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Das Anwesen „Kärchhuf-Peipp“
ganz links der inzwischen abgebrochene Backofen

Georg Schütze

Anwesen „Kärchhuf-Peipp“ nun im Besitz der Gemeinde

Welcher Heimatfreund kennt nicht die vielfältigen Fotos des landwirtschaftlichen Anwesens Peipp von der Schule zum Kirchturm hin? Wohl eines der ältesten Anwesen von Roßtal überhaupt.

Ich kenne noch den alten Vater Peipp, wie er mit seinem Ochsengespann zu seinen Äckern südlich der Bahnlinie fuhr. Er war schon damals ein alter, abgearbeiteter, gebeugt gehender Mann. An die Mutter Peipp kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie starb 1950. Als der Vater 1944 gestorben war, waren sie allein auf dem Hof. Fast selbstverständlich, daß da bei der Heu- oder Getreideernte die zahlreiche landwirtschaftlich orientierte Verwandtschaft der Behringers in Clarsbach und der Winters von Roßtal helfen mußte. Auch bei der übrigen „Männerarbeit“ wie Holzmachen halfen sie.

Später wurden die landwirtschaftlichen Flächen verpachtet, und die beiden alten „Peippn-Madli“, wie man sie liebevoll nannte, schlugen sich so recht und schlecht durch das Leben. Wohlstand bedeutete ihnen nichts. Äußerlich, für jeden sichtbar, verfielen die landwirtschaftlichen Gebäude des Anwesens immer mehr, und jeder Heimatfreund begrüßte, daß der damalige Verwalter, Bürgermeister Heinrich Behringer aus Clarsbach, 1980/81 wenigstens das Wohnhaus von außen sanierte und das Dach neu eindecken ließ.

Als die letzte Besitzerin, Käthe, 1981 verstorben war, ging das ganze Anwesen Schulstraße 13 an die Erben, die Brüder Heinz und Gerhard Behringer aus Clarsbach, über.

Da aber das landwirtschaftliche Anwesen unter Denkmalschutz steht und das Grundstück selbst historisch noch nicht untersucht ist (man vermutet dort einen wesentlichen Hinweis auf die Frühgeschichte der Roßtaler Kirche), ist dieses nach Meinung des Kreisheimatpflegers in absehbarer Zeit baulich nicht weiter nutzbar.

Deshalb entschlossen sich die neuen Besitzer zunächst, das gesamte Gebäudearsenal, inklusive Grund und Boden dem Heimatverein des Marktes Roßtal zum Kauf anzubieten. Der Kauf wäre dem Heimatverein unter Umständen möglich gewesen, für den weit höheren Kostenaufwand für Reparaturen hätten aber die Mittel gefehlt.

Schließlich hat sich der Marktrat entschlossen, mit Hilfe von Zuschüssen der Regierung von Mittelfranken im Rahmen der Ortssanierung (des oberen Marktes) das gesamte Peippsche Anwesen von den Erben käuflich zu erwerben. Der Heimatverein hat nun die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und mit Hilfe von öffentlichen Zuschüssen die Gebäude zu sanieren. Es wird nicht verschwiegen, daß sie in einem erbärmlichen Zustand sind, und es ist dringend erforderlich, daß schnell gehandelt wird, wenn nicht noch größerer Schaden entstehen soll.

Die Mitglieder des Heimatvereins – und nicht nur sie – haben aber Gelegenheit, durch vielseitige Unterstützung und durch persönliche Mitarbeit und finanzielle Spenden mitzuhelfen, daß der Peippsche Museumshof für die Nachwelt erhalten bleibt.


Michael Steinheimer

Sebastian Franck und die Wiedertäufer in Franken

Die Reformation Luthers, auf dem Boden des Humanismus fußend, erschütterte nachhaltig die fundamentalen theologischen Positionen der Zeit. Dies blieb nicht nur auf den geistlichen Bereich beschränkt, sondern dehnte sich wegen der engen wirtschaftlichen und sozialen Verflechtung der Kirche auch auf weite, außerhalb des Religiösen liegende Gebiete aus (1, 2, 5).

Mit der Reformation traten auch Strömungen auf, die, auf der Tradition mittelalterlicher Mystik beruhend, spiritualistische Elemente mit spontaner persönlicher Religiosität verbanden (1, 2, 4, 5, 8, 9).

Einer der führenden Vertreter dieser Richtung war der auch kurz in der näheren Umgebung von Roßtal tätige Sebastian Franck.

Sebastian Franck wurde am 20. Januar 1499 in Donauwörth geboren. Nach seinem Geburtsort ist er auch unter dem Namen Frank von Wörth bekannt. Über seine frühe Kindheit wissen wir wenig. Nach dem Besuch der Lateinschule in der schwäbischen freien Reichsstadt Nördlingen entschloß sich Sebastian Franck 1515 zum Theologiestudium an der Universität Ingolstadt. 1518 beendete er dort seine Studien mit dem akademischen Grad eines Bakkalaureus, um diese an der Alma mater Heidelberg fortzuführen. Dort knüpfte er die ersten Kontakte zu Luther, die ihn entscheidend prägten. 1524 nahm Franck eine Kaplanstätigkeit im Bistumsbereich Augsburg auf, der genaue Ort ist nicht bekannt. Noch während dieser Zeit bekannte er sich endgültig zur Lehre Martin Luthers. Im darauffolgenden Jahr, 1525, zog er nach Nürnberg, das sich bereits früh für die Gedanken der Reformation aufgeschlossen zeigte (1).

Hier gewann Sebastian Franck rasch Gleichgesinnte in den beiden Dürerschülern Hans Sebald Beham und Bartel Beham (6, 16). Ebenso hatte er Verbindungen mit Hans Denk1). Mit dem berühmten Arzt Paracelsus, mit Martin Luther und mit Melanchton stand er im lebhaften Briefwechsel.

1525 erhielt Sebastian Franck auf Vorschlag des Rates der Stadt Nürnberg eine Anstellung als Frühmesner in Büchenbach bei Roth. Wegen der äußerst bescheidenen Einkünfte aus der Frühmeßstelle sah Franck sich 1527 gezwungen, nach der besser honorierten Stelle in Gustenfelden bei Rohr umzusiedeln. Seine Beziehungen zur Familie Beham in Nürnberg blieben weiterhin bestehen. Wegen seiner Ansichten über die Kirche und die Religion, die mehr und mehr der Auffassung der Nürnberger Geistlichkeit und des Patriziats entgegenstanden, wurde er gezwungen, die Frühmeßstelle in Gustenfelden wieder aufzugeben.

1528 heiratete er die Schwester der beiden Dürerschüler, Otilie Beham, in Schweinau. Sebastian Franck wohnte noch kurze Zeit am Weinmarkt in Nürnberg, ehe er 1529 endgültig der Reichsstadt den Rücken kehrte und nach Straßburg zog.

Straßburg galt als Zentrum einer geistigen Strömung innerhalb der Reformation, die als das „Wiedertäufertum“ bezeichnet wird. Die Anhänger dieser theologischen Richtung befürworteten ein auf einer persönlichen Religiosität basierendes Christentum. Sie lehnten die Sakramente ab und verwarfen die Kindertaufe. Erst im Erwachsenenalter, so waren sie der Meinung, sei, nach einer auf die Person bezogenen inneren Erleuchtung durch Gott, eine Taufe gerechtfertigt. Franck hielt in Straßburg enge Verbindungen zu dem Kreis der Wiedertäufer, die von der Obrigkeit mit Mißtrauen verfolgt wurden. Man beschuldigte ihn der Ketzerei und verwies ihn bereits nach kurzer Zeit der Stadt. 1531 ließ er sich in Eßlingen nieder, um seinen Lebensunterhalt als Seifensieder zu bestreiten. Auch dort blieb er nicht lange. Unruhig, wie es seine Art war, zog er anschließend nach Ulm. Nach Erwerb des Ulmer Bürgerrechts versuchte er sein Glück als Buchdrucker. Er verfaßte zwei Bücher mit den Titeln „Paradoxa“ und „Wunderreden“, die zu Differenzen mit dem Ulmer Stadtpfarrer Frecht führten, der beim Rat der Stadt die Aberkennung seiner Bürgerrechte verlangte. Franck geriet zudem noch mit dem Ulmer Stadtrat in Streit, da er, um den Zensurbestimmungen der Stadt Ulm zu entgehen, Teile der Werke außerhalb der Mauern Ulms hatte drucken lassen. Er verlor daraufhin sein Bürgerrecht und mußte die Stadt Ulm verlassen. Nach einem unsteten Wanderleben ließ er sich in Basel nieder. 1541 erschien hier sein letztes Buch. Ein Jahr später, im Alter von 43 Jahren, starb Sebastian Franck in Basel.

Franck hinterließ ein umfangreiches theologisches Werk. 1528 entstand, noch während seiner Pfarrerstätigkeit in Gustenfelden, sein erstes Buch: „Vom greulichen Laster der Trunkenheit“. Die Herausgabe der Übersetzung der lateinischen Dialoge des Nürnberger Predigers Althammer erfolgte im gleichen Jahr. Von der Übersetzung konnte nur der erste Teil erscheinen, der zweite wurde, da Franck einige Anmerkungen machte, die der lutherischen Theologie widersprachen, nicht mehr gedruckt. 1528 folgten die „Geschichtsbibel“ und die „Türkenchronik“. Das Vorwort zur „Türkenchronik“ stammte von Martin Luther. 1530 erschien die lateinische Ausgabe des Werkes. Zu diesem Zeitpunkt bedrohte das türkische Heer nach seinem Sieg bei Mohacs in Ungarn am 14.10.1529 Mitteleuropa. Der Vormarsch der Türken fand erst mit der mißglückten ersten Belagerung von Wien um die Jahreswende 1529/30 sein Ende (15). Sebastian Franck sah als Grund für den Siegeszug der Türken den schlechten und unmoralischen Lebenswandel der Christenheit an. 1531 wurde die „Chronica, Zeitbuch oder Geschichtsbibel“ veröffentlicht. In Ulm entstanden die schon erwähnten Werke „Paradoxa“ und die „Wunderreden“. 1534 wurde sein bekanntestes Werk, das „Weltbuch oder Cosmographey“ in Göttingen verlegt. 1538 folgte die „Gülden Arch“, 1541 als sein letztes Werk die „Sprichwörtersammlung“.

Diese Sammlung enthält etwa 600 Bauernsprüche aus jener Zeit. Vermutlich wurde ein Teil dieser Sprüche von Franck während seiner Tätigkeit in Gustenfelden aufgezeichnet, sie stammen also aus unserer fränkischen Heimat. Insbesondere die ältere Literaturwissenschaft stellt ihn bezüglich seiner Bedeutung für die Verbreitung theologischen Gedankenguts in deutscher Sprache an die Seite Martin Luthers (13, 15).

Sebastian Franck galt als einer der bedeutendsten Mystiker des 16. Jahrhunderts in Deutschland. Der Kern seiner theologischen Vorstellung ist die persönliche Religiosität des einzelnen. Daher ist nach seiner Auffassung keine theologische Institution in Gestalt einer Kirche notwendig. Das Abendmahl, sowie Lehren und Entwicklungen der Kirche betrachtet er nur als Symbole. Die Schrift hat den Charakter einer ewigen Allegorie (4). Gott kann nicht definiert werden, „was man von ihm sagt, ist Schein und Schatten“ (4). Franck faßt die wichtigsten Punkte seiner mystischen Religionsvorstellung in dem Satz zusammen:

„Es ist zu unserer Zeit fürnehmlich drei Glauben aufgestanden, die großen Anhang haben, Lutherisch, Zwinglisch, Täuferisch, die vierte ist schon auf der Bahn: daß man all äußerlich Predigt, Ceremoni, Sakrament, Bann, Beruf als unnötig will aus dem Wege räumen und glatt ein unsichtbar geistlich Kirchen allein durch ewig unsichtbar Wort von Gott ohn' äußerlich Mittel regiert, will anrichten“ (4).

Francks Ziel war ein freies konfessionsloses Christentum, das nach seiner Meinung nicht einmal der Bindung an das Wort Gottes in der Bibel bedurfte. (4). Sein eigener Glaube war der an einen allseitig waltenden Gott, der durch Wunder und Offenbarung eingreift (3). Aus dieser Stellung heraus bezog er auch wesentlich den Toleranzgedanken. Ihm kam es nicht auf die religiösen Äußerlichkeiten an, sondern auf die innere Gesinnung des Menschen. Der Glaube sollte eine innere Angelegenheit des Menschen sein. Da der Glaube allein seligmachend sei, wurde die Kindertaufe abgelehnt. Jene, die durch die innere Bindung des „unsichtbaren Wortes“ zum wahren Glauben gelangt waren, vollzogen die Taufe neu.

Die Radikalität der Gedankengänge rief den Widerspruch der anderen bedeutenden Richtungen der Reformation hervor. Die Lebensgeschichte Sebastian Francks ist deshalb von einer Reihe von Auseinandersetzungen gekennzeichnet, derentwegen er oft in Schwierigkeiten, auch materieller Natur, geriet.

Diese Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Meinungen spielten sich vor einem unruhigen sozialen Hintergrund ab. Die Bauern begehrten gegen den Lehnsherren auf, der Ritterstand, wirtschaftlich im Abseits stehend, politisch machtlos, militärisch von der neuen Waffentechnik bedroht, kämpfte um das Überleben. Die Entwicklungen führten dazu, daß nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes radikale soziale Gedanken teilweise in die Bewegung der Wiedertäufer mit einflossen und somit das Wiedertäufertum der herrschenden Obrigkeit als politisch unzuverlässig, ja gefährlich erscheinen ließ. Je nach dem geistigen Standort und dem politischen Kalkül wurden die Anhänger der Wiedertäufer mit mehr oder weniger restriktiven Maßnahmen bedroht.

In Nürnberg wurden die meisten von ihnen, darunter auch die beiden Brüder und Dürerschüler Beham, nach einem Verhör der Stadt verwiesen. Der Versuch, die Anhänger, die sich um Hans Hut2) geschart hatten, durch Gespräche und Argumente zum Abfall von ihrer Lehre zu bewegen, mußte als untauglich und aussichtslos aufgegeben werden. Die Todesstrafe, als schärfste Reaktion auf die Bewegung, blieb in Nürnberg ein Einzelfall. 1527 wurde der aus Eitersdorf bei Erlangen stammende und zum Wiedertäufertum übergetretene Pfarrer Wolfgang Vogel enthauptet. Ein Jahr später wurde für die Verurteilung der Wiedertäufer die Todesstrafe durch kaiserliches Mandat vorgeschrieben und juristisch verankert. Der Humanist Osiander3) sah diese in bestimmten Fällen als gerechtfertigt an, während Christoph Scheuerl4) gegen die Anhänger mittels des kanonischen Rechts5) einschreiten wollte (12).

In manchen Gegenden Deutschlands, insbesondere im stark zersplitterten Südwesten, wurde der kaiserliche Beschluß strikt ausgeführt. Aus Württemberg, Kurbaiern, der Pfalz sowie aus Regensburg und Augsburg sind zahlreiche Hinrichtungen bekannt (8, 9, 14). Viele Anhänger wurden vertrieben, ihr Hab und Gut wurde konfisziert. Franck hinterließ uns ein anschauliches Zeugnis aus der Zeit der Verfolgung:

„Etliche hat man zerreckt und zerstreckt, etliche zu Asche und Pulver gebrannt, etliche an Säulen gebraten und mit glühenden Zangen zerrissen, einige in die Häuser gesperrt und alle miteinander verbrannt, andere an die Bäume gehenkt, etliche mit dem Schwert hingerichtet, etliche in das Wasser gestoßen ... Andere sind in finsteren Türmen verhungert und verfault. Gar viele sind, ehe man sie tötete, mit allerlei Plag' gepeinigt, etliche, die man zu jung geachtet zum Richten, mit Ruten geschwungen worden. Auch sind viele zu Jahren in Türmen und Gefängnissen gelegen. Die übrigen, die dem allen entronnen sind, hat man verjagt von einem Land zum ändern, von einem Ort zum ändern. Gleichwie Eulen und Nachtraben, die des Tags nicht wandeln dürfen, mußten sie sich oftmals in Felsen und Steinklüften, in wilden Wäldern, in Gruben und Löchern der Erde aufhalten und verkriechen“ (3).

Die Wiedertäufer faßten auch in Franken Fuß. Neben der Stadt Nürnberg, wo sich eine stärkere Gemeinde gebildet hatte, war Uffenheim ein Zentrum der Wiedertäufer. Auch in vielen kleinen Orten und auf dem Land bekannten sich Leute zu dieser Lehre. Erhaltene Vernehmungsprotokolle zeigen, daß auch in Roßtal die Lehren der Wiedertäufer Anhänger fanden. Die Reformation begann in Roßtal, wohl auch wegen der Nähe zur Reichsstadt Nürnberg bereits sehr früh. 1525 wird zum ersten Mal lutherisch gepredigt (10). Nur wenige Jahre später scheinen die Gedanken der Wiedertäufer bei manchen Personen auf fruchtbaren Boden zu fallen. Welchen Einfluß hierbei die Tätigkeit Francks in dem nahegelegenen Gustenfelden ausgeübt hat, kann heute nicht mehr beurteilt werden, da sich über diesen Punkt die Pfarrbücher ausschweigen und keine anderen schriftlichen Quellen existieren. 1533 bekennt ein Jörg Lenglein aus Roßtal in einem Vernehmungsprotokoll der Stadt Nürnberg:

„Das der leib und das plut Christi in brot und wein, so die pfaffen reichen, seie, glaub er nit und sei erlogen (...). Christus hab auch selbs gesagt, sein flaisch sei uns hinfüro kein nuz. Christus flaisch sei nichts den geist und leben. Derwegen sei der pfaffenlere vom sacrament der Sauerteig der Phariseer ...“ (11).

Außer jenem Protokoll gibt es keine weiteren Hinweise zur Person Jörg Lengleins. Nachforschungen im Pfarrarchiv der evangelischen Gemeinde in Roßtal ergaben, daß zwei Brüder Lenglein aus Markt Erlbach um 1560 in Roßtal heiraten. Aus der erhalten gebliebenen Vernehmungsschrift geht hervor, daß Lenglein wegen seiner Äußerungen die Stadt Nürnberg in bewaffneter Begleitung verlassen mußte. Aufgrund seiner Reden, in denen er u. a. den Untergang Nürnbergs prophezeite, mußte er schließlich auch aus dem Gebiet der Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach auswandern. Es wäre möglich, daß Jörg Lenglein nach seiner Vertreibung aus dem Ansbachischen im nahen Markt Erlbach Zuflucht suchte, das damals „oberhalb des Gebirgs“ der Markgrafschaft Brandenburg-Bayreuth zugehörte.

Die Bewegung der Wiedertäufer geriet zunehmend unter den Einfluß apokalyptischer Schwärmer und radikalisierte sich zusehends. In Norddeutschland entstand kurzfristig im Münster ein theokratisches Reich unter der Führung von Jan Bockelson aus Leiden, das mit Waffengewalt niedergeworfen wurde. Ihrer geistigen Führungsschicht beraubt, verlor die Bewegung fast jeden Einfluß. Im 17. Jahrhundert spalteten sich hiervon die Mennoniten ab, die besonders in Ostfriesland, den Niederlanden und England vertreten waren. Im Zuge der Besiedlung Nordamerikas entstanden auf dem Kontinent neue Gemeinden, die teilweise bis heute existieren (5,7).

  1. Denk, Hans: Täufer, geboren um 1495 in Heybach, Studium an der Universität Ingolstadt 1517, später in Basel fortgesetzt; 1523 Rektor an der Schule bei St. Sebald, Nürnberg. Bekenntnis zur Abendmahlslehre Zwinglis. Januar 1525 aus Nürnberg ausgewiesen, kurzer Aufenthalt bei Münzer in Tübingen. 1525 vertritt Denk täuferische Lehren in St. Gallen, Augsburg und Straßburg, das er 1526 verlassen mußte. Kritische Beschäftigung mit der reformatorischen Theologie. Starb im November 1527 in Basel.
  2. Hut, Hans: Wiedertäufer, geboren um 1490 in Haina, gelernter Buchbinder und Flugschriftenhändler. 1524 erstes Zusammentreffen mit Täufern. 1525 mußte er das Gebiet der Herren von Bibra verlassen, da er sich weigerte, sein Kind taufen zu lassen. Anschluß an aufständische Bauern um Münzer, führte ein unstetes Wanderleben. 1526 von Denk in Augsburg getauft. Hut besaß vor allem in Oberösterreich eine nicht unerhebliche Anhängerschar. Teilnahme an der sog. Märtyrersynode in Augsburg, 1527 dort verhaftet. Starb am 6.12.1527 an den Folgen eines mißglückten Fluchtversuches.
  3. Osiander, Andreas: lutherischer Theologe, geboren am 19.12.1498 in Gunzenhausen. Schulbesuch in Leipzig und Altenburg, Studium in Ingolstadt. 1520 Priester, 1522 Herausgeber einer Bibel und erster protestantischer Prediger an St. Lorenz in Nürnberg. Zahlreiche Schriften zur Reformation. Teilnahme am Marburger Religionsgespräch 1529. Maßgebliche Beteiligung an den Schwabacher Artikeln und der Einführung der Kirchenvisitation in Nürnberg und dem Gebiet der Markgrafschaft Ansbach 1528/29. Erarbeitung einer Kirchenordnung 1532, zehn Jahre später (1542) auch für die Gebiete von Pfalz-Neuburg. Nach Auseinandersetzungen um die Einzelbeichte und Streitigkeiten mit dem Stadtrat von Nürnberg verließ er 1548 Franken und zog nach Ostpreußen, Pfarrer in Königsberg und Professor für prot. Theologie an der dortigen Universität. Gestorben am 17.10.1552 in Königsberg.
  4. Scheuerl, Christoph: Dr. jur., Ratskonsulent, geboren 1481, gestorben 1542, Angehöriger der Sodalitas Staupitziana im Augustinerkloster zu Nürnberg, bereits frühe Begegnung mit dem Humanismus durch seinen Onkel Sixtus Tucher, der als Propst von St Lorenz in Nürnberg eine bedeutende Stellung innehatte. Spater folgte ein achtjähriger Italienaufenthalt. An der Universität Wittenberg hatte Christoph Scheuerl eine Professorenstelle.
  5. kanonisches Recht: Recht, das für die kirchlichen Angelegenheiten maßgebend ist. Die ersten Teile entstanden im Mittelalter. Hierbei beschränkte sich das Corpus juris canonici nicht nur auf innere autonome Gebiete der Kirche, sondern trat auch in Konkurrenz mit dem weltlichen Recht seiner Zeit. Das Corpus juris canonici besaß bei der kath. Kirche bis 1918 als Gesetzbuch Gültigkeit.

Quellen:

zu 1) – 3)Taddey, G.: Lexikon der deutschen Geschichte, Stuttgart, 1979, S. 236,563–564,892
4)Pfanner, J.: Geisteswissenschaftlicher Humanismus, in: Nürnberg, Geschichte einer europäischen Stadt, hrsg. v. Gerhard Pfeiffer, München, 1971, S. 131
5)Model, O./Creifelds, C.: Staatsbürgertaschenbuch, München, 197918), S. 757

Literatur und Quellenverzeichnis:

1Ausstellungskatalog: Reformation in Nürnberg, Umbruch und Bewahrung, Schriften des Kunstpädagogischen Zentrums im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Bd. 9, Nürnberg 1979
2Bott, G.: Martin Luther und die Reformation in Deutschland, Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, 1983
3Durant, W.: Kulturgeschichte der Menschheit, Editions Rencontre, Lausanne, o. J., Bd. XVIII, S. 112, Bd. XIX, S. 292
4Fridell, E.: Kulturgeschichte der Neuzeit, Band l, München 19762, S. 306– 309
5Fuchs, W. P.: Das Zeitalter der Reformation, in: Gebhard, Handbuch der deutschen Geschichte, Band 8, München 19794, S. 103, 147–152 u. 172–173
6Haas, Chr.: Unterrichtshilfen für das Schwabach-Rother Land, Heimatkunde als Fach und Prinzip, Schwabach 1956, S. 1041–1047
7Huxley, J.: Religion und Philosophie, London, Klagenfurt, 1972, S. 70
8Janssen, J.: Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. III, Freiburg im Breisgau 191720, S. 100–134
9Kesten, H.: Copernicus und seine Welt, München, Wien, Basel, 1953, S. 221–224
10Koerber, D.: 450 Jahre evangelische Predigt in Roßtal, Roßtal 1975
11Kreutzer, H./Schwemmer, G.: Tausend Jahre Roßtal, Festschrift zur Tausendjahrfeier, Roßtal, 1955, S. 41
12Pfeiffer, G.: Sozialrevolutionäre, spiritualistische und schulpolitische Bestrebungen in Nürnberg, in: Nürnberg – Bilder einer europäischen Stadt, hrsg. v. Pfeiffer, G., München, 1971, S. 154–158
13Salzer, A.: Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur, Bd. l, Regensburg, 1926, S. 392 u. 453–454
14Schreiber, W.: Geschichte Bayerns, Band 1, München, 1889, S. 491
15Taddey, G.: Lexikon der Deutschen Geschichte, Stuttgart, 1979, S. 816, S. 354
16Waetzold, W.: Dürer und seine Zeit, Zürich, Köln, 1953, S. 208–209

Bild 1
Ansicht der evang. Pfarrkirche, ehemals St. Bartholomäus in Gustenfelden, Gemeinde Rohr, Kr. Roth. Der Chorturm stammt im Kern noch aus dem 15. Jahrhundert. 1527/28 war hier Sebastian Franck Pfarrer.

Evangelische Pfarrkirche in Büchenbach

Bild 2
Evangelische Pfarrkirche in Büchenbach, Kr. Roth. Ehemals St. Willibald. Das sichtbare Turmuntergeschoß ist spätromanischen Ursprungs. 1525 hatte Sebastian Franck in Büchenbach eine Stelle als Frühmesner.

Literatur:

G. Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern I, Franken, o. O., 1979, S. 187,335

Dieter Koerber

Die Bevölkerungsbewegung durch die Aufnahme von Heimatvertriebenen

Was uns die Statistik zeigt

Die Volkszählung vom 29. Oktober 1946 zeigt für den Bereich der evang. Kirchengemeinde Roßtal folgendes Ergebnis:

Damit hatte sich die Zahl der Einwohner in dem untersuchten Gebiet um 62 % vermehrt; in der Hauptsache zugunsten des katholischen Bevölkerungsteils, der in den kleinen Landgemeinden vorher so gut wie nicht vertreten war.

Natürlich beziehen sich die Zuzugszahlen seit 1.9.1939 nicht nur auf Heimatvertriebene. Neben einer geringen „natürlichen“ Bevölkerungsbewegung finden sich darunter viele Evakuierte etwa aus Nürnberg, die einen guten Teil der evangelischen Zuwanderer ausmachen dürften.

40 Jahre später: Eine neue Generation ist herangewachsen, die wohl um ihre Herkunft weiß, die alte Heimat oft nur vom Hörensagen kennt und sich hier zu Hause fühlt.

Alt- und Neubürger, evangelische und katholische haben sich aneinander gewöhnt, sich achten gelernt und eine Familienbande geknüpft. Das ist gut so.