Alfred Steinheimer

Spuren nebenreformatorischer Bewegungen im 16. und 18. Jahrhundert in der Pfarrei St. Laurentius in Roßtal

Mit der Ausbreitung der Reformation bildeten sich auch eine Reihe von Nebenströmungen religiöser Bewegungen und Vorstellungen, die eigene Wege zur Erreichung ihrer Ziele suchten. Aus den verschiedenen Abzweigungen sind ein Jahr nach dem blutigen Ende des Bauernkrieges von 1525 besonders die „Täufer“ zu nennen, die hier in Franken ziemlich verbreitet waren.

Ursprünglich beeinflusst von den Sozialrevolutionären Ideen, die zum genannten Aufstand der Bauern führten, setzte sich sehr schnell der Gedanke nach Bildung einer urchristlichen Gemeinde durch, den diese, in Franken weitgehend eine „Laienbewegung“ zu nennende Gruppierung, verwirklichen wollte. Sie lehnten u. a. die Kindertaufe ab, forderten dafür die Taufe der Mündigen und wurden deshalb von ihren Gegnern als „Wiedertäufer“ bezeichnet.

Es geht im Nachfolgenden nicht um eine Darlegung theologischer Fragen oder gar deren Bewertung, sondern vielmehr um ein Aufzeigen, wie schnell geistige Strömungen sich damals auch auf dem Lande verbreiteten, obwohl ein Gutteil der Bevölkerung, ja selbst die Verbreiter dieser Ideen, kaum des Schreibens und Lesens mächtig waren.

So gab es allein in unserer mittelfränkischen Region eine ganze Anzahl von Orten wie Alterlangen, Eibach, Eltersdorf, Großgründlach, Kleinhaslach, Schalkhausen, Uttenreuth, Windsheim, um nur einige zu nennen, in denen sich täuferische Gemeinden bildeten, „die im Sinne der Bergpredigt eine gesetzliche Sittlichkeit vorsahen und in der Berufung auf eigene prophetische Erleuchtung, die Bildung eigener Gemeinden von tatsächlich Heiligen zum Ziele hatten“29.

Die Bewegung, der sich meist einfache Leute, Bauern und Handwerker anschlössen, verlor in Franken nach 1535 an Bedeutung30. Ihre Anhänger wurden von der Obrigkeit als Aufrührer verfolgt und hart bekämpft.

Im Archiv der Pfarrei St. Laurentius gibt es keine Aufzeichnungen aus dieser Zeit und auch keine Hinweise in späteren Pfarrbeschreibungen, die darüber berichten, ob es hier zur Gründung von „Täufergemeinden“ kam. Ebensowenig ist Roßtal in der hier aufgeführten Literatur genannt, obwohl wir durch das Protokoll eines Verhörs aus dem Jahre 1533, Kenntnis von einem Anhänger der Täuferbewegung in unserem Ort erhalten.31

Im genannten Jahr wird ein Jörg Lenglein „ein wiedertäuferischer Winkelprediger aus Roßstall“ in Nürnberg verhaftet und einem Verhör unterzogen, in welchem er sein Bekenntnis erklärt.

Er beteuert, dass er all sein Wissen durch eine selbst erlebte übernatürliche Offenbarung erhalten habe, so auch seine Prophezeiung von einem baldigen Ende Nürnbergs.

Endzeitliche Ankündigungen, aus Himmelserscheinungen oder außergewöhnlichen Naturereignissen gedeutet, waren damals ziemlich verbreitet und wurden, nicht nur vom einfachen, ungebildeten Volk, ängstlich aufgegriffen und geglaubt.

Jörg Lenglein erzählte dem Richter in seiner Vernehmung von einem Lindwurm, der zur Strafe Nürnbergs erscheinen wird, um jeden Tag einen Menschen zu verschlingen. Danach soll ein Prophet kommen, den man „Menschensohn“ nennen wird, der den Lindwurm tötet, um anschließend in Nürnberg zu regieren. In seinen weiteren Aussagen beschimpfte er die Geistlichkeit ob ihrer Lehre vom Abendmahl und lehnte dieses Sakrament ab.

Jörg Lenglein hatte Glück, denn seine wirren, krankhaften Darstellungen stimmten den Richter milde und anstelle einer Leibesstrafe wurde er von Stadtsoldaten außerhalb des Bereichs der Reichsstadt Nürnberg geführt. Er verlor damit das Recht, sich in Nürnberg oder der Markgrafschaft Ansbach weiter aufzuhalten.

In seinem Sendungsbewusstsein fragte er noch nach der Urteilsverkündung den Richter, ob er wiederkommen dürfe „so in got oder der Heilige Geist wieder hineinsendt“.

Im Protokoll ist die Antwort kurz und bündig vermerkt „… es sende in got oder der teufel, er solle nimmer hinein kommen“.

(Es ist nicht bekannt, wohin sich der nun heimatlose Lenglein wandte. In den Matrikelbüchern der Pfarrei, die erst mit dem Jahr 1533 beginnen, erscheint der Name Lenglein erstmals im Jahre 1560. In diesem Jahr ist die Eheschließung eines Fritz Lenglein aus Markterlbach stammend eingetragen und da dessen Vater den Vornamen Hans führte, lassen sich keine direkten Beziehungen zu Jörg Lenglein, dem Täuferprediger aus Roßtal ableiten.)

Rund 150 Jahre später begründete 1675 der evangelische Theologe Philipp Jakob Spener in Frankfurt am Main mit der Herausgabe einer Schrift „Pia desideria“ eine Bewegung innerhalb des Protestantismus zur Wiederbelebung der Frömmigkeit und des werktätigen Glaubens.

Mit Spener und anderen Theologen, die an der 1694 gestifteten kurbrandenburgischen Universität Halle lehrten, gewann die neue pietistische Bewegung, die ihren Namen von „piètas“ gleich Frömmigkeit ableitete, schnell an Bedeutung und fand weite Verbreitung. Wenig später wurde sie allerdings von den orthodoxen Theologen der Wittenberger Schule32 bekämpft. Anhänger dieser pietistischen Ideen lassen sich in Roßtal nachweisen.

Es sind die jeweils auf der zweiten Pfarrstelle eingesetzten Geistlichen, damals Diakone oder Kapläne genannt, Johannes Strebel (1698–1703) und Johannes Balthasar Geyer (1703–1723), denen „pietistische Absichten“ vom Pfarrer Magister Ernst Georg Schülin (1697–1731) zum Vorwurf gemacht werden.

Man mag sich fragen, wie es dazu kommen konnte, dass in einer Pfarrei zwischen den amtierenden Geistlichen Unterschiede in der Lehrmeinung und deren Verkündigung bestanden. Ein Grund mag im Altersunterschied der genannten Kapläne zum Lebensalter des Pfarrers zu sehen sein.

Johannes Strebel war 10 Jahre und Johannes Balthasar Geyer 19 Jahre jünger als Schülin; beide Kapläne haben ihre Ausbildung zu einer Zeit erfahren, als nicht nur in Halle, sondern auch an manch anderen Universitäten neue Gedanken und theologische Erkenntnisse gelehrt wurden.

(Schülin, der 1. Pfarrer studierte in Straßburg, erwarb dort den Grad eines Magisters, damals gleichzusetzen dem Grad eines Doktors der Theologie und gehörte, wie auch die Leitung des Consistoriums in Ansbach, der orthodoxen Wittenberger Richtung an.)

Die Akten im Archiv geben leider nur Kenntnis von den Bezichtigungen des Pfarrers, Stellungnahmen der Kapläne, so es solche gegeben hat, finden sich hier nicht. Im Falle des Kaplans Strebel, der vom Consistorium als „ein feiner, gescheiter Mensch“ beurteilt wurde, können gewisse Aversionen des Pfarrers gegen Strebel nicht ausgeschlossen werden. Sie rühren von einer recht eigenmächtigen Aufteilung des Pfarreinkommens her, wobei Schülin, gegen den Protest seines Kaplans, diesen nur mit einem Drittel bedachte. Schülins Vorwürfe gegen Strebel bezüglich pietistischer Äußerungen, die er nicht näher beschreibt, sind deshalb mit Vorbehalt zu werten.

(Strebel starb bereits im Jahre 1703 und trotz mancher Meinungsverschiedenheiten mit Pfarrer Schülin, hat dieser seinem Kaplan im Sterbebuch in überaus ehrenden Worten einen Nachruf gewidmet).

Schwerwiegender sind jedoch die Auseinandersetzungen mit dem Nachfolger Strebeis, dem vorher in Rügland eingesetzten Pfarrer Johannes Balthasar Geyer.

Was wir über seine Anhängerschaft zur pietistischen Idee erfahren, ist dem Entwurf eines Schreibens33 zu entnehmen und Auszügen aus einer Pfarrbeschreibung34.

In dem genannten Konzept, das, wie nachzuvollziehen ist, auch in Reinschrift abgesandt wurde, trägt Pfarrer Schülin am 16. September 1711 dem Consistorium in Ansbach eine zehn Punkte umfassende Beschwerde gegen den Kaplan Geyer vor.

Aus dem schwer leserlichen Entwurf seines Briefes seien nur zwei Punkte angeführt: So dieser, dass Geyer zu einer Frau mit einem kranken Sohn gesagt hätte: „… es sey nicht nötig, dass ein Kranker das Hl. Abendmahl empfange, wann er nur gut Gedanken habe“ und dass der Dekan zu Langenzenn den Pfarrer von Zirndorf gewarnt habe: „… er solle sich wohl vor dem Caplan wegen des suspierten (verdächtigen) Pietismus in acht nehmen“.

Fündiger sind die Consistorialakten, die Pfarrer Johannes Grün (1903–1920) einsah und auswertete.

Demnach war Kaplan Geyer schon 1709 bezichtigt worden, den „pietistischen Schwärmern“ anzugehören und sich mit einem Kreis aus Zirndorf in Roßtal im Kaplanshaus zu treffen. Er nahm sich auch einer inhaftierten Schweizerin, verjagten Fürther Pietisten und des aus Etzelwang vertriebenen Pfarrers Caspar Gipser35 an, dem er tagelang Aufenthalt bot. Seinen „Domestiken“ (Hausangestellten) soll er „pietistische Prinzipien“ beigebracht haben und den abgesetzten Pfarrer Gipser führte er bei der adeligen Familie von Furtenbach auf dem Schlosse ein, wo „andächtige Betstunden“ gehalten wurden, wobei „die Mägde Psalmen lernen und hersagen mussten“.

Gedanken des Pietismus scheinen in der Gemeinde aber weit mehr verbreitet gewesen zu sein, als es die einzelnen Aktennotizen erkennen lassen. Wie sonst hätte Kaplan Geyer auf der Kanzel, nach den Darstellungen des Pfarrers, seines Vorgesetzten, „Schwärmerreden“ führen und außerdem verkünden können, dass „… es nicht studierte und gelernte, sondern vom Heiligen Geist eingegebene Predigten seien, von der rechten Art von Erleuchtung herrührend, die anderen seien Buchstäblerei, Schriftlerei“.*

Nach dem schon erwähnten Beschwerdeschreiben des Pfarrers wird 1711 Kaplan Geyer zum Consistorium nach Ansbach zitiert, wobei dort nach seiner Einvernahme festgestellt wird, dass „… er in der Lehre und im Leben nichts Verdächtiges auf sich kommen ließ, sodass er verwarnt wurde, seine Ankläger (!) aber einen scharfen Verweis erhalten“.

Zehn Jahre später, im Jahre 1721 werden erneut Klagen über ihn laut, nämlich, dass er „persönliche, expressiones (Ausdrücke) auf der Kanzel vorbringe und wird ihm unanständiges Reden verwiesen“.

Im Jahre 1723 wird durch das Ableben des Pfarrers in Büchenbach bei Roth die Stelle frei und das Consistorium überträgt Kaplan Geyer die Pfarrstelle. Sein Roßtaler Pfarrer Ernst Georg Schülin, offenbar froh über seinen Weggang, bat das Consistorium in Ansbach, auf den Kaplan einzuwirken, dass er in seiner Abschiedspredigt „… nichts Anzügliches vorbringe und in Liebe und Güte wegzukommen suche“ was auch geschah. Die Auszüge, die Pfarrer Johannes Grün (siehe Fußnote 34) aus den Consistorialakten fertigte, enden mit dem Vermerk, dass die Idee des Pietismus in Roßtal hauptsächlich bei den Adeligen und den markgräflichen Beamtenfamilien Eingang gefunden habe, da diese ohnedies häufig Gegner des Pfarramtes waren.

Pfarrer Grün zählt dafür Gründe auf, die aber wohl kaum dazu geführt haben, dass sich jemand einer besonderen religiösen Richtung anschließt. So meint er, dass der genannte Personenkreis sich hinsichtlich der Kirchenstühle, der Begräbnisse und der Casualien besondere Vorrechte anmaßte, welche nicht immer zugestanden werden konnten.

Im Heimatbuch der Gemeinde Büchenbach36 ist dem ehemaligen Roßtaler Kaplan, nun Pfarrer Johannes Balthasar Geyer, ein Aufsatz gewidmet, der alles andere als einen rechthaberischen Besserwisser oder gar einen Anhänger einer vom Lehramt abweichenden Richtung beschreibt.

Geyer wird als geistig regsamer Mann genannt, der die Eintragungen im Traubuch mit selbstverfassten lateinischen Versen beginnt und der gelobt wird „… dass (er) seine Kirchenbucheinträge mit großer Gewissenhaftigkeit und ordentlicher als seine Vorgänger vollzogen hat“.

Pfarrer Johannes Balthasar Geyer starb am 20. Februar 1734 in Büchenbach**, wo er auch begraben wurde.

Nach Karl Heussi (siehe Fußnote 29.) zog sich die pietistische Bewegung auf religiöse Gesinnungsgemeinscnaften zurück und weiter: „Mit seiner lebendigen Frömmigkeit und seiner seelischen Vertiefung hat der Pietismus seiner eigenen und der folgenden Zeit ungemein Wertvolles gegeben“; allerdings hat er auch „die dogmatische Indifferenz begünstigt und dadurch die Aufklärung unmittelbar angebahnt“.

Anmerkungen:

29Karl Heussi: Kompendium der Kirchengeschichte S. 327, J. C. B.Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1979
30 Günther Bauer: Anfänge täuferischer Gemeindebildungen in Franken S. 175, Verein für Bay. Kirchengeschichte, Nürnberg 1966
31 Hans Kreutzer/Gottlieb Schwemmer: Tausend Jahre Roßtal S. 41; Festschrift, 1955
32 Verfasser siehe unter Fußnote 29, S. 395/401
33 Archiv der St. Laurentius-Pfarrei, Roßtal, Akte Nr. 23
34 ebenda, Akte Nr. 96
35 Andreas Würfel: „Verzeichnis der Herren Geistlichen Nürnbergs…“ 1759 (Aus einer Ablichtung, die dankenswerterweise das Landeskirchl. Archiv in Nürnberg auf Anfrage übersandte).
* Geyer verwies damit wohl auf den letzten Punkt der sechs Reformvorschläge umfassenden Schrift „Pia desideria“ des Jakob Spener: „… die Predigt sei nicht rhetorisch, sondern erbaulich“
36 Martin Weiß: Büchenbacher Geschichten, 1991, S. 166
**Alle Daten der evangelischen Geistlichen sind entommen aus Matthias Simon: Ansbachisches Pfarrerbuch von 1528 –1806, Bay. Kirchengeschichte, Nürnberg 1955


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 29 ff.