Alfred Steinheimer

Die ungeliebte Zuwendung

Geschenke – und wenn sie in noch so gutgemeinter Absicht ausgewählt werden – lösen nicht immer die vom Schenkenden erhoffte Freude beim Beschenkten aus. Wie reagiert in einem solchen Fall der Überraschte? Das Zugedachte abweisen, wäre für den, der etwas Gutes tun wollte verletzend, also erfordern es die Umgangsformen, dass man sich bedankt, wobei vielleicht schon Gedanken gewälzt werden, wohin wohl mit dem Präsent.

So oder ähnlich mag es im Jahre 1709 auch dem Pfarrer Ernst Georg Schülin ergangen sein, als er, die sicher mit Bedacht ausgesuchten Zuwendungen eines Mannes entgegennahm, der sich für das ihm in langen Jahren der Fremde zuteil gewordene Glück dankbar erweisen wollte.

Es war der Kaufmann Georg Drach, der 1664 in Roßtal geboren und getauft wurde und der im Jahre 1708, nach einem 12-jährigen Aufenthalt in Ostindien, nach Nürnberg, seinem Wohnort, zurückkehrte.64

Es ist leider nicht vermerkt, wo und in welchen Geschäften er in der Fremde tätig war. Sein Bruder Pankraz lebte in Großweismannsdorf und war dort „Zolleinnehmer“65. So bestand trotz der langjährigen Abwesenheit noch eine Verbindung mit seinem Geburtsort Roßtal. (Aus dem Sterbebuch ist überdies ersichtlich, dass Georg Drach im Jahre 1731 auch bei diesem Bruder lebte, dort verstarb und in Roßtal seine letzte Ruhestätte fand).

Drachs Geschenk für die Roßtaler Pfarrkirche bestand zum einen aus einem sechsschenkeligen Leuchter aus Messing „20 Pfund schwer“, wie im Inventarverzeichnis vermerkt ist, und zum anderen aus einer Art Messgewand, aus schwarzem Damast gefertigt, das goldene Schulterschließen besaß sowie mit goldenen Tressen verziert war. Zu diesem liturgischen Kleidungsstück kam noch ein weißer Chorrock und eine weiße Kappe.

Es ist die letztbeschriebene Zuwendung, die dem Pfarrer Kopfzerbrechen machte.

Wie fremdartig dieses für den evangelischen Gottesdienst vorgesehene Gewand damals wirken musste, ist nur zu verstehen, wenn man das Jahrzehnte später noch ausgeprägtere „Nützlichkeitsdenken der Aufklärung im fränkischen Luthertum“66 auch in Bezug auf die liturgische Kleidung eines Pfarrers zu dieser Zeit im Fürstentum Ansbach kennt.

In der Reichsstadt Nürnberg trugen die evangelischen Geistlichen zwar noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die Meßgewänder aus der katholischen Zeit67 anders zeigten sich jedoch die Pfarrer im Fürstentum Ansbach.

Wie streng man auf den Unterschied zum Erscheinungsbild des katholischen Geistlichen mit seinem Habitus beim Gottesdienst damals achtete, zeigt das aus dem Jahre 1524 stammende Gemälde von Hans Springinklee, das sich über dem Eingang zur Sakristei in der St.-Laurentius-Kirche befindet. Das Bild zeigt u. a. die Darstellung eines Gottesdienstes aus den frühesten Jahren der Reformation, wobei zwei Priester abgebildet sind, die das Abendmahl in beiderlei Gestalt austeilen. Den beiden Liturgen, die ursprünglich über ihrem Mönchshabit ein katholisches Meßgewand trugen, wurden diese um das Jahr 1710 weiß übermalt, so dass sie jetzt im Chorhemd zu sehen sind.68

Der evang.-luth. Pfarrer trug zu dieser Zeit während des Gottesdienstes, wie in Abbildungen überliefert ist, über seiner schwarzen „Schaube“, der Alltagskleidung der Gelehrten, Juristen und Ärzte69, ein bis zu den Knien reichendes weißes Chorhemd. Dies war auch in Roßtal so üblich, da in den Kirchenrechnungen des 17./18. Jahrhunderts immer wieder ein Posten für das Waschen der Chorhemden aufgeführt ist.

Diese beschriebene Kleidung blieb im Fürstentum Ansbach bis etwa zum Jahre 1811, als dann der schwarze Talar eingeführt wurde. In Roßtal scheint indes bereits um 1792 das Chorhemd als liturgisches Kleidungsstück „aus der Mode“ gekommen zu sein, denn im Inventarverzeichnis des genannten Jahres sind zwar noch drei „Chorhemden“ aufgeführt jedoch mit dem Zusatz: „… äußerst schlecht, so dass solche nicht mehr gebraucht werden können“.

Was sollte also zu dieser Zeit ein evangelischer Pfarrer mit diesem gutgemeinten Geschenk eines Meßgewandes anfangen, das, nach der Beschreibung, auch für einen katholischen Geistlichen „exotisch“ gewirkt hätte?

In seiner Ratlosigkeit schrieb Pfarrer Ernst Georg Schülin an das Consistorium in Ansbach, der höchsten kirchlichen Instanz in der Markgrafschaft und erhielt schon nach wenigen Tagen, am 14. Januar 1709, eine Anwort.

Man wollte offensichtlich den weitgereisten und sicher weltmännisch auftretenden Geber nicht verärgern und glaubte daher eine „salomonische" Lösung anbieten zu müssen.

So beschlossen die klugen Kirchenbeamten: „Das Meßgewand samt Chorrock darf behalten werden und sollte nach Zeit und Gelegenheit gebraucht, die Kappe dagegen sei nicht zu tragen, ebenso möge man auf die vergoldeten Knöpfe am Meßgewand verzichten“.

Dem Pfarrer, der wohl eine theologisch begründete, freundliche Ablehnung des Geschenkes vom Consistorium erhofft hatte, fiel nun der undankbare Auftrag zu, dem Spender die geforderte „Teilmontage“ der Zierart an diesem Gewand mitteilen zu müssen.

Er mag gefühlt haben, wie ein Gespräch mit dem Spender enden würde und überließ deshalb das Problem dem Dekan.

Die Ahnungen des Pfarrers über das Ergebnis einer Aussprache mit dem Geber wurden bestätigt: Georg Drach, der glückliche Ostindienheimkehrer äußerte, dass „… gerade die Knöpfe ihm ein Ziemliches gekostet hätten und er möchte sie belassen und noch mehreres stiften“.

Diese Äußerung wurde dem Consistorium am 15. Mai 1709 mitgeteilt und was weder Pfarrer noch Dekan erwartet hatten, traf ein: In der Akte ist kurz und bündig vermerkt: „Consistorium: Wird genehmigt“.

Der Pfarrer fand aber trotzdem einen Weg, das ungewöhnliche Gewand nicht tragen zu müssen. Er hielt sich an die Empfehlung des Consistoriums, die besagte, dass das Gewand „nach Zeit und Gelegenheit gebraucht“ Verwendung finden solle.

Bis zum Todesjahr des Pfarrers und des Spenders Georg Drach, beide verstarben im Jahre 1731, scheint es für den Gebrauch des Meßgewandes keine Gelegenheit gegeben zu haben.

In den Inventarverzeichnissen der Pfarrei in den Jahren von der Schenkung bis zum Sterbejahr des Pfarrers 1731 ist immer wieder aufgeführt: „Ein vom vorerwähnten Georg Drach'en legirtes neues Meßgewand von schwarzem Damast güldenen Tressen nebst einer darzu gehörig Stola alba“.

So übernahm auch der nachfolgende Pfarrer, es war der Sohn des Verstorbenen, der Magister Johann Heinrich Schülin (1731–1734 in Roßtal), das ungeliebte Gewand mit der gleichen Beschreibung im Inventarverzeichnis und gab es, ebensowenig gebraucht, an den nächstfolgenden Pfarrer Abraham Heinrich Lips weiter.

30 Jahre lang war das Jahr für Jahr im Inventarverzeichnis der Kirchenrechnungen unter dem Abschnitt: „An Priester-, Altar- und Canzel-Ornat“ verzeichnete Stück unbenutzt im Schrank verwahrt, übrigens ebenso ein Meßgewand aus der Zeit vor der Reformation, das bis zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 200 Jahre inventarisiert genannt wurde, bis der letztgenannte Pfarrer Lips dem Ganzen ein Ende setzte.

Auf einen Bericht des Roßtaler Richters hin, der die Kirchenrechnungen zu überprüfen hatte, erteilte am 1. Februar 1738 die „Hochfürstlich Brandenburgische Geheime Canzley“ die Genehmigung: „… alte Messgewänder so bißher unbrauchbar gelegen“ zu verkaufen.

Es wurden insgesamt drei liturgische Kleidungsstücke, darunter das Ungeliebte aus schwarzem Damast mit „güldenen Tressen“, noch ein Jahr vorher als neu bezeichnet, sowie das noch aus der Zeit vor der Reformation stammende Stück an einen jüdischen Kleiderhändler in Zirndorf verkauft.

Am 18. Dezember 1738 vermerkte Pfarrer Abraham Heinrich Lips den Erlös von immerhin 18 Gulden in der Jahresrechnung.

Auch der von Georg Drach gestiftete Leuchter ist nicht mehr im Besitze der Pfarrei. Am 15. Februar 1980 wurde er aus der Kirche entwendet, wobei der Täter, unbehelligt während der Tageszeit, den Leuchter vom Seil trennte, an dem er, mehr als 250 Jahre lang, über dem Taufstein befestigt war.

Alle polizeilichen Nachforschungen blieben erfolglos. Dank der Photos im Archiv konnte eine auf die Herstellung antiker Leuchten spezialisierte Firma in Wien eine originalgetreue Kopie fertigen, die jetzt wieder über dem Taufstein zu sehen ist.

Anmerkungen:

64Archiv der Evang.-Luth. Pfarrei St. Laurentius, Roßtal, Akte Nr.95/96
65Dieter Koerber: Anfänge von Industrialisierung in Roßtal, Heft Nr. 2/1985 Roßtaler Heimatblätter
66Claus Jürgen Röpke: Die Protestanten in Bayern S. 287, Süddeutsch. Verlag München, 1972
67ebenda
68Kirchenrechnung aus dem genannten Jahr
69Dagmar Thormann: Kirchenschätze aus Gunzenhausen und dem fränkischen Seenland, Heft 1: Kirche und Kunst, 1999, S. 26


Quelle:
Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal – Geschichte und Geschichten um die Pfarrei, Roßtal 2001, S. 55 ff.