Alfred Steinheimer

Der Wohnzimmerofen des Pfarrers

Uns Franken mag man manche Eigenart nachsagen, eine aber sicherlich nicht, nämlich die, dass wir dazu neigen, leichtfertig Geld auszugeben. Der Franke gilt vielmehr als arbeitsam und sparsam. Die Eigenschaft, Ausgaben wohlüberlegt zu tätigen, war vor mehr als 150 Jahren, als die Bevölkerung noch mehrheitlich in der Landwirtschaft tätig war und jeden Kreuzer dreimal umdrehen musste, bevor er ausgegeben wurde, wesentlich ausgeprägter als heute. Zu dieser Zeit, genauer gesagt in den Jahren 1834/37, trug sich die nachfolgende Geschichte zu, die als Beispiel einer allerdings schon nicht mehr als sparsam zu bezeichnenden Haltung gelten mag.

Im April 1834 wurde Pfarrer Dr. Karl Heinrich Dambacher aus Oettingen auf die 2. Pfarrstelle in Roßtal berufen und schon bei seinem Einzug reklamierte er den „bußfertigen“ Zustand, wie er es nannte, des Ofens in der Wohnstube des zweiten Pfarrhauses.

Der damalige „Stiftungspfleger“ sagte eine Reparatur des Ofens zu, aber er verstarb und der Ofen blieb so wie er war. Als im Herbst des gleichen Jahres die Zeit gekommen war, die Wohnräume beheizen zu müssen, bestätigten sich die Befürchtungen des Pfarrers. Für die sparsamen Bauern und Handwerker, die der Kirchenverwaltung angehörten, war dies aber noch lange kein Grund, einen Hafner und Ofensetzer mit der Instandsetzung zu beauftragen. So besorgte sich der Pfarrer Lehm und füllte die offenbar schon recht weiten Fugen der Ofenkacheln damit aus. Aber es half nichts, wie Pfarrer Dambacher schrieb: „… weil der Lehm, wenn er dürr geworden wieder herausfiel und von der Expansionskraft, welche die Wärme hat, die Sprünge beim Einheizen immer weiter auseinander trieben“.

Auch als der Kaminkehrer vor Beginn der Heizzeit im Jahre 1836, also schon zwei Jahre später, die Feuergefährlichkeit des Kachelofens feststellte und der Pfarrer erneut bei der Kirchenverwaltung schriftlich und mündlich um Abhilfe bat, war diese zu keiner Ausgabe zu bewegen, obwohl beim Heizen, wie der Pfarrer schilderte „… die Wohnstube bereits rauchgefüllt war“.

Des Reklamierens müde, schritt er zur Tat und beauftragte im Oktober 1837 den Nürnberger Töpfermeister Johann Friedrich Güttner einen neuen Ofen zu setzen, der etwas ganz Besonderes gewesen sein muss.

Voller Begeisterung beschrieb der Pfarrer das „Wunderwerk“, das „… sowohl den Bedürfnissen der Gegenwart als auch der Zukunft genügen kann und alle Vorteile der Wissenschaft und der Erfindung in seiner Konstruktion in sich vereinigt.“

Das so beschriebene technische Wunder kostete dementsprechend auch 48 Gulden und 12 Kreuzer, rund 12 Gulden mehr als ein „eisener“ Ofen. Mit dieser Ausgabe, die der Pfarrer ersetzt haben wollte, beginnt das zweite Kapitel dieser Geschichte.

Schon unmittelbar nach der Errichtung des Ofens müssen von der Kirchenverwaltung Einwände gegen die Erstattung der Kosten vorgebracht worden sein, wohl auch Vorwürfe, warum der am Ort ansässige Hafner Kreuzberger nicht beauftragt wurde, wie aus den Schreiben zu entnehmen ist, die der Pfarrer der Kirchenverwaltung vorlegte, „um wieder zu seinem Geld zu kommen“.

In einem über zehn Seiten umfassenden Brief an die „sehr verehrliche Kirchenverwaltung von Roßstall“ stellt er die Argumente für sein eigenmächtiges Handeln dar und war auch bereit, einen Betrag von fünf Gulden für das „Bratrohr“ selber zu zahlen.

Im gleichen Schreiben machte er der Kirchenverwaltung einen Zahlungsvorschlag, der kaum ernstgemeint sein konnte, da er schreibt: „… dass dieser Vorschlag der verehrlichen Kirchenverwaltung angenehm sei und den Mitgliedern ein freundliches und beifälliges Lächeln abgewinnen möchte“.

Sein Vorschlag ging dahin, die Kirchenverwaltung möchte über alle seine Rechte aus der Gemeindekasse und den Naturalien verfügen, über „Neujahrs- und Kirchweihgelder“, über „Kirchweihküchlein und Hochzeitsbroten“ über „Eier, Schmalz, Fleisch und Metzelsuppe“ wie er sie vom Schwalbenhof bis zur Mühle von allen Bewohnern, ca. 890, beziehe.

Nach dieser Aufzählung schließt er das umfangreiche Schreiben damit, dass daraus zu ersehen sei, dass er nicht „filzig“ wäre und er erwarte, dass die Kirchenverwaltung in ihrer Generosität ihm nicht nachstehen wolle.

Der Appell an die Großzügigkeit der Stiftungsverwaltung verhallte indes erfolglos. In den Kirchenrechnungen der Jahre 1837/39 sucht man unter der Rubrik „Ausgaben“ vergebens eine Notiz über die Einrichtung eines neuen Kachelofens im zweiten Pfarrhaus. So ist wohl anzunehmen, dass Pfarrer Dambacher das von ihm so gepriesene Wunderwerk von einem Ofen selber zahlen musste.

(Nachtrag: Pfarrer Dr. Karl Heinrich Dambacher, der erst in Roth, dann als zweiter Pfarrer in Roßtal wirkte, war unverheiratet. Seinen Haushalt führte seine Schwester. Er verließ 1849 krankheitshalber die Pfarrei und trat als 47-jähriger in den Ruhestand. An einer fortschreitenden Nervenkrankheit leidend, ließ am 22. Dezember 1867 sein Vormund allen Freunden und Verwandten wissen, dass Pfarrer Dambacher in der Nervenheilanstalt in Erlangen verstorben sei.

Über sein studentisches Leben in Erlangen verfasste ein Anonymus einen Schwank mit dem Titel: „Fata aus Hans Buckels Leben“ Das Büchlein erschien im Jahre 1832 im Verlag Carl Heyder in Erlangen).


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 72 ff.