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Ausgrabungen im Hof der Grundschule.
Teil des mittelalterlichen Grabenhauses.
Der letzte Rest der Verfüllung wird abgetragen. August 1993

Robert Leyh / Ferdinand Leja

Die archäologischen Ausgrabungen 1993 in der ottonischen Reichsburg Horsadal (Markt Roßtal, Lkr. Fürth/Mfr.)

Der durch das Architekturbüro Ulrich & Ulrich projektierte Erweiterungsbau der Grundschule Roßtal machte eine archäologische Ausgrabung durch das Bay. Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Nürnberg erforderlich. Nach den Ausgrabungen Schwarz in den siebziger Jahren im Schulhaus- und Pfarrgartenbereich, vermutete man auch hier kulturelle Befunde der ottonischen und frühsalischen Epoche des 10. und 11. Jahrhunderts.

Anläßlich einer am 27. Januar 1993 anberaumten nichtöffentlichen Sitzung im Rathaus mit Vertretern des Landratsamtes, des Landesamtes für Denkmalpflege, des Architekturbüros, des Roßtaler Bauamtes, des Roßtaler Kulturausschusses sowie der Heimatpflege wurden Grabungen in zwei Phasen beschlossen.

Phase 1 entspricht dem archäologischen Situtionsplan mit seinen Flächen Nr. 51 und Nr. 52, Phase 2 widmet sich den peripheren Flurbereichen an der Hangkante in der Nähe der Laufbahn gegenüber den Flurstücken 256/11 und 246, als Zeitraum der zweiten Grabung wurde das Frühjahr 1994 vorgesehen.

Durch das zügige Vorgehen des Landesamtes für Denkmalpflege wurden bereits bis zum Sommer 1993 die Randbereiche des großen Pausenhofes, also jene Stelle des früheren Interimbaus aus Holz, größtenteils archäologisch untersucht.

Lageplan für das Bauvorhaben im Bereich der Grundschule

Eine vom Markt Roßtal erworbene Fotokopie des im Bay. Landesvermessungsamt München befindlichen Uraufnahmeortsblattes „Markt Rosstal“ mit Erklärungen des königl. Revisors Rammler vom 12. Juli 1827, zeigt insbesondere durch seine noch nicht bebauten Flächen an den Hangbereichen auf dieses ursprüngliche Areal. Ebenso ist der Übersichtsplan der Ausgrabungen von 1973 und 1974 von Schwarz beigegeben, um eine gesamte Situation über den historisch gewachsenen Ortskern Roßtals zu erhalten (vgl. Abb. 1 und 2). Der von F. Leja gezeichnete Situationsplan der Flächen 51 und 52 informiert über die archäologischen Befunde, wie Abfallgruben, Pfostenlöcher, Mauerreste sowie ein Grubenhaus.

Ortsplan Roßtal,
Blatteinteilung für die Ausgrabungen mit Eintragung aller bisher archäologisch untersuchten Flächen:
Schwarz: Ausgrabungen Dr. Klaus Schwarz
Gerastert: Ausgrabungen 1993 (1) Grundschule-Ost (Fläche 51) – (2) Grundschule-West (Fläche 52) –
(3) In der Gasse
Strichpunktierte Linie: Mutmaßlicher Verlauf der Umwallung Gestrichelte Linie: Graben - Kreuze: Friedhof

Urkatasterplan Markt Roßtal von 1827

Urkatasterplan Markt Roßtal von 1827 mit mutmaßlichem Verlauf der Ottonischen Umwallung

Als einer der jüngsten Disziplinen der historischen Wissenschaften rückt die Archäologie des Mittelalters seit den letzten Jahrzehnten immer stärker in den Vordergrund. England kann gegenüber Deutschland auf eine längere Tradition zurückblicken und ist deshalb auch das einzige Land, das eine „Society for Medivial Archaeology“ und eine spezifisch auf dieses Arbeitsgebiet zugeschnittene Zeitschrift, das „Journal for Medivial Archaeology“ besitzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden auch in Deutschland solche Untersuchungen statt, bei denen es sich vorwiegend um Stadtkern-, Kirchen- und Burgen-Grabungen in Nord-, West- und Mitteldeutschland handelte. Die Bedeutung der archäologischen Grabungen für die urbs Rossestal wird besonders für diese Nachkriegszeit an den fundierten Forschungen des Roßtaler Heimatforschers August Ortegel ersichtlich. Ortegel darf für den Landkreis Fürth als einer der Vorreiter in der mittelalterlichen Archäologie gesehen werden, da es zu dieser Zeit eine Außenstelle Nürnberg des Bay. Landesamt für Denkmalpflege noch nicht gab. Im Grunde genommen wurde die Disziplin der mittelalterlichen Archäologie erst ab 1960 mit den Grabungen des Staatlichen Amtes für Denkmalpflege Stuttgart in Eßlingen/St. Dionysius und dem romanischen Sakralbau Unterregenbach, Kreis Crailsheim eingeleitet. Unterregenbach ist für Roßtal von großer Bedeutung, lassen sich doch anhand ihrer Krypten und deren Stützapparaten mit ihren Pyramidenstumpfkapitellen stilistische Parallelen der ottonischen bzw. frühsalischen Perioden feststellen, die auf den byzantinischen Kulturaustausch des 10. Jahrhunderts zurückzuführen sind. Ortegel hat bereits in den späten vierziger Jahren und besonders in den fünfziger Jahren mittelalterliche Grabungsmethoden mit dem Leiter des Bay. Landesamtes für Denkmalpflege Röttger für diesen Kernbereich des plateauartigen Bergsporns in Roßtal für den Bereich der heutigen Kirche erschlossen. In einem kurzen Aufsatz in den Fürther Nachrichten vom 1.10.1952 verwies er auf seine Ausgrabungen, die insbesondere durch die aufgefundenen Mauerpartien an der Peripherie des Langhauses auf einen großangelegten Klosterbau schließen lassen.

Im Grunde entspricht die Forschungsmethode der Archäologie des Mittelalters jener der Vor- und Frühgeschichte. Es handelt sich vorrangig um Fragen nach dem Lebensraum des mittelalterlichen Menschen, wie Haus, Hof und Siedlung, Handwerk, Gewerbe und Handel, nach Ernährung, Kleidung, Waffen und Gerät (Stachel 1966, Jahrbuch, S. 29). Im Gegensatz zum Lesen handschriftlicher Quellen, die in der Regel keinen Schaden nehmen, können Bodenurkunden durch die unsachgemäße Störung, wie Hausbau, Stromleitungen, Kanalisation, Straßen usw. weitgehend zerstört und jeglicher Forschung entzogen werden. Während besonders in den Nachkriegsjahren ein rigoroses Zerstören an Bodendenkmälern zu verzeichnen ist, bedarf es in historisch selektiven Regionen besonders heute der Überwachung durch das Bay. Landesamt für Denkmalpflege bzw. die lokalen wissenschaftlichen Kräfte innerhalb der politischen Kommunen und Gemeinden.

Unter Bodenbefunden sind keineswegs nur kulturelle Materialgegenstände wie Keramikwaren, Eisenteile, Glas usw. gemeint, sondern auch bestehende Bausubstanzen wie Mauern, Pfeilerbasen, Sockeln usw. Letztere bedürfen innerhalb der mittelalterlichen Archäologie einer weiteren wissenschaftlichen Disziplin, so der kunst- bzw. architekturgeschichtlichen Forschung. Daneben spielen für den Archäologen die beabsichtigten oder unbeabsichtigten Spuren des mittelalterlichen Menschen eine große Rolle, die besonders das organische Material wie Holz- oder Pflanzenreste betreffen. Diese organischen Abfälle bedürfen einer weiteren Wissenschaft, der Paläobotanik. Mit ihrer Hilfe können mikroskopisch kleine Pflanzenpollen nachgewiesen werden. Deshalb entnimmt man bei der Roßtaler Ausgrabung ständig Erdproben, die im Institut für Paläobotanik in München analysiert werden. Sodann ist die Untersuchung der Schichtungsverhältnisse in ihrer jeweiligen Relation zu den anderen Befunden, wie Mauern oder Gräben, von höchster Wichtigkeit. Die Untersuchung der einzelnen Schichtungshorizonte bezeichnet man als stratigraphische Grabungsmethode (Stachel, 1966). Diese entwickelte sich nicht aus der klassischen Archäologie, wie wir sie vorrangig im Mittelmeerraum, z. B. bei den minoischen Kulturen auf Kreta und bei sumerisch-babylonischen Völkern der Euphratebene besitzen, sondern leitet sich dominierend von der prähistorischen Wissenschaft des Ostseeraumes ab. Dort hatte man es nämlich nicht mit Resten von Steinbauten zu tun, sondern meistens mit Relikten hölzerner und somit vergänglicher Konstruktionen. Diese Spuren, so z. B. für den Hausbau, Feuerstellen, Grab- und Abfallgruben sind vorrangig als dunkle Verfärbungen im Erdreich zu erkennen. Somit bestätigt sich immer wieder der klassische Ausspruch Schuchards: „Nichts ist eben dauerhafter als ein ordentliches Loch.“ (Stachel 1966, S. 32). Dies bedarf einer sorgfältigen zeichnerischen Dokumentation, sowohl für die Profilzeichnungen als auch für die Grundrißflächenzeichungen. Alle Zeichnungen sind auf das zu Beginn der Grabung eingerichtete quadratische Vermessungsnetz und höhenmäßig auf den Meeresspiegel bezogen. Die Dreidimensionalität der Befunde wird sonach gewährt. Zusätzlich erhalten die Kulturschichten, Gruben, Pfostenlöcher und dergleichen eine betreffende Nummer im Grabungskatalog nach Material, Farbe und Form. Hinzu kommt die photographische Dokumentation in Schwarzweiß- und Farbaufnahmen.

Die Grabung in Roßtal vom Frühjahr bis Sommer 1993

Die Grabung begann am 17. März 1993 unter denkbar ungünstigen Wetterbedingungen. In den darauffolgenden Tagen und Wochen änderte sich die Situation entscheidend, so daß die Bodenuntersuchungen zügig voranschritten.

Bisherige geologische Bohrungen durch das Ingenieurbüro für Bodenuntersuchung Dr. G. Schulze und S. Lang ergaben, daß in einer Tiefe bis max. 1,20 m unterhalb des Asphalts und dem Schotterbett sandig-kiesige, zum Teil auch schluffig, schwach tonige Auffüllungen mit Sandstein- und Ziegelbröckchen, vereinzelt Schlackebröckchen und Pflanzenresten angetroffen wurden. In einer Tiefe bis 2,00 m befindet sich der gewachsene Boden, der sog. Felssand, d. h. völlig zu Sand verwitterter Sandstein. Es handelt sich um feinsandigen Mittelsand und Grobsand mit wechselndem, mittlerem bis geringem Schluff und Tonanteil. Der Felssand ist überwiegend erdfeucht und klebrig. Teilweise sind Eisen- und Manganausfällungshorizonte zwischengeschaltet. Die mitteldicht bis dicht, teilweise sehr konzentriert gelagerten Sande sind meist hellbraun, auch rostbraun, teilweise gebändert oder dunkelbraun. Bezüglich der zunehmenden Lagerungsdichte wurde in einer Tiefe von 3,00 m bis 4,00 m der sehr dichte bis mürbe Sandsteinfaulfels bzw. feste bis harte, zwischengeschobene braune, ockerfarbene oder dunkelrote Schluffton erreicht.

Nachdem die obersten Erdschichten mittels eines Baggers entfernt worden waren, zeigten sich auf der von Hand nachgeputzten Erdoberfläche neben diversen modernen Störungen (Kanalisation, Blitzableiter) zahlreiche dunkle Bodenverfärbungen, welche auf archäologische Objekte hindeuteten. Diese würden durch die vorgesehene Bebauung des Schulerweiterungsbaus zerstört und mußten somit durch eine wissenschaftliche Auswertung akribisch genau festgehalten werden.

Fläche 51
Fläche 51: im südlichen Teil der Grabungsfläche wurde die Humusschicht abgetragen.
Im anstehenden hellen sandigen Boden sind die dunklen Verfärbungen
von Pfostenlöchern Gruben und Grübchen deutlich sichtbar geworden.

Zunächst wurde über das zu untersuchende Grabungsareal ein rasterförmiges Meßsystem angelegt, um so die aufgedeckten Befunde mit denen der früheren Ausgrabungen von 1973 und 1974 koordinatengerecht in Einklang zu bringen bzw. mit diesen vergleichen zu können. Als Fixpunkt für dieses Roßtaler Meßraster wurde bei der ersten Grabung vor zwanzig Jahren der nordwestliche Eckpunkt des Schulaltbaues determiniert, von wo aus die neuen Grabungsflächen nun eingemessen wurden.

Neben dem sog. „Putzen“, dem schichtweise horizontalen bzw. vertikalen Abtragen der dunklen Erdverfärbungen, bestand die Hauptarbeit der Archäologen im Aufzeichnen der unterschiedlichen kulturellen Schichten und den in ihnen gelagerten Fundgegenständen. Hierbei mußten grundrißliche Übersichtspläne in einem Maßstab von 1 : 100 bzw. Profilzeichnungen von den einzelnen Gruben in Maßstab von 1 : 20 angefertigt werden.

Bis heute wurde insgesamt 570 qm Fläche wissenschaftlich untersucht und bearbeitet. Allein bis September fanden sich 321 archäologische Befunde. Diese bestehen aus 178 Pfostenlöchern, 64 anderen Gruben, 6 Gräbchen sowie 73 sonstigen Fundobjekten.

Doch was versteht man nun unter Pfostenlöcher und Abfallgruben, die als Zeugnisse einer hochmittelalterlichen Kultur für den Archäologen so bedeutsam sind und eingangs bereits zum Teil angesprochen wurden? Die in der Ottonischen Reichsburg vorhandene Siedlungsbebauung der „urbs quae dicitur Horsadal“ - sie ist gegenüber der vermuteten Kernburg im Zentrum des Bergsporns (heute St. Laurentius) in Richtung zum Hang hinausgedrängt - bestand vorrangig aus strohbedeckten Häusern in einer leichten Bauweise mittels Holzpfosten. Neben einaxialen Raumelementen über längsrechteckigem Grundriß gab es polygonale Zentralbauten und Grubenhäuser, bestehend aus einem schaftartigen Unterbau über quadratischem Grundriß, dem ein aufragendes Obergeschoß aufgesetzt war. Die Holzpfosten dienten hierbei als Stützen für das Dach sowie als Trag- und Verbindungselemente für die Außenwände aus Flechtwerk oder quergelagerten Holzbohlen. Für diese Holzpfosten hub man meist rundliche Gruben in verschiedenen Tiefen aus. In manchen dieser Gruben deuten z. B. Sandsteine auf eine zusätzliche Verkeilung der eingesetzten Holzbalken hin. In weicheren Bodenpartien setzte man die Pfosten auf waagrechte Steinplatten, um einem späteren Einsinken dieser Glieder vorzubeugen. Anhand der Bodenspuren läßt sich an den Roßtaler Bauten die Verwendung von runden und rechteckig zugerichteten Balken nachweisen. Durch die begrenzte Lebensdauer dieses Materials mußten die Hütten immer wieder neu aufgerichtet bzw. ausgebessert werden, wobei ständig neue Pfostenlöcher angelegt wurden. Aus diesem Grund weist der Boden eine Fülle von Pfostenlöcher auf. Da sich die Hausgrundrisse in der zeitlichen Folge ständig überlagerten, ergibt sich auf den ersten Blick kein rechtes System.

Rekonstruierte Ansicht der urbs Horsadal

Rekonstruierte Ansicht der urbs Horsadal von Süden,
von der heutigen Hochstraße aus gesehen. Zeichnung: F. Leja

Besonderes Augenmerk bei den diesjährigen Ausgrabungen verdient die Grube 58, bei der es sich um eine längsrechteckige Hütte handelte. Ihre Maße sind 4 x 5,5 m; sie war 0,8 m in den anstehenden Sandboden eingestuft (Foto 4, Abb. 2). Ihr Boden bestand aus gestampftem Lehm, der von dem Grabungstechniker Leja vermutete Eingang dürfte sich an der östlichen Stirnseite befunden haben.

Pfostengrube des Firstpfostens an der Nordostseite
Von den acht Holzpfosten, welche einst das Dach des Grubenhauses trugen,
zeigt die Abbildung die Pfostengrube des Firstpfostens an der Nordostseite

Neben den Pfostenlöchern fanden sich auch innerhalb der Flächen 51 und 52 des öfteren flach angelegte Mulden, die wohl zur Entnahme von Sand oder Lehm dienten. Letzteres Material wurde besonders für die Abdichtung und Festigung der Flechtwände verwendet, spielte aber auch bei der Herstellung der Keramikgefäße eine große Rolle. Die Gruben wurden anschließend mit Abfall verfüllt. Sie kontrastieren wegen ihre dunklen Färbung von dem gewachsenen hellen Sandboden dieser örtlichen Region. Als Inhalt dieser Gruben finden sich Holzkohle und Asche der Herd- und Feuerstellen, zerbrochene Tongefäße, Werkzeugreste aus Eisen oder Hirschhorn, Speiseabfälle in Form von Knochen wie vom Schaf, Ziege, Rind und Schwein. Unter den Gruben ist die Grube 48 (Koordinaten -x 28 und y 45), ebenso wie die oben erwähnte Grube 58, für die Archäologen von großer Bedeutung: Die in ihrer ovaloiden Form mit einer Länge von 4 Metern und einer Tiefe 0,40 m bemessene Grube deutet anhand ihre Befunde auf eine Geweihverarbeitungsstelle hin. Hier fanden sich diverse abgesägte Spitzen von Hirschgeweihen und Späne, die die auf das Schnitzen dieses Materials zurückzuführen sind.

Plan der Ausgrabung Grundschule

Plan der Ausgrabung Grundschule.
Schraffiert: Bestehende Gebäude – Strichpunktierte Linie: Grabungsgrenze – Dunkle Flächen: Archäologische Objekte - Dick umrandete Stellen: Pfostenlöcher und Gruben – Gestrichelte Linie, oben: Ausdehnung der Steinstreuung als Rest der ehem. Wehrmauer. Grube 58, (unten): Grubenhaus mit Pfostenlöchern

Inmitten der Grabungsfläche zeichnet sich ein mittelalterliches Grubenhaus (Grube 58) deutlich ab. Im hinteren Teil ist noch ein Rest der dunklen Grubenverfüllung vorhanden.

Grubenhaus, (Gr. 58): Rekonstruktion.
Zeichnung: F. Leja.
In den Verfüllungsschichten des Grubenhauses (Grube 58) fanden sich immer wieder Tierknochen. Im Südostsektor der Grube sind hier Teile von Pferdebeinen freigelegt.

In der benachbarten Grube 58 (Koordinaten -x 30 und y 32) fanden sich erstmals auch eiserne Fundgegenstände: Eine Messerklinge mit hakenförmigem Schaft für das nicht mehr vorhandene Heft sowie eine Tüllenpfeilspitze für einen Pfeil, ein sog. Pfeileisen, ein eiserner Pfriem, ein Hufeisen, eine Bronzenadel sowie ein Webstuhlgewicht.

Ein interessantes Fundstück ist die unscheinbare Scherbe eines Glasgefäßes. Sie dürfte einst wohl zu einem Becher oder einer Flasche gehört haben und war mit drei übereinander waagrecht aufgelegten Glasfäden profilierend verziert. Glas kam zu dieser Zeit noch recht selten vor; nur begüterte Familien konnten sich ein Gefäß aus diesem Material leisten.

Einen großen Anteil im Fundgut stellen Keramikscherben dar. Es sind Bruchstücke kugeliger Töpfe mit niedrigen Randlippen. Oft sind sie auf der Schulter durch horizontal umlaufende Rillen oder eingeritzte Wellenbandstreifen ornamentiert. Daneben finden sich auch Überreste von Topfdeckeln und Schüsseln sowie ein Keramikfragment mit Kreuzstempel. Die auf Töpferscheiben dünnwandig hergestellten Gefäße - sie entsprechen für Roßtal einem eigenen Typus - waren in der damaligen Zeit noch nicht glasiert und konnten durch eine unsachgemäße Handhabung an der Feuerstelle leicht zerspringen; somit erklärt sich die große Anzahl der aufgefundenen Tonscherben. Da sich die Tongefäße in ihrer Verzierungsart einer gewissen modischen Entwicklung unterordneten, ergeben sich anhand stilistischer Parallelen gewisse epochale Eingliederungen, so hier für Roßtal für das 10. Jahrhundert.

Eine ehemals mit Abfällen verfüllte flache Grube wurde ausgeräumt; nur kreuzförmige Erdstege zum Aufzeichnen der Grubenprofile wurden stehengelassen.

Wie im benachbarten Pfarrgarten, so erhoffte man sich auch an der südöstlichen Spitze der Hochfläche Überreste des Befestigungssystems, z. B. eine Bastion; diese wäre entsprechend ihrer topographischen Eckposition in der Flucht zu den beiden nördlichen Wehrtürmen entlang der östlichen bollwerkartigen Mauer gelegen. Dieser natürliche Südost-Korridor offenbart sich noch heute. Doch von dem erhofften Schutzwall fand sich nur noch eine auffallende Ansammlung von zerstreuten kopfgroßen Sandsteinbrocken.

Diese 4 m breite Streuung wurde auf 9 m freigelegt. Unterhalb der Steinanlage fanden sich eine Anzahl von Pfostenlöchern und Gruben einer älteren Bebauung, welche vor der Errichtung der Wehranlage bis nahe an die Hangkante heranreichte und vermutlich auf eine frühkarolingische Kultur schließen lassen.

Mittelalterliche Funde aus dem Grubenhaus:
1 Hufeisen, 2 Hufeisennägel, 3 eiserne Pfeilspitze, sog. Pfeileisen,
4 Bruchstück eines runden Schleifsteines, 5 Bronzenadel mit herzförmigem Kopf,
6 Bronzenadel mit rundem Kopf aus Glaspaste, 7/8 eiserne Messer,
9 durchlochte Sandsteinscheibe, 10 kreuzförmiger Bodenstempel eines Tongefäßes,
11 Webstuhlgewicht aus Ton zum Beschweren der Webstuhlfäden.
M = 1 : 2, Zeichnung: F. Leja.

Vorgeschichtliche Funde aus Roßtal:
1 Bruchstück eines jungsteinzeitlichen Steinbeiles (Grundschule),
2 Eisenzeitliche Keramik: Randstück einer späthallstadt-frühlatenezeitlichen Schüssel, (In der Gasse)
Mittelalterliche Funde aus der Grabung Grundschule:
3 Randstück eines wellenbandverzierten Gefäßes mit Griffösen,
4 Grifföse mit eingestochener Verzierung, 5 Gefäßbruchstück mit Wellenbandverzierung
M = 1 : 2, Zeichnung: F. Leja

Mittelalterliche Keramik aus der Grabung Grundschule:
1-3 Randstücke wellenbandverzierter Gefäße,
4-7 Gefäßbruchstücke mit eingedrückten Verzierungen,
9/10 Unverzierte Randstücke,
11 Bruchstück eines dünnwandigen Gefäßes mit roter Punktbemalung
M = 1 : 2, Zeichnung: F. Leja

Historisch-archäologische Situation

Die handschriftlichen Quellen des Mönchs Widukind von Corvey in der Sachsenchronik, der Res gestae saxonicae, über die Liudolfinischen Kriege dokumentiert erstmals den Eintritt Roßtals in die Geschichte am 17. Juni 954. Roßtal dürfte aber um einiges älter sein und wie schon Hans Kreutzer im Roßtaler Heimatbuch vermutet, in die frühkarolingische Phase gehören. Vermutungen eines karolingischen Königshofes unterhalb des Kastells, an der Straße nach Clarsbach, der sog. Schwalbenhof, verdichten sich besonders in letzter Zeit immer mehr.

Die Truppen Otto I. konnten das mächtige Kastell mit seiner räumlichen Ausdehnung von ca. 300 m in der Breite und ca. 200 m in der Tiefe nicht einnehmen. Vermutlich dürfte die topographisch schwache südliche Flanke der urbs Rossestal, also von der heutigen Wegbrücke aus gesehen, als besonderer Angriffspunk gedient haben. Hier verläuft das Gelände im Gegensatz zu dem stark abfallenden Bergsporn in der Art einer Rampe. Doch laut der zeitgenössischen Aussage Widukinds mußte diese Umwallung der feindlichen Invasion standgehalten haben. Diese bestand plateauwärts in einer Holz-Erde-Konstruktion mit vorderer Steinfront und einfachem Spitzgraben. Später dann wurde an der Maueraußenseite eine gemörtelte Bruchsteinmauer vorgeblendet.

Noch während die Ausgrabungsarbeiten an der Grundschule ihrem Ende entgegen gingen, begann das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege eine weitere Grabung "In der Gasse", am Nordrand des Roßtaler Ortskerns. Im Zuge einer Baumaßnahme an der alten Scheune aus dem Jahr 1759 auf dem Kriegelsteinschen Anwesen waren weitere Grabungen notwendig. Da die Scheune keinen Keller besitzt, konnte man also davon ausgehen, daß das Erdreich weitgehend ungestört war. Wegen der unmittelbaren Lage der Scheune an der Hangkante war mit Resten der alten Wehrmauer zu rechnen; diese würden durch den Einbau eines Heizkellers zerstört werden. Durch das Anlegen eines Suchschnittes stieß man schon nach wenigen Dezimetern auf Überreste der vermuteten Mauer, bestehend aus rohen Sandsteinbrocken. Sie war stellenweise noch mit zwei bis drei Steinlagen erhalten. Mörtelspuren an den Steinen der Außenfront belegen, daß zumindest dieser Teil der Mauer schon gemörtelt war. Hinter der Mauer kamen die Reste der einstigen Wallaufschüttung zum Vorschein. Durch einen langen Schnitt, welcher axial die gesamte Scheune durchzieht, soll nun geklärt werden, in welcher Breite sich der Wall hinter der Mauer entlangzog. Ebenfalls erhofft man sich Aufschluß, ob der Wall durch Holzkonstruktionen in Form von Balken und Pfosten versteifend armiert war. Es ist anzunehmen, daß die Mauer mit einer Brustwehr, bestehend aus einem lehmverkleideten Holzgeflecht, bekrönt war. Schwarz vergleicht dieses mit jener, wie sie in Hilgartsberg gefunden wurde.

Die Kriegelstein'sche Scheune, In der Gasse

Äußerst interessant ist das Auffinden von vorgeschichtlichen Tonscherben in der Wallaufschüttung, die für eine Besiedlung des Roßtaler Berges bereits in prähistorischer Zeit sprechen. Wegen der topographisch günstigen Lage hat dieser Ort auch schon die Menschen in noch früheren Epochen angezogen. Die dürftigen Keramikfunde weisen auf eine Begehung, möglicherweise auf eine Besiedlung des Ortes während der Eisenzeit (ca. 600 - 500 v. Chr.) hin. Anscheinend wurde beim Aufschütten des Walls an anderen Stellen ältere Siedlungsschichten abgegraben, wodurch diese dann in den Wall gerieten. In Zusammenhang mit der prähistorischen Zeit steht nun das bisher älteste Fundstück im Bereich des Roßtaler Zentrums. Es handelt sich hierbei um die abgebrochene Schneide eines jungsteinzeitlichen Steinbeils. Ob allerdings der steinzeitliche Mensch hier ebenfalls siedelte, erscheint wohl fraglich. Wahrscheinlich ging das Beil während eines Jagdzuges o. ä. zu Bruch und gelangte auf diese Weise in den Roßtaler Boden. Immerhin ist dieses Stück ein Beleg dafür, daß der Mensch schon vor 5 000 Jahren das Roßtaler Gebiet aufsuchte.

Die freigelegten Mauerreste in der Scheune

Archäologische Bodenurkunden aus der Schwarz'schen Grabung von 1973 bezeugen die kriegstechnische Bewaffnung aus der Zeit des 10. Jahrhunderts. Neben eisernen Pfeilspitzen mit abgesetztem Blatt und seitlicher Schlitztülle, dem stark zerrosteten Blatt einer Wurfaxt sowie Messerklingen finden sich auch Münzen aus dünnwandigem Silberblech sowie Fragmente von Hufeisen und Zierscheiben.

Mit den späteren aufwendigen Burgen der Staufer mit Palas, Burgkapelle und mehreren Türmen darf man das Roßtaler Kastell nicht vergleichen, das eher in seiner Wohnstruktur bescheiden war. Die Ausdehnung der Ringwälle war so berechnet, daß sie von einer Hundertschaft von wehrfähigen Siedlern ausreichend beschützt werden konnten. Im Inneren standen einfache Hütten, nicht gemauerte Wohnanlagen und Ställe.

Die bisherigen Grabungen in Roßtal, die jetzige mit eingeschlossen, erforschten hauptsächlich die Peripherie der urbs Horsadal, (Pfarrgarten, Grundschulbereich), den Siedlungsbestand hinter der Schutzbewallung.

Es sind die Lebensräume der Siedlungs- und Kriegsleute, der Handwerker, der Hirten, der Knechte und Mägde. Wie steht es aber mit der aristokratischen Oberschicht innerhalb der Urbs und wo dürfte diese ihren Standort gehabt haben? Meistens hatten diese größere Wohnbauten aus Holz und vermutlich sogar aus Stein an exponierter Stelle innerhalb einer solchen Befestigung, das hieße im Bereich der heutigen St. Laurentiuskirche. Für Roßtal hat eine solche Führungsschicht bestanden, anders wäre es kaum möglich gewesen, einen solchen Angriff, wie ihn Otto I. bei anderen ihm verfeindeten Burgen schon erfolgreich durchgeführt hat, standzuhalten. Handelte es sich bei dem Anführer um Herzog Ernst, jenem Sualafeldgrafen, den A. Ortegel in einer in Rohr im Jahre 959 ausgestellten Urkunde nachwies?