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Alfred Steinheimer

„… kann das aus Verantwortung nicht geschehen lassen“.

– Roßtaler Hebammen im 18. Jahrhundert –

Während in den Städten schon seit dem 15. Jahrhundert vom Rat bestellte und überwachte Hebammen genannt werden (L 1), scheint es, daß sich auf dem Lande die Obrigkeit erst weit später um die Tätigkeit dieser Frauen gekümmert hat.

Im Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes St. Laurentius sind in einer Akte, neben gesundheitspolizeilichen Erlassen und Hinweisen, auch Schriftstücke, die Hebammen betreffen, erst Anfang des 18. Jahrhunderts zu finden. Dank dieser Unterlagen lassen sich vom Jahre 1712 bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, dieser Zeitabschnitt soll untersucht werden, die hier im Pfarrsprengel tätigen Hebammen größtenteils namentlich ermitteln. Der eingesehene Schriftverkehr läßt erkennen, daß zu dieser Zeit bereits einer überörtliche Behörde, nämlich das Oberamt in Cadolzburg in der ersten Instanz, für die Beaufsichtigung des Hebammenwesens zuständig war, das aber seinerseits seine Anweisungen vom „Collegium Medicum“ in Ansbach erhielt, dem die Aufsicht über das gesamte Sanitätswesen im Fürstentum Ansbach oblag. (L 2)

Die Schreiben zeigen weiter, daß dem Pfarrer zumindest ein Mitspracherecht bei der Berufung und Anstellung einer Hebamme eingeräumt wurde, denn von allen Vorgängen die diese Frauen und ihre Tätigkeit hier am Ort betrafen und die vom „Collegium“ zu entscheiden waren, erhielten der örtliche Richter und das Pfarramt Kenntnis. Für die Beteiligung des Pfarramtes gab es eine Reihe von Gründen: Nach Einführung der Kirchenordnung von Brandenburg-Nürnberg im Jahre 1533, hatten die Pfarrämter Tauf- und Trau-Matrikel zu führen (L 3) und was die Taufen betrifft, waren die Pfarrer auf die Zusammenarbeit mit den Hebammen angewiesen, die ja die Gebärenden im damals noch 32 Ortschaften umfassenden Pfarrbereich betreuten. Die hohe Kindersterblichkeit war der Anlaß dafür, daß der Pfarrer von einer Geburt baldmöglichst verständigt werden mußte, wurde doch der Taufakt nicht selten noch am Tage der Geburt, spätestens jedoch am Tage danach vollzogen.

Wie streng darauf geachtet wurde, zeigt ein Eintrag im Taufbuch aus dem Jahre 1701. Dort ist vermerkt: „... ein Kind am Heiligen Christtag Vormittag geboren, am andern Tag, dem Stephanstag abends bei Licht zur Taufe gebracht, welch liederlicher Aufschub dem Kindsvater nachgewiesen wurde“. (Q 1)

Ein weiterer Grund für die Mitsprache des Pfarrers bei der Bewerbung einer Frau um das Amt einer Hebamme war sicher der, daß er über die Zuverlässigkeit und den Lebenswandel der Bewerberin ein Zeugnis abzugeben hatte, mußte doch die Hebamme bei Gefahr für das Leben eines Neugeborenen die Nottaufe vornehmen, damals „Jachtaufe“ genannt. ( von „jäh“ = sofort abgeleitet)

(Noch im Jahre 1848 gibt das Königliche Oberconsistorialamt in München eine „Anweisung für Hebammen hinsichtlich ihrer religiösen und kirchlichen Verrichtungen“ heraus, in welcher auch die Pflicht der Anmeldung einer Geburt und Gebetsformulierungen für eine Nottaufe festgelegt sind. Vermerkt ist: „... offen zu Tage tretender Unglaube und grobe Unsittlichkeit schließen von solchen Verrichtungen aus“. (Q 2.1)

Mit der Registrierung der Taufen, Trauungen und Todesfälle war den Pfarrämtern die Aufgabe eines Standesamtes übertragen, das über Anzahl, Alter und Geschlecht der Bevölkerung eines Pfarrsprengels dem Landesherrn Auskunft zu geben hatte.

So erließ im Jahre 1796 der Preußische König nach der Übernahme der Fränkischen Fürstentümer ein „Canton-Reglement“ für die Erfassung der Wehrpflichtigen, das im 51 die Pfarrer verpflichtete jährlich an einem Gestellungstag ein eidesstattlich unterschriebenes Verzeichnis der im Jahre in ihrem Kirchensprengel Geborenen und Verstorbenen männlichen Geschlechts einzureichen. Pfarrern, die die genannten Listen nicht rechtzeitig oder überhaupt nicht einreichten, drohte eine Geldstrafe von 2–5 Talern.

Um Irrungen auszuschließen, sollten nicht mehrere Söhne einer Familie auf den gleichen Vornamen getauft werden. (Q 3)

(In der Bayerischen Rheinpfalz war die Führung der Personenstandsregister seit der Französischen Revolution und im übrigen Bayern nach 1876 nicht mehr Aufgabe der Pfarrämter, sondern der neugeschaffenen Standesämter. (L 4))

Über die Gebühren oder Einkommen der Hebammen sind in den Akten keine Angaben zu finden, wohl aber, daß auftretende Konkurrentinnen die Einnahmen der „amtlichen Wehmütter“, die ohnehin meist der wenigbegüterten Schicht der Dorfgemeinschaft angehörten, schmälerten, so daß es darüber Streit gab, den die Obrigkeit zu schlichten hatte.

Im Frühjahr 1712, die Schreiben in der Akte beginnen damit, beschweren sich die Roßtaler Hebammen, deren Namen im Antwortschreiben der „Hochfürstlich-Brandenburger-Hof-Rath-Canzlei“ vom 7. Mai 1712 leider nicht genannt werden, über eine Frau, die als Geburtshelferin in Defersdorf tätig ist.

Die Beamten in der Hofkanzlei zu Ansbach entschieden verständnisvoll; sie wußten, daß eine im Dorf ansässige Hebamme bei den Frauen gefragt und darüberhinaus, diese oft genug auch die einzige Vertrauensperson für eine ledige Mutter war. (Von 1701–1800 waren im Pfarrsprengel durchschnittlich 7,5% der Geburten unehelich) Ihre Antwort auf das Roßtaler Beschwerdeschreiben zeigt aber auch, daß das Aufsichtswesen im Gesundheitsdienst um diese Zeit nicht sonderlich streng gehandhabt wurde. Sie schrieben: „... der Grillenbergerin sollen die Hebammenverrichtungen bey denjenigen Leuthen welche Vertrauen zu ihr haben unbenommen seyn“. Sie geben den Klägerinnen weiter zu bedenken, daß bei dem Alter der Frau es nicht mehr lange dauern würde, daß sie (die Roßtaler Hebammen) sich nur mit dem Lohn des Tragens des Kindes zur Kirche und der „Kindtaufzech“ begnügen müssen. (Q 4.1) (Abb. 1)

Abb. 1

Die nächste namentlich genannte Hebamme ist eine Frau Christina Ammon, die bei einer Frau Fischer in der Residenzstadt Ansbach als Hebamme gelernt hat und darüber ein von einem Arzt Dr. Andrea Rosa ausgestelltes Zeugnis vorlegt. Auch sie bittet in einem Schreiben vom 23. Februar 1735 das Oberamt Cadolzburg um Schutz vor der Konkurrenz. Sie sieht sich in „... ihrem Broterwerb durch allerhand untüchtiger Weiber geschädigt“ und „... kann das aus Verantwortung nicht geschehen lassen“. (Q 4.2)

Die Antwort des Oberamtes erging an den Roßtaler Pfarrer Magister Johann Heinrich Schülin und den Richter Johann Gottfried Rötter und läßt erkennen, daß die schutzsuchende Christina Ammon offenbar eine Meinungsverschiedenheit mit dem Pfarrer in der Frage der Einrichtung einer 2. Hebammenstelle hatte. (Um diese Zeit sind im Taufregister durchschnittl. etwa 65 Geburten im Jahr eingetragen) Das Oberamt befiehlt die Einrichtung dieser 2. Stelle und nennt gleichzeitig den Namen der anzustellenden Hebamme, nämlich Barbara Weghorn, die „... die Gebährenden mit besorgen“ und ermahnend fortfahrend, daß „... beide in einem friedlichen Begehen in ihrem Beruf angewiesen werden sollen“. (Q 4.3)

Aus den Archivunterlagen ist nicht ersichtlich, ob freie Hebammenstellen überörtlich bekanntgegeben wurden. Es muß dies jedoch angenommen werden, weil die nachfolgend genannten Hebammen nicht aus dem Roßtaler Pfarrgebiet stammen.

So meldet sich am 17. Juli 1755 die Baderswitwe Maria Elisabeth Müller aus Großhabersdorf hierher: „... um in Roßtal ein besseres Auskommen zu finden.“

Der Ortspfarrer von Großhabersdorf bestätigt ihren guten Lebenswandel und schildert, daß, obzwar sie ungelernt, sie als guterfahrene Hebamme mit viel Sorgfalt im hiesigen „Kirchspiel“ tätig gewesen sei und daß er sie bestens „recommandieren“ wolle. Es verwundert, daß um diese Zeit noch eine „ungelernte“ Hebamme sich bewerben und tätig sein konnte, wo doch schon Jahre früher das markgräfliche Ärztekollegium die angehenden Chirurgen und Hebammen einer Prüfung unterzog.

Das in der Akte nächstfolgende Schreiben läßt erkennen, daß der Rat der Stadt Roßtal – die Gemeinde besaß das Stadtrecht bis 1821 – offenbar der nachstehend genannten Hebamme eine Vergütung zahlte und daß das Dienstverhältnis im Streit endete. Sie, die Hebamme Rühl, die von Roßtal nach Schwabach ging, reklamierte von dort noch rückständige Besoldung und die Richter in Ansbach, die sich mit der Streitsache beschäftigen mußten, ließen über das Oberamt ihrem Richterkollegen in Roßtal wissen, daß die Beschwerde abgewiesen worden sei.

Am 1. August 1768 wird eine Margarethe Herbst aus Sommerhausen bei Ochsenfurt in Roßtal angestellt, die ein vom „Hochfürstlichen Leibmedicus und Stadtphysicus“ Dr. Johann Georg Hasenest und von dem „Rath und Landphysicus“ Dr. Lorenz Wilhelm Bernhold in Ansbach ausgestelltes Zeugnis vorlegt. Darin wird bescheinigt, daß Frau Margarethe Herbst „gesetzmäßig“ examiniert wurde und in einer zwei Stunden dauernden Unterredung gezeigt hat, daß sie eine „...geschickte, fleißige, sorgfältige und gottesfürchtige Hebamme sei, von allem Aberglauben völlig entfernt“. (Q 4.4) (Abb.2)

Abb. 2

Wie lange die vorgenannte Hebamme im Dienst stand ist aus den Unterlagen nicht zu entnehmen. Da die nächste Bewerbung erst am 30. Dezember 1799 vorgelegt wird, wären es 32 Dienstjahre gewesen. Es ist übrigens aufschlußreich, daß die die Hebamme Herbst prüfenden Ärzte in ihrem Attest ausdrücklich betonen, daß die Bewerberin von jeglichem Aberglauben frei sei.

Abergläubische Vorstellungen über Schwangerschaft und Geburt waren weit verbreitet und wurden nicht selten gerade von den Hebammen weitergegeben. Da diese außerdem über Kenntnisse von Heilkräutern und deren Wirkung nicht nur bei der Geburtshilfe sondern auch in mancherlei Krankheiten Bescheid wußten, verdächtigte man sie auch der Herstellung von Zaubermitteln. In den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts waren Hebammen deshalb häufig Opfer dieses Wahns. (L 5)

Kunigunda Simon aus Cadolzburg, eine Webermeistersgattin ist die im Betrachtungszeitraum letzte Bewerberin auf dem Posten der Hebamme hier.

Der Stand der Geburtshilfe war im 18. Jahrhundert, nach zeitgenössischen Stimmen, allgemein als sehr niedrig angesehen und die Obrigkeit versuchte den Wissensstand der Hebammen durch die Einrichtung entsprechender Schulen zu verbessern. So war im Fürstentum Ansbach bereits um das Jahr 1780 eine Schule gegründet worden und als Erfolg wird wenige Jahre später darüber geurteilt: „... daß die Zahl der totgebohrenen Kinder obgleich sie noch immer sehr beträchtlich ist, ist sie dennoch um vieles geringer als in den vorigen Zeiten.“ (L 6.1) Noch 1790 war im Fürstentum Bayreuth jede 25. Geburt eine Totgeburt und von Rothenburg wurde gerühmt, daß dort nur jedes 42. Kind totgeboren wurde. (L 6.2)

Über eine schulische Einrichtung für Hebammen geben die Pfarrakten allerdings erst Anfang des 19. Jahrhunderts Auskunft. Mit dem Besuch der staatlichen Schulen hob sich das soziale Ansehen der Hebammen, deren Stand vorher erstaunlich gering geschätzt wurde. (L 6.3) Nach einer Königlichen Verordnung vom 17. Januar 1816 war eine der Bedingungen für die Aufnahme die, daß nur Kandidatinnen die Schule besuchen dürfen: „... deren Alter nicht unter 20 und nicht über 36 Jahre seyn darf.“

Diese alterseingrenzende Vorschrift war Anlaß dafür, daß im Jahre 1873 der Roßtaler Pfarrer als Fürsprecher für eine das Mindestalter um 1/2 Jahr unterschreitende Bewerberin ein Schreiben fertigte, damit diese die für den hiesigen Bezirk zuständige Hebammenschule in Bamberg besuchen könne. Der Rahmen der vorliegenden Abhandlung ist zwar auf das 18. Jahrhundert begrenzt, interessant ist jedoch, was der Pfarrer in seiner Bitte um Aufnahme der Schülerin, die ihre Mutter als Hebamme hätte entlasten können, über das Arbeitsmaß der Hebamme hier schildert. (Q 2.2)

„Die Mutter sei nicht mehr so rüstig, sondern körperlich schwächlich und ihr Distrikt ist soweit ausgedehnt und bevölkert, daß sie gar häufig zwei oder drei Geburten in verschiedenen oft zwei Stunden entfernten Orten zu gleicher Zeit vorkommen und sie zu zwei oder drei Entbindungen gerufen wird und das oft in der Nacht bei dem schlechtesten Wetter und Wegen, in solchen Fällen hat sie daher tage- und nächtelang keine Ruhe und die größte Anstrengung. Bei solchen Umständen ist es ihr oft unmöglich ihre Wöchnerinnen nach ihrer Geburt so oft zu besuchen wie es auf dem Lande der oft unerfahrenen und ungeschickten Wöchnerinnen und ihren Kindern wegen notwendig ist, wenn diese nicht krank oder elend werden oder aus Nachlässigkeit sterben sollen“.

Die seitenlangen Begründungen des Pfarrers fanden allerdings kein Gehör. Der königliche Bezirksarzt in Cadolzburg entschied, daß eine zweite Hebammenstelle für den Bezirk Roßtal vorerst nicht gegeben sei. (Im Pfarrbezirk betrug in jenen Jahren die durchschnittliche Zahl der Geburten um 120 pro Jahr)

Um den Stand der medizinischen Versorgung zu dieser Zeit noch näher aufzuzeigen sei erwähnt, daß damals in Roßtal bereits ein promovierter Arzt ansässig war, der bei schweren Geburtsfällen sicher Hilfe leistete. Bereits im Jahre 1808 wurde Roßtal zum Sitz eines Distriktarztes bestimmt und sein Gebiet sollte die nachstehenden Gemeinden umfassen: Roßtal, Buchschwabach. Großweismannsdorf, Leichendorf, Weinzierlein und Weitersdorf.

Zu einer Stellenbesetzung kam es aber erst 1856 und bis zu dieser Zeit waren hier nur sogenannte Wundärzte und die Bader tätig, die, soweit es ihre Kenntnisse zuließen, der Hebamme im Bedarfsfalle beistehen konnten.

Im ganzen Bezirk des Amtes Cadolzburg waren bis zur Installation der Arztstelle in Roßtal 1856, bei insgesamt etwas über 14 000 Einwohnern, nur zwei Ärzte tätig; wer es sich leisten konnte holte einen Arzt von Zirndorf, Nürnberg oder Burgfarrnbach. (L 7)

Schilderte der Roßtaler Pfarrer in seinem Schreiben an die Behörde die Arbeitsbelastung der Hebamme hier, so zeichnet, rund 10 Jahre früher 1860 der königliche Gerichtsarzt Dr. Rieger von Cadolzburg ein Bild vom „Gesundheitsbewußtsein“ der Schwangeren in seinem auch Roßtal einschließenden Wirkungskreis. Er schreibt:

„Eine besondere Achtsamkeit bei Schwangeren finden wir nicht. Es werden bis zum letzten Momente, bis zur Niederkunft alle Geschäfte nach wie vor besorgt, man setzt sich dabei jeder Witterung aus, geht barfuß, erkältet sich, scheut sich nicht vor anhaltendem Bücken, z. B. beim Schneiden des Getreides, vor schwerem Heben und Tragen, von Gemütsbewegungen gar nicht zu reden. Es ist auch dabei zu staunen, daß nicht mehr Fehlgeburten vorkommen.“

Der Bericht fährt fort, die Arbeit der Hebammen lobend: „... daß der Zustand des Wochenbettes besser gewürdigt und beachtet wird, davon gebührt unstreitig das meiste Verdienst dem Institute unserer Hebammen“. (L 8)

Angesichts der hier aufgezeigten mangelnden ärztlichen Versorgung noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts und das als „sorglos“ geschilderte Verhalten der schwangeren Frauen, was wahrscheinlich eher damit zusammenhängt, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse der kleinen Leute auf dem Lande Gedanken an eine „Schonung“ erst gar nicht aufkommen ließen, sind die Zustände 100 Jahre früher, in der hier betrachteten Zeitspanne des 18. Jahrhunderts, kaum vorstellbar.

Als Nebenzweig der Chirurgie betrachtet, stand die Geburtshilfe wie schon erwähnt, aber auch die Chirurgie selbst, in wenig hohem Ansehen. Ein Wechsel vollzog sich erst, zumindest in den Städten, im ausgehenden 18. Jahrhundert, als mit den wachsenden Kenntnissen in der Chirurgie schwierige Fälle bei Geburten mehr und mehr in die Hände von sogenannten „Accoucheuren“ übergingen, wie sich die auch in der Geburtshilfe wissenschaftlich und praktisch geschulten Ärzte damals nannten. (L 6.4)

Auf dem Lande war die Hebamme auch bei Problemfällen noch lange allein auf ihre Kenntnisse angewiesen, die von Generationen von Frauen erworben und weitergegeben wurden.

Literatur

(L 1)Friedrich Zoepfl: „Deutsche Kulturgeschichte“ Band II, S. 122 Herder-Verlag Freiburg, 1937
(L 2)Günther Schuhmann: „Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach“ S. 336/342; Selbstverlag des Historischen Vereins für Mittelfranken, Ansbach 1980
(L 3)Matthias Simon: „Evangelische Kirchengeschichte Bayerns“ Band I, S. 314; Paul Müller-Verlag München 1942
(L 4)Dr. Wilhelm Schreiber: „Geschichte Bayerns“ Band II, S.727 Herder-Verlag, Freiburg, 1891
(L 5)Sigmund v. Riezler: „Geschichte der Hexenprozesse in Bayern“ S. 109; Magnus-Verlag, Stuttgart o. J.
(L 6.1)
(L 6.2)
(L 6.3)
(L 6.4)
Ernst Schubert: „Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts“ S. 19/20 Verlag Degener u. Co, Neustadt/Aisch, 1983
(L 7 )Kreutzer/Düthorn: „Roßtal – Vergangenheit u. Gegenwart“ S. 174 Marktgemeinde Roßtal 1978/79
(L 8)Helmut Mahr: „Die medizinische, topographische u. ethnographische Beschreibung des Landgerichtsbezirks Cadolzburg durch den kgl. Gerichtsarzt Dr. Rieger - 1860 - Landkreis Fürth“, Mai 1985 S. 105

Quellen:

Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes Roßtal:

(Q 1)Akte Nr. 96 „Pfarrbeschreibung von Roßtal“, 1913/14 S.47 (Q 2.1)Akte Nr. 199 „Niedere Kirchendiener, auch Hebammen und Totengräber 1848–1920“ (Q 3)„Königlich Preußisches Canton-Reglement für die beiden Fränkischen Fürstentümer Ansbach u. Bayreuth“ De dato Berlin, den 21. März 1796 (Q 4.l) – (Q 4.4)Akte Nr. 122 „Gesundheitspolizei, Hebammendienst“ 1712–1799

Buntes Allerlei aus Roßtal

Gesammelt von A. Rohn

Aus dem Nachlaß des Heimatforschers Oberforstmeister August Ortegel überließ uns seinerzeit seine Witwe den auf Roßtal bezogenen Teil seiner Forschungsunterlagen. Darunter befanden sich auch mehrere Hefte seines Neffen, des Roßtaler Hauptlehrers Adolf Rohn, des Verfassers des ersten Roßtaler Heimatbuches von 1928, mit Vorarbeiten und Ausarbeitungen zu diesem Buch. Ein Heft trägt den o. g. Titel. Es sei hier in wesentlichen Teilen im Wortlaut wiedergegeben. Zufügungen des Herausgebers stehen in Klammern. (Koerber)

Sitten und Bräuche

Schüleraufsätze: Unserer Vorfahren hatten einen anderen Glauben als wir. Dieser Glaube kam allmählich ab. Er hat sich aber bis auf die heutige Zeit teilweise im Aberglauben erhalten. So lassen noch viele Gebräuche, Redensarten und Wetterregeln auf den früheren Glauben unserer Vorfahren schließen. Eine besondere Bedeutung haben die zwölf Nächte, die von Weihnachten bis Drei-Könige dauern. Die Nächte deuten auf die zwölf Monate des Jahres hin. In diesen Nächten kann man das Wetter der Monate erfahren. Die Bauern schälen Zwiebeln ab und nehmen davon zwölf Schalen, welche die Monate darstellen. In diese meist weißen Schalen streuen sie Salz. Die Schalen, welche trocken bleiben bedeuten die trockenen Monate und die welche naß werden die Regenmonate.

In den zwölf Nächten geschehen auch übernatürliche Dinge: Um die Mitternachtsstunde in den 12 Nächten gehen die Mädchen an den Hühnerstall und klopfen. Ruft zuerst der Hahn, so bekommt das Mädchen dieses Jahr noch einen Mann, meldet sich aber zuerst eine Henne, so bleibt es noch zuhause.

In den 12 Heiligen Nächten soll die Bäuerin keine Wäsche aufhängen, da sonst im Stall eine Notschlachtung vorgenommen und eine Viehhaut aufgehängt werden muß.

Manche Bauern legen eine Bibel in den Stall, damit sie Glück im Stall haben.

An Fastnacht, früh, legt man beim Hühnerfüttern eine Kette um die Hühnerschar, damit das Hühnervolk nicht verlegt und auch das ganze Jahr vor Dieben geschützt ist.

In den 12 Nächten soll man einen Besen vor die Stalltüre stellen, damit die bösen Geister nicht in den Stall kommen.

Wenn fromme Leute am Heiligen Abend um 12.00 Uhr in den Stall gehen, können sie das Vieh sprechen hören.

In der Silvesternacht schießen die jungen Leute das Neujahr an.

Wenn man in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag seine Schuhe schmiert, darf man kein Vieh mit diesen Schuhen stoßen, sonst hat der Bauer bald ein Stück weniger.

Am Heiligen Abend muß man den Hund ins Haus sperren, damit er das Christkind nicht beißen kann.

Wer an Weihnachten seine Pferde putzt, hat im ganzen Jahr den schönsten Anspann.

Am Heiligen Abend nachts 12.00 Uhr soll man nicht in den Stall gehen, denn da sprechen die Tiere miteinander.

Wer an Fastnacht Wasser trinkt, wird im Sommer von den Schnaken gebissen.

In den 12 Nächten muß man die Obstbäume schütteln, dann gibt es im kommenden Jahr viel Obst.

Wenn in den 12 Nächten ein starker Wind geht, dann rammeln die Bäume und es gibt im kommenden Jahr reichlich Früchte.

Manche Bauern stellen in den 12 Nächten in den Stall eine Mistgabel mit den Zinken nach oben. Dadurch sollen die bösen Geister aus den Ställen vertrieben werden.

Wenn es an Fastnacht regnet, dann gibt es an Weihnachten viel Schnee.

Wenn man an der Fastnacht Stroh schneidet, dann gibt es im Sommer sehr viele Mücken.

Wenn man sich in den 12 Nächten auf den Tisch setzt, dann bekommt man Furunkeln oder Grißlein.

Wenn ein Mädchen in der Christnacht einen Apfel schält und das lange Schalenband über die linke Schulter wirft, so kann es aus der auf dem Boden liegenden langen Schale den Anfangsbuchstaben vom Namen seines zukünftigen Mannes erkennen.

Manches Mädchen wirft einen seiner Pantoffeln gegen die Haustüre. Ist dieser der Türe zugewandt, so ist es ein Zeichen, daß das Mädchen im kommenden Jahre heiratet. Steht der geworfene Pantoffel auf das Mädchen zu, so muß dieses noch warten.

Was man in den zwölf Nächten träumt, soll man sich gut merken, denn es geht in Erfüllung.

In den Zwölfbotennächten (- hier liegt wohl eine Verwechslung vor: Die Zwölfbotentage sind die Zwölf-Aposteltage, die über das ganze Jahr verstreut liegen -) soll man die Wäsche, die über dem Ofen hängt, abends entfernen, damit das Wilde Heer durch den Schlot über dem Ofen hinwegziehen kann. Dann gibt es im Haus keinen Zank und Streit.

Am Heiligen Abend soll man den Tisch aufräumen, damit die Engelein darauf tanzen können.

In den 12 Nächten darf man um Mittemacht nicht auf den Friedhof gehen, weil da die Toten ihren Rundgang machen.

In der Heiligen Nacht müssen alle Familienmitglieder um 12.00 Uhr daheim sein, sonst hat es der Verspätete das ganze Jahre mit dem Teufel zu tun.

Am Fastnacht darf man kleine Kinder nicht in den Spiegel sehen lassen, sonst werden sie Druden.

Kleine Kinder darf man nicht zum Fenster hineinreichen, sonst wachsen sie nicht.

In der Christnacht soll man nicht Überland gehen, denn man verfehlt dann den Weg.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag soll man keine Messer liegen lassen mit der Scheide nach oben, sonst weinen die Engelein. (Der Brauch bezieht sich wohl nicht auf den Stefanstag, 26.12., sondern auf den Tag der Unschuldigen Kindlein, - Kindermord von Betlehem -, 28. 12.)

Bei der Taufe wird das Gebetbuch von Stark, (das Starkenbuch) unter das Kissen des neugeborenen Kindes gelegt, damit das kleine vor allem Leid und Unglück geschützt sein soll.

Der Pate schenkt dem Täufling ein seidenes Halsband, das mit Geldstücken geschmückt ist.

Lustig geht es bei der Impfung der Zwölfjährigen zu: Sie dürfen sich nach der ausgestandenen Angst zwei Bratwürste und ein Kipflein kaufen.

Wem am Neujahrsmorgen zuerst eine alte Frau begegnet, der hat das ganze Jahr über Glück, wem da aber zuerst eine schwarze Katze entgegenkommt, der hat Pech.

An Fastnacht früh muß man nüchtern eine Blutwurst essen, dann bekommt man keinen Rotlauf in den Stall.

An Fastnacht muß man die Stube vor Sonnenaufgang kehren, dann gibt es das ganze Jahr kein Ungeziefer.

Wenn man das Fastnachtskehrricht in den Hof des Nachbarn schütten, bekommt der Nachbar Ungeziefer.

An Fastnacht muß man zum Küheputzen Handschuhe anziehen, damit die Tiere nicht lausig werden.

Den leeren Christbaum soll man das Jahr über auf den Hausboden stellen; dann schlägt der Blitz nicht ein.

Wer in der Christnacht über einen Kreuzweg geht, dem stößt ein Unglück zu.

Am Fastnachtstag beobachtet der Bauer, wer zuerst sein Haus betritt. Ist es eine Mannsperson, dann gibt es dieses Jahr im Stall meistens Ochsenkälber.

An Fastnacht soll sich kein Rad drehen, sonst schmeißt der Bauer bei der Ernte um.

An Fastnacht darf der Bauer nicht über den Hof hinausgehen, sonst verlegen die Hühner das ganze Jahr über.

An Fastnacht darf der Imker nicht über seinen Hof hinausgehen, sonst fliegen ihm die Bienenschwärme davon.

An Fastnacht ist der Teufal im Wald.

Ein Rabe, der auf einem Pflug sitzt, darf nicht verjagt werden, denn er war Wotans Lieblingsvogel.

Nähert sich beim Säen dem Bauern ein Rabe, so bedeutet das eine gute Ernte.

Wetter- und Ernteregeln

Wenn die Ameisenhaufen im Wald mit langen Nadelteilen zugedeckt sind, so ist Regen zu erwarten.

Päiter und Paul, (29. 6.) do stehlt in Kuern sei Wozl o Nou zeitigs Tag ä Nocht.

Kunigund (3.3.) kummt die Wärm vo unt.

Hiob (9. 5.) gibt viel Knopp.

Wie der Freitagnachmittag
so der Sonntag den ganzen Tag.

Wenn früh es Gras arg naß is, dann rengts den ganzen Tag.

Hörst du früh an Finkenschlag
gibt's gewiß an Regentag.

Wenn es am Pfingstsamstag regnet, dann regnet es sieben Samstage hintereinander.

Blühen die Ratten (Kornraden) rot,
gibts in vier Wochen neus Brot.

Am 13. (Juli) is Margaretha
scheid mer all mei Lätta.

Fliegen die Schwalben sehr tief über den Weiher, dann kommt Regenwetter.

Am Freitag ändert sich die Kost und das Wetter.

Beim Heun muß in Habern neiregna.

Gewitter im Winter
steckt no viel Kalt dahinter.

Wenn die Schafe auf dem Feld unruhig werden, ändert sich das Wetter.

Von Säen: Im April kumm i wenn i will
Im Mai kumm i glei.

Sprichwörter und Redensarten

Schaf, Taum, Bien und Teich
manch bal arm, bal reich.

A guta Krümm
is nix üm.

Der Verstand der hintennach kommt, taugt nit viel.

Afliegädä Krab hat mehr wie a hockädä

Wo viel Hund an ahn knochn kiefn, werd kanner fett.

Wer nix aus sich macht, der wird nix g'acht.

Bei manchen Menschen sind die Augen größer als der Magen.

An Bauern muß mer unter der Haut kenna.

Wer si fercht, is im Bett nit sicher.

An bissign Hund muß mer zwa Brockn geh'm.

Der Tod muß an Anfang ham.