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Hans Eckstein

Richard Preissel

Hans Eckstein

* 8. April 1885 – † 28. Februar 1945

Das Jahr 1985 mit dem 100. Geburtstag und dem 40. Todestag des Roßtaler Bürgers Hans Eckstein sei Anlaß, dieses Mannes zu gedenken. Am 1. Januar 1925, vor 60 Jahren, trat er sein Amt als 1. Bürgermeister an und prägte als solcher in gut 8 Jahren Amtszeit die Entwicklung unseres Heimatortes nachhaltig bis weit in die Nachkriegszeit.

Zunächst die Lebensdaten:

Hans Eckstein wurde am 8. 4. 1885 als zweiter Sohn des Maurermeisters und späteren Bürgermeisters (1912–1919) Michael Eckstein und seiner Ehefrau Margarete, geborene Gastner in Roßtal geboren.

Seine Lebensabschnitte in Stichworten:

1891–1898 Volksschule Roßtal; ab 1898 Maurerlehre, anschließend Geselle und Bauführer im elterlichen Baugeschäft; in den Wintermonaten der Jahre 1902–1905 Besuch der Baugewerbeschule in Nürnberg; 1.3.1909 Maurermeisterprüfung, ab 17.4.1935 wegen besonderer fachlicher Qualifikation berechtigt zur Führung der Berufsbezeichnung „Baumeister“.
1905–1907 Militärdienstzeit
1914–1918 Kriegsdienst
1919–1934 Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Roßtal

Am 1. September 1908 übernahm er das elterliche Anwesen (Schloß) und Baugeschäft und heiratete am 20. Oktober 1908 Johanna Regina Lohbauer aus Nürnberg-Schweinau. Aus der Ehe gingen 5 Kinder hervor; zwei Söhne starben sehr früh; ein Sohn ist seit 1944 vermißt, zwei Töchter leben mit ihren Familien in Roßtal.

Dem Marktgemeinderat gehörte er vom 1.7.1919 bis 31.12.1924 an. Am 7.12.1924 wählten die Bürger Roßtals (damals ca. 1450 Einwohner) mit 535 Stimmen Hans Eckstein für 5 Jahre zum 1. Bürgermeister (1.1.1925-31.12.1929). Für die daran anschließende Wahlperiode (1.1.1930–31.12.1934) wurde er am 8.12.1929 mit 721 Stimmen in seinem Amt bestätigt.

Als Folge der nationalsozialistischen Machtergreifung verloren er und die demokratisch gewählten Markträte am 26.4.1933 ihre Ämter.

Auf dem Weg zum Bezirksamt Fürth wurde er am 28.2.1945 in seinem Pkw gegen 16.30 Uhr am Weinzierleiner Berg das Opfer eines Tieffliegerangriffes mit Bordwaffen.

Uns interessiert hier der Zeitraum vom Januar 1925 bis April 1933, in dem Hans Eckstein als 1. Bürgermeister tätig war.

Der 1. Weltkrieg mit seinen Folgen, besonders einer für uns heute unvorstellbaren Inflation, hatte unser Volk in tiefes Elend gestürzt. Die Einführung der Rentenmark zum 1.1.1924 beendete den Geldwertverfall, führte zu einer Art Aufbruchstimmung und bescherte dem gequälten Volk einige wenige gesicherte Jahre mit einem für damalige Verhältnisse bescheidenen Wohlstand. Dieser führte zu einer Belebung der Bautätigkeit; Siedlungsflächen waren gefragt.

Roßtal mit 1447 Einwohnern im Jahr 1925 wäre wegen seiner überaus günstigen Verkehrslage an einer Bahnlinie mit einem seit 1896 eingeführten verdichteten Vorortzugverkehr als Siedlungsgebiet hervorragend geeignet gewesen. Jedoch fehlte es an allem, was wir heute unter geordneter Infrastruktur einer Gemeinde verstehen: an Schule, Wasserversorgung, Rathaus und planmäßigem Straßenbau. Das Vorhandene konnte in keiner Weise auch damaligen bescheideneren Anforderungen genügen.

Außerdem existierte keinerlei planerisches Konzept zur baulichen Ausdehnung Roßtals und es fehlten örtliche Satzungen zur geordneten Regelung einer solchen Entwicklung.

Dazu im einzelnen:

Die ca. 350 Kinder der Roßtaler Volksschule wurden nach wie vor in den insgesamt nur 4 Schulräumen der beiden jahrhundertealten Schulhäuser (Knaben- und Mädchenschulhaus) unterrichtet. Ein Zuzug von Familien mit schulpflichtigen Kindern wäre von der Schule schon räumlich kaum mehr zu verkraften gewesen; sicher schied Roßtal aus den Überlegungen manches Siedlungswilligen mit Kindern wegen der trostlosen Schulverhältnisse ohnehin aus.

Die öffentliche Wasserversorgung bestand im oberen Markt aus den beiden heute noch vorhandenen Brunnen am Marktplatz und gegenüber der Grundschule, im unteren Markt aus den Quellen unterhalb des Schloßberges. Darüber hinaus hatte allerdings manches Haus einen eigenen Hausbrunnen.

Für eine Siedlungstätigkeit in nennenswertem Rahmen reichte diese ungeregelte Versorgung auch in den zwanziger Jahren nicht aus. Einrichtungen zur Abwasserbeseitigung gab es nicht einmal in Ansätzen.

Seit jeher fehlte in Roßtal ein Rathaus. Die Amtsräume stellte der jeweilige Bürgermeister in seinem Anwesen zur Verfügung. Jede Änderung in der Person des Gemeindeoberhauptes bedeutete stets auch eine Verlegung der Amtsräume mit allen Akten usw. Die Voraussetzungen für eine effektive Verwaltung waren also denkbar schlecht.

Der Zustand der bestehenden Ortsstraßen ohne ordentlichen Unterbau, allenfalls mit einer dünnen Schotterschicht versehen, lag im argen. Ihre Pflege war durch die Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse weitgehend unterblieben.

Zur ordnungsgemäßen Regelung der Erschließung von Neubaugebieten (Bebauungspläne, Straßenherstellung) bot die Bayerische Bauordnung von 1901 damals zwar allgemeine gesetzliche Grundlagen; deren Umsetzen in örtliche Satzungen als Voraussetzung für eine geordnete und gesicherte örtliche Bauentwicklung fehlte aber in Roßtal völlig.

So blieb die Erschließung von Neubaugebieten und deren Vorfinanzierung ausschließlich der Initiative und Finanzkraft von Privatpersonen überlassen. Diese berechneten die Kosten dann den späteren Bauherren in der Regel über den Bauplatzpreis. Beispiele für solche „Privatstraßen“ sind der vordere Teil der Hagenleite sowie der Eichenwald.

So befand sich unser Ort 1924 bezüglich seiner Weiterentwicklung in einer anscheinend aussichtslosen Lage: Ohne Lösung all dieser anstehenden Probleme war an eine zügige Ausdehnung der Besiedlung nicht zu denken, ihre schnelle Realisierung erschien jedoch angesichts der äußerst begrenzten Roßtaler Finanzkraft nicht durchführbar. Im Rechnungsjahr 1925/26 zum Beispiel betrug das Haushaltsvolumen der Marktgemeinde 31393,04 RM. Romantischer ausgedrückt: es gab keine Aussicht, Roßtal aus seinem jahrhundertelangen Schlaf zu wecken.

Dieser Situation stellte sich 1924 Hans Eckstein und versprach im Falle seiner Wahl zum 1. Bürgermeister das scheinbar Unmögliche: eine kurzfristige Lösung aller anstehenden Probleme.

Nach dem Vertrauensbeweis der Wähler machte er sich sofort mit unermüdlicher Energie und Tatkraft an die gleichzeitige Lösung der vielerlei Aufgaben und schon Ende 1930 – nach 6 Jahren Amtstätigkeit – waren alle notwendigen großen Bauprojekte durchgezogen oder in Angriff genommen, und zwar jedes für sich in großzügigster Form. Er hatte seine Wahlversprechen eingelöst.

Die folgenden Daten sprechen für sich:

1926:Errichtung eines dringend benötigten Feuerwehrhauses an der Spitz.
ab 1926:Ausbau des bestehenden Straßennetzes mit Verbreiterungen (Richtersgasse, Hagen, Buttendorfer Straße, Felsen, Clarsbacher Straße) und Beginn einer ordentlichen Straßenbefestigung, teils mit damals üblicher Makadamdecke und geordneter Oberflächenentwässerung in Rinnen, teils durch Pflasterung an Steilstrecken im Ortskern.
Januar 1927:Die Planungen für das Schulhaus (Planfertiger: Bürgermeister Eckstein) sind abgeschlossen und werden zur Genehmigung eingereicht. Nach Klärung der Bezuschussung durch Regierung und Mittelfränkischem Kreistag in Höhe von insgesamt ca. 68 % der Baukosten wird
1929mit dem Bau des Schulhauses begonnen; am
13.6.1930ist die Einweihung.
Schulhaus

Zwangsläufig führte dieser großzügige Bau auch zum Beginn der Kanalisationsarbeiten in Roßtal. Die Abwässer aus dem Schulhaus wurden durch den neu gebauten ersten Roßtaler Kanalstrang in Richtung Schulstraße, Marktplatz und „Pfeiffersberg“ zum Unteren Markt in eine neu erbaute Kläranlage mit Sandfang geleitet. Letztere befand sich in der sog. „Gemeindewiese“, etwas östlich der Bushaltestelle in der heutigen Unteren Bahnhofstraße. Mit einem Seitenstrang wurde das spätere Rathaus gleich an diese Kanalisation angeschlossen.

Parallel zum Schulhausbau laufen die Planungen für die Wasserversorgung und die Verhandlungen mit den dafür zuständigen Behörden:

7.3.1929:Der Marktrat beschließt endgültig den Bau der Wasserleitung und genehmigt die erste Darlehensaufnahme (162 000,- RM)
27.4.1929:Eine „besondere Kommission der Wasserversorgung“ (20 Mitglieder) nimmt ihre Arbeit auf.
1929–1930:Bau der Wasserleitung mit Brunnen, Pumpenhaus, Hochbehälter, Versorgungsnetz und 51 Hydranten.
7.1.1931:Übergabe der Wasserversorgungsanlage an den Markt Roßtal.
Kosten:233 615,14 RM für den Bau
31 511,- RM für „Geldbeschaffung“.
Zuschüsse:21 460,- RM von der Brandversicherungskammer 800,- RM vom Bezirksamt Fürth. Anschlußgebühren und Wasserpreis werden so kalkuliert, daß sich die Baukosten ohne Belastung der Gemeindekasse amortisieren. (Schon nach wenigen Jahren – am 17.2.1937 – kann „wegen günstiger Kassenlage der Wasserkasse“ der Wasserzins gesenkt werden.)
8.1.1931:Die „besondere Kommission der Wasserversorgung“ löst sich auf.

Zur Rathausfrage bot sich eine kostengünstige Lösung geradezu an. Nach dem Auszug der Schulkinder stand das ehemalige Kantoratsgebäude und Knabenschulhaus leer. Es war im Zuge der rechtlichen Regelung des Schulproblems aus Kirchenbesitz zunächst auf die Schulgemeinde (1910) und dann im Tauschwege am 6. November 1928 auf die Marktgemeinde übergegangen.

Bereits am

3.12.1931„wurde durch den Gemeinderat in Anwesenheit des Bezirksbaumeisters Dotzler des ehemalige Kantoratsschulhaus (zukünftiges Rathaus) besichtigt, um wegen Unterbringung der Gemeindekanzlei beschließen zu können“. Unverbindliche Kostenanschläge zum Umbau lagen schon vor. Über Baumaßnahmen enthält das Protokollbuch keine Angaben. Sie wurden aber offensichtlich im Laufe des Jahres 1932 durchgeführt, denn am
16.12.1932berichtet Eckstein, daß er „wegen der Einrichtung für die Gemeindliche Geschäftsstelle im Rathaus Kostenvorschläge einbringen“ will.
28.4.1933Hans Eckstein ist seit drei Tagen aus seinem Amt „ausgeschieden“, hält der Gemeinderat seine erste Sitzung im wahrscheinlich ersten Roßtaler Rathaus. Über 40 Jahre lang diente es diesem Zweck.
Seit dem Rathausneubau auf dem Marktplatz im Jahr 1972 wird es von der Arbeiterwohlfahrt und seit einigen Jahren auch als Jugendzentrum genützt.

Nicht vergessen seien die Verdienste Ecksteins um die Gestaltung des Marktplatzensembles. Im Jahre 1923 führte er an seinem Anwesen, dem Schloß, eine umfangreiche Außenrenovierung durch. Dabei wurde das unter einem Verputz schlummernde Fachwerk freigelegt. Unermüdlich wirkte er in den folgenden Jahren mit Erfolg auf die Besitzer der Häuser rings um den Marktplatz ein, seinem Beispiel zu folgen und den Putz von den Fachwerkgiebeln ihrer Häuser entfernen zu lassen.

In diesem Bemühen wurde er tatkräftig unterstützt durch seinen Freund Adolf Rohn, dem Verfasser des Heimatbuches von 1928.

Die gleichzeitige Durchführung beider Großprojekte Schule und Wasserleitung erregte zunächst bei vielen Bürgern Unmut. Für den weitblickenden und sorgfältig planenden Kommunalpolitiker Eckstein war dieses Vorgehen jedoch sinnvoll und schließlich auch der kostengünstigste Weg.

Zu einem modernen Schulhaus der geplanten Größe gehörten nach den Vorstellungen des Bürgermeisters (aber durchaus nicht aller Roßtaler Bürger!) Spülklosetts; die Wasserleitung war dafür unabdingbare Voraussetzung. Auch das im Schulhauskeller schließlich eingebaute Brausebad für die Schulkinder und die bis 1969 betriebenen 3 Wannen- und 3 Brausebadabteile für die Bevölkerung wären ohne Wasserleitung nicht zu verwirklichen gewesen. Diese Einrichtungen waren äußerst wünschenswert, ja richtungweisend in einer Zeit, als ein eigenes Bad in Roßtal - und nicht nur da - noch ein Privileg weniger Vermögender darstellte.

Dieses Schulhaus mit 8 hellen großräumigen Schulzimmern, 2 Lehrmittel- und 2 Lehrerzimmern, Schulküche, 3 Dienstwohnungen für Lehrer- und Hausmeisterfamilien und den bereits erwähnten Badeeinrichtungen zählte damals zu den großzügigsten Schulbauten vergleichbarer Gemeinden in ganz Mittelfranken. Es erfüllt heute noch – nach einer Renovierung im Jahre 1974 – zur vollen Zufriedenheit seine Aufgabe für die 3. und 4. Klassen der Grundschule.

Die Wasserleitung mit Brunnen, Pumpenhaus, Hochbehälter und Versorgungsnetz war weit vorausschauend ausgelegt. Die Schüttung des Brunnens in der Mühlgasse reicht auch heute in den Wintermonaten zur Versorgung von etwa zwei Dritteln des Kernortes Roßtal aus, obwohl sich die Einwohnerzahl hier seit 1925 etwa verdreifachte und der Wasserverbrauch pro Einwohner inzwischen um ein Vielfaches anstieg.

Wie schon weiter oben angeschnitten, fanden die großzügigen Baumaßnahmen zunächst nicht die ungeteilte Zustimmung aller Bürger. Viele fürchteten die hohe Schuldenlast. Auch nicht alle Markträte vermochten anscheinend den Vorstellungen Ecksteins uneingeschränkt zuzustimmen, zumal darüber an den Stammtischen sehr gegensätzliche Meinungen geäußert wurden.

Typisch für die Arbeitsweise, aber auch die Ausstrahlungskraft dieser Persönlichkeit, von der Zeitgenossen immer wieder erzählten, sind folgende Vorgänge, festgehalten im Protokollbuch jener Zeit:

Der Marktgemeinderat macht in der Sitzung vom 22.1.1929 sein Einverständnis mit dem Wasserleitungsbau von der Zustimmung der Bürger abhängig. Schon 3 Tage danach, am 25.1.1929, beruft Eckstein eine Bürgerversammlung im Gasthaus Fischhaber ein, ca. 235 Einwohner sind gekommen.

Zunächst berichtet er über den Stand des Schulhausneubaues.

Es folgt eine Pause. Zum weiteren Ablauf wird im folgenden wörtlich das Gemeinde-Protokoll zitiert:

„Nach Umfluß dieser Pause ging dann 1. Bürgermeister Eckstein auf den eigentlichen Zweck der Versammlung über, wobei er von seinen Besuchen bei den einschlägigen Stellen und Behörden in München näheren Aufschluß gab. Die Anwesenden wurden von den Vorzügen einer Wasserleitung unterrichtet und an Hand der vom Bayerischen Landesamt für Wasserversorgung in München ausgearbeiteten Pläne und des Kostenanschlages eingehend aufgeklärt. Ferner betonte er, daß die Ausführung der Erdarbeiten durch produktive Erwerbslosenfürsorge betätigt werden soll, damit die hiesigen Erwerbslosen Beschäftigung, die auf ca. 6 Monate gerechnet ist, finden und dadurch ein Betrag von ungefähr 15 000 RM eingespart würde. Zudem kommt noch, daß die Landes-Brandversicherungskammer einen Zuschuß von ca. 20 000 RM in Aussicht stellt. Auch wird an das Bayerische Landesamt für Wasserversorgung das Ersuchen gestellt, daß bei Vergebung der Arbeiten sämtliche in Betracht kommenden hiesigen Geschäftsleute – deren Namen dem Landesamt für Wasserversorgung bekannt zu geben sind – berücksichtigt werden sollen. Besprochen wurde u. a. auch, wie die zu entrichtenden Gebühren für Wasserverbrauch vorerst gedacht sind, um die Verzinsung und Amortisation decken zu können. Für Hausbesitzer, die sich an die Wasserleitung nicht anschließen, ist eine Feuerschutzabgabe gedacht, die sich je nach Größe der Anwesen staffelt. Der einhalbstündige ausführliche Vortrag wurde mit größter Spannung und Aufmerksamkeit aufgenommen bzw. angehört, worauf der Vortragende die Versammlung zur freien Aussprache aufforderte.
Während dieser Aussprache wurden nun die verschiedensten Ansichten kund und Anfragen an den Versammlungsleiter gerichtet, die alle wunschgemäß beantwortet wurden.
Nachdem genügend Aufklärung gegeben war, kam man zur Frage:
‚Ist für den sich immer mehr ausbreitenden und immer größer werdenden Markte Roßtal die Wasserleitung nötig und ist dies ein dringendes Bedürfnis, zumal auch für einen derart aufstrebenden Ort, wie dies gerade hier der Fall ist, für genügenden Feuerschutz zu sorgen die Marktgemeinde verpflichtet ist?‘

Um diese Frage all den Anwesenden zu erleichtern und Befangene nicht unsicher zu lassen, wurde auf allgemeinen Wunsch mittelst Stimmzettel abgestimmt. Von den abgegebenen 226 Zetteln lauteten:

137 für Erbauung der Wasserleitung
88 gegen Erbauung der Wasserleitung
1 Zettel wurde ohne Angabe abgegeben.
Somit war die Mehrzahl für die Wasserversorgung, und 1. Bürgermeister Eckstein gab noch einigen Anfragen Rechnung, worauf er gegen halb zwölf Uhr die Versammlung für geschlossen erklärte.“

Sofort im Anschluß an die Gemeindeversammlung beschließt der Marktgemeinderat im Nebenzimmer mit 7:3 Stimmen den Bau der Wasserleitung mit dem erneuten Vorbehalt, daß vor Baubeginn mindestens 200 Anschlüsse gesichert sein müssen.

Bereits fünf Wochen danach, am 7.3.1929 legt Eckstein dem Gremium 211 von ihm selbst gesammelte Unterschriften für verbindlich beantragte Hausanschlüsse vor. Nun wird der Wasserleitungsbau endgültig genehmigt.

Bau des Hochbehälters

Bau des Hochbehälters für die Wasserleitung (Hans Eckstein mit Strohhut)

Trotz oder gerade wegen seiner Erfolge blieben Hans Eckstein Angriffe von politischen Gegnern und Neidern nicht erspart. Sie scheuten sich nicht, ihm persönliche Bereicherung an den gemeindlichen Bauprojekten vorzuwerfen, besonders am Schulhaus.

In der am 20. März 1932 im Gasthaus zur Sonne einberufenen Versammlung der Schulgemeinde wurde der Rechenschaftsbericht über den Schulhausneubau öffentlich vorgelegt. Dabei ergab sich, daß die Gesamtherstellungskosten der Firma Eckstein weit hinter dem Kostenvoranschlagspreis zurückgeblieben waren, obwohl der Kostenanschlag weder die durchgeführte Teilkanalisation bis zur „Gemeindewiese“ noch die Kläranlage enthalten hatte.

Die erhobenen Vorwürfe waren ad absurdum geführt.

Nach der Lösung der baulichen Probleme Schule, Wasserleitung und Rathaus war der Weg frei zu einer lebhaften Siedlungstätigkeit in Roßtal. Wie richtig die Spekulation Ecksteins gewesen war, zeigen folgende Zahlen der Bevölkerungsentwicklung:

In den 8 Jahren der beschriebenen großen Investitionen zwischen 1925–1933 nahm die Bevölkerung um 24,7 % zu, eine Wachstumsrate, die nie zuvor und auch nie mehr danach in einem gleich langen Zeitraum in Friedenszeiten erreicht wurde.

Zum Vergleich:

In den zehn ausgesprochen „ergiebigen“ Roßtaler „Bauboom“-Jahren von 1960–1970 betrug die Bevölkerungszunahme 20 %. – Selbst der kriegsbedingte Zustrom der Ausgebombten und Heimatvertriebenen von 1939–1946 brachte mit ca. 31 % Wachstum wenig mehr als der Zeitraum 1925–1933.

Inzwischen war es höchste Zeit geworden, mit erschließungsrechtlichen und planerischen Initiativen diese stürmische Entwicklung zu fördern, besonders aber auch in geordnete Bahnen zu lenken.

So verabschiedete auf Ecksteins Drängen der Marktgemeinderat in seiner Sitzung vom 23.2.1931 mit den „Vorschriften über Straßenherstellung in der Marktgemeinde Roßtal“ die erste bekannte örtliche Erschließungssatzung überhaupt. Sie galt nach einer Aktualisierung im Jahr 1938 bis zum Inkrafttreten des Bundesbaugesetzes 1961 und erleichterte das Bauen besonders für weniger Begüterte sehr.

Waren bis dahin wegen der strengen Anwendung des einschlägigen 62 der Bayerischen Bauordnung von 1901 durch die Genehmigungsbehörde Siedlungsstraßen in der Regel vor Erteilung einer Baugenehmigung baulich herzustellen, so konnte dies nach den neuen örtlichen Vorschriften auf später verschoben werden. Davon wurde regelmäßig Gebrauch gemacht. Das bedeutete einerseits eine große Entlastung für die Bauwilligen zur Bauzeit mit ihren besonderen finanziellen Engpässen, andererseits ging die Gemeinde durch die zwingend vorgeschriebene und auch konsequent gehandhabte notarielle Sicherung ihres Anspruchs auf Straßenbaubeiträge keinerlei finanzielles Risiko ein.

Weitergehend vermochte der Marktgemeinderat den Ideen Ecksteins zur Ortsentwicklung leider nicht mehr zu folgen. Der in der gleichen Sitzung vom 23.2.1931 von Eckstein gestellte Antrag auf die Ausarbeitung eines Baulinienplanes für Roßtal durch das Stadterweiterungsamt Nürnberg wurde wegen „schlechter Finanzlage“ mit 13:1 Stimmen abgelehnt.

Baulinienpläne entsprachen etwa heutigen Bebauungsplänen. Eckstein hatte die dringende Notwendigkeit einer vernünftigen Ortsplanung erkannt, den Gemeinderat konnte er davon nicht überzeugen. Mit dieser Ablehnung vergaben die Markträte – ohne es zu ahnen – für längere Zeit die Chance auf eine eigenverantwortliche Ortsplanung im Rahmen gemeindlicher Selbstverwaltung.

Nach ihrer Machtergreifung erließen die Nationalsozialisten am 22.9.1933 das „Gesetz zur Aufschließung von Wohnsiedlungsgebieten“. Den neuen Bestimmungen entsprechend wurde Roßtal mit Wirkung vom 17.10.1935 zum Wohnsiedlungsgebiet erklärt und die Erstellung von vorläufigen Wirtschaftsplänen durch übergeordnete Behörden angeordnet (Landbauamt Nürnberg, später Ortsplanungsstelle bei der Regierung in Ansbach). Die Planungskosten hatten selbstverständlich die Gemeinden zu tragen.

Der auf diese Art auf Anordnung von oben ausgearbeitete „Vorläufige Wirtschaftsplan“ bildete bis weit in die Nachkriegszeit die Grundlage der Roßtaler Weiterentwicklung.

Damit haben wir uns jedoch bereits in eine Zeit begeben, in der dem 1. Bürgermeister Eckstein und seinen Markträten die Verantwortung für die Gemeinde durch die Maßnahmen der Nationalsozialisten entzogen worden war.

Am 31.3.1933 erließ der Reichstag das „Gleichschaltungsgesetz“. Danach waren die bisherigen Gemeinderäte aufzulösen und ihre Mitglieder durch neu zu „wählende“ sog. Gemeindebeigeordnete zu ersetzen. Eine Wahl des Bürgermeisters durch die Bürger gab es nicht mehr. Er wurde von den „Gemeindebeigeordneten“ bestimmt.

Eckstein blieb als letzte Amtspflicht die Organisation der sog. „Neuwahlen“ am 23. April 1933. Dazu gab es in Roßtal nur noch eine Einheitsliste der NSDAP, Hans Eckstein war darauf nicht enthalten. Andere Parteien hatten keine Listen mehr eingereicht.

Am 26.4.1933 übergab der abgesetzte Bürgermeister in seiner letzten Amtshandlung den neuen Machthabern die Amtsgeschäfte. Mutig ließ er es sich nicht nehmen, in seiner Abschiedsrede an die Leistungen seiner Amtszeit zu erinnern. Er zählte auf: Feuerwehrhaus, Schulhausbau, Wasserleitung, alle Straßenbaumaßnahmen im einzelnen und die Gestaltung des Marktplatzes. Ferner bedankte er sich bei allen, die ihm in den zwei letzten Gemeindewahlperioden mit Rat und Tat zur Seite gestanden und viele Arbeiten, Gänge und Zeitversäumnisse aufgebracht hatten. Seine besondere Anerkennung galt dem 2. Bürgermeister Zucker.

Das Folgende wieder nach dem Gemeindeprotokoll:

„Weiterhin soll nicht unerwähnt bleiben, daß der bisherige Gemeinderat es fertig gebracht hat, was seit Jahrhunderten nicht der Fall war, der Marktgemeinde durch den Schulhausneubau, bzw. durch den Tausch des Platzes hiezu, ein eigenes Rathaus durch das bisherige Kantoratsschulhaus zu schaffen. Dies ermöglicht dem neu gewählten Gemeinderat am Freitag, dem 28. April 1933, das Rathaus zu beziehen.“

Eckstein verwies noch darauf, daß zukünftig kein Bürger mehr auf eine eventuelle Tätigkeit als Bürgermeister deshalb verzichten müsse, weil er keine entsprechenden privaten Räume zur Verfügung stellen könne. Jetzt gäbe es ein Rathaus.

Zum Abschluß wünschte er den neuen Gemeinderäten, daß ihre Beschlüsse dem Wohle unserer Marktgemeinde und zugleich dem Wohle des gesamten deutschen Vaterlandes dienen möchten.

Leider durfte Hans Eckstein das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft nicht mehr erleben. Zeitgenossen waren überzeugt, daß für ihn damit eine neue politische Karriere begonnen hätte. Aber etwa sieben Wochen vor dem Eintreffen der Amerikaner in Roßtal fand er am 28.2.1945 gegen 16.30 Uhr den Tod durch die Kugel eines Tieffliegers am Weinzierleiner Berg.

Gerade die Nachkriegszeit mit dem unvorhersehbaren Zustrom von Heimatvertriebenen zeigte den Wert der von Eckstein angeregten und in harter Überzeugungsarbeit durchgesetzten öffentlichen Einrichtungen.

Zwar war das große Schulhaus plötzlich wieder viel zu klein; durch die großzügige seinerzeitige Ausführung konnte aber trotzdem ein einigermaßen geordneter Unterrichtsbetrieb ohne allzu große Härten aufrechterhalten werden, bis 1962 durch den Bau des Rückgebäudes normale Verhältnisse geschaffen wurden.

Auch der Bedarf an Trinkwasser für die schlagartig angestiegene Bevölkerung konnte gedeckt werden, wenn es auch in den Spitzenzeiten zu Engpässen kam.

So war durch die Großzügigkeit der damaligen Planungen wenigstens auf den beiden wichtigen Gebieten Schule und Wasserversorgung dafür gesorgt, daß die Eingliederung der zahlreichen Neubürger ermöglicht werden konnte und viele von ihnen in Roßtal eine neue Heimat fanden.

Baustelle Quellfassung der Wasserleitung

Roßtal, Mühlgasse 1929: Baustelle Quellfassung der Wasserleitung
am Eichenwaldhang mit Handwerkern der Firma Eckstein

Gedenktafel

Seine Roßtaler hatten Hans Eckstein nicht vergessen. Am Sonntag, dem 23. März 1952 wurde nach dem Gottesdienst in einer Feierstunde, einem einstimmigen Beschluß des Marktgemeinderates folgend, die rechts abgebildete Gedenktafel enthüllt. Sie war im Vorraum des alten Rathauses angebracht. Da nach dem Neubau auf dem Marktplatz das bisherige Rathaus seine öffentliche Funktion verloren hatte, beschloß der Marktgemeinderat am 11.4.1983, den Standort der Gedenktafel in das 1929 erbaute Schulhaus der heutigen Grundschule zu verlegen. Dort befindet sie sich seit dem Sommer 1983 im Eingangsbereich des Treppenhauses und erinnert die kommende Generation recht anschaulich an die Leistungen ihrer Vorfahren.

Die Aufgabe der Lehrkräfte im Heimatkundeunterricht jedoch sollte es sein, bei aller Würdigung der Verdienste und des Wertes einzelner herausragender Persönlichkeiten in den Kindern das Bewußtsein zu wecken, daß diese Leistungen ohne die Opferbereitschaft und konstruktive Mitarbeit aller Bürger nicht hätten erbracht werden können.

Ich bin sicher, daß diese Betrachtungsweise die uneingeschränkte Zustimmung von Hans Eckstein fände.

Literatur und Quellen

1.Unterlagen der Familie Richard und Herta Völkl, Roßtal
2.Mündliche Berichte des Gastwirts Fritz Kandel, Roßtal
3.Beschlußbücher der Gemeinde Roßtal
4.Protokollbuch Wasserversorgung der Marktgemeinde Roßtal
5.Adolf Rohn, Heimatbuch von Roßtal und Umgebung, Roßtal 1928
6.Hans Kreutzer/Gottlieb Schwemmer. Tausend Jahre Roßtal. Festschrift zur Tausendjahrfeier
7.Hans Kreutzer/Robert Düthorn. ROSSTAL, Vergangenheit und Gegenwart, Roßtal 1978/79
8.Wolfgang Preissel, Facharbeit: Die Veränderungen der Siedlungsstruktur in Roßtal infolge seiner Großstadtnähe (seit 1945). Roßtal 1975
 Zum Baurecht:
9.Baugenehmigungen (Baupläne) Roßtal 1926 bis 1937 im Archiv des Landratsamtes Fürth, Bauhof Altenberg.
10.Staatsarchiv Nürnberg: Landratsamt Fürth, Abgabe 1962, Akt Nr. 849

Für den Heimatverein Roßtal recherchiert und zusammengestellt im Januar/Februar 1985 von Richard Preißel, Rektor an der Grundschule Roßtal


Michael Steinheimer

Gesundheitserziehung und -vorsorge zur Zeit der Aufklärung mit einer Untersuchung der Sterbefälle in den Jahren 1780–1785 in der Pfarrei Roßtal

Die geistigen Strömungen des 17. und 18. Jahrhunderts, die unter dem Eindruck neuer, besonders naturwissenschaftlicher Erkenntnisse die Vernunft und die individuelle Freiheit des Menschen als den Maßstab für die Kunst, Wissenschaft und das Leben ansahen, sind unter dem Begriff „Aufklärung“ zusammengefaßt worden. Die Wurzeln dieser geistesgeschichtlichen Entwicklung liegen in England, dessen konstitutionelle Staatsform das rationelle Klima positiv beeinflußte. In dem durch die Verfassung dieser Form der Monarchie garantierten Rahmen konnten neben einer politischen Liberalität sich auch die Gedanken der Aufklärung entwickeln. Von England ausgehend verbreitete sich das Gedankengut rasch auf dem Kontinent, wobei auch theologisch-philosophische Anschauungen auf Vernunft und Natur hin zu deuten versucht wurden, was von den Kirchen nicht widerstandslos hingenommen wurde. In Frankreich legte die Aufklärung den geistigen Grundstock für den Sturz der absoluten Monarchie und bereitete so den Boden für die französische Revolution vor. Auch im deutschen Sprachraum gewannen die Gedanken der Aufklärung eine nicht unbedeutende Anhängerschaft unter der Führung so bekannter Männer wie Kant, Lessing, Wieland, Goethe, den Theologen Baumgartner, Semler u. vielen anderen.

Der Fortschrittsglaube förderte insbesondere die Naturwissenschaften in jener Zeit, die sich durch die Erkenntnisse Newtons in England überall günstig entwickelten. Ausgeprägt war die Idee, daß alles nützlich sei, alles einen vernünftigen Grund hat und alle Lebensgebiete durch analoge Gesetze beherrscht werden. Sozialphilosophisch entwickelte sich die Toleranzidee, die das tragende Fundament zahlreicher caritativer Maßnahmen und Reformen von selten aufgeklärt denkender Herrscher war, wie Friedrich der Große und Kaiser Joseph von Österreich. Der Glaube an die Erziehbarkeit des Menschen lag den Maßnahmen zugrunde, die oftmals überhastet durchgeführt wurden, mit der Folge, daß sie ihren Zweck verfehlten. Dieser Gedanke spiegelt sich nicht nur in dem administrativen Bemühen um Reformen wider, sondern findet auch seinen Eingang in die Literatur.

Es erscheinen daher, insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zahlreiche Werke, die von Autoren mit der Absicht publiziert wurden, den Menschen zu erziehen, ihn zu belehren und zu verbessern. Die erzieherische Komponente tritt überaus deutlich in den Vordergrund. So ist es verständlich, daß der Bildungsroman und die Fabel, als stilistisches Mittel, die Gedanken der Aufklärung verbreiten, ja ihren literarischen Höhepunkt haben. Das belehrende Element wird gleich einem roten Faden die Richtschnur für das Werk.

Zunächst ist das wohlhabende Bürgertum, das finanziell und geistig die Befähigung hat, sich mit den Gedanken auseinanderzusetzen, als Zielgruppe angesprochen. Später, als bereits die französische Revolution ihre Schatten vorauswirft, erscheint auch der Bauernstand als Adressat. Daher werden gegen Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche Werke veröffentlicht, die sich mit den Bauern beschäftigen und versuchen, durch belehrende Hinweise die Situation dieses Standes zu verbessern.

Das Thema dieser Arbeit soll sich nur mit einem kleinen Ausschnitt aufklärerischer Literatur beschäftigen, nämlich mit dem der Gesundheitserziehung.

Als Hauptwerk wurde hierbei das „Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleut“ benutzt, das 1789, also zu Beginn der französischen Revolution, in seiner süddeutschen Fassung in Sulzbach in der Oberpfalz erschien. Als ein typisches Werk der Aufklärung geltend, genoß es, nach Angaben in der Literaturwissenschaft, eine große Popularität und fand eine weite Verbreitung.

Verfasser des Werkes ist der am 9. April 1752 in Erfurt geborene Buchhändler Rudolf Zacharias Becker. Er entfaltete eine reiche publizistische Tätigkeit und war Herausgeber mehrerer Zeitungen („Dessauische Zeitung für die Jugend und ihre Freunde“ 1782/83; „Anzeiger“, seit 1791 durch kaiserliches Privileg „Reichsanzeiger“, 1807 in „Allgemeiner Anzeiger“ geändert; „Nationalzeitung für Deutsche“ 1807). Wegen antifranzösischer Äußerungen war er von 1811 - 1813 in Magdeburg inhaftiert. Becker starb am 28. März 1822 in Gotha. Der literarische Wert seines Schaffens wird als gering eingeschätzt, obgleich er als einer der eifrigsten Autoren galt, die sich um die Verbreitung aufklärerischer Gedanken, besonders in den mittleren und unter Volksschichten, bemühten.

Das obengenannte Buch wird ergänzt durch ein Werk „Der Hausvater“, verfaßt von Otto von Münchhausen und ist 1769 in Hannover erschienen. Diese Ausgabe wandte sich an die begüterten Landwirte und Gutsherren.

Die medizinische Wissenschaft in der Aufklärung

Wie schon eingangs erwähnt, kam die rationelle Grundeinstellung der Aufklärung besonders den naturwissenschaftlichen Disziplinen entgegen. Das exakte Experimentieren mit logisch durchdachter Methodik hielt seinen Einzug in die Laboratorien. Die Medizin profitierte hiervon ebenso wie die Physik oder Chemie. Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten legten den Grundstein für den rasanten Aufschwung, den besonders die Medizin im 19. und 20. Jahrhundert erlebte.

So gelang es, um einige Beispiele zu nennen, dem deutschen Arzt Lieberkühn, die Funktion der Darmzotten zu erklären, der Schweizer Physiologe Albrecht von Haller stellte die Theorie auf, daß sämtliche Krankheiten auf einer Steigerung beziehungsweise auf einer Herabsetzung der normalen Reizfähigkeit beruhten und daher entsprechend zu behandeln seien, der Italiener Boralli erkennt die Hebelfunktion der Knochen, an denen die Muskeln befestigt sind, und sein Landsmann Baglioni führt die Tätigkeit der Herz-, Lungen- und Kreislauforgane auf physikalisch-mechanische Prinzipien zurück. Einen Überblick über die medizinische Wissenschaft gibt der Autor in seinem Werk „Der Hausvater“ unter einem Kapitel: „Der Hausvater und sein Arzt“ (IV. Teil, S. 719).

„Man sollte glauben, daß die Arzneygelahrtheit unter allen übrigen Wissenschaften eine der gewissesten und am mehrsten ausgebreitet sey. Die Anatomie legt uns den Bau des ganzen Körpers, dessen Nerven, Muskeln, Adern und alle übrigen, auch die kleinsten Theile klar vor Augen. Die Physiologie lehret, wie die Bewegungen in dem Körper in gesunden Tagen folgen. Die Pathologie erzählt alle Zufälle und Krankheiten, denen wir unterworfen sind. Die Semiotik erforscht die Zeichen, woran wir einen gesunden und kranken Körper unterscheiden. Die Hygiastik giebt uns Regeln, wie wir die Gesundheit erhalten. Die Diätetik zeigt den rechten Gebrauch der gewöhnlichen Nahrungsmittel und Speisen. Die Therapie schreibt die zur Herstellung der Gesundheit erforderlichen Mittel vor. Die Chymie zergliedert alle Mittel und zeigt ihre Bestandteile. Die Pharmacologie macht uns mit allen anzuwendenden Arzneymitteln und deren Wirkungen bekannt.“

Obgleich sich in der medizinischen Wissenschaft beträchtliche Irrtümer hartnäckig hielten, zeigt sich doch in den angeführten Textstellen der beachtliche Fortschritt medizinischer Erkenntnisse.

Becker, der Autor des „Noth- und Hülfsbüchleins“, steht den Ausführungen des „Hausvaters“ nicht nach. Seine Beschreibung gibt, wenn auch in gestraffter und damit vergröbernder Weise, die funktionellen anatomischen Gliederungen des menschlichen Körpers wieder. Er fährt sinngemäß fort, daß es sehr schwierig sei, die gesamten Zusammenhänge im menschlichen Organismus zu überblicken, weshalb dies nur dem ärztlichen Stand vorbehalten sei. Die Bauern hätten nicht die Zeit dazu, obgleich es für jeden Menschen wichtig wäre, über seinen Körper Bescheid zu wissen.

Gesundheitserziehung und Definition der Gesundheit zur Zeit der Aufklärung

Die Gesundheitserziehung und -Vorsorge hat die Aufgabe, durch entsprechende Maßnahmen Krankheiten vorzubeugen. Die Gesundheitserziehung ist damit ein wichtiger Bestandteil der Präventivmedizin (lat. praevenire, zuvorkommen). Ihre Aufgabe ist es, die Gesundheit des Menschen durch vorbeugende Maßnahmen aufrechtzuerhalten.

Übereinstimmend wird in den beiden angeführten Werken besonders der ländlichen Bevölkerung nahegelegt, sich mit der Heilkunst und der Medizin zu beschäftigen, da

„...diese besonders für Landwirthe nöthig, welche weit von einer Stadt und von erfahrenen Aerzten entfernt sind“ („Der Hausvater“ II. Teil, 1766).

In der Zeit der Aufklärung werden bereits sehr klar die Zusammenhänge zwischen dem körperlichen und geistigen Wohlbefinden des Menschen erkannt. In dem eben zitierten Werk schreibt der Autor:

„Damit ein Mensch sich recht glücklich und seinen Zustand glückselig nennen könne, wird nothwendig ein zufriedenes Gemüt und ein gesunder Körper erfordert.“

Diese Aussage hat heute die gleiche Gültigkeit wie vor zweihundert Jahren, denn nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation wird Gesundheit als ein Zustand völligen geistigen, körperlichen und sozialen Wohlbefindens dargestellt. (Zetkin, Schaldach: „Wörterbuch der Medizin“, Band l, S. 502).

Im Unterschied zur modernen Definition der genannten Weltorganisation wurden damals die sozialen Beziehungen noch nicht als für die Gesundheit des Menschen bedeutsam erachtet, da noch stark der Gedanke der Unveränderlichkeit der Welt und ihren Beziehungen als ein Produkt der Schöpfung verwurzelt war.

Gesundheitserziehung, dargestellt an einigen Abschnitten des „Noth- und Hülfsbüchleins“

Wie eine geschickte, reinliche und ordentliche Hausfrau viel dazuhilft, daß ihre Leute gesund bleiben und ein hohes Alter erlangen.

„Es kommt in der Welt gar viel darauf an, wie man eine Sache angreift und damit umgehet. Die besten Dinge verderben in ungeschickten Händen, und die schlechtesten werden oft von klugen und verständigen Leuten zu großem Nutzen oder Vergnügen angewendet. So ist es auch mit dem Essen und Trinken: dieselben Speisen und Getränke nutzen oder schaden der Gesundheit, und schmecken gut oder schlecht: Je nachdem sie zubereitet werden, wie folgende Geschichte lehret:

In Frankstätt wohnten zwey Brüder, Andres und Thomas Zaunemann genannt. Diese hatten sich ihr väterliches Erbe getheilt, und jeder hatte zwey und eine halbe Hufe (Morgen) bekommen. Beyde hatten auch mit ihren Weibern eine Hufe erfreyt: so daß sie recht gut leben konnten. Beyde waren fleißige Leute, hielten etwas auf ihr Vieh, zahlten ihre Steuern und gaben zur rechten Zeit, und ihre Wirthschaft gieng gut von statten. Nur waren Andres und seine Frau und seine Kinder fast immer schwächlich, und hatten bald dies, bald das an ihrem Leibe; starben auch in ihren besten Jahren. Dagegen Thomas und seine Leute immer gesund blieben, und sehr alt wurden: so daß sie zuletzt das ganze Gut zusammen erbten. Und das kam blos daher, daß die Thomsen besser wußte, wie man durch Vorsicht beym Essen und Trinken, und durch Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen die Gesundheit erhält und stärket. (...)

Fleisch kochte sie niemals an dem Tage, da es frisch geschlachtet war: sondern sie ließ das Rindfleisch und das Schweinefleisch im Sommer zwei oder drei Tage, und im Winter fünf bis sechs Tage alt werden. Schöpsenfleisch und Kalbfleisch aber im Sommer zwei und im Winter vier Tage, und zum Braten noch etliche Tage älter. Dadurch wurde es mürber, und bekam dem Magen besser. Sie ließ es aber im Sommer nicht für die Fliegen und Mücken offen liegen: sondern legte es in frisches Wasser, Essig, Eier oder saure Milch. Auch wässerte sie alles Fleischwerk vor dem Kochen recht sauber aus. Die Braten klopfte sie mit einem reinlichen Holze tüchtig durch, ehe sie ans Feuer kamen. (...)

Fleisch von ungesunden oder krepiertem Vieh, oder schwarz gewordenes Pöckelfleisch (Sulzfleisch), auch verdorbenes oder madiges Geräuchertes durfte nicht in ihre Küche kommen.

Alles Gemüse wusch sie ganz rein ab, und brühte es, daß es weniger blähen sollte. War der grüne Kohl im Sommer mit Honigthau überzogen: so weichte sie ihn etliche Stunden in Wasser ein; damit sie das schändliche Zeug los wusch. Was vom Ungeziefer zerfressen war, gab sie den Schweinen. Gurken (Kimmerlinge), welche vom Mehlthau weiß und verdorben waren, setzte sie ihren Leuten auch nicht vor.

(...) Sie sah auch darauf, daß sie oft abwechselte mit dem Essen und nicht einerley Speise vielmahl nach einander auf den Tisch brachte; damit ihre Leute desto mehr Lust zum Essen hätten. So wußte sie aus den Kartoffeln (Potacken) wohl zehnerley Gerichte zu machen. Milchspeisen gab sie weniger, als andere Weiber im Dorfe. Dafür schaffte sie von dem aus der Butter gelösten Gelde desto öfter frisches Fleisch an.“

(gekürzt, aus dem „Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute“, S. 155 ff.)

Ein großes Problem in der bäuerlichen Lebensweise bildete die Ernährung. Zum einen war man besonders auf den Ernteertrag angewiesen, der je nach Witterungsbedingungen mehr oder weniger reichlich ausfiel, zum anderen war die Ernährung auf dem Lande, bedingt auch durch fehlende Konservierungsmethoden, recht einseitig, so daß die Gefahr von Avitaminosen (Vitaminmangelkrankheiten) bestand. Dies galt besonders für die Winter Jahreszeit, in der es an frischem Gemüse und Obst mangelte.

Besonders über die Ernährung der Kinder mahnt der Autor seine Leserschaft:

„Ihre Kinder ließ sie in den ersten Jahren kein Fett, keine harten Klöse, auch keine dicken Breye essen, und stopfte sie auch nicht zu voll. Denn sie wußte, daß sie davon dicke Bäuche und Köpfe bekommen; da denn manche unwissende Leute meinen, sie wären behext oder ausgetauscht. Sonst hielt sie auch gute Ordnung in den Mahlzeiten, daß jedes sein Frühstück, Mittagessen und Abendbrod immer zur rechten Zeit bekam. Den Kindern gab sie aber lieber oft und wenig als zuviel auf einmal.“ (S. 158)

Ferner waren bei der Erziehung der Kinder folgende Ratschläge zu beachten:

„Ebenso vermahnte sie die Kinder von Jugend auf, wenn es ihnen sehr heiß wäre und sie stark schwitzten, nicht an einem sehr kühlen oder feuchten Orte auszuruhen. Denn dadurch wird der Schweiß zurückgetrieben und dieses verursacht allerhand Flüsse und oft die schlimmsten hitzigen Krankheiten. Auch mußten ihre Leute, wenn sie bei der Arbeit die Kleider ausgezogen hatten, solche des Abends auf dem Heimwege wieder ordentlich anhaben, um sich nicht zu erkälten. Die Kinder mußten sich in der Woche zwey, dreymal mit kaltem Wasser am ganzen Leibe waschen, Sommers und Winters, und alle Morgen die Hände und das Gesicht, und auch hinter den Ohren, im Nacken und auf der Brust. Die Köpfe ließ sie ihnen nicht warm halten, und sie durften in der größten Kälte keine Pelzmützen aufsetzen. Dagegen mußten sie, wenn sie vom Regen naß nach Hause kamen, allzeit andere Hemden und Strümpfe anziehen. Froren sie schon vor der Nässe: so mußten sie sich mit laulichtem Wasser waschen, oder die Füsse in ein laulichtes Bad setzen; wenn nur diese erkältet waren. “ (S. 159)

Ein wesentlicher Punkt der Gesundheitserziehung, der in dem Werk behandelt wird, setzt sich mit der Hygiene im Bereich der Küche und der Wohnung auseinander. Der Autor wendet sich an seine Leser mit folgenden Ratschlägen:

„Alles Geschirr in der Küche und im Keller hielt sie ebenso rein, als den Leib. Denn sie wußte, daß in einem unreinen Fasse das beste Getränk verdirbt, und daß den Menschen nicht aller Unrath wohlbekömmt, wie den Schweinen. Ihre Stube und Kammern wurden gefegt, so oft sie schmutzig waren, und mußten immer ganz trocken seyn und frische Luft haben. Hatte sie im Winter darinne ja etwas zu verrichten, wobey es Feuchtigkeit und Dünste gab, als Futter für Vieh zurecht zu machen und dergleichen: so mußten alle Pfützen aufgewischt und hernach die Fenster eine Weile aufgemacht, und die Stube mit Wacholderbeeren ausgeräuchert werden, damit sie und ihre Leute nicht die garstige feuchte Luft einzuschlucken brauchten. Sie ruhte auch nicht eher, bis ihr Mann den Höllhafen (Ofenhafen), welcher sonst in der Stube war, aussen in der Küche in dem Ofen anbringen ließ; damit der Dunst, der aus dem Wasser aufsteigt, nicht in die Stube gienge. Denn davon werden die Menschen aufgedunsen (geschwollen) und bekommen Kopfschmerzen und allerhand Flüsse. Die Schlafkammer mußte alle Tage, auch im Winter, gelüftet und die Betten zuweilen an die Sonne gebracht und aufgeklopft werden.“ (S. 159 f.)

Stilistisch setzt Becker, um die Eindringlichkeit und Aussagekraft seiner Ratschläge in bezug auf ein der Gesundheit dienendes Verhalten zu verstärken, dem positiven Beispiel der Familie des Thomas die Familie des Andreas als warnendes und abschreckendes Beispiel gegenüber. Durch diese Technik gewinnen die Aussagen an Konturen, so daß die belehrende Absicht des Autors klar hervortritt.

Über die fiktive Familie des Andreas schreibt Becker:

„(...) Ans Waschen wurde kaum Sonn- und Festtags gedacht, und die Hemden behielten die Kinder am Leibe, bis sie halb verfault waren, so daß sie vor Ungeziefer starrten. Der Fußboden in der Stube war meistens so naß und schmutzig als der Kuhstall: weil die kleinen Kinder sich nicht ehrbar darinne hielten, auch oft die Hühner, Schweine und der Ziegenbock, den die Kinder hatten, darin herumliefen, und niemand aufwischte, wenn etwas beschüttet wurde. Da panschten sie nun mit blosen Füßen in der Brühe herum und steckten doch die Köpfe in dicke Pelzmützen, daß sie darunter dampften. Im Winter stand auch immer ein Sauerkraut-Faß und ein paar Covent-Fäßgen (?) in der Stube, und die Leute schluckten den Dunst davon ein. Die Fenster und Thüren wurden auch sorgfältig zugehalten und dabey sehr stark eingefeuert (eingeheizt). Da saßen sie denn meistens ohne Überkleider und giengen aus der Hitze so hinaus in die Kälte, daß sich eins ums andere erkältete. Diese ungesunde und unordentliche Lebensart war nun die Ursache, daß Krätze, Grind, Schnupfen (Stauchen), Flüsse und Zahnschmerzen da wie zu Hause waren, und daß alt und jung aussahen, daß einem davor graute. Andreas starb auch in seinen besten Jahren und die Kinder, deren sie doch sieben hatten, erreichten alle nicht das 15te Jahr. Es gieng ihnen nämlich so damit. Das älteste Mädchen starb im zehnten Jahre an der Schwindsucht. Zwey Kinder starben, wie schon gesagt, am Faulfieber von stinkenden Kaidaunen (Schaf-Wänstlein). Eines starb an der Ruhr und eins an den Kinderblattern: weil sie entsetzlich einheizte in der Stube, wo sie lagen, und ihnen Bier mit Schafdreck abgekocht zu trinken gab. Eins erstickte im ersten halben Jahr an einem sogenannten Zuller (Nuller, Schlozer, Sauger, Lappenditz), den es hinunterschluckte. Sie hatte nämlich die üble Gewohnheit, die kleinen Kinder, wenn sie vor Hunger schrien, oder weil ihnen etwas weh that, mit einem solche Dinge schweigen zu machen. Da band sie gekautes Brod oder Syrup oder Möhrensaft (Gelbrübensaft) in einen schmutzigen Lappen und steckte es dem Kind in den Mund. Durch die Süßigkeit, welche mit dem Brod versauerte, bekam das Kind oft Leibschmerzen und schrie noch ärger. Endlich ließ sie einmal ein Kind eine ganze Stunde lang mit einem Zuller im Munde allein in der Wiege liegen, und als sie wieder nach Hause kam, war ihm der garstige Lappen in den Hals gekommen, und es war jämmerlich daran erstickt. Dieß waren sechs Kinder. Das siebente, ein Knabe, überlebte seinen Vater: sah aber immer aus wie der Tod. Endlich begieng die Frau einmahl die Unvorsichtigkeit, daß sie sich in einem kupfernen Kessel, von dem das Zinn herunter war, und der viel Grünspan angesetzt hatte, Milch abkochte, und darin erkalten und gar versauern ließ, ehe sie dieselbe aß. Dadurch hatte sich der giftige Grünspan in die Milch gezogen, und wie sie mit ihrer Magd und dem Knaben davon gegessen hatten, bekamen sie entsetzliches Bauchgrimmen, und Mutter und Kind starben nach einander binnen 8 Tagen, unter entsetzlichen Schmerzen.
Dieses wäre ihr nicht widerfahren, wenn sie den Kessel vorher recht rein ausgescheuert (ausgefegt) und ausgespühlt hätte.“

(gekürzt, aus dem Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute, S. 163 ff.)

In weiteren Kapiteln des Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute setzt sich der Autor mit den Gefahren übermäßigen Alkoholgenußes auseinander. Die besondere Problematik des Alkoholabusus war also bekannt, ebenso die Gefahren für die Gesundheit, die durch eine falsche Ernährung, insbesondere durch übermäßiges Essen, hervorgerufen werden. Auch hier bemüht sich der Schriftsteller um Aufklärung, widmet er doch diesem Problem ein weiteres Kapitel seines Buches.

Als Resümee dieser Betrachtungen kann gefolgert werden, daß man zwar gewisse Zusammenhänge zwischen äußeren Gegebenheiten und Umständen (wie zum Beispiel der Hygiene in Wohnräumen) und ausbrechenden Krankheiten kannte, aber um die eine Krankheit auslösenden Faktoren zu wenig wußte, so daß manche Ratschläge, wenn sie auch gutgemeint waren, wenig helfen konnten. Da man die genauen Ursachen der Infektionskrankheiten nicht kannte und man von pathogenen Keimen, Bakterien und Viren nichts wußte, war man Infektionskrankheiten fast völlig hilflos ausgeliefert. Die ersten großen Fortschritte wurden erst einige Jahre nach dem Erscheinen des Werkes in England erzielt, als der Arzt Edward Jenner die Pockenschutzimpfung 1796 einführte. Bis sich diese allgemein durchgesetzt hatte, dauerte es allerdings weitere Jahre. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte man die gefährlichsten Infektionskrankheiten einigermaßen in den Griff bekommen können.

Die medizinische Situation in der zur Pfarrei Roßtal zählenden Ortschaften in dieser Zeit

Eine Rekonstruktion der Verhältnisse in unserer engeren Heimat ist schwierig, da es auf dem Lande kaum Ärzte gab, aus deren Schriftverkehr sich die entsprechenden Rückschlüsse ziehen ließen. Wir werden aber davon ausgehen können, daß die im „Hilfsbüchlein“ dargestellten positiven wie negativen Beispiele überall anzutreffen waren.

Über den gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung geben die Sterbebücher der Pfarrei Auskunft. Freilich sind die auf die Todesursache Auskunft gebenden Hinweise oft recht lückenhaft. Die Diagnose bezüglich der Todesursache wurde in den seltensten Fällen von sachkundigen Personen durchgeführt, eine Leichenschau im heutigen Sinne war fast völlig unbekannt. Es sind Fälle bekannt, daß der Pfarrer als Amtsperson hinzugezogen wurde. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß bei den Eintragungen bei bestimmten Alters- und Personengruppen stets die gleiche Todesursache vermerkt ist, obgleich mit Sicherheit angenommen werden kann, daß verschiedene Krankheitssymptome hätten festgestellt werden können.

Für die Untersuchung wurden die Sterbebücher der Jahre 1780–1785 ausgewählt, weil:

  1. diese Jahrgänge sich in etwa mit dem Erscheinungsjahr des Werkes von Rudolf Zacharias Becker decken,
  2. es sich hier um keine außergewöhnlichen Jahrgänge handelt, in denen verstärkt Epidemien auftraten,
  3. keine kriegerischen Auseinandersetzungen Opfer unter der Bevölkerung hier verursachten.

Die ausgewählten Jahre widerspiegeln also die damalige normale Sterbesituation und somit den Gesundheitszustand der Bevölkerung.

Der Auszug aus den Sterbebüchern der Jahrgänge 1780–1785 zeigt für die Pfarrgemeinde Roßtal folgendes Bild:

Es verstarben im Zeitraum vom 1.1.1780–31.12.1785 368 Personen. Verteilt auf die einzelnen Jahre ist folgende Sterbehäufigkeit je Jahr zu verzeichnen:

Bezogen auf diesen Zeitraum von 6 Jahren starben im Jahresdurchschnitt rd. 61 Personen. Es sind keine Anhaltspunkte dafür vorhanden, warum dieser Mittelwert in den Jahren 1780 und 1785 stark überschritten und 1781 sowie 1782 unterschritten wird.

Ordnet man die Todesfälle nach Geschlechtern, so zeigt sich nachstehende Tabelle:

Das Verhältnis der Geschlechter beträgt nahezu 1 : 1, so daß keine Besonderheiten bezüglich der geschlechtsbezogenen Sterbehäufigkeit erkennbar sind. Unabhängig vom Alter werden Männer und Frauen im gleichen Maße von Krankheiten mit tödlichem Ausgang betroffen. Die einzige Ausnahme innerhalb der untersuchten Zeitspanne stellt das Jahr 1785 dar, wo ein deutlicher Frauenüberschuß von 13 Personen zu verzeichnen ist.

Übersicht über die Anzahl der verstorbenen Personen, differenziert nach Jahr, Alter und Geschlecht:

Anteil der einzelnen Altersgruppen an der Gesamtsterblichkeit:

Bei der Interpretation der Statistik fallen einige Besonderheiten auf. Die Sterblichkeit in der perinatalen Phase (d. h. bis sieben Tage nach der Geburt) sowie bis zum zweiten Lebensjahr ist überproportional hoch im Vergleich zu den anderen Altersgruppen. Da sich in diesem Abschnitt der frühkindlichen Entwicklung das Immunsystem noch nicht voll ausgeprägt hat, ist eine hohe Infektanfälligkeit des Säuglings gegeben. Aufgrund fehlender diagnostischer Möglichkeiten war in diesen Fällen eine Therapie kaum möglich. Die Sterblichkeit unter den Knaben ist dabei wesentlich höher als bei der Gruppe der Mädchen. Diese Tendenz setzt sich sogar verstärkt in der Altersgruppe von zwei bis vier Jahren fort. Zwar ist die Sterblichkeit erheblich zurückgegangen, jedoch sterben in dem untersuchten Zeitraum dreimal mehr Kinder männlichen Geschlechts als weiblichen Geschlechts. Zwischen dem vierten und dem achten Lebensjahr ist die Sterblichkeit bezüglich des Geschlechts weitgehend ausgeglichen. Zu Beginn der pubertären Phase nimmt dann die Sterblichkeit unter den weiblichen Personen erheblich zu. Diese Entwicklung setzt sich im Altersbereich der gebärfähigen Frauen fort. Die Anfälligkeit für Infektionen nimmt nach einer Geburt erheblich zu, so daß das Leben der Mutter in stärkerem Maße gefährdet ist. Man spricht hier vom sogenannten „Kindbettfieber“, das damals aufgrund fehlerhafter Hygienemaßnahmen nach der Entbindung, seine Opfer forderte. Tatsächlich ist auch in den Sterbebüchern bei einer 35jährigen Frau vermerkt: „verstorben an Kindbett“.

In den Altersgruppen über fünfzig Jahre steigt die Sterblichkeit wieder an, wobei insbesondere in der Altersgruppe zwischen 65 und 75 Jahren ein deutlicher Frauenüberschuß zu registrieren ist.

Die geringste Sterblichkeit findet sich bei den Männern, die zwischen 25 und 35 Jahre alt sind. Zum einen entfallen bei den Männern die Gefahren einer nach einer erfolgten Geburt drohenden Infektion, die im Gegensatz bei Frauen manifest ist, zum anderen ist eine Resistenz gegen gewisse Infektionskrankheiten, die bereits durchmacht worden sind, vorhanden, so daß in gewissen Grenzen das Infektrisiko bei dieser Personengruppe relativ gering ist.

Mit zunehmendem Alter nimmt der Immunschutz ab. Für die Alterssterblichkeit kommen daher nicht nur chronisch degenerativ verlaufende Leiden als Todesursache in Frage, sondern auch ein erhebliches Maß an Infektionskrankheiten, die unter den damaligen Hygieneverhältnissen ein Ansteigen der Sterberate mitverursachen.

Todesursachen laut Sterbebücher 1780–1785:

Da es sich oft um Sammelbezeichnungen für eine Reihe von verschiedenen Todesursachen handelt, ist ein Transfer in die jetzt gebräuchliche medizinische Terminologie schwierig. Bei den TodesUrsachen „Blattern“, „Ruhr“, „Totgeburt“ und „Kindbett“ deckt sich das heutige medizinische Verständnis mit der Aussage des 18. Jahrhunderts.

Hinter dem Begriff des Schlagflusses, der als Todesursache nur bei Personen über 40 Jahre angewendet wird, verbergen sich wahrscheinlich Infarkte, insbesondere Hirninfarkte bzw. Schlaganfälle (Apoplex cerebri).

Der Begriff „Stulfluß“ beziehts ich auf das Krankheitssymptom des Durchfalls. Diese Todesursache findet sich überwiegend bei Kleinkindern. Nur vereinzelt wird er als Todesursache bei älteren Personen angegeben. Welche Krankheiten exakt dem Begriff entsprechen, kann nicht mehr eruiert werden. Möglicherweise handelt es sich bei der Gruppe der Kleinkinder um Varianten einer infektiösen Enteritis, die unbehandelt besonders bei diesem Kreis lebensbedrohend sind. Inwieweit bei den älteren Personen Stoffwechselstörungen, Darminfektionen oder andere Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts vorliegen, läßt sich nicht mehr ermitteln.

Ebenso kann keine genaue Abgrenzung zur „Ruhr“ gezogen werden, da teilweise die gleichen Symptome auftreten. Daher besteht die Möglichkeit, daß in einigen Fällen die Begriffe synonym verwendet werden.

Die medizinische Wissenschaft der Aufklärung versteht, im Gegensatz zur heutigen Auffassung, unter dem Begriff „Geschwulst“ keine Tumorerkrankung im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine Schwellung bei traumatischen bzw. entzündlichen Prozessen. Ebenso werden nach damaligem Verständnis Ödeme als „Geschwulst“ definiert. Da der Begriff „Geschwulst“ als Todesursache sowohl bei Kindern wie auch bei älteren Personen verwendet wird, ist eine Differenzierung schwierig.

Der Term „Auszehrung“, so daß hier anscheinend die verschiedensten Krankheiten mit dem gleichen Begriff bezeichnet werden.

Möglicherweise liegen bei diesen Fällen auch tuberkulöse Erkrankungen vor, die damals aufgrund ungenügender hygienischer und mangelhafter Wohnverhältnisse nicht selten waren.

Spezifisch nur bei Kleinkindern taucht der Begriff „Gefraisch“ als Todesursache auf. Der Begriff „Gefraisch“ leitet sich vom althochdeutschen Wort „Fraisa“, Furcht, Schrecken, ab. In der Volksmedizin des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff für die Beschreibung von Krampfanfällen bei Kindern verwendet, ohne daß hierfür eine exakte Erklärung gegeben werden konnte. Die Kinderkrankheit war weit verbreitet.

„Fieber“ als Todesursache wird nur in drei Fällen genannt. Dieser Begriff ist jedoch so allgemein gehalten, daß es unmöglich ist, die genaue Krankheit zu ergründen, die zum Tode geführt hat. Interessanterweise erscheint diese Todesursache nur bei Leuten, die älter als dreißig Jahre sind. In zwei Fällen waren die Personen älter als 75 Jahre.

Die Krankheitsbezeichnung „böser Hals“, die bei einem 16 Wochen alten Säugling genannt wird, bezieht sich vermutlich auf eine weitere Kinderkrankheit, die damals weit verbreitet war, nämlich Diphtherie.

Das Wort „Husten“, bei einem Säugling als Todesursache angegeben, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit für Keuchhusten.

Bei dem Fall der angeborenen Wassersucht handelt es sich um einen Säugling, wobei diese Krankheit auch heute noch auftreten kann. Die jetzt gültige medizinische Bezeichnung Hydrops neonatorum universalis kann mit dem verwendeten Begriff „Wassersucht“ gleichgesetzt werden.

Ein Großteil der Krankheiten, die zum Tode führten, waren Infektionskrankheiten. Da man gegen sie weitgehend machtlos war, nahmen die Menschen der damaligen Zeit solche Unglücksfälle als gottgegeben hin. Die Erfolge, die die Aufklärung erzielte, den Menschen aus dieser Passivität und Unwissenheit herauszuführen, sind schwer abzuschätzen.

Jedenfalls wurde durch die Verbreitung dieser Art Literatur in breiten Volksschichten zumindest das Bewußtsein zu mehr Hygiene geweckt, wenn es auch noch mehr als 100 Jahre dauerte, bis die medizinische Wissenschaft Erreger und deren Bekämpfung von einer Reihe von Infektionskrankheiten entdeckten, die oft die Bevölkerung dezimierten.

Literatur- und Quellenverzeichnis:

1)Archiv des ev.-luth. Pfarramts Roßtal
2)Rudolf Zacharias Becker: Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute oder lehrreiche Freuden- und Trauer-Geschichte des Dorfes Mildheim, Sulzbach/Opf., 1789
3)Otto von Münchhausen: Der Hausvater, II./IV. Teil, Hannover, 1766/69
4)M. A. Weikard: Medizinisches-pracktisches Handbuch, Heilbronn/Neckar und Rothenburg ob der Tauber, 1797
5)W. Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 254. Auflage, Berlin, New York, 1982
6)Zetkin/Schaldach: Wörterbuch der Medizin, Band l, Stuttgart, 1980
7)Roßtaler Heimatblätter IV, 1981, S. 10–11
8)Egon Fridell: Kulturgeschichte der Neuzeit, Band 2, 2. Auflage, München, 1976
9)Anselm Salzer: Illustrierte Geschichte der Deutschen Literatur, Band V, 2. Auflage, Regensburg, 1932
10)Friedrich Zoepfl: Deutsche Kulturgeschichte, Band II, 2. Auflage, Freiburg im Breisgau, 1937
11)H. A. und E. Frenzel: Daten deutscher Dichtung – Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, Band 2, 19. Auflage, München, 1981
12)Herders Konversationslexikon, 3. Auflage, Freiburg im Breisgau, 1903

Alfred Steinheimer

Bilanz der Denkmalspflege

Es ist zwar schon einige Zeit darüber vergangen, daß der Marktrat das Bauwerk „Kantoratsstadel“ in der Rathausgasse, das mit seinem Walmdach und anderen bautechnischen Details als ein bemerkenswertes Gebäude im Roßtaler Ortskern gilt, in anerkennenswerter Weise restaurieren ließ.

Nun hat Hans Gastner, Weitersdorf, was bisher noch fehlte, einen wichtigen Schritt in Richtung Archivierung vollzogen, indem er das Gebäude aufgemessen und Grundrisse und Ansichten dargestellt hat.

Dankbar vermeldet der Chronist auch die Wiederherstellung des „Fischhaberstadels“ an der Spitzweed, der mit gemeindeeigenen Kräften in ordentlicher Handwerksarbeit hergerichtet, sich nun als ein Blickfang am südlichen Eingang zum oberen Markt erweist.

Die Krönung des „kulturellen Umweltschutzes“, wie Bezirksheimatpfleger Dr. Eichhorn die Denkmalspflege bezeichnet, ist zweifelsohne die bisher nach gründlicher Überholung erst außen fertiggestellte St. Laurentiuskirche. Es ist sicher keine Übertreibung, die Arbeiten an diesem Sakralbau als ein „Jahrhundertwerk“ rühmlich zu nennen. So dankbar alle mit sicher großem Opferwillen der Gemeindemitglieder vorgenommenen Renovierungen des 19. Jahrhunderts und auch die bis in die 50er Jahre unseres Säkulums durchgeführten Ausbesserungen, Ergänzungen und Instandsetzungen an und in der Kirche zu würdigen sind, sie vermochten nicht die fortschreitende Gefährdung der Standsicherheit des Turmes, ausgelöst durch Brand und Blitzschläge im 17. u. 18 Jahrhundert, und die der südlichen Außenwand des Kirchenschiffes aufzuhalten oder diesen Zustand gar zu beseitigen. Es blieb modernen Sanierungsmethoden unserer Tage vorbehalten, Turm, Dach und Mauern so zu verfestigen, daß keine Gefahr für dieses altehrwürdige Gebäude mehr besteht. Es gebührt dem Pfarrherrn, der darauf angesprochen bescheiden abwinkt, als dem Motor der Unternehmung, dem Kirchenvorstand, dem Architekten, dem Landbauamt und allen tüchtigen Handwerkern ein hohes Lob. Sie alle haben bewirkt, daß das schon vor über 450 Jahren bis heute im Siegel der Marktgemeinde geführte Wahrzeichen unseres Ortes getrost nachfolgenden Generationen übergeben werden kann.

Fischhaberstadel

Gelungene Renovierung des „Fischhaberstadels“ an der Spitzweed

In den „Roßtaler Heimatblätter“ 1. Heft, Jahrgang 1981, haben wir voller Freude die gelungenen restaurierte Ansicht des Anwesens Schulstraße 13 (Peippsches Anwesen) als Titelbild dieser Ausgabe gewählt und eine chronologische Aufzählung der Besitzer dieser kleinen baulichen Kostbarkeit seit dem Jahre 1594 bis zum Jahre 1897 gebracht.

Leider ist das den Hof längs der Friedhofsmauer einsäumende Nebengebäude zwischenzeitlich in einem baulichen Zustand, der dringend Abhilfe bedürfte. Es wäre ein Verlust für das Ortsbild, wenn dieses bemerkenswerte Ensemble mit seiner geschichtlichen Verflechtung zur Kirche als ehemaliges „Gotteshauslehen“ nicht erhalten werden könnte.

In gleichem Maße gilt unsere Würdigung dem Werk des Besitzers Konrad Neubauer in Buchschwabach. Das frühere Gastwirtsgebäude, heute Wohnhaus, zeigt sich nun im neuen Glanz. – Eine Anregung für andere.

Anwesen des Konrad Neubauer in Buchschwabach

Das Anwesen des Konrad Neubauer in Buchschwabach