Alfred Steinheimer

Mehr als ein Sturm im Wasserglas

Die nachstehend erzählte Begebenheit aus den Jahren 1722/23 zeigt, wie behördlichen Anordnungen über die Zeiten hinweg oft ihren Sinn verlieren aber, zum Ärger der Betroffenen, nicht aufgehoben werden.

In dem Streitfall, der sich erst zwischen dem Roßtaler Schulmeister und dem Mesner auf der einen und den Buchschwabacher „Heiligenpflegern“ Johann Gaßner und Johann Satzinger auf der anderen Seite abspielte, gerieten aneinander schnell der Roßtaler Pfarrer Ernst Georg Schülin als „Arbeitgeber“ der Erstgenannten und der das Richteramt innehabende Johann Gottfried Rötter, als Vertreter der markgräflichen Obrigkeit.

Die Ursachen der Auseinandersetzung mögen vielfältiger gewesen sein als es die Akten wiedergeben und es scheint, dass sich im Laufe der Jahre mancher Unmut angestaut hatte, der nun zum Ausbruch kam.

Es begann damit, dass rund zwanzig Jahre vorher, im Jahre 1699, auf Drängen der Buchschwabacher beim Dekanat Langenzenn, gegen den Willen des Roßtaler Pfarrers, aber sicher weit mehr noch gegen den Widerstand des Roßtaler Schulmeisters Johann Caspar Beuerlein (1665–1708), die Genehmigung zum Bau einer Schule erteilt wurde.

Die Einwände des damaligen Roßtaler Lehrers, der anders als sonst die Dorfschulmeister, über eine höhere Bildung verfügte und eigentlich Lehrer an einer „Lateinischen Schule“ hätte sein können, waren verständlich.

Wie alle Schulmeister, so war auch Beuerlein nicht mit Wohlstand gesegnet und mußte nun Einbußen an Schulgeld hinnehmen, das die Buchschwabacher ihrem Lehrer am Ort bezahlten. Da der Buchschwabacher Lehrer über den Schulunterricht hinaus noch den Mesnerdienst versah und dafür Abgaben bei den Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen erhielt, ebenso bei der Kirchweih, wurden dem Roßtaler Schulmeister, der diese Dienste zum Teil vorher wahrnahm, auch diese Einkünfte entzogen.

So ist es verständlich, dass der Pfarrer und der Lehrer Beuerlein sich über die Einrichtung der Schule in Buchschwabach beschwerten, war doch die Abgabe der oben genannten „Gebührnisse“ seit ältesten Zeiten für den Roßtaler Schulmeister Teil seines Gehalts, das nun durch den Pfarrer hätte anderweitig ausgeglichen werden müssen.

Über die genannten Abgaben hinaus gab es noch zwei, ebenfalls seit uralten Zeiten geübte Bräuche, nämlich die Abgabe der „Läutgarben“ und das Essen am Kirchweihtag Maria-Magdalena (22. Juli) und am Stefanitag (26. Dezember).

Es war so üblich, dass der Mesner für das Läuten der Glocken von allen Bauern jährlich eine Garbe erhielt und zu den aufgeführten Feiertagen eine Mahlzeit oder 30 Kreuzer. Dem Lehrer als Kantor wurden darüberhinaus für den Gesang beim Gottesdienst sechs Kreuzer noch extra aus der Kasse der Heiligenpfleger ausgezahlt.

Der Brauch, der „Läutgarben“ war nicht nur in Roßtal üblich, sondern weit verbreitet. Es ist allerdings bekannt, dass die Buchschwabacher Bauern schon im Jahre 1531 mit dem Roßtaler Mesner deswegen Ärger hatten.

Es spricht für den Langmut der Buchschwabacher, dass sie nach dem Bau der Schule und der dadurch entstandenen Verpflichtung, einen eigenen Lehrer zu unterhalten, dem Roßtaler Mesner die Läutgarben weiter abgaben, ebenso konnte der Roßtaler Schulmeister, wie gewohnt, zusammen mit dem Pfarrer am Essen an den genannten Feiertagen teilnehmen.

Im Jahre 1722 war dies den Buchschwabachern aber zuviel. Sie sahen nicht mehr ein, den eigenen Schulmeister, damals Peter Schwalber, ehemals Pächter des Wirtsgutes, heute Gaststätte „Rotes Roß“, unterhalten zu müssen, der zudem gerade ein höheres Schulgeld von den Kindern forderte und gleichzeitig dem Roßtaler Kantor Georg Krobe und dem Mesner Barthel Müller Abgaben zu entrichten. (Lehrer Beuerlein erlebte diesen Höhepunkt der Streitigkeiten nicht mehr; er verstarb bereits 1714).

Aus der erst verbalen Auseinandersetzung wurde schließlich eine hochoffizielle schriftliche und jede Seite versuchte aus ihrer Sicht dem Consistorium in Ansbach das Problem vorzutragen, in der Erwartung einer gerechten Entscheidung.

Der Roßtaler Pfarrer, der mit seinen Zehnteinnahmen den Mesner, den Schulmeister, den zweiten Pfarrer, sowie alle kirchlichen Gebäude zu unterhalten hatte, verwies auf den seit ältesten Zeiten geübten Brauch der „Läutgarben“ und der sonstigen Abgaben hin, vielleicht insgeheim befürchtend, dass bei einer Aufhebung der Buchschwabacher Abgaben durch hochfürstlichen Entscheid, auch die anderen „Kapellenorte“ Buttendorf und Weitersdorf, mit ähnlichen Einwendungen kämen.

(Die Finanzlage der Kirchenstiftung in Roßtal war zu dieser Zeit äußerst angespannt, wie die Kirchenrechnungen zeigen. Die Pfarrei musste Kredite aufnehmen, um die Schäden durch Blitzschlag und Brand beheben zu können).

Pfarrer Schülin legte dem Consistorium in Ansbach seine Rechtsauffassung vor und schrieb: „Die sogenannten Läutgarben belangend, so ist es vernünftig zu schließen, dass der Mesner der Hauptkirch mehr Revenuen (Einkünfte) haben muss, als der Mesner einer Filialkirch und folglich man nicht befugt ist der Hauptkirch ihr Recht zu nehmen und sie einem Bediensteten der Filialkirchen zu geben und überdies der Mesner in Roßstall ein schwer Geläut hat und die Läutgarben auf Befehl gnädiger Herrschaft zu seiner Besoldung Consignation (Festlegung) sind angeordnet worden. Zudem ist es keine Frage, dass wo Kirchen und Glocken vorhanden, auch Läutgarben hinzugehören, zumalen von den Buchschwabachern niemalen zu erweisen sein wird, dass sie dem Roßstaller Mesner die Läutgarben nicht gegeben, noch viel weniger, dass ihm solche nicht gebühren“.

Die Buchschwabacher Heiligenpfleger, die den Roßtaler Mesner Barthel Müller, der seine Läutgarben einsammeln wollte, mit leeren Händen heimschickten, beharrten auf ihrem Standpunkt. Sie erklärten, dass sie mit großen Kosten die Schule errichtet und auch eine Glocke für die Kirche angeschafft hätten und Ausgaben darüberhinaus nicht mehr tragen wollten.

Trotzig ließen sie verlauten: „Lieber wollten sie ihrem Schulmeister Peter Schwalber die doppelte und dreifache Menge der Läutgarben zukommen lassen, aber dem Roßstaller Mesner seien sie nichts schuldig“.

Am 19. Oktober 1722 baten daraufhin der Roßtaler Mesner und der Schulmeister den markgräflichen Richter Johann Gottfried Rötter um Hilfe.

Der die „Staatsmacht“ vertretende Beamte fertigte eine Niederschrift über den Streitfall und im Begleitschreiben an das Consistorium in Ansbach verwies er sorgenvoll auf die Entwicklung der eskalierten Angelegenheit hin: „… man darf nun nicht mehr säumen die Sache mit einem Ernst anzusehen sonst werden die Bauern unsere Herren“.

Bei der vorausgegangenen mündlichen Auseinandersetzung zwischen den Buchschwabachern und den beiden Roßtalern, dem Schulmeister und dem Mesner, wurden offenbar „deftige“ Ausdrücke gebraucht, die der Richter zwar nicht schriftlich wiedergeben wollte, wohl aber Wert darauf legte, dass sie dem Consistorium bekannt wurden.

So fuhr er in seinem Schreiben fort: „… Donnerstag soll die Frau Schulmeisterin mit dem Mesner gleichwohl nacher Ansbach gehen und dasjenige, was sich nicht wohl schreiben lasset, dem hochfürstlichen Consistoirium mündlich vortragen“.

Wie wichtig dem Richter das Ganze schien, lässt sich aus der Abfassung seines Schreibens ersehen; neben der Unterschrift und der Angabe des Datums setzte er: „nachts 10 Uhr“. Der hier zugängliche Schriftverkehr lässt keine Entscheidung des hochfürstlichen Consistoriums erkennen.

Es scheint aber, dass die Buchschwabacher keinen Erfolg mit ihrer Klage hatten und dass der Brauch der Abgaben für die beiden Roßtaler Kirchenbediensteten beibehalten wurde.

Dass es so wohl gewesen sein muss, zeigt die Überreaktion der Buchschwabacher Heiligenpfleger, die, an der Gerechtigkeit zweifelnd, nun auch an den uralten Brauch rüttelten, der darin bestand, dass der Pfarrer zu den Gottesdiensten nach Buchschwabach mit einem Pferdegespann abgeholt und wieder heimgefahren werden musste.

Die Diskussionen über diesen Punkt zogen sich mit wachsender Heftigkeit über lange Jahre hin und eine gerichtliche Entscheidung darüber fiel erst in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Quellen:

Archiv St. Laurentius, Akten-Nr. 142, 151, 325


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 63 ff.