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Die gelungene Restaurierung des Anwesens Schulstr. 13 gibt Anlaß,
die Geschichte des Hauses zu verfolgen.
Nach A. Gebessler, Stadt und Landkreis Fürth, Kurzinventar,
stammt die Anlage aus dem späten 16. Jahrhundert.

Innenhof

Aufgang zum Laubengang und Obergeschoß

Konrad Hacker

Der Wasserbrunnen am „Oberen Markt“ in Roßtal

Im „Heimatbuch Roßtal“ 1978/79, S. 141, hat Hans Kreutzer die Einrichtung eines Pumpwerkes „in den Brunnen auf dem Berg“ im Jahre 1724 anhand von Protokollen und Rechnungen nachvollziehen können. Mit dem „Pumpwerk“ wurde damals der Brunnen am Marktplatz ausgestattet.

Die Renovierung des 2. Brunnens, am Anwesen Peipp, unweit des ersten Pfarrhauses, der im Jahre 1817 noch als Ziehbrunnen der Wasserversorgung diente, geschah letztmalig um 1900. Den Auftrag hierfür erhielt der Roßtaler Zimmermeister Fritz Wackersreuther.

Aus den Erinnerungen und den vorhandenen Unterlagen seines Sohnes Otto und des nächstfolgenden Namensträgers Günther Wackersreuther, nun schon in der siebten Generation Zimmermeister und Treppenbauer, letztgenannter bewahrt heute noch in Wernsbach bei Schwabach den vier Meter langen und acht bis zehn Zentimeter dicken Brunnenbohrer auf, konnten die nachstehenden technischen Einzelheiten zusammengetragen werden:

Im Brunnen stecken sechs Rohre je vier Meter lang aus vierzig Zentimeter dicken Kieferstämmen, denen die Rinde belassen wurde. Der Bohrlochdurchmesser beträgt ca. acht bis zehn Zentimeter. Die Stammenden sind mit schmiedeeisernen Ringen versehen und mit Konussen aufeinandergesteckt. An den Muffen haben sie einen kleinen Abstand, damit sie sich fest in den Konus pressen und gut abdichten. Das unterste Rohr hat auf fünfzig Zentimeter Höhe Löcher, damit das Wasser eindringen kann. Der Brunnen arbeitet als Saugbrunnen mit Zwischenlederklappen, damit die angesaugte Wassersäule, jeweils vier Meter, gehalten wird. Die Arbeitsweise ist wie folgt: Beim Ziehen an der Zugstange nach unten saugt der Holzzylinder, bei geschlossenem Ventil im Wasserrohr, das Wasser nach oben an. Dabei öffnen sich die alle vier Meter eingebauten Lederklappen (Ventile) und lassen das Wasser in den darüberliegenden Schaft steigen. Dieser Vorgang geschieht gleichzeitig an allen im Abstand von vier Metern eingebauten Lederventilklappen. Wird die Zugstange nach oben bewegt, drückt das schwerere Teil des auskragenden Pumpenscheites mit dem daranhängenden Holzzylinder nach unten. Bei diesem Vorgang öffnet sich die am Zylinder montierte Lederklappe mit Bleiauflage, wodurch, bei geschlossenen Ventilen in den Rohrabschnitten, soviel Wasser nach oben gelangt, wie durch den Zylinder verdrängt wird. Bei jeder Auf- und Abbewegung der Zugstange wiederholt sich dieser Vorgang, bis Wasser schließlich durch das fünf Zentimeter Durchmesser besitzende Auslaufrohr in den Trog fließt. Aus den zeichnerischen Darstellungen sind die Vorgänge gut zu sehen.

Fritz Wackersreuther, Zimmermeister Bohrung eines Brunnenteilstückes

Fritz Wackersreuther, Zimmermeister

Die Bohrung eines Brunnenteilstückes

Beide Brunnen haben schon lange ausgedient. Roßtal besitzt seit den Jahren 1928/29 eine zentrale Wasserversorgung. Dankbar sind wir den Bürgern, die im Jahre der Renovation des Brunnens nicht der damals herrschenden Richtung folgten und die Holzbauweise durch eine gußeiserne Pumpenkonstruktion mit antikisierten Formen ersetzten und verunzierten. Es ist das Verdienst dieser Generation, daß der Nachwelt zwei technische Baudenkmäler an exponierter Stelle in Roßtal erhalten blieben.

Brunnenhäuschen in der Schulstraße um 1900

Brunnenhäuschen in der Schulstraße um 1900


Siegfried Münchenbach, Roland Schubert

Das Wahlverhalten der Roßtaler Bürger in der Zeit der Weimarer Republik (1919–1933)

Eine Fallstudie im Vergleich mit Zirndorf, Cadolzburg, Großweismannsdorf, Buchschwabach und Weitersdorf

Als vor eineinhalb Jahren das Roßtaler Heimatbuch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, bemerkte Hans Schrodberger aus diesem Anlaß in den Fürther Nachrichten (Nr. 290 vom 12. Dezember 1979, S. 47), daß die Roßtaler Ortsgeschichte der zwanziger und dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts in diesem umfangreichen Werk weitgehend ausgespart worden sei; und er meinte: Über diesen Teil der Vergangenheit werde wohl erst geschrieben werden können, „wenn die letzten Wunden vernarbt und dann zur Geschichte geworden sind“. An vernarbten Wunden soll hier nicht gerührt werden – vielleicht ist eine solche Versicherung notwendig –; es geht nicht um persönliches Verhalten, sondern um einen Ausschnitt aus einer allgemeinen Entwicklung; wir beabsichtigen eine Fallstudie zum Wahlverhalten in einer überaus bewegten Zeit. Dabei ist der „Fall Roßtal“ keineswegs singulär – in Gemeinden mit vergleichbaren Voraussetzungen würden sich ähnliche Beobachtungen machen lassen –, gleichwohl ist politisches Denken und Handeln der Bürger eine spezifische Dimension der Geschichte unseres Heimatortes. Denn wir wollen uns nicht auf ein statistisches Erfassen von Zahlenmaterial beschränken. Das Wahlverhalten soll vielmehr im Zusammenhang mit der Sozialstruktur unserer Gemeinde in dem genannten Zeitraum untersucht werden. Gerade dies macht unser Thema zu einer heimatgeschichtlichen Forschungsaufgabe.

Wir wollen die Roßtaler Wahlergebnisse der Weimarer Zeit in einem Vergleich mit anderen Gemeinden darstellen und analysieren, weil sich nur dadurch – bei gleicher oder unterschiedlicher Sozialstruktur – Aussagen mit einer gewissen Allgemeingültigkeit finden lassen. Um den heimatgeschichtlichen Rahmen zu wahren, sind wir bei der Auswahl der Vergleichsgemeinden in der näheren Umgebung Roßtals geblieben: Wir haben uns für Zirndorf und Cadolzburg entschieden; und es lag nahe, die heutigen Ortsteile von Roßtal, nämlich Großweismannsdorf, Buchschwabach und Weitersdorf, die bis vor wenigen Jahren selbständige Gemeinden waren, ebenfalls heranzuziehen. Wir erhalten so ein Spektrum unterschiedlich strukturierter Gemeinden.

Die Quellenlage

Wenn man von einer heute üblichen Verwaltungspraxis ausgeht, wäre zu erwarten, daß die Wahlergebnisse dem Amtsblatt des Bezirksamtes Fürth oder den Gemeinderegistraturen entnommen werden können. Das ist jedoch nicht der Fall. Unsere weitere Suche hat dann noch mehr Fehlanzeigen ergeben: Im Staatsarchiv Nürnberg sind die regierungsamtlichen Unterlagen nicht vorhanden. Beim Statistischen Landesamt in München wurden einstmals zwar sämtliche Wahlergebnisse bayerischer Gemeinden gesammelt; die Bestände sind aber durch Kriegseinwirkung zerstört worden. Die „Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamtes“ beschränkte sich in der Regel auf die Veröffentlichung der Gesamtergebnisse der Bezirksämter; wenn Einzelergebnisse publiziert wurden, dann nur von Gemeinden über 2000 Einwohner, aber damals hatte weder Cadolzburg noch Roßtal, sondern nur Zirndorf diese Größenordnung.

Als letzter Ausweg, das Zahlenmaterial zu beschaffen, blieb die Auswertung der lokalen Tagespresse. Allerdings zeigte sich, daß die Berichterstattung eine sehr lückenhafte gewesen war. Wir mußten daher mehrere Zeitungen auswerten; aber auch dadurch war nicht in allen Fällen eine vollständige Ermittlung der Zahlen möglich. Fünf Tageszeitungen wurden herangezogen; die nachstehende Reihenfolge soll die Ergiebigkeit für unseren Zweck zum Ausdruck bringen: Allgemeine Rundschau, Erscheinungsort Zirndorf (Standort: Staatsbibliothek München); Fränkischer Kurier, Nürnberg (Universitätsbibliothek Erlangen); Nordbayerische Zeitung, Fürth (Stadtbibliothek Fürth, ebenso die beiden folgenden Blätter), Bayerische Volkszeitung – Fürther Lokalanzeiger; Fürther Tagblatt.

Für Zirndorf sind die Wahlergebnisse aus der Zeit der Weimarer Republik vollständig überliefert; bei Cadolzburg fehlt lediglich die Wahl zur Nationalversammlung vom 19. Januar 1919. Ungünstiger ist die Quellenlage bei Roßtal und den drei kleineren Gemeinden. Die ersten Ergebnisse, die für Roßtal aufzufinden waren, sind die der Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924; Anhaltspunkte für die Entwicklung in den vorausgegangenen Jahren geben jedoch die Zirndorfer und Cadolzburger Zahlen. Für Großweismannsdorf sind ebenfalls die Reichstagswahlergebnisse ab Dezember 1924 überliefert; es fehlt allerdings die Wahl vom 31. Juli 1932, doch läßt sich die Entwicklung des Wahlverhaltens – gerade in der entscheidenden Phase von 1928 bis 1933 – auch hier genau verfolgen. Aus unerfindlichen Gründen sind die Ergebnisse von Buchschwabach und Weitersdorf noch bruchstückhafter an die Presse gelangt. Das spärliche Zahlenmaterial reicht lediglich aus, zu erkennen, daß die Entwicklung eine ganz ähnliche wie in Großweismannsdorf gewesen ist.

Parteienstruktur der Weimarer Zeit

Die Parteienlandschaft der Weimarer Republik ist auf den ersten Blick von einer verwirrenden Vielfalt; daher muß man sich hier Klarheit verschaffen, wenn man eine Analyse des Wahlverhaltens verstehen will.

Eine Einordnung der zeitweise mehr als zwei Dutzend Parteien gewinnt man durch die Tatsache, daß die im Kaiserreich entstandenen Hauptgruppen über die Revolution vom November 1918 hinaus erhalten geblieben sind; es gab weiterhin, jedenfalls in den Anfangsjahren der Republik, vier große Lager: das konservative, liberale, katholische und sozialistische. Das Anwachsen der NSDAP zur Massenpartei seit 1930 ließ dann eine fünfte Großgruppe entstehen, welche in wenigen Jahren die alte Parteienstruktur in atemberaubender Weise deformierte.

Es kennzeichnet die Parteienlandschaft seit 1919, daß sich zwar einerseits die vier Lager weiterhin abzeichneten, andererseits aber eine fortschreitende Aufsplitterung der Parteien eintrat. Für die Graphiken, die wir zur Veranschaulichung der örtlichen Wahlergebnisse angefertigt haben, bedeuten diese beiden Tatsachen, daß wir die Stimmenzahlen bestimmter Parteien zusammenfassen konnten – und auch zusammenfassen mußten, um dadurch eine bessere Übersichtlichkeit zu erreichen. Ein solches Verfahren ist natürlich durchaus problematisch, weil zum Teil erhebliche Unterschiede, wie sie auch zwischen verwandten Parteien bestanden, ignoriert werden, aber aus Gründen der Übersichtlichkeit muß dies in Kauf genommen werden. Blickt man nicht zurück ins Kaiserreich, sondern zieht zum Vergleich die Verhältnisse in der Bundesrepublik heran, so tritt als drittes Charakteristikum hervor, daß die Parteien der Weimarer Zeit noch wesentlich stärker als heute auf bestimmte soziale Schichten fixiert waren.

Auf der linken Seite des politischen Spektrums gab es vor dem Ersten Weltkrieg nur die SPD als Partei der Arbeiterbewegung. Im vorletzten Kriegsjahr 1917 spaltete sich wegen der Frage der Kriegskredite die Unabhängige Sozialdemokratische Partei ab: Die USPD war entschieden pazifistisch und vertrat zudem einen innerhalb der SPD nicht mehrheitsfähigen radikalen Sozialismus. Trotz dieser Differenzen fassen wir die beiden sozialdemokratischen Parteien in unseren Graphiken zusammen. Die USPD spielte nur in den Anfangsjahren der Republik eine Rolle; dann spaltete sich Mitglieder- und Wählerschaft zwischen SPD und der Kommunistischen Partei auf, die 1919 aus dem äußerst linken Flügel der USPD hervorgegangen war. SPD und KPD sind – um nur einen Grund zu nennen – wegen der grundsätzlich verschiedenen verfassungspolitischen Leitbilder, nämlich parlamentarische Demokratie kontra Diktatur des Proletariats, in unseren Graphiken zu trennen. Die soziale Gliederung der Mitglieder und Wähler war dagegen bei beiden Parteien ähnlich: SPD und KPD waren Arbeiterparteien, wenn auch die Anhängerschaft der Sozialdemokratie bereits einen hohen Anteil bürgerlicher Berufe aufwies; Schätzungen sprechen von einem Drittel.

Ein weiteres Charakteristikum der Parteienstruktur in Kaiserreich und Republik war das Auftreten eindeutig konfessionell bestimmter Parteien. Das katholische Zentrum repräsentierte diese Gruppe nach dem Ersten Weltkrieg allerdings nicht mehr allein, also Aufsplitterung auch hier. An der Stelle eines Landesverbandes konstituierte sich eine eigenständige Bayerische Volkspartei, weil den katholischen Politikern des Freistaats das Zentrum zu demokratisch und zu wenig föderalistisch war. Die BVP war stärkste Partei in Bayern und führte fast ständig die Regierung; allerdings war sie nahezu exklusiv katholisch, so daß sie wegen der konfessionellen Verhältnisse in den von uns behandelten Gemeinden hier nur als sehr kleine Partei auftaucht. Mit der BVP eng verbunden war der Bayerische Bauern- und Mittelstandsbund, dessen Wählerschaft – wie der Name ausdrückt – interessenorientiert war und über die konfessionellen Grenzen hinausreichte. Wir haben BVP und BBMB in den Graphiken zusammengefaßt, was besonders 1924 und 1928 durch die Stärke des BBMB in unserem Raum zu einer kurzzeitigen Ausweitung des gemeinsamen Stimmenanteils führte. Die soziale Basis der BVP war das katholische Bürgertum, der stabile Kern der Wählerschaft, das am religiösen Leben sich intensiv beteiligende Kirchenvolk; die Partei konnte auch Arbeiter an sich binden, sofern diese noch engeren Kontakt zur Kirche hatten.

Im liberalen Lager ist die Zweiteilung des Kaiserreiches erhalten geblieben, wenn auch die alten Parteinamen verschwanden und es zu Neugründungen kam: Die Linksliberalen sammelten sich in der Deutschen Demokratischen Partei, die – abgesehen vom Zentrum – als einzige bürgerliche Partei ohne jeden Vorbehalt die Demokratisierung der Staatsordnung bejahte. Zusammen mit SPD und Zentrum bildete die DDP die „Weimarer Koalition“ unter sozialdemokratischer Führung – die erste Regierung der Republik. Die soziale Basis der DDP bildeten das mittlere Bürgertum, Beamte und Angestellte. – Die rechtsliberale Richtung repräsentierte die Deutsche Volkspartei; sie wurde getragen vom industriellen Bürgertum – „Partei der Schlotbarone“ – und der Akademikerschaft, von Besitz und Bildung also: sie stand mithin in nationalliberaler Tradition. Das Gütezeichen der DVP war „nationale Politik“; dadurch gewann sie ihre Massenwählerschaft. Die DVP forderte anfänglich die Restauration der Monarchie, trat aber 1920 erstmals in die Regierung ein und gab somit die prinzipielle Opposition gegen die demokratische Republik auf. Unter Gustav Stresemann war die DVP in den zwanziger Jahren eine wesentliche Stütze der Republik.

Am stärksten zersplittert war der vierte, der konservative Sektor des Parteienspektrums. Die Deutschnationale Volkspartei war hier die stärkste politische Kraft; diesem Bereich sind zudem eine ganze Reihe von Interessen- und Standesparteien zuzurechnen. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist eine mehr oder weniger entschiedene Ablehnung der Republik. – Die DNVP war eindeutig protestantisch geprägt, ihre Stammwählerschaft kam aus dem Kirchenvolk, aus bäuerlichen und mittelständischen Schichten. Hochkapitalistische und agrarische Gruppen übten auf die Politik der DNVP einen bestimmenden Einfluß aus. In den zwanziger Jahren stand die Partei in einem ständigen inneren Konflikt, nämlich zwischen der prinzipiellen Ablehnung der Staatsordnung einerseits und der Vertretung wirtschaftlicher Interessen andererseits, wobei das zweite wenigstens teilweise eine Kooperation mit Regierung und Verwaltung notwendig machte. Nach der schweren Wahlniederlage von 1928 und angesichts der ein Jahr später hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise kam es unter Führung von Alfred Hugenberg zu einer aggressiven Wendung gegen die Republik, die die DNVP schließlich in eine Allianz mit der Hitlerpartei führte. Dieser bedingungslose Obstruktionskurs hatte Abspaltungen zur Folge: Konservative Volkspartei und Christlich-sozialer Volksdienst sind hier zu nennen; allerdings blieb deren Stimmenanteil unbedeutend. In enger Verbindung mit der DNVP standen verschiedene regionale Bauernparteien; in Mittelfranken hatte die Landvolkpartei eine größere Bedeutung. Zeitweise von beachtlicher Stärke war in den von uns untersuchten Gemeinden die Wirtschaftspartei, in der sich ein erheblicher Teil des freien, selbständigen Mittelstandes von Handwerkern, Gastwirten und Hausbesitzern sammelte. Daneben existierte noch eine ganze Reihe von Splitterparteien, die nicht eigens aufgeführt zu werden brauchen. – Zu den Stimmen der DNVP wurden in unseren Graphiken also immer die der kleineren Rechtsparteien addiert; wo Wirtschaftspartei oder Landvolk einen besonders großen Anteil hatten, wird dies ausdrücklich erwähnt.

Größe und Sozialstruktur der Gemeinden

Größe und Sozialstruktur der von uns untersuchten Gemeinden in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren unterschieden sich in sehr starkem Maße von den heutigen Verhältnissen. Wir gehen von den Zahlen der Volkszählung des Jahres 1925 aus. Mit einem Bevölkerungswachstum ist zwischen 1919 und 1933 zu rechnen; allerdings waren die Veränderungen nicht gravierend, und in den kleinen Gemeinden bestand eher ein Zustand der Stagnation.

Für die soziale Schichtung der Bevölkerung sind die Wahlergebnisse selbst – mangels direkter Quellen über die berufliche Struktur – wichtige Anhaltspunkte. Man kann sich hier die bereits erwähnte Tatsache zunutze machen, daß die Parteien der Weimarer Zeit noch wesentlich stärker als die heutigen auf bestimmte soziale Schichten fixiert waren. Natürlich sind bei dem Schluß vom Wahlverhalten auf die soziale Gliederung der Bevölkerung einer Gemeinde nur – allerdings begründete – Schätzungen möglich; exakte Zahlen lassen sich auf diese Weise nicht gewinnen, sondern nur eine bestimmte Größenordnung. Methodisch sind wir etwa folgendermaßen verfahren: Haben SPD, USPD bzw. KPD zusammen einen durchschnittlichen Stimmenanteil von 30 Prozent, so wird die Arbeiterschaft ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen; denn einerseits sind in den 30 Prozent die Stimmen bürgerlicher Wähler für die SPD enthalten, andererseits wählten zwar die meisten, aber nicht alle Arbeiter die genannten Parteien. Bei diesem Verfahren muß man sich auf die Wahlen vom Dezember 1924 und Mai 1928 konzentrieren, weil sich durch die großen Verschiebungen im Wählerverhalten während der Weltwirtschaftskrise die Unsicherheitsfaktoren häufen.

Roßtal hatte nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 1447 Einwohner, davon waren 24 katholisch und 1423 evangelisch (1,7 und 98,3 Prozent). Cadolzburg war etwas größer: 1870 Menschen lebten hier; der Anteil der Katholiken betrug 135, das waren 7,2 Prozent, gegenüber 1714 Protestanten (91,7 Prozent); der Rest war andersgläubig oder gehörte keiner Religionsgesellschaft an. Zirndorf war eine Kleinstadt mit 6273 Einwohnern; die konfessionelle Gliederung ähnelte der von Cadolzburg: 582 Katholiken (9,3 Prozent), 5597 Protestanten (89,2 Prozent), 63 Israeliten (1,0 Prozent) und 31 sonstige. Großweismannsdorf hatte 1925 377 Einwohner, und zwar verteilt auf die Ortsteile Defersdorf 122, Großweismannsdorf 194 und Kleinweismannsdorf 61. In den drei Ortsteilen Buchschwabachs wohnten in Clarsbach 87, Raitersaich 146 und in Buchschwabach selbst 294, also insgesamt 527 Einwohner. Die kleinste Gemeinde war Weitersdorf mit 309 Bürgern, verteilt auf die Ortsteile Kastenreuth 50, Oedenreuth 85, Trettendorf 66, Weitersdorf 99 und Wimpashof 9. Die konfessionelle Gliederung war noch eindeutiger als in den größeren Orten: Großweismannsdorf war zu 100 Prozent evangelisch; in Buchschwabach lebten 6, in Weitersdorf 2 Katholiken.

Die konfessionelle Struktur der von uns behandelten Gemeinden macht unseren methodischen Ansatz, vom Wahlverhalten auf die Sozialstruktur zu schließen, besonders effektiv. Denn die BVP war am ehesten eine Volkspartei im heutigen Sinn, da sie konfessionell bestimmt war und somit die soziale Schichtung überlagerte. Während in katholischen Gegenden Bayerns die BVP Mehrheiten von über 50 oder 60 Prozent erzielte, glichen in unseren protestantischen Gemeinden auch die Katholiken ihr Wahlverhalten an das ihrer evangelischen Mitbürger an; nur eine Minderheit stimmte für die BVP.

Von den drei großen Gemeinden hatte Zirndorf den höchsten Arbeiteranteil. Für SPD und USPD bzw. KPD zusammen wurden zwischen 1919 und 1933 durchschnittlich etwa 1930 Stimmen abgegeben; daraus ist abzuleiten, daß die Arbeiterfamilien etwa 50 Prozent der Gesamtbevölkerung stellten. In Roßtal werden es etwas über 30, in Cadolzburg ungefähr 35 Prozent gewesen sein. Vor allem in den beiden zuletzt genannten Gemeinden ist überwiegend mit Pendlern nach Nürnberg und Fürth zu rechnen.

Versucht man eine Aufgliederung des bürgerlichen Teils der Bevölkerung, so fällt für Roßtal auf, daß die verschiedenen Bauernparteien zeitweise einen verhältnismäßig hohen Stimmenanteil hatten: Bei den Landtagswahlen vom Mai 1928 erreicht der BBMB 12,5, bei den Reichstagswahlen vom September 1930 das Landvolk sogar 18,5 Prozent. In Cadolzburg dagegen spielten die Bauernparteien eine erheblich geringere, in Zirndorf kaum eine Rolle. Statt dessen war die Wirtschaftspartei in beiden Gemeinden Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre sehr stark: In Cadolzburg erreichte sie bei den Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 25,4, bei den gleichzeitigen Landtagswahlen sogar 32,1 Prozent; für Zirndorf lauteten die Zahlen 14,3 und 12,7. Man kann also annehmen, daß Roßtal noch stärker bäuerlich geprägt war als Cadolzburg oder gar Zirndorf, wo der gewerbliche Mittelstand, die Wählerschicht der Wirtschaftspartei, dominierte. Bei Großweismannsdorf, Buchschwabach und Weitersdorf handelte es sich in den einzelnen Ortsteilen noch weitgehend um reine Bauerndörfer. Bis in die Weltwirtschaftskrise hinein wurden hier überwiegend die DNVP und die Bauernparteien gewählt; bei den Reichstagswahlen vom September 1930 beispielsweise erhielt das Landvolk in Großweismannsdorf 78,3 und in Weitersdorf 79,7 Prozent.

Die allgemeine Entwicklung des Wahlverhaltens

Das Deutsche Reich der Nachkriegszeit wird häufig eine „Republik ohne Republikaner“ genannt; so sehr dieses Wort aufs Ganze gesehen zutraf: die Wahlen zur Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 ergaben noch ein völlig anderes Bild. In einer konservativen und deshalb antidemokratischen Zeitung war damals zu lesen: „Die große Mehrheit unseres Volkes ist augenblicklich betrunken, schwer betrunken, nicht von Alkohol, sondern von Demokratie. Man kann nichts tun als warten, bis auf diesen Rausch der Katzenjammer und die Ernüchterung folgt.“ – Die Hoffnung vieler Deutscher war nach dem Hunger und dem Elend des Krieges auf die demokratische Staatsordnung gerichtet. Die Parteien der Weimarer Koalition, die Träger des demokratischen Gedankens, erreichten bei der Wahl zur Nationalversammlung zusammen 76,1 Prozent der Stimmen und 329 von 421 Mandaten; die SPD wurde stärkste Partei mit 37,9 Prozent und 163 Sitzen, das Zentrum erhielt 91, die DDP 75 Mandate, 19,7 und 18,5 Prozent. Die Opposition von rechts – DNVP und DVP – erhielt nur 63 Mandate, die USPD 22.

Diese erste Wahl im republikanischen Deutschland nahm aber eine Sonderstellung ein; es ergab sich sehr rasch ein ganz anderes Bild. Drei Phasen in der Entwicklung des Wahlverhaltens lassen sich von nun an bis 1933 verfolgen und geben ein Spiegelbild der allgemeinen politischen Entwicklung: Der erste Abschnitt ist die Zeit der schweren Anfangskrisen der Republik; es wachsen die extremen Flügelparteien an, und die restaurativen Rechtsgruppen werden gestärkt. – Auf diese Erschütterungen folgt die Phase der Stabilisierung der Republik und der demokratischen Kräfte von 1924 bis 1928. Die radikalen Richtungen werden zurückgedrängt; allerdings schreitet die Parteienzersplitterung unaufhaltsam fort. – 1929 beginnt eine ungeheuer rasch anwachsende Radikalisierung der Wählerschaft; die ohnehin längst geschwächte liberalbürgerliche Mitte wird geradezu vernichtet. Die Ursache war nicht einfach die Weltwirtschaftskrise; aber dieser Prozeß wurde durch sie wesentlich verstärkt und beschleunigt.

Setzen wir nun einige Daten für diese drei Phasen der Entwicklung des Wahlverhaltens: Die Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 brachte den demokratischen Kräften einen schweren Einbruch. Die drei Regierungsparteien verloren 8 Millionen Wähler; ihr Anteil sank von 76,1 auf 43,6 Prozent; die Mehrheit war verloren und sollte nie mehr erreicht werden; die Republik mußte fortan mit Regierungskrisen leben. Im Juni 1920 orientierten sich die bürgerlichen Wähler deutlich nach rechts: Die DDP verlor fast die Hälfte der Stimmen und erhielt nur noch 39 Mandate; die DVP dagegen verbesserte sich von 19 auf 65, die DNVP von 44 auf 71 Sitze. Die SPD büßte 62 Abgeordnete ein; ein erheblicher Teil der Arbeiterschaft wählte nun wesentlich weiter links: Die USPD gewann 61 Sitze hinzu, und die KPD war erstmals mit 4 Abgeordneten vertreten. Durch die Abspaltung der BVP wurde das Zentrum geschwächt. Der Versailler Vertrag und die bürgerkriegsähnlichen Unruhen hatten die Republik in den Augen vieler Deutschen diskreditiert. Die nächste Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 verstärkte noch die antidemokratische Tendenz. Die DNVP stellte zusammen mit den Bauernparteien die stärkste Fraktion. Erstmals eine Massenanhängerschaft mit 1,9 Millionen Wähler (6,5 %) erreichte die Deutsch-Völkische Freiheitsbewegung, hinter der sich die nach dem gescheiterten Hitler-Putsch vom November 1923 verbotene NSDAP verbarg. Das Anwachsen der nationalsozialistischen Wählerschaft übertraf in manchen Wahlkreisen erheblich den Reichsdurchschnitt: An erster Stelle lag Mecklenburg mit 20,8, dicht gefolgt von Franken mit 20,7 Prozent; im Bezirksamt Fürth waren es sogar 23,5. Die Auflösung der USPD kam hauptsächlich der KPD zugute; sie erreichte 12,6 Prozent der Stimmen und 62 Mandate. Zentrum und BVP blieben – wie auch in den folgenden Wahlen – weitgehend stabil. Die DDP wurde weiter dezimiert, auf 17 Mandate; die DVP verlor ein Drittel ihrer Wähler. Die drei Parteien der Weimarer Koalition verfügten nur noch über 39,6 Prozent der Stimmen. Die katastrophale wirtschafts-, innen- und außenpolitische Lage des Reiches hatte auf das Wahlverhalten durchgeschlagen; die Republik war erschüttert worden von der Rheinlandbesetzung durch die Franzosen, von Generalstreik, Bürgerkrieg und galoppierender Inflation (zuletzt 1 US-Dollar gleich 4,2 Billionen Papiermark).

Die Wende zum Besseren, die sich durch die Währungsreform vom November 1923 ankündigte, hat sich erst bei der Reichstagswahl vom 7. Dezember 1924 ausgewirkt; es begann die Phase der Stabilisierung der Republik. Die SPD gewann wieder kräftig hinzu und verbesserte sich von 100 auf 131 Mandate; sie war damit wieder stärkste Fraktion. Zentrum und BVP, DDP und DVP hatten allesamt leichte Gewinne zu verzeichnen, aber auch die DNVP und die Bauernparteien. Die Verlierer der Wahl waren die Flügelparteien, vor allem die Rechtsradikalen: Die „Nationalsozialistische Freiheitsbewegung“ wurde zu einer Splittergruppe von 3 Prozent dezimiert; auch in der Hochburg Franken war der Einbruch eklatant: Fast zwei Drittel der Stimmen gingen verloren; im Bezirksamt Fürth reduzierte sich der Stimmenanteil sogar auf 6,1 Prozent. Die nächsten Reichstagswahlen fanden am 20. Mai 1928 statt; zwischen beiden Terminen lagen die „goldenen zwanziger Jahre“, die wirtschaftlich stabilste und politisch ruhigste Zeit der Republik. Für die gemäßigten bürgerlichen Parteien setzte sich der positive Trend vom Dezember 1924 allerdings nicht fort; es gab Verluste für Zentrum, BVP, DDP und DVP. Das herausragende Ereignis der Wahl waren die hohen Gewinne der SPD (29,8 %), die sich auf 153 Mandate verbesserte, und die einschneidenden Verluste bei der DNVP, die von 20,5 auf 14,2 Prozent zurückfiel; dieser Rückgang kam besonders der Wirtschaftspartei zugute. Während auch die KPD zu den Gewinnern zählte, blieb die NSDAP mit 2,6 Prozent eine bedeutungslose Splitterpartei.

Diese Wahlen vorn Mai 1928 waren die letzten vor dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929. Bis zu den nächsten Reichstagswahlen vom 14. September 1930 stieg die Arbeitslosigkeit bereits auf über 4 Millionen – und ein Ende war nicht abzusehen; im Gegenteil: Der bevorstehende Winter drohte zu einer Katastrophe zu werden; Landwirtschaft und Mittelstand wurden hart von der Absatzkrise getroffen. Der Staat sparte, kürzte Gehälter, entließ Arbeiter und Angestellte. Jahrelange Arbeitslosigkeit bedeutete für Hunderttausende von jungen Menschen die Vernichtung ihrer Zukunftschancen. In den Krisenjahren von 1930 bis 1933 fanden allein vier Reichstagswahlen statt, in denen sich das Wahlverhalten der Deutschen und damit die Parteienstruktur drastisch veränderte. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930 wurde zu einem Triumph der NSDAP: In zweieinhalb Jahren wurden mehr als fünfeinhalb Millionen Wähler hinzugewonnen; der Anteil schnellte von 2,6 auf 18,3 Prozent; damit war die NSDAP zweitstärkste politische Kraft nach der Sozialdemokratie. Die Hitlerwähler hatten sich verachtfacht, auf fast sechseinhalb Millionen; dies brachte 107 statt bisher 12 Mandate ein. Ein erheblicher Teil der Gewinne kam aus dem Bereich der bisherigen Nichtwähler; 1930 wurden vier Millionen Stimmen mehr abgegeben als 1928. Zum nächsten Wahltermin – 31. Juli 1932 – setzte die NSDAP ihren beispiellosen Siegeszug fort: Der Stimmenanteil wurde nochmals verdoppelt, auf fast 14 Millionen, von 18,3 auf 37,3 Prozent; mit 230 Mandaten war sie nun mit weitem Abstand die stärkste politische Kraft im Reich. Die beiden Wahlen weisen neben dem rasanten Anwachsen der NSDAP noch weitere gemeinsame Tendenzen auf: Im gleichen Maße wie die SPD verlor, gewann die KPD; dem Rückgang bei den Sozialdemokraten im Juli 1932 um 600 000 Stimmen standen 700 000 auf dem Gewinnkonto der Kommunisten gegenüber. Die beiden liberalen Parteien hatten 1930 starken Verlust und wurden 1932 geradezu vernichtet: Der DVP blieben 1,2, der Staatspartei (DDP) 1 Prozent der Stimmen. Ähnlich erging es der DNVP: Sie wurde 1930 halbiert, von 14,2 auf 7,0 Prozent. Im Bezirksamt Fürth war der Rückgang sensationell: von 41,6 auf 1,3 Prozent – ein Zusammenbruch. 1932 folgte eine neuerliche Niederlage. Dagegen konnten die katholischen Parteien ihren Wählerstamm auch in den Krisenjahren halten.

Mit den Juliwahlen von 1932 schien die NSDAP ihren Höhepunkt überschritten zu haben, zumal es erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Gesundung gab. Bei den Neuwahlen am 6. November 1932 verlor die Hitler-Partei 2 Millionen Stimmen, der Anteil sank auf 33,1 Prozent; der starke Rückgang der Wahlbeteiligung machte sich bemerkbar. DNVP, DVP und Staatspartei erholten sich leicht. Die SPD verlor jedoch abermals über 700 000 Stimmen, während die KPD 690 000 gewann; sie hatte jetzt 16,9 Prozent und 100 Mandate im Reichstag. Es ist schwer vorstellbar, wie die NSDAP bei einer sich verbessernden wirtschaftlichen Lage die Stimmenverluste wieder hätte aufholen können. Aber Reichspräsident Hindenburg berief am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler, der mit der DNVP eine Koalitionsregierung bildete. Da er über keine Mehrheit im Reichstag verfügte, ordnete Hitler für den 5. März 1933 Neuwahlen an. Nur mit starken Einschränkungen können diese noch als freie Wahlen bezeichnet werden; für SPD und KPD wurde durch Einsatz terroristischer Gewalt der Wahlkampf unmöglich gemacht. Die gewünschte absolute Mehrheit erreichte Hitler nicht, wenn auch über 17 Millionen NSDAP wählten, es waren doch nur 43,9 Prozent. Die Lücke mußte die DNVP schließen, so daß die Regierung Hitler-Hugenberg schließlich 51,9 Prozent der Wähler hinter sich brachte. Die SPD konnte sich halten; dagegen hatte die KPD stärkere Verluste. Die beiden liberalen Parteien waren nahezu verschwunden. Addiert man jetzt nochmals die Stimmenanteile der drei Parteien der längst verflossenen Weimarer Koalition, so erhält man 30,4 gegenüber 76,1 im Januar 1919: Diese Zahlen zeigen den rapiden Verfall demokratischer Substanz im Wahlverhalten der Deutschen. – Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Entwicklung sind nun die Einzelergebnisse der von uns ausgewählten Gemeinden zu interpretieren.

Die örtlichen Wahlergebnisse

Zur Darstellung und Interpretation des Wahlverhaltens in den von uns ausgewählten Gemeinden haben wir jeweils zwei Graphiken entworfen: Eine, die die Prozentzahlen der Parteien bzw. Parteiengruppen veranschaulicht, und eine zweite mit den absoluten Stimmenanteilen. Der Grund liegt in der erheblichen Zunahme der Wahlbeteiligung seit 1919 und vor allem in der Weltwirtschaftskrise. Eine Beschränkung auf die Prozentzahlen würde mit Sicherheit zu Fehlinterpretationen führen; ein Beispiel soll dies verdeutlichen: 25 sind bei 100 abgegebenen Stimmen eben 25 Prozent, bei 150 jedoch nur 16,7 Prozent; obwohl also der Wählerstamm gehalten werden konnte, ist ein Rückgang um 8,3 Prozent zu verzeichnen. Wie wichtig dieser Aspekt ist, zeigt die Veränderung der Wahlbeteiligung in unseren Gemeinden, die weniger auf Bevölkerungswachstum als auf eine Politisierung von Nichtwählern in der Weltwirtschaftskrise zurückzuführen ist. In Zirndorf ist von 1919 bis 1933 eine Zunahme von 1479 Wählern festzustellen, ein Anstieg um 49,8 Prozent. Cadolzburg weist seit 1920 eine Zunahme von 530 Stimmen auf (71,4 %), für Roßtal und Großweismannsdorf lauten die Zahlen seit 1924: 331 (49,2 %) bzw. 64 (38,8 %).

Zirndorf und Cadolzburg

Betrachtet man die Graphiken mit den Prozentzahlen für Zirndorf und Cadolzburg, so wird man zweifellos eine Ähnlichkeit des Kurvenverlaufs feststellen, aber auch charakteristische Unterschiede. In Zirndorf liegt 1919 der Stimmenanteil von SPD und USPD enorm hoch, nämlich bei 69 Prozent. Seit 1920 tritt die KPD auf, sie bleibt allerdings bis zum September 1930 erstaunlich schwach und kann erst dann die Wählerschaft entscheidend steigern. Für beide Arbeiterparteien geht der Stimmenanteil von 1928 bis 1933 stark zurück, von 59 Prozent auf 40. Diese Veränderungen sind aber noch vergleichsweise gering, wenn man die dramatische Verschiebung bei den bürgerlichen Parteien betrachtet. 1919 und 1920 sind die beiden liberalen Parteien sehr stark: 24,2 bzw. 28,2 Prozent. Im Mai 1924 findet ein gravierender Einbruch statt, eine Reduzierung auf 5,7 Prozent; in der Weltwirtschaftskrise verschwinden die beiden Parteien fast völlig. Die konservativen Stimmen sind in Zirndorf 1919 und 1920 äußerst gering, sie liegen nur knapp über 4 Prozent. Erstaunlicherweise kommen die Verluste der liberalen Parteien im Mai 1924 nicht der DNVP zugute, sondern die Wähler orientieren sich gleich weit nach rechts und wählen nationalsozialistisch; mit 27,3 Prozent liegt das Ergebnis weit über dem Reichsdurchschnitt. In den ruhigen Jahren der Republik werden die NSDAP-Anteile zurückgedrängt; der konservative Wählerstamm weitet sich aus. Der Umschlag kommt mit der Weltwirtschaftskrise: Von 1928 bis 1933 werden die konservativen Stimmen von 25 Prozent auf 4 Prozent dezimiert. Eine gegenläufige Entwicklung nahm die NSDAP: 1928 erreichte sie 7,8 Prozent, zwei Jahre später 22,4 und im Juli 1932 46,0; damit war die NSDAP auch in Zirndorf die stärkste Partei, also vor der SPD, die hier etwa ein halbes Jahrhundert lang an der Spitze gelegen hatte. Die weitere Entwicklung der Hitler-Partei in Zirndorf: November 1932: 43,8 Prozent, März 1933: 52,0.

Zirndorf, Reichstagswahlen 1919–1933

In Cadolzburg waren die liberalen Parteien von vornherein erheblich schwächer als in Zirndorf. Hier sind 1920 SPD und USPD einerseits und DNVP auf der anderen Seite zwei fast gleichstarke Blöcke, die 46 Prozent bzw. 39 aufweisen. Dieser konservative Bereich wird bei den Maiwahlen von 1924 stark zusammengedrückt; die nationalsozialistischen Stimmen weiten sich auf 34 Prozent aus. Aber schon im Dezember kommt ein gewaltiger Rückschlag: Die konservativen Stimmen wachsen wieder auf 37 Prozent an, 1928 sind es sogar 50 Prozent. Weil der konservative Bereich in Cadolzburg 1928 doppelt so groß ist wie in Zirndorf, fällt das Anwachsen der NSDAP in der Weltwirtschaftskrise erheblich deutlicher aus: Bereits 1930 erhält sie den gleichen Stimmenanteil wie die SPD, 32,8 Prozent; 1932 sind es im Juli 63,8 und im November 58,1 Prozent, im März 1933 69,8. Auffallend ist der hohe KPD-Anteil in Cadolzburg.

Cadolzburg, Reichstagswahlen 1920–1933

Woher die NSDAP ihren enormen Zuwachs in der Hauptsache bezog, wird aus den beiden Graphiken mit den absoluten Zahlen deutlich. Vor allem bei den Zirndorfer Ergebnissen erkennt man, daß die Arbeiterparteien SPD und USPD bzw. KPD von 1919 bis 1933 einen nahezu konstanten Stimmensockel aufweisen können. Der höchste Stand wurde mit 2233 Wählern im September 1930 erreicht – ein Ergebnis, das allerdings nicht annähernd ein zweites Mal realisiert werden konnte; den tiefsten Punkt stellte die problematische Reichstagswahl vom März 1933 dar, als 1787 Stimmen gezählt wurden, aber nicht einmal dieses Ergebnis fiel völlig aus dem Rahmen: denn im Juni 1920 und Mai 1924 wurden nicht wesentlich höhere Zahlen erzielt. Durchschnittlich entfielen auf die Arbeiterparteien zwischen 1919 und 1933 rund 1900 Stimmen pro Wahl. Dies zeigt, daß die Stammwählerschaft bis zum Ende der Republik gehalten werden konnte; allerdings verlor die SPD an die KPD erheblich: So hatten die Sozialdemokraten im Mai 1928 1951 Wähler, die Kommunisten 51; im November 1932 lauteten die Zahlen 1522 und 365. Die starken Verluste der Arbeiterparteien, die bei den Prozentzahlen ausgewiesen sind, müssen also zu einem großen Teil auf die erhöhte Wahlbeteiligung zurückgeführt werden. Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch bei Cadolzburg machen: Die Durchschnittsstimmenzahl der Arbeiterparteien pro Wahl zwischen 1920 und 1933 lag bei rund 360; im März 1933 waren es noch 307 Wähler. Man muß jedoch konstatieren, daß der gemeinsame Stimmensockel zuletzt etwas stärker gedrückt war als in Zirndorf.

Ein völlig anderes Bild ergibt sich, wenn man die bürgerlichen Parteien betrachtet. Im Dezember 1924 wurde in Zirndorf von dieser Gruppe, zu der die konservativen und liberalen Parteien sowie die BVP zu rechnen sind, eine Wählerschaft von 1209 erreicht, im Juli 1932 waren es nur noch 325 Stimmen; die entsprechenden Zahlen für die NSDAP dagegen lauteten 509 und 1917. Man kann diese Wählerbewegung noch deutlicher in Cadolzburg beobachten, da es hier in den zwanziger Jahren einen sehr starken konservativen Stimmenblock gegeben hat. Stellt man die Stimmenzahlen von DNVP, Wirtschaftspartei und den kleineren Rechtsparteien denjenigen der NSDAP gegenüber, so ergibt sich folgendes Bild:

Die Verschiebung von den bürgerlichen Parteien zur NSDAP ist also eindeutig, zumal auch die liberalen Parteien und sogar die BVP seit 1930 nahezu völlig verschwunden sind. Außerdem erkennt man, daß der Zuwachs der NSDAP allein aus diesem Bereich nicht hinreichend zu erklären ist, sondern daß das steile Anwachsen der Wahlbeteiligung in einem sehr hohen Maße der Hitler-Partei zugute kam.

Roßtal

Wir haben Zirndorf und Cadolzburg vorangestellt, weil, wie wir bereits erwähnt haben, die Roßtaler Wahlergebnisse erst ab dem Dezember 1924 zu ermitteln waren. Es fehlt also die Wahl zur Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 und die erste Phase in der Entwicklung des Wahlverhaltens.

Bis 1933 zeigt sich bei den Prozentzahlen für Roßtal ein Kurvenverlauf, der dem von Cadolzburg sehr stark ähnelt. Wegen der doch etwas unterschiedlichen Sozialstruktur ist der konservative Stimmenanteil in Roßtal noch höher und der der Arbeiterparteien geringer; außerdem erreicht der Bayerische Bauern- und Mittelstandsbund bei den Reichstagswahlen von 1924 und 1928 verhältnismäßig hohe Prozentzahlen. Man kann aus dem ähnlichen Wahlverhalten seit dem Dezember 1924 schließen, daß auch in der Zeit vorher die Unterschiede nicht erheblich gewesen sind, d. h. daß im Mai 1924 der Stimmenanteil der NSDAP auch in Roßtal schon einmal deutlich über 30 Prozent gelegen haben dürfte. Andererseits gibt uns die letzte Reichstagswahl vor dem Ersten Weltkrieg, für die die Roßtaler Zahlen überliefert sind, einen Hinweis auf das Wahlverhalten im Jahre 1919. Im Januar 1912 erhielt in Roßtal der Kandidat der SPD 41,4 Prozent, der der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei 43,6 Prozent und der der Konservativen und des Bundes der Landwirte nur 15 Prozent. Man kann – trotz der unterschiedlichen Wahlsysteme im Kaiserreich und in der Republik – aufgrund dieser Zahlen davon ausgehen, daß 1919 auch in Roßtal die bürgerlichen Wähler noch erheblich mehr die liberalen Parteien unterstützten und die Wendung nach rechts erst in den folgenden Jahren eintrat.

Wir veröffentlichen nachstehend die Graphiken für Roßtal und außerdem eine Liste mit den vollständigen Ergebnissen.

Für die Arbeiterparteien SPD und KPD erkennt man wieder einen relativ stabilen Stimmensockel von durchschnittlich etwa 250 Wählern; die 223 Stimmen vom März 1933 liegen somit nur geringfügig unter dieser Zahl. Die Durchschnittsmarke wird bei den Wahlen von 1930 und 1932 überschritten, wobei im November 1932 der Höchststand mit 286 Stimmen erreicht wurde; allerdings zeigt die Tatsache, daß der Stimmenanteil von KPD und SPD zusammen im März 1933 ziemlich genau dem vom Mai 1928 entsprach, daß die Stammwählerschaft der Arbeiterparteien nicht nach rechts abwanderte. Eine Bewegung – unter Umständen auch zur NSDAP – fand hauptsächlich nur bei den Wählern statt, die von den beiden Parteien in den ersten Jahren der Weltwirtschaftskrise zusätzlich aktiviert werden konnten. Der Rand bröckelte 1933 etwas; der Stamm aber hielt. Während also der gemeinsame Stimmensockel relativ konstant blieb, ist zu beobachten, daß es zwischen den beiden Parteien SPD und KPD erhebliche Verschiebungen gab; während der Weltwirtschaftskrise wechselte ein Teil der Roßtaler Arbeiterschaft offenbar zur KPD.

Roßtal, Reichstagswahlen 1924–1933

Der konservative Stimmenblock in Roßtal erfährt im September 1930 erstmals einen Einbruch; der Anteil geht von 41,9 auf 32,4 Prozent zurück; die NSDAP wächst von 5,9 auf 25,4 Prozent an. Der Gewinn von 139 Stimmen kommt etwa je zur Hälfte von den bürgerlichen Parteien und bisherigen Nichtwählern. Bei den nächsten Wahlen im Juli 1932 bleiben den konservativen Parteien nur noch 4,1 Prozent der Stimmen; die Wendung zur NSDAP ist eindeutig. Der allgemeinen Entwicklung entspricht das Verschwinden der liberalen Parteien; außerdem wird deutlich, daß der rapide Rückgang des Bayerischen Bauern- und Mittelstandsbundes auch auf das Gewinnkonto der NSDAP ging.

Vergleicht man Zirndorf, Cadolzburg und Roßtal hinsichtlich des Anwachsens der NSDAP, so fällt jeweils auf, daß der starke Anstieg der Wahlbeteiligung offenbar nahezu ausschließlich bei der NSDAP zu Buche schlug. Die Motive dafür, daß ehemalige Nichtwähler seit 1930 in großer Zahl zur Wahl gingen, sind in erster Linie in der wirtschaftlichen Krisensituation zu sehen, die sich immer mehr auf die persönliche Lebenshaltung auswirkte. Es ist eher eine Emotionalisierung, die in der steigenden Wahlbeteiligung zum Ausdruck kommt, als eine Politisierung; letzteres setzt ein verstandesmäßiges Durchdringen von politischen und wirtschaftspolitischen Zusammenhängen voraus; ersteres hat dort gute Voraussetzungen, wo die persönlichen Verhältnisse auch die Grenzen des politischen Horizonts markieren. – Bei dem Vergleich der NSDAP-Zahlen in den drei Gemeinden ziehen wir jene Wahlen heran, bei denen die NSDAP vor 1933 die höchsten Stimmenanteile erreichte: die zum bayerischen Landtag vom 24. April 1932 und die zum Reichstag vom 31. Juli 1932; außerdem soll die Reichspräsidentenwahl vom März und April des gleichen Jahres berücksichtigt werden. Bei der Landtagswahl wurden folgende Werte erreicht: Roßtal 69,5, Cadolzburg 68,4, Zirndorf 43,2 Prozent; die Juliwahlen erbrachten in Roßtal 66,5, in Cadolzburg 63,8 und in Zirndorf 46,0 Prozent für die NSDAP. Man erkennt also eine Staffelung nach der Größe der Gemeinde, die bei den Reichspräsidentenwahlen vom 10. April 1932 noch deutlicher hervortrat: Hitler erhielt in Roßtal 69,8, in Cadolzburg 59,9 und in Zirndorf 44,1 Prozent. Rekurriert man auf die Sozialstruktur, so läßt sich formulieren: je höher der Arbeiteranteil an der Bevölkerung, desto geringer die NSDAP-Gewinne; je breiter die bürgerlichen und bäuerlichen Schichten, desto höher die Prozentwerte für die Hitler-Partei.

Großweismannsdorf, Buchschwabach und Weitersdorf

Die Graphiken für Großweismannsdorf bestätigen die bisherigen Ergebnisse, die über das Wahlverhalten bürgerlicher Bevölkerungsschichten gewonnen wurden. Keine Aussagen lassen sich hier über die SPD und die liberalen Parteien machen, da es sich nur um vereinzelte Stimmen handelt. Aber eben weil hier die Sozialstruktur so eindeutig ist, läßt sich der große Umschwung im Wahlverhalten zwischen 1930 und 1932 so genau beobachten.

Bei der folgenden Gegenüberstellung der Prozentzahlen wurden neben den Reichstagswahlen (RT) auch zwei Landtagswahlen (LT) aufgenommen: diejenige vom 6. April 1924 und die vom 24. April 1932. Die erste zeigt den hohen Anteil nationalsozialistischer Wähler im Jahr 1924, die zweite steht für die Reichstagswahlen vom 31. Juli, deren Ergebnisse für Großweismannsdorf nicht überliefert sind.

Großweismannsdorf, Reichstagswahlen 1924–1933

Bei den Landtagswahlen vom April 1924 ist also ein ähnlich starkes Anwachsen nationalsozialistischer Stimmen zu konstatieren wie in Zirndorf (27,3 %) und Cadolzburg (34,1 %) bei den Reichstagswahlen vom Mai des gleichen Jahres. Dann fällt der Stimmenanteil für die NSDAP innerhalb weniger Monate zusammen, während der Anteil der konservativen Stimmen auf über 80 und 90 Prozent emporschnellt. Erstaunlich ist, daß die NSDAP im September 1930 in den drei kleinen Gemeinden noch nicht Fuß fassen konnte: Großweismannsdorf wählte noch zu 92 Prozent konservativ; in Buchschwabach und Weitersdorf lauten die Werte 93,3 und 87,9. Die NSDAP erreichte in Großweismannsdorf nur 5,7, in Buchschwabach 10,8, in Weitersdorf gar nur 0,7 Prozent. Hier zeigt sich das große Beharrungsvermögen der ländlichen Bevölkerung; denn immerhin hatte die Hitler-Partei damals bereits auf Reichsebene 18.3 und im Bezirksamt Fürth sowie in der großen Nachbargemeinde Roßtal je 20,4 Prozent. 1932 verändert sich dann das Wahlverhalten radikal; nahezu die gesamte konservative Wählermasse fällt jetzt der NSDAP zu. Daß die Entwicklung wiederum in Buchschwabach und Weitersdorf ähnlich war, zeigen die Ergebnisse der Reichspräsidentenwahl vom 10. April:

Bei der Reichspräsidentenwahl vom 26. April 1925 (Stichwahl) hatte man noch nahezu geschlossen konservativ, nämlich den kaiserlichen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, gewählt; die vor allem von SPD und Zentrum getragene demokratische Alternative, Wilhelm Marx, hatte hier keine Chance:

Das konservative Beharrungsvermögen wirkte sich dann aber auch zugunsten der NSDAP aus; denn im November 1932 hat ein Rückgang der Hitler-Partei hier nicht stattgefunden.

Ausschnitt aus der allgemeinen Entwicklung

Wir haben eingangs gesagt, daß es uns nicht um persönliches Verhalten geht, sondern um eine Fallstudie: um einen Ausschnitt aus einer allgemeinen Entwicklung. Der Ansatz unserer Interpretation war die unterschiedliche Sozialstruktur der von uns behandelten Gemeinden. Ohne daß wir im einzelnen darauf hinweisen mußten, wird klargeworden sein, daß die Ergebnisse sich verschieden stark von den Durchschnittszahlen auf Reichsebene unterschieden. Je einseitiger die jeweilige Sozialstruktur ländlichen Charakter trug, desto größer ist dieses Abweichen gewesen.

Die Menschen haben je nach ihrer sozialen Lage unterschiedlich in diesen Katastrophenjahren der Weltwirtschaftskrise auf die persönliche Existenzbedrohung reagiert: War es bei einem Teil der SPD-Wähler die Arbeitslosigkeit, die das politische Denken radikalisierte, so waren es für die mittelständische und bäuerliche Bevölkerung die Absatzkrise, der drohende Ruin der selbständigen Existenz. Allerdings haben sich nahezu die gesamten bürgerlichen Wähler in wenigen Jahren neu orientiert – nicht nur eine wirtschaftliche, auch eine tiefgreifende Wertkrise war eingetreten.

Die hier veröffentlichten Zahlen über das Wahlverhalten sind ein Stück Geschichte unserer Heimatgemeinde, an die sich die alten Mitbürger noch erinnern werden – sie werden vor allem im Gedächtnis haben, was hinter diesen nackten Zahlen steht: Not und Leiden, Kampf und Angst, Irrtum und betrogene Hoffnungen.

Quellen und Literatur

1Ortschaftenverzeichnis für den Freistaat Bayern nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 und dem Gebietsstand vom 1. Januar 1928 (Heft 109 der Beiträge zur Statistik Bayerns) hrsg. v. Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1928.
2Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamtes, 51. Jg., 1919, bis 65. Jg., 1933.
3Die bürgerlichen Parteien in Deutschland. Handbuch der Geschichte der bürgerlichen Parteien und anderer bürgerlicher Interessenorganisationen vom Vormärz bis zum Jahre 1945, hrsg. v. Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2 Bände, Berlin 1968 und 1970.
4Falter, Jürgen W.: Wer verhalf der NSDAP zum Sieg; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B. 28–29/79 vom 14. Juli 1979, S. 3–21.
5Hagmann, Meinrad: Der Weg ins Verhängnis. Reichstagswahlergebnisse 1919 bis 1933 besonders aus Bayern, München 1946.
6Matthias, Erich, Morsey, Rudolf (Hrsg.): Das Ende der Parteien 1933, Düsseldorf 1960.
7Milatz, Alfred: Wähler und Wahlen in der Weimarer Republik (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 66), 2. Aufl., Bonn 1968.
8Neumann, Sigmund: Die Parteien der Weimarer Republik, 3. Aufl., Stuttgart 1973.
9Strauß, Heinrich: Fürth in der Weltwirtschaftskrise und nationalsozialistischen Machtergreifung (Schriftenreihe des Stadtarchivs Nürnberg, Bd. 29), Nürnberg 1980.
10Wählerbewegung in der deutschen Geschichte. Analysen und Berichte zu den Reichstagswahlen 1871–1933 (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 20), Berlin 1978.