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Die Kirche zu Roßtal 1810
Bleistiftzeichnung von Johann Christoph Jakob Wilder (1783–1838)
17 x 21 cm
GNM Nürnberg

Robert Leyh

Johann Christoph Jakob Wilder

Im Sommer des Jahres 1810 besuchte ein in und um Nürnberg bekannter Zeichner und Radierer Roßtal: Johann Christoph Jakob Wilder. Unter seiner geschickten Hand entstand ein Bild der Laurentiuskirche von Südosten. Die Bleistiftzeichnung, die bisher noch nicht bekannt war, befindet sich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Wilder legte bei seiner Motivwahl stets Wert auf romantische Winkel, Akzente und im Verborgen blühende Baudetails. Mit Akribie zeichnete er selbst die kleinsten Architekturelemente. Für die Forschung zur Laurentiuskirche ist diese Zeichnung von größter Wichtigkeit, da sie den Bau in seiner Konzeption vor annähernd 180 Jahren widerspiegelt. Interessant ist es zu beobachten, wie z. B. die südlichen Langhausfenster in ihrer Form und Größe zu den heutigen noch ein ganz anderes Aussehen besaßen.

Zur Biographie Wilders sei erwähnt: Johann Christoph wurde am 8. Dezember 1783 in Altdorf bei Nürnberg geboren. Er war der älteste Sohn des Pfarrers Georg Christoph Wilder, der mit der Pfarrerstochter Susanna Knopf aus Kraftshof verheiratet war. Der Vater war Pfarrer an St. Lorenz und verstarb in Nürnberg im Jahre 1814.

Der junge Johann Christoph besuchte in Nürnberg die Lorenzer Lateinschule und schrieb sich in seinem 17. Lebensjahr in die Universität von Altdorf ein. 1808 bewarb er sich um die Pfarrstelle in Rasch, da sein Vater Pfarrer in dem Ort in den Jahren von 1774 bis 1785 gewesen war, und der junge Wilder traditionsgemäß diese Pfarrstelle bekommen wollte. Die geistliche Oberbehörde hatte aber schon den Fischbacher Pfarrer vorgesehen. 1809 absolvierte er seine zweite theologische Prüfung mit großem Erfolg. Eine Pfarrstelle erhielt er in dem Jahr, in dem er die „Kirche zu Rostal“ zeichnete, und zwar die von St. Peter in Nürnberg. 1817 berief man ihn an die Kirche zum Hl. Geist in Nürnberg.

Wilder starb in seinem 55. Lebensjahr an einer Brustkrankheit und hinterließ neben seiner Frau fünf Töchter.

Der Pfarrer und Zeichner wurde von seinem Bekanntenkreis als ein gebildeter und vielseitig begabter Mann gepriesen. Schon als Zwölfjähriger kopierte er die großen Meister. Er dichtete, trieb kunsthistorische Studien und versuchte sich als Autodidakt auch in der Ausübung der Kunst. Als Kunsthistoriker schrieb er über den „Schönen Brunnen“ zu Nürnberg im Jahre 1824 und gab drei Jahre später einen interessanten Kunstführer über Nürnberg heraus.

Wilders erster Radierversuch war im Jahre 1803 und stellte eine kleine Felslandschaft nach Molitor dar. Die meisten seiner Bilder entstanden in dem Zeitraum von 1804 bis 1811. Sie sind vorwiegend in Aquatinta oder in Kreidemanier ausgeführt. Vorliegende Bleistiftzeichnung stellt neben anderen Rangaubildern einen besonderen Wert dar.

Im Sommer 1810 widmete sich Joh. Christoph Wilder der Gegend westlich der großen Stadt Nürnberg, um auch auf dem Land für seine Skizzenbücher ausgefallene Architekturmotive zu finden. In diesen Monaten entstanden so wertvolle Zeichnungen wie die Kirchenruine von Langenzenn, die Burg in Cadolzburg sowie unsere Laurentiuskirche. Roßtal und Cadolzburg verbinden die gleiche Ausführung, die gleiche Komposition. Trotz der exakten Ausführung der Bauelemente erscheinen uns seine Architekturskizzen aber luftig und leicht. Wilder verstand es vorzüglich, architektonische Strenge mit dem Wesen des Romantischen seiner Zeit zu kombinieren.


Robert Leyh

Alte Gerichtsbarkeit – der Galgen von Roßtal

Ein Grabungsbericht

Schon seit altersher gab es in Roßtal eine Gerichtsbarkeit. Urzelle hierfür könnte das Amt des „Hunno“, des Vorstehers und Anführer einer Hundertschaft von wehrfähigen Siedlern im 8. Jahrhundert gewesen sein. Als sein Sitz nimmt man den Hunnenberg an. Unweit davon befand sich in südöstlicher Dichtung, auf einem der topographisch höchsten Stellen von Roßtal, die spätere Blutgerichtsstätte. Möglicherweise war sie schon in früher Zeit Gerichts- und Hinrichtungsplatz.

Mit der Stadt- und Marktrechtsverleihung im Jahre 1328 durch Kaiser Ludwig den Bayer wurde die Halsgerichtsbarkeit in Roßtal schriftlich zum erstenmal bekundet. Da nun Roßtal durch die Stadtwerdung aus dem Landgerichtsbezirk ausgegliedert war, gab es in der Stadt einen ständigen Richtersitz. Der Galgen galt nun als repräsentatives Wahrzeichen der mittelalterlichen Stadt. Im Jahre 1379 verpfändete Burggraf Friedrich V. das Roßtaler Stadtgericht an die Nürnberger Patrizier Ulrich Haller und Konrad Prünster. 1420 wandelte es Peter Haller in ein Ehaftgericht, dem ein bürgerlicher Richter vorstand, um. Erst 1445 kam es durch Albrecht Achilles wieder unter markgräflich-ansbacher Regie. 1465 wurde das Richteramt Roßtal dem Oberamt Cadolzburg inkorporiert. Nach markgräflicher Anordnung waren die Roßtaler Richter in Autorität, Amt und Würde ihren Cadolzburger Kollegen völlig gleichgestellt. Trotzdem kam es zwischen beiden Gerichtsbezirken zu permanenten Zwistigkeiten und einem barsch geführten Briefwechsel, da Cadolzburg als Oberamt den Aufbau eines zentral gesteuerten Gerichtsbezirks plante, was eine Expansion der Cadolzburger Amts- und Machtbefugnisse bedeutet hätte. Eifersüchtig wachten die Roßtaler Richter aber über ihren Gerichtssprengel. Hierbei bildete die Bibert die natürliche Grenze. Am 1. Juni 1797 wurde das Richteramt Roßtal im Zuge der preußischen Umorganisation aufgelöst und dem neugebildeten Justizamt Cadolzburg eingegliedert.

Das Richteramt Roßtal umfaßte damals 64 Ortschaften und erstreckte sich von Dietenhofen im Westen bis Stein bei Nürnberg im Osten; Konfrontationen mit der Freien Reichsstadt Nürnberg waren daher nicht ausgeschlossen. Die gestrengen Herren von Roßtal genossen als herrschaftliche Vögte ein hohes Ansehen, waren aber zugleich gefürchtet und gehaßt. Kleine Strafdelikte, so z. B. „böse Verleumdungen, Straßenklatsch, Putzsucht, Trunkenheit oder den Bürgermeister beleidigen“ wurden mit dem Tragen der Schandmaske oder dem Stehen am Pranger – einer Säule mit angeschmiedetem Halseisen – bestraft. Einem Brief des Richters Michael Rhau (Amtszeit von 1737 bis 1772) an seine Ansbacher Herrschaft zufolge muß der Roßtaler Pranger „auf dem alten Platz“ in der Nähe des Schlosses gestanden sein, heute vermutlich dort, wo sich die kleine Anlage befindet. Die Schandsäulen wurden stets auf öffentlichen Plätzen errichtet, standen aber vorwiegend an der Peripherie, um den Marktbetrieb einerseits nicht zu stören, andererseits waren sie aber so angeordnet, daß sie von verschiedenen Richtungen gut sichtbar waren. Am 23. Mai 1755 wurde der Roßtaler Pranger abgerissen, da sich der damalige Schloßbesitzer von Heistermann durch dessen Anwesenheit gestört fühlte. Schwere, hochgerichtliche Verbrechen (Mord, Notzucht, Brandstiftung und Diebstahl) – die vier fraischlichen Vergehen – zogen konsequent die „peinliche Befragung“ oder das „scharfe Verhör“, die Folter, nach sich. Aus den Roßtaler Gerichtsakten können wir entnehmen, daß am 26. November 1710 eine Frau wegen „Kindesmordts ad Torturam gebracht, und durch 3. gradus examiniert“ wurde. Die Kerker, die Lochgefängnisse, in denen man zur Strafverschärfung die Inquisiten noch in den Block einschloß, befanden sich in der alten Frohnfeste an der Nordwestecke des Friedhofes (heute Schulstraße Nr. 5) gleich neben dem Richterhaus. In früheren Tagen diente der Wehrturm unterhalb des Schlosses als Gefängnis. Die eigentlichen Prozesse fanden entweder im Freien innerhalb der Gerichtsschranken oder in der besagten Frohnfeste statt. In späterer Zeit (Mitte des 18. Jhs.) waren sie im 1. Stock des Richterhauses, dem heutigen Heimatmuseum. Nach Hans Kreutzer soll am 5. Juni 1714 die letzte bekannte Hinrichtung in Roßtal erfolgt sein. Vor dem Bannrichter, dem Roßtaler Gerichtsbürgermeister sowie den 15 Blutgerichtsschöffen klagte man die Täter Friedrich Kugel und Friedrich Gernbacher an. Kugel hatte seine zwölfjährige Stieftochter mißhandelt und vergewaltigt, Gernbacher hatte 70mal eingebrochen, wobei ihn sein größter Diebstahl 30 Gulden einbrachte. Beide Verbrecher wurden zum Tode durch das Schwert verurteilt. War der Richterstab erst einmal über dem Verurteilten gebrochen, so wurde er anschließend in einem Prozessionszug, dem der Frohnbote voranging und an dem sich auch Schulkinder beteiligten mußten, zum „ordentlichen Roßstallischen Richtplatz“, so einem Brachfeld gleichgesehen und „ohngefär ein viertel Stund“ von dem Ortskern entfernt, geführt. Dieser war bereits von schwerbewaffneten markgräflichen Musketieren und Roßtaler Schützen, meistens in einem Viereck, umstellt. Dicht gedrängt füllten außerdem bei jeder Exekution hunderte von Schaulustigen aus dem gesamten Gerichtsbezirk das Brachfeld, so daß die schaurige Inszenierung einem Volksfest glich. Gerichtet wurde in Roßtal vornehmlich durch das Schwert, mit „blutiger Hand“ auf dem „Roten Stuhl“, sowie mit „trockener Hand“ an einem Strick oder an einer Kette. Nach dem Hängen oder dem Köpfen ließ man die Leichen noch wochenlang baumeln oder stellte sie zur Schau. Es war bei Strafe verboten, sie herunterzunehmen.

Noch heute erinnern Namen wie Galgenhöhe und Galgengraben an die alte Richtstätte von Roßtal. Sie liegt immer noch an der Peripherie des Ortes und befindet sich ein wenig versteckt oberhalb des Galgengrabens auf einer weit ins Land gehenden Anhöhe. Der frühere Galgenplatz präsentiert sich dem Wanderer und geschichtsinteressiertem Besucher noch wie im Mittelalter. Er bildet heute ein ausgedehntes Feld, das im Westen durch einen Wald, bestehend aus alten Eichen, malerisch gesäumt wird. Im Norden grenzt die Siedlung an. Sie nimmt noch in unseren Tagen einen gebührenden Abstand zu der alten Blutgerichtsstätte ein. Ältere Bewohner von Roßtal erzählten mir, daß bis vor wenigen Jahrzehnten ein Schild, das an einer der großen Eichen angenagelt war, auf den Roßtaler Galgen hindeutete. A. Rohn beschrieb in seinem Heimatbuch diese Stätte, deren Stellen man noch um die Jahrhundertwende mit bloßem Auge sehen konnte. Näher mit der Roßtaler Gerichtsbarkeit befaßte sich Hans Kreutzer, der auf alte Katasterpläne hinwies. Gestalt und Aussehen des Roßtaler Galgens waren aber immer noch unbekannt. Auch geriet der exakte Standort bald in Vergessenheit. Besagte Katasterpläne aus dem frühen 19. Jahrhundert brachten jedoch Licht in das Dunkel. Sie galt es genau zu vermessen und auf die heutigen Pläne zu übertragen. Die alte Richtstätte war mit einem Kreis angegeben, dem im Norden ein Rechteck vorgelagert war. Eine Beschreibung des Galgens gab es aber nicht. Stilgenetische Vorbilder oder Abbildungen ähnlicher mit einem Kreis angebener Richtstätten ließen auf eine Art „Rabenstein“, eine Schaubühne für Hinrichtungen, schließen. Nach dem Grundriß im Urkataster mußte sie eine rundgemauerte Basis haben, über dem sich das Blutgerüst aus Holz befand. Eine Vermutung, die aber nur durch eine Grabung nachgewiesen werden konnte. Luftbildaufnahmen aus einer Höhe von ca. 250 m bestätigen die Form und die Stelle des Galgens, wie sie in den alten Plänen angegeben wurde. Sie war aus der Luft als kreisförmige, dunkle Bodenverfärbung erkennbar.

Galgen, Rekonstruktion

Die Grabung begann Mitte Oktober an einem Dienstagmorgen bei sehr ungünstigen Wetterverhältnissen. Es regnete. Nebelschwaden hingen schwer in den Bäumen. Der Lehmboden des abgeernteten Maisfeldes klebte zäh an den Arbeitsgeräten und machten ein zügiges Schaffen fast unmöglich. Zunächst galt es, einen Stichgraben in einer Länge von 10 Metern und in einer Breite von l Meter und einer Tiefe von 0,30 Meter auszuheben. Wir hatten Glück und stießen noch am Vormittag des ersten Grabungstages auf ein Fundament, das aus rohen Sandsteinen bestand. Eifrig wurden nun mehrere Stichgräben angelegt, die weitere Fundamentteile frei werden ließen. Langsam kontrastierte sich ein ringförmiger Sandsteinkreis gegenüber dem braunen Lehmboden. Das Auffinden des Fundamentgürtels war mehr als wir gehofft hatten. Er ist ca. l Meter breit und diente als Unterlage der darüber angeordneten runden Schaubühne. Sein Durchmesser beträgt 7,40 Meter und stimmt in seinem Maß mit dem Kreis im Urkataster überein. Noch am gleichen Tag fanden wir im nördlichen Bereich des Kreises das Treppenfundament. In den Abendstunden dieses so erfolgreichen ersten Tages besuchte mich der Pfarrer Koerber auf der Grabungsstätte und machte mich auf einen Nagel und einen Knochen, die sich in einem angehäuften Erdhügel der Stichgräben befanden, aufmerksam. Am nächsten Morgen fand ich noch einen Schneidezahn, der einstmals wie der Knochen einem Menschen gehören mußte. Eine Untersuchung brachte den endgültigen Beweis und bestätigte meine Hypothese, daß man die Delinquenten gleich neben oder in dem Richtkreis selbst verscharrte. Tags darauf wurde im Mittelpunkt des Kreises ein Loch ausgehoben, das für einen Gemarkungsstein vorgesehen war. Die Stelle der früheren Roßtaler Richtstätte mußte nun endgültig kenntlich gemacht werden. Weitere Knochen kamen zum Vorschein. Vorsichtig wurde die umliegende Erde entfernt und schichtweise abgetragen. Langsam trat ein Skelett zutage, das exakt die Ost-West-Achse bildete. Es war das eines Mannes zwischen 30 bis 35 Jahren. Er besaß eine Größe von über 1,60 m und hatte ein kerngesundes Gebiß. Seine Arme befanden sich in gekreuzter Stellung. Die Tortur, die man ihm zugedacht hatte, war mehr als schrecklich. Er wurde enthauptet und wahrscheinlich vor der Exekution auf einem Brett, das sich unter seinem Körper befand, von der Gerichtsverhandlung zum Galgenplatz „hinausgeschleift“. Dies diente zur Strafverschärfung und war in der Regel nur für Schwerverbrecher gedacht. Wie roh aber die Henkersknechte noch nach seiner Hinrichtung mit der Leiche verfuhren, wird daran ersichtlich, daß sie ihn von unten an das Brett nagelten, um ihn der herumstehenden Menge als warnendes Beispiel zu präsentieren. Sein Kopf wurde ihm zwischen seine Füße genagelt und zwar befand sich der Nagel neben seinem linken Unterkiefer. Das Gesicht war zum Himmel gedreht. Ein zweiter Nagel steckte im Lendenwirbelansatz, ein weiterer im abgeschlagenen Halsrumpf. Den so geschundenen Körper ließ man wochenlang am Blutgerüst hängen. Dieses bestand über der nun wissenschaftlich gesicherten rundgemauerten Basis aus einem vermutlich dreischläfrigen oder vierstempligen Galgen, also aus vertikal emporstrebenden Balken, die oben durch Stangen verbunden waren.

Nach einer stundenlangen Bergungsaktion wurde das Skelett noch in der Nacht von der Galgenhöhe, wo es mehrere Jahrhunderte in ungeweihtem Boden lag, nach Roßtal zurückgebracht.

Galgen, Rekonstruktion

Mein besonderer Dank gilt Herrn Bürgermeister Schubert, der mich in meiner Forschungsarbeit mit viel Geduld und historischem Wissen unterstützte. Bedanken möchte ich mich auch bei dem Leiter der Außenstelle des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Herrn Dr. Koch und Herrn Kreisheimatpfleger Mahr, die viel zum Erfolg dieser sensationellen Grabung beitrugen.

Mein herzlicher Dank ist besonders meinem Grabungsteam gewidmet: Heinz Kühler, Maler und Bildhauer; Rudolf Kwapil, Hochbautechniker im Ruhestand; Michael Steinheimer, cand. med.

Galgen, Rekonstruktion