Alfred Steinheimer

„… sie gleicht von innen einer Bruchhütte“

Die Rettung der Weitersdorfer Kapelle im Jahre 1829

Der Ortsteil Weitersdorf der Marktgemeinde Roßtal konnte im Jahre 1987 auf 750 Jahre seiner ersten urkundlichen Nennung zurückblicken. Heute von der fortschreitenden Bebauung umrahmt, noch bis vor 50 Jahren fast allein auf einer Anhöhe am Dorfrand stehend, zeigt sich in eigenartigem Reiz die das Patrozinium des Hl. Aegidius tragende Kapelle.

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Weitersdorf war sicherlich Sitz des in der Urkunde von 1234 genannten Ritters Burchard von Witansdorf, und die Kapelle dürfte zu dem Burgsitz gehört haben, von dem heute keine Spuren mehr Zeugnis geben. Das Kirchlein war ursprünglich wesentlich kleiner und erfuhr erst um 1828/29 eine Verlängerung um den heutigen Altarraum; Stilelemente verweisen indes Teile des Baues in das 13./14. Jahrhundert. Einen Vorgängerbau hat es, nach heutigem Wissensstand, nicht gegeben, da bei Grabungsarbeiten, an denen auch der Verfasser teilnahm, weder Brand- noch Bauspuren sich zeigten.

Inwieweit bis zum Jahre 1767 bauliche Instandsetzungen nötig waren und auch vorgenommen worden sind, ist nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, daß in dem genannten Jahr der markgräfliche Bauinspektor Johann David Steingruber eine Besichtigung vornahm und dringende Baumaßnahmen empfahl, die aus Geldmangel nur teilweise ausgeführt werden konnten. So mußte der baufällige im Ostteil der Kirche bestehende und den Dachfirst beachtlich überragende Turm verkürzt und das Dach ausgebessert werden. Dann geschah offensichtlich bis zum Beginn des l9. Jahrhunderts nichts mehr und wie dem Nachstehenden entnommen werden kann, kommt es fast einem Wunder gleich, daß die Ägidiuskapelle in Weitersdorf heute noch steht.

Es ist der Initiative des Kaplans August Gustav Herrnbauer (1808–1818), zu verdanken, der die 2. Pfarrstelle in Roßtal innehatte und damit auch die kirchliche Betreuung der Weitersdorfer, der in einem Brief an die königl. Stiftungsadministration Fürth eindringlich den Bauzustand der Kapelle schildert.

Er beginnt sein Schreiben damit, daß, obwohl schon mehrfache Berichte an die königl. Bauinspektion gesandt wurden, über die vielen Jahre nichts geschah. So zählt er die Schäden auf: „... die Kirche zerfällt von Jahr zu Jahr immer mehr und sie gleicht von innen einer Bruchhütte“ und weiter: „… der Dachstuhl ist verfault, die Bretter des Bodens sind zum Teil so schadhaft, daß man Gefahr läuft herabzustürzen, kurz es ist ein Gebäude ohne Fenster und Türen, das mehr nur von außen das Ansehen einer Kirche hat“. Herrnbauer schließt seinen Brief damit, daß, da jeder, der die Kirche betritt, um sein Leben besorgt sein muß, entweder in einem Vierteljahr die Hauptschäden ausgebessert oder daß diesem Gebäude eine andere passendere Bestimmung angewiesen werden möchte.

Im Antwortschreiben der Stiftungsadministration, das schon kurz darauf in Roßtal eintrifft, gibt man sich höchst erstaunt darüber, daß das Kirchlein baufällig sein soll, verpflichtet den Kaplan, „Recherchen“ anzustellen, aus welchen Mitteln früher der Unterhalt geschah, außerdem soll Herrnbauer mit dem Gemeindevorsteher verhandeln „und die Stimmung in der Gemeinde erforschen, “ welcher Beitrag geleistet werden würde. Der Kaplan solle weiter „… von billigen Handwerksleuten genaue Anschläge fertigen lassen“ - und - wie hätte es bei einer Behörde anders sein sollen - „… solche in duplo ausfertigen an die Administration einsenden“.

Über die nachfolgenden Verhandlungen liegen hier keine Unterlagen vor. So erfahren wir auch nicht, was die Dorfbevölkerung veranlaßte, auf die Kirche zu verzichten. Am 4. Mai 1818 findet die Versteigerung des Gebäudes statt, fünf Angebote liegen vor und den Zuschlag zum Abbruch der Kirche erhält der Bauer Johann Schumann. Sein Angebot lautete über 350 Gulden. Noch im gleichen Jahr mußte der Turm abgetragen werden und es schien, als sei damit das Ende der Weitersdorfer Kirche besiegelt.

Das königl. Landgericht in Cadolzburg schrieb am 25. Mai 1819, daß die Kirchweihpredigt künftig der Kaplan in Roßtal halten soll, dafür soll er 2 Gulden von den Zinsen des durch die Versteigerung eingegangenen Kapitals erhalten, der gegenwärtige Kantor solle jeweils an diesem Tag 56 Kreuzer und der Mesner 5 Kreuzer aus dem Klingelbeutel beziehen.

Man mag sich heute fragen, warum wohl von der Pfarrei und den Weitersdorfer Bewohnern dem Kirchlein, in das sich in einer Zeitspanne von über 20 Generationen die Gemeinde zum Gottesdienst versammelte, so wenig Aufmerksamkeit zukam, daß es verfiel. Gewiß, es waren Kriegs- und Notzeiten zu überstehen, aber nicht selten haben nach Zerstörungen der Kirchen die Dorfgemeinschaften alles aufgeboten, um wieder ein Gotteshaus zu besitzen.

Mußte es erst bis zum Abbruch bzw. der Aufgabe des Bauwerks kommen, bis man merkte was man verloren hatte?

Es scheint so, denn knapp 10 Jahre später bitten die Ortseinwohner die königl. Regierung in Ansbach um die Genehmigung zum Wiederaufbau, die gewährt wird, und die Weitersdorfer versichern, daß sie auch ferner den Unterhalt der Kirche übernehmen werden. Es ist schon eigenartig, daß es nie zu einem vollkommenen Abbruch der Kirche und zu einer anderen Verwendung des Baumaterials kam, obwohl man den nicht geringen Betrag von 350 Gulden dafür bezahlte. So konnten die Bauarbeiten unter der Beibehaltung der noch erhaltenen Außenwänden vorgenommen werden, wobei allerdings der Turm nicht wieder errichtet, sondern durch ein Glockentürmchen als Dachreiter ersetzt wurde.

Aus den in der Pfarrei vorhandenen Akten über die Kirche in Weitersdorf geht nicht hervor, mit welchem finanziellen Aufwand die Gemeinde den Wiederaufbau durchführte. Nach Abschluß der Arbeiten bat die Gemeindeverwaltung die Regierung in Ansbach, daß am 6. Sept. 1829 die feierliche Einweihung mit Kirchweihpredigt stattfinden möge, was das Consistorium auch zusagte und den Dekanatsverweser Esper in Zirndorf anwies „… alles zu unternehmen was hierfür erforderlich sein sollte“.

Über den Ablauf der Feier, die am genannten Tag durch den 2. Pfarrer Heinrich Großmann (1828–1833) vorgenommen wurde, gibt ein Protokoll Auskunft. Um 9.00 Uhr bewegte sich ein feierlicher Prozessionszug vom Gasthaus Kreißelmeier zur Kirche. Nach dem Lied: „Nun danket alle Gott“ weihte der Pfarrer das Kirchlein und dankte in seiner Predigt über das der Bibelstelle l. Mos. 28. 17 entnommene Wort „Wann wird das Gotteshaus für uns eine Pforte des Himmels sein?“ allen, die zur Wiederherstellung und Zierde der Kirche etwas beigetragen hatten. Das Consistorium in Ansbach, das um die Übersendung des Protokolls des Weiheaktes bat, erteilte Pfarrer Großmnamm eine Belobigung.

Nach dem Wiederaufbau der Kirche mußte der Wirt Kreißelmeier, wie das Landgericht in Cadolzburg verfügte, wieder die Abgabe an die Pfarrei abführen, die nach dem Verkauf der Kapelle eingestellt wurde. Es handelte sich um eine Art Steuer, die, einem alten Recht zufolge, der Pfarrei zustand. Der Wirt mußte jährlich 5 Gulden 30 Kreuzer zahlen, die mit den Zinsen aus der Verkaufssumme der Kirche von 350 Gulden für die Bestreitung der Gebühren für den Pfarrer, dem Lehrer und zur Anschaffung von „Kirchengerätschaften“ verwendet werden sollten.

Mehr als 150 Jahre sind seit dieser Zeit vergangen und die Kapelle in Weitersdorf, die gottlob nicht abgebrochen sondern mit großem finanziellen Aufwand von den Ortsbewohnern wiederhergestellt wurde, ist den nachfolgenden Generationen so erhalten geblieben.

Getreu ihrem Versprechen aus dem Jahre 1829 hat die Gemeinde über die Jahrzehnte hinweg die Kapelle in einem guten Zustand gehalten. Mit der Eingemeindung im Jahre 1978 ist die Verantwortung für die Erhaltung dieses historischen Bauwerks, das in Teilen weit ins Mittelalter zurückreicht, in die Zuständigkeit der Marktgemeinde Roßtal übergegangen.

Quellen:

Archiv der Evang.-Luth. Pfarrei St. Laurentius, Roßtal, Akte o. Nr.: „Geschichte der II. Pfarrstelle, ihre Funktionen, Filialen etc.“

Literatur:

Dieter Koerber: „150 Jahre erneuerte Kirche in Weitersdorf“ Heft Nr. l/1980 „Roßtaler Heimatblätter“
August Gebessler: „Stadt und Landkreis Fürth“ Deutscher Kunstverlag München, 1963
Helmut Mahr: „Festschrift - 750 Jahre Weitersdorf“, 1985