzburg eine fünf Punkte umfassende Klageschrift gegen den Magister Spiegel vor.

Er, Spiegel, habe alle Leute im Ort als nichtswürdig gescholten und in der ganzen Pfarrei, so rede er „… sei kein redliches Haupt zu finden“.

Aber es kommt noch drastischer in der Klageschrift:
An einem Sonntag nach der Predigt und dem Vaterunser will der Schulmeister, wie gewöhnlich, das Singen anfangen, aber Pfarrer Spiegel fängt von neuem an zu predigen. Die Frau des Pfarrers wirft daraufhin dem Schulmeister ihr Buch an den Kopf und ergeht sich in wilden Ausbrüchen in der Kirche.

Beim Verlassen der Kirche kommt es erneut zu Handgreiflichkeiten. Diesmal ist es der Pfarrer, der versucht, dem Lehrer ein Buch auf den Kopf zu schlagen und der so Bedrohte hob einen Stein im Friedhof auf und drohte dem Pfarrer an Gleiches zu tun. Die Pfarrersfrau, offenbar „aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihr Gatte“, begleitete die Szene mit großem Geschrei und „… schleuderte dem Lehrer entgegen, das Liebste wäre (ihr), ihm alle Barthaare auszuraufen“.

In diesem Ton setzt sich die Beschwerde der Pfarrgemeinde fort und der Amtmann will beide Parteien hören, dazu noch die Pfarrsenioren von Langenzenn und Zirndorf. So wird ein Termin im Oktober 1641 in Cadolzburg anberaumt. Bei dieser Gegenüberstellung, so die Notiz; „… beweise sich der Pfarrer ganz ungebührlich und unanständig, hält das gebotene Silentium nicht ein und verursacht ein großes Geschrei“.

Die Roßtaler bekennen sich bei der Einvernahme eidlich zu ihren Punkten in der Klageschrift und erklären, dass Pfarrer Spiegel „… ein zänkischer Kopf sei, des Umherlaufens gewohnt, der im Dorf viel Zank anrichtet“.

Hinsichtlich seiner „Kirchenarbeit“ berichten sie, dass er „… über andere Texte als das Evangelium und die Epistel redet, liest auch halbe Stunden aus den Psalmen und Propheta vor oder aus Büchern irgendwas“.

Eineinhalb Stunden stehe er auf der Kanzel, schimpfe in allen Predigen über die vorgesetzten Behörden wegen seiner geringen Besoldung, rühmt sich seines früheren großen Lohnes und klagt, dass die Roßtaler nicht genug geben; man verstehe ihn auch nicht wegen seiner fremden Sprache (Magister Spiegel war Sachse).

In den Wirtshäusern verlange er „… Trunk nach Taufen und Leichen“ und „für die Hochzeit des Schulmeisters habe er in Nürnberg, ohne dessen Wissen, eine Mahlzeit bestellt“. Kurzum, die Gemeinde möchte, dass das Kirchenamt anders besetzt werde.

Der Bericht des Amtmannes an die markgräfliche Kirchenbehörde muß entsprechend ausgefallen sein, denn er setzt noch darauf: „… auch der Kastner habe sich verschworen dem Pfarrer Spiegel kein Körnlein Getreide und keinen Pfennig Geld zu geben, so lange er Kastner sei, Spiegel müsse von der Pfarrei“.

Dem Consistorium, das immer wieder schlichtend eingreifen will und muß, werden die Ausfälle des Magisters zuviel. Immer wieder bringt er neue Klagen und Anschuldigungen vor, die sich letztlich als halt- und grundlos erweisen.

Anfang September 1642 wird ihm vom Hofamt in Ansbach die Kassation (der Entzug des Predigeramtes) angedroht und – wenige Tage später, am 10. September 1642 auch ausgesprochen.

Am gleichen Tag wird Pfarrer Martin Kettner die Pfarrstelle in Roßtal übertragen. Spiegel bittet nun um einen förmlichen Abschied aus der Gemeinde und auch um eine neue Stelle.

Wenige Tage nach seiner Amtsenthebung verklagt der streitsüchtige Pfarrer den neuen Roßtaler Schulmeister Georg Schöber, dass er widerrechtlich ein Kind getauft hätte: Bei der Untersuchung stellt sich dann heraus, dass Spiegel, bereits vor seiner Entlassung fünf Tage von Roßtal abwesend war „und im Lande herumterminierte“, also versucht hatte, anderswo unterzukommen.

In diesen Tagen hatten sich die Roßtaler „… wegen der Kriegsvölker in Wäldern und Büschen aufgehalten“ und der Schulmeister »habe, zwar ungern, aber in Gottes Namen die Tauf vorgenommen«.

Die Geduld der Ansbacher Kirchenbehörde ist zu Ende. Er wird zwar noch einmal vorgeladen, wobei die Aussprache mit den bekannten „Schmähungen“ des Magisters enden.

Er betrachte sein Predigtamt als Strafamt läßt Pfarrer Paulus Christian Spiegel dem Consistorium wissen und seine ebenso aggressive Frau zeigt sich über die Entlassung ihres Mannes aus dem Kirchendienst höchst erbost: „… alles Unglück wünsche sie noch dem Consistorium in Ansbach und dem Pfarrsenior Herbst in Zirndorf“.

Über den weiteren Lebensweg der beiden schweigen die Akten.

Der über zwei Jahre geplagte Dekan Herbst schrieb: „… er danke Gott, dass er den Pfarrer losgeworden“.

Anmerkungen:

51Matthias Simon: Ansbachisches Pfarrerbuch der evang.-luth.Geistlichkeit des Fürstentums Brandenburg-Ansbach 1528–1806 S.474, Verlag Verein für Bayer. Kirchengeschichte, Nürnberg 1956
52Archiv der Evang.-Luth. Pfarrei St. Laurentius, Roßtal, Akte Nr. 95/96
53Günther Schuhmann: Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach S. 144, Ansbach 1980


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 39 ff.