Sprung zum Seiteninhalt
Der Weihnachtsmann in Roßtal

Der Weihnachtsmann in Roßtal
gezeichnet von LUDWIG GROH ca. 1930

Alfred Steinheimer

Roßtals öffentliche Wasserversorgung vom Mittelalter bis zum Jahre 1930

Eine ausreichende Versorgung mit klarem, fließendem Wasser, dazu eine strategisch sichere Lage gaben den Ausschlag für die Besiedelung eines Platzes in der Zeit, als in der frühen Geschichte Land suchende Menschen sesshaft wurden. Beide Voraussetzungen waren in Roßtal gegeben, wenngleich das Problem der Wasserversorgung für den heutigen Oberen Markt – einer Fläche, die zu erreichen für einen Angreifer zwar einen beachtlichen Einsatz erfordert hätte – aber durch den Höhenunterschied zur Ansiedelung im bachdurchflossenen „Tal“, sicher erst von einer späteren Siedlergeneration gelöst werden konnte. Dies deshalb, weil es doch eines nicht geringen technischen Aufwandes bedurfte, in felsigem Grund Brunnen zu graben, um den Grundwasserspiegel in einer Tiefe von mehr als 20 m zu erreichen. So existierten für die Versorgung mit Trinkwasser, wahrscheinlich schon seit dem frühen Mittelalter, drei Wasserstellen in Roßtal. Es waren dies eine gefasste Quelle an der Schlossmauer am Unteren Markt und die beiden Grundwasser-Schöpfbrunnen am Oberen Markt. Diese „öffentlichen Einrichtungen“ bestanden, technisch wenig verändert, über Jahrhunderte, bis kurz vor dem Jahre 1930.

Die früheste Nachricht von der Existenz eines Brunnens ist den Beschreibungen von Lehenübertragungen aus den Jahren 1356 und 14871 zu entnehmen. Sie nennen allerdings nur den Brunnen nächst dem heutigen Rathaus. Die geschichtlich und archäologisch nachgewiesene sehr frühe Besiedelung und Befestigung des gesamten Oberen Marktes spricht aber dafür, dass beide Brunnen, der dem Rathaus gegenüber, wie der an der Westseite des ersten Pfarrhauses, wahrscheinlich ein weit höheres Alter besitzen, als dies die ersten Erwähnungen besagen. Der durch Grabungen bekannte Umfang des Befestigungsringes um den Oberen Markt entstand vermutlich um die Jahre 800/900 und es ist sicher kein Zufall, dass sich beide Schöpfbrunnen innerhalb dieser Verteidigungsanlage befanden. Könnte dies ein Hinweis auf das Alter der beiden Brunnen sein? Im Bericht des Mönches Widukind aus dem Kloster Corvey an der Weser, der die nicht nur für die Lokalgeschichte so bemerkenswerte Auseinandersetzung zwischen König Otto I. und seinem Sohn Liudolf im Juni 954 schildert, wird die damals uneinnehmbare Festung Horsadal (Roßtal) genannt. Die Burg selbst und der Mauerring verfielen offenbar in den folgenden Jahrzehnten oder wurden abgebrochen. Mit der Erhebung Roßtals zur Stadt im Jahre 1328 durch Ludwig den Bayern, verlieh dieser u. a. auch das Recht zur Befestigung des Ortes. Diese, in der Geschichte des Ortes zweite Baumaßnahme einer wehrhaften Ummauerung beschränkte sich dann allerdings, es ist anzunehmen aus finanziellen Gründen, nur auf eine Mauer mit Wehrgang, die die Kirche und den Friedhof umschloss und deren Spuren heute noch sichtbar sind. Das als nördlicher Eingang zu dieser Wehranlage dienende Tor mit dem Glockentürmchen trägt die Jahreszahl 1494 und lässt eine vermutlich lange Bauzeit bis zur Fertigstellung dieses Refugiums für die Ortsbevölkerung erahnen.

Unverständlich ist allerdings, dass entgegen aller Vernunft, nun die beiden Brunnen außerhalb des Schutzes dieser neugeschaffenen Befestigung blieben. Ein selbst nur wenige Tage anhaltender Widerstand wäre für die Verteidiger der Wehranlage, die sicher, wie es üblich war, mit ihrem Vieh in dem mit einem Mauerkranz umgebenen Friedhof Schutz gesucht hätten, ohne die Versorgung mit Wasser kaum möglich gewesen.

Die Quellfassung an der Schlossmauer wird in einem Salbuch, einem Güterverzeichnis aus dem Jahre 15322 im Zusammenhang mit dem markgräflichen Badehaus genannt. Diese öffentliche Einrichtung bestand im Gebäude, früher Hausnummer 45, heute Pelzleinstraße 1. Die erste Roßtaler Gemeindeordnung vom Jahre 1580 stellt diese Quelle unter gemeindlichen Schutz3 und nennt unter Punkt 12: „... den Kasten vor dem Brunnen worin man das Trinkwasser abfüllet“. Die Brunnen am Oberen Markt werden in dieser Ordnung nicht erwähnt. Aber bereits dieser genannten Zeit besaßen eine Reihe von Anwesen längs des Unteren Marktes, wie das oben erwähnte Güterverzeichnis erkennen lässt, eigene Brunnen und deren Bewohner waren somit auf die „öffentliche Versorgung“ nicht mehr angewiesen. Nach den heutigen Straßenbezeichnungen besaßen die Anwesen Pelzleinstraße 13 u. 23, die in der Nürnberger Straße 11, 13, 17 und die in der Fürther Straße 14 eigene Brunnen. Für den Schwalbenhof, der zu den ältesten urkundlich genannten Anwesen zählt, ist in einer Güterbeschreibung von 1303 ein sicher schon damals sehr lange bestehender Brunnen aufgeführt. Was für die im „Tal“ gelegenen Anwesen mit geringem Aufwand möglich war, nämlich einen Brunnen zu graben, um den nutzbaren Wasserspiegel zu erreichen, ließ sich am Oberen Markt nur mit großer Mühe und mit erheblichen Kosten bewerkstelligen. So ist zu erklären, dass in den Aufzeichnungen um 1530 und noch Jahrhunderte danach für die Anwesen am Oberen Markt noch keine privaten Brunnen genannt werden. Aufzeichnungen im Pfarrarchiv ist zu entnehmen, dass für die beiden Brunnen am Oberen Markt unterschiedliche Eigentumsverhältnisse galten. Über Jahrhunderte stand demnach nur der Brunnen am Marktplatz den Gemeindebürgern zur Verfügung, während der unweit des ersten Pfarrhauses und vor der Längsseite des ehemaligen Pfarrlehens, heute Museumshof, geschaffene Brunnen bis in das 19. Jahrhundert hinein noch als „Ketten- oder Pfarrbrunnen“ bezeichnet wurde und damit das kirchliche Eigentum erkennen lässt. Die eingeschränkte Zugänglichkeit zu dieser Wasserstelle bestätigt auch ein Eintrag in den Kirchenrechnungen des Jahres 1660. In den Ausgaben ist vermerkt: „... dem Schmied 3 Gulden 45 Kreuzer für ein Centner Eisen so zur Pfarrbrunnen-Tür wieder neu zu machen (bezahlt.)“

Der Schöpfvorgang bei beiden Brunnen am Oberen Markt war sicher mühevoll, denn mittels eines Rades, an dem eine lange Kette und ein beschlagener Eimer befestigt war, musste dieser auf das Niveau des Wasserspiegels, ca. 20 m, herabgelassen werden. Das Hochfördern war mit einem erheblichen Kraftaufwand verbunden, da ja das Eigengewicht der langen Kette und das des massivgefertigten Eimers, einschließlich seines Wasserinhalts, durch Drehen des Rades gehoben werden mussten. Dieser Vorgang verlief nicht immer störungsfrei, wie den Kirchenrechnungen zu entnehmen ist. (Die noch einzusehenden „Heiligenrechnungen“ der Pfarrei beginnen mit dem Jahre 1624.) Die bislang gefundene früheste Nachricht über den Pfarrbrunnen stammt aus dem Jahre 16274 und in den folgenden Jahren werden immer wieder Ausgaben genannt, um diesen instandzusetzen und damit die Wasserversorgung sicherzustellen. Mehrmals riss die Kette, so aufgeführt in den Rechnungen der Jahre 1627, 1629, 1646, 1649 und nach den jeweiligen Vermerken im Ausgabenbuch muss immer eine Anzahl von Eimern und Ketten am Grund des Brunnens gelegen haben, die von Zeit zu Zeit wieder zutage geholt wurden. Im Jahre 1654 und noch später musste der Roßtaler Büttnermeister Georg Prechtel neue Eimer fertigen und 1668 stürzte, verursacht durch den Bruch des Drehrades, wiederum der „aymer mitsambt der Ketten in den Brunnen“, sodass der Schmied „mit dem zurichen und wieder handhaft zu machen“ für seine mühevolle Arbeit 5 1/4 Gulden fordern musste. Auch am Gemeindebrunnen** ereigneten sich solche Schadensfälle, so dass im Jahre 1724 Roßtals Stadträte zur Einsparung beständiger Reparaturkosten beschlossen, die Wasserförderung mittels einer Pumpe zu bewerkstelligen. Da die Gemeinde sich außerstande sah, die Kosten, die auf 100 Gulden geschätzt wurden, aufbringen zu können, sollte ein Sondersteuer zur Finanzierung erhoben werden, gegen die die Einwohner des Unteren Marktes Einspruch (!) erhoben. So sprang als „Geldgeber“ der Schulmeister (!) Georg Krobe ein, der gegen einen Zinssatz von 6 % die Finanzierung sicherte. Den Auftrag zur Fertigung der Pumpenarmatur erhielt ein Nürnberger Glockengießer und die Kosten der gesamten Anlage blieben mit 95 Gulden unterhalb der schätzten Summe. Der „Pfarrbrunnen“ dagegen blieb, technisch unverändert, bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ziehbrunnen. Im Gegensatz zum Gemeindebrunnen existieren hier im Pfarrarchiv über den kircheneigenen Schöpfbrunnen doch eine Reihe von Nachrichten, die wohl gestatten sich ein für beide Brunnen zutreffendes Bild von der Wasserversorgung des Oberen Marktes zu verschaffen.

Wie eine Skizze5 der Besiedlung Roßtals um das Jahr 1500 zeigt, existierten im 16. Jahrhundert südlich des Pfarrhauses noch keine anderen Anwesen. Das Pfarrhaus selbst war ja, wie heute noch sichtbar, eine Eckbastion des mauergeschützten Friedhofes mit der Kirche. Die Nähe des Brunnens zum Pfarrhaus lässt die Vermutung zu, dass wahrscheinlich schon seit den frühesten Zeiten die Kirche das Recht besaß, über eine eigene Wasserstelle verfügen zu können. Es gab allerdings auch Zeiten, so im 19. Jahrhundert, in denen die Bewohner des ersten Pfarrhauses über Jahrzehnte, zwar notgedrungen, aber ohne dass darüber große Klage geführt wurde, das Wasser nur vom Gemeindebrunnen holen konnten. In einem Schreiben aus dem Jahre 1860 ist der Grund hierfür genannt: „... seit 30 bis 40 Jahren ist (der Pfarrbrunnen) unbenutzt und gänzlich ruinös geworden“. Die Unterlagen lassen weder die Ursache noch exakt das Jahr erkennen, wie es zu diesem Schadensfall kam. Obwohl über die genannten Jahrzehnte der Pfarrbrunnen unbenutzbar war, als Dauerzustand wollte man diese Einschränkung der Wasserversorgung allerdings doch nicht hinnehmen. Vielleicht war es auch so, dass der im Jahre 1861 die Pfarrei Roßtal verlassende Pfarrer Johann Ulrich Hühne (in Roßtal von 1846–1861), anders als sein Vorgänger, seinem Nachfolger im Amt, Johann Leonhard Kündiger (1861–1870) den kircheneigenen Brunnen ordnungsgemäß übergeben wollte und nun tätig wurde. Gemeinsam mit der Marktverwaltung Roßtal schilderte Pfarrer Hühne diesen Notstand der Regierung von Mittelfranken und bat „... um einen gnädigen Beitrag zur Herstellung des unbrauchbar gewordenen Pfarrbrunnens“. In seiner Bitte um eine finanzielle Hilfe versäumte er allerdings nicht auf das Eigentumsrecht der Kirche hinzuweisen und betonte ausdrücklich, dass für den genannten Brunnen die Pfarrei auch die Baupflicht habe. Die Besitz- und Eigentumsrechte seien, so nach seinem Schreiben, abzuleiten aus Rechnungen der Jahre 16546, 1668, 1669 und 1673 und sein Ansuchen um eine Bezuschussung zur Reparatur des Brunnens erfolge nur deshalb, wie er weiter formuliert, „ weil durch Schulbau und Turmreparatur die Finanzlage der Kirchenstiftung sehr angespannt sei“. Die Zustimmung der Regierung muss wohl im Sinne der beiden Antragsteller, der Marktverwaltung und des Pfarramtes, geschehen sein, weil im Jahre 1862 die Wiederherstellung vorgenommen werden konnte. Ein Protokoll der Kirchenverwaltung vom 13. März 1863 vermerkt nach Abschluss der Arbeiten „... dass damit nun der nötige Wasserbedarf des 1. Pfarrhauses sowie auch dieser Lehrerstelle im Mesnerhaus gewährt sei, außerdem bei einer Feuersnoth dieser Brunnen auch der nächste Wasserspender wäre“. Das letztangeführte Argument gab wohl den Ausschlag, dass die Kirchenstiftung, obwohl Eigentümer des Brunnens, an den Gesamtkosten der Reparatur von über 500 Gulden nur mit einem Betrag von 100 Gulden beteiligt wurde. Gemessen an der Höhe der Ausgabe, die nahezu dem Jahresgehalt eines Pfarrers einer kleinen Landgemeinde zu dieser Zeit entsprach, ist anzunehmen, dass der Verfall des Brunnens beachtlich gewesen sein muss und dass er außerdem, anlässlich dieser Instandsetzung, nun ebenfalls zum Pumpbrunnen umgebaut wurde, Unterlagen darüber konnten allerdings nicht aufgefunden werden. Bei einer erneuten großen Reparatur im Jahre 1900 wechselte man jedoch bereits Saugrohre eines Pumpbrunnens aus.7

Die o. g. Niederschrift der Kirchenverwaltung von 1863 nennt nur zwei „Wasserverbraucher“ für den Pfarrbrunnen. Es könnte daraus geschlossen werden, dass dieser, wie ursprünglich, immer noch nur für das erste Pfarrhaus und die zweite Lehrerstelle im Mädchenschulhaus zugänglich war. Das scheint aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Fall gewesen zu sein, wie ein Schreiben des königlichen Landgerichts Cadolzburg vor Beginn der Reparaturarbeiten an das Pfarramt gerichtet, erkennt lässt. Darin wurde die Kirchenverwaltung gebeten, die Verteilung der anfallenden Kosten zu klären, auch insoweit, ob „etwa mit freiwilligen Gaben der zunächst betheiligten Gemeindemitglieder gerechnet werden kann“. Demnach wurde der Brunnen zu dieser Zeit bereits auch von den Nächstwohnenden mitbenutzt. Warum bei allen Schreiben nur das Mädchenschulhaus mit der Lehrerwohnung als „Wasserverbraucher“, nicht aber das gegenüber liegende zweite Pfarrhaus genannt werden, ließ sich nicht klären. Konnte die Frau des Pfarrers auf der zweiten Pfarrstelle, oder deren Hilfe, nur vom Gemeindebrunnen am Marktplatz das Wasser holen? Das scheint der Fall gewesen zu sein, denn die Frage der Wasserversorgung, auch für die vom Gemeindebrunnen entfernt wohnenden Bürger der heutigen Rathausgasse des Oberen Marktes, wird einige Jahrzehnte später Gegenstand eines Antrags.

Im Jahre 1898 verfassten der Pfarrer auf der zweiten Pfarrstelle, Ernst Christoph Keller (in Roßtal von 1896–1916) und der Lehrer der Mädchenschule Ernst Gottlob Rohn (1882–1900) eine Bittschrift an die Kirchenverwaltung um einen Brunnen benützen zu dürfen, der allerdings noch zu schaffen war. Damit sollte die Versorgung des zweiten Pfarrhauses sowie des Mesner- und Schulhauses bequemer sichergestellt werden. Dieser Brunnen sollte, unweit von den genannten kircheneigenen Gebäuden, im Grundstück einer Familie Zapf eingerichtet werden und die Mittel hierfür sollte die Kirchenstiftung aufbringen. Beide Antragsteller führten in ihrem Schreiben darüber Klage, dass „... eine große Anzahl von Gemeindebürgern zu ihrer Bequemlichkeit innerhalb oder in nächster Nähe ihrer Anwesen sich eigene Pumpbrunnen geschaffen haben, während die Unterzeichneten noch immer gezwungen sind das Wasser aus großer Entfernung herbeischaffen zu müssen.“ Dem Antrag war ein Lageplan beigefügt mit den Eintragungen der langen Wege, jeweils etwas mehr als 100 m, vom zweiten Pfarrhaus sowie vom Mesner- und Schulhaus zu je einem der beiden Brunnen. (Beide Brunnen, der Pfarrbrunnen und der Brunnen am Marktplatz werden in diesem Schreiben bereits als Gemeindebrunnen bezeichnet.) Der beantragte Pumpbrunnen sollte nicht nur die beiden im kirchlichen Besitz stehenden Gebäude versorgen, sondern auch die Anwesen mit den alten Hausnummern 71, 72, 73 und 74 (heute Rathausgasse 9, 11, 13), wobei ein Angrenzer, der Maurer Lehnert, die Herstellungskosten durch seine Mitarbeit erheblich senken wollte.8 Das königliche Bezirksamt entsprach diesem Antrag im Februar 1899. Die veranschlagten Kosten – 313,40 Mark – wurden aus Mitteln der Kirchenstiftung aufgebracht, wobei die genannte Behörde die Forderung stellte, dass dieser Betrag binnen längstens drei Jahre getilgt sein müsse. Wie aus der Bittschrift zu ersehen ist, verfügte bereits zu dieser Zeit auch am Oberen Markt eine Reihe von Gemeindebürgern über eigene Pumpbrunnen. (Ob im Sinne einer Gesundheitsfürsorge zu dieser Zeit die Wasserqualität der öffentlichen und die der privaten Brunnen überprüft wurden, oder ob, vor der Absicht einen Brunnen zu bauen, wasserrechtlich ein Antrag an die Marktverwaltung erforderlich war, ließ sich nicht feststellen. Lediglich vom Wasser des letztgenannten „Stiftungsbrunnen“ ist eine Analyse vorgenommen worden.)

Die Anzahl der Haushalte, die auf die öffentliche Wasserversorgung, also auf den „Pfarrbrunnen“, den „Gemeindebrunnen“ oder auf die Quelle an der Schlossmauer angewiesen waren, dürfte um die Jahre 1895 zunehmend zurückgegangen sein. Die leicht zu bedienenden, industriell gefertigten gusseisernen kleinen Pumpbrunnen in den umliegenden Anwesen des Oberen Marktes, wie die am Unteren Markt, die zwar zweckmäßig und bequem, jedoch in ihrer Form dem alten Ortsbild abträglich waren, wurden den jahrhundertealten öffentlichen Brunnen mit ihren zwar malerischen, aber unförmigen und mit mehr Kraftaufwand zu bedienenden Pumpengestängen vorgezogen. Es verwundert deshalb nicht, dass nun auch im ersten Pfarrhaus der Wunsch nach einer bequemen „Kleinanlage“ laut wurde. Pfarrer Karl Philipp Friedrich Schirmer (in Roßtal von 1889–1900) schilderte der Kirchenverwaltung u. a. den umständlich langen Weg, den er vom Pfarrbrunnen aus zum Bewässern seines Gartens hinter dem Pfarrhaus nehmen müsse und schlug vor, wenn schon kein Brunnen genehmigt werden könne, dann solle man in die Westwand des Pfarrhauses (!) eine Tür einbauen lassen, um so den Weg abzukürzen. Dieses Ansinnen spricht nicht gerade für ein Gespür des Pfarrers im Umgang mit seiner historischen Amts- und Wohnstätte, aber zum Glück für das Pfarrhaus und das Ortsbild, genehmigte die Kirchenverwaltung den gewünschten Brunnen. So entstand, in welchem Jahr ist aus den Akten nicht zu ersehen, ein gusseiserner Pumpbrunnen an der süd-östlichen Hausecke des ersten Pfarrhauses.

Erst in den Jahren 1929/30 wird in Roßtal unter dem überaus tatkräftigen Bürgermeister Hans Eckstein9 – im Amt von 1924 bis 1933 – der Bau einer zentralen Wasserversorgung begonnen und zu Beginn des Jahres 1931 fertig gestellt. Da für alle Gebäude in Roßtal eine Anschlusspflicht bestand, so auch für die in kirchlichem Besitz stehenden, waren nun alle eigenen, sowie die öffentlichen Brunnenanlagen nicht mehr erforderlich. Der ehemalige „Pfarrbrunnen“ sowie der „Gemeindebrunnen“ verloren ihre über Jahrhunderte bestehende Bedeutung als öffentliche Wasserversorgungseinrichtung, nicht so die Quelle des „Badbrunnens“ an der Schlossmauer. Sie versorgte, wie aus Erzählungen älterer Bürger hervorgeht, noch bis weit in die Jahre nach 1930 die kostenbewussten Nächstwohnenden, zwar nicht mit Trinkwasser, wohl aber mit Wasser für Nutz- und Waschzwecke. Außerdem kühlte das durch die Milchsammelstelle führende Quellwasser die dort zur Abholung bereitgestellten gefüllten Milchkannen noch viele Jahre, bis eine Kühlanlage diese Aufgabe übernahm. Über den Abbau des kleinen gusseisernen Pumpbrunnens im Pfarrgarten gibt eine Notiz im Pfarrarchiv Auskunft: Am 18. Oktober 1932 erwarb ein Landwirt von Defersdorf für 20,- Reichsmark den „Brunnenstock“. Das kommunale Wasserversorgungsnetz, der Bau des heutigen Grundschulhauses und andere dem Gemeinwohl dienenden Verbesserungen im Ort, die der genannte Bürgermeister veranlasste, wurden zu einer Zeit im Markt Roßtal durchgeführt, als man hier, wie auch anderswo in Franken, bewusst die von vergangenen Generationen geschaffenen Ortsbilder mit der Fachwerkbebauungen zu würdigen begann und die Hausfassaden von dem im 19. Jahrhundert aufgetragenen Verputz wieder befreite. Auch das technisch Überholte wurde geschätzt und nicht leichtfertig dem Abbruch preisgegeben. So wurden die Brunnenhäuser unseres Marktes mit ihrer barocken Überdachung nun zu „Baudenkmälern“. Man erkannte, dass öffentliche Brunnen in der Geschichte einer Dorfgemeinschaft mehr waren als nur Wasserversorgungsstellen. Für viele Generationen von Frauen, denn sie waren es vorwiegend, die meist allabendlich mit Bütten das Wasser holten, waren die Brunnen der tägliche Treffpunkt. Das Dach der Brunnenhäuser bot den Wartenden Schutz vor Regen und Schnee und der so geschützte Ort wurde zum „Umschlagplatz“ für die Dorfneuigkeiten, auch für die Jugend waren die „Brunnenhäuser“ ein Anziehungs- und „Versammlungspunkt“. Diesen Treffpunkt des gemeindlichen Alltags nützten der Vergangenheit auch die Obrigkeit auf ihre Weise. Bis zum Jahre 175510, stand unweit des Brunnens, dem Schloss gegenüber, der Pranger und jeder, der zum Wasserholen kam, konnte und sollte auch zur Abschreckung den „ausgestellten“ Übeltäter sehen.

Wer sich in unserer Zeit ein beschaulicheres Dasein wünscht und die Rückkehr in eine vermeintlich „gute alte Zeit“ herbeisehnt, sollte beim Anblick dieser malerischen Brunnenhäuser und der Quelle an der Schlossmauer darüber nachdenken, mit welchem Zeitaufwand und mit welcher Mühsal, bei jedem Wetter, bei Eis und Schnee, dazumal die Versorgung von Mensch und Tier mit dem lebensnotwendigen Wasser verbunden war.

Seit mehr als siebzig Jahren sind der Pfarrbrunnen und der Gemeindebrunnen außer Betrieb, ihre Schächte sind, aus Sicherheitsgründen, mit einer Abdeckung verschlossen. Die Quelle des „Badbrunnens“ dagegen sprudelt munter weiter. Waschmaschinen haben den Frauen die Arbeit des „Wäschespülens“ abgenommen, wie es in den 30er Jahren noch zu sehen war, und heute spielen ab und zu Kinder dort, wo der Quell über Jahrhunderte dem Badehaus, den Wohnungen und den Tieren Wasser spendete.

Für die Erhaltung der Brunnenhäuser hat die Marktgemeinde zur Tausendjahrfeier Roßtals 1955 und später im Jahr 1975 Sorge11 getragen. Auch in den Jahren von 1992–1995 waren Sanierungsarbeiten fällig, um das Übernommene zu bewahren.

Nicht in allen Gegenden unseres Frankenlandes verfügten in der Vergangenheit die Gemeinden über ausreichendes und gutes Trinkwasser. Das führte in einigen Orten der Fränkischen Alb, die in niederschlagsarmen Jahreszeiten oft unter Wassermangel zu leiden hatten, zu einem Brauch, dessen Ursprung wohl aus vorchristlicher Zeit stammend, geschichtlich sehr weit zurückliegt, die Dorfbrunnen zu Osterzeit zu schmücken und so symbolisch darum zu bitten, dass in den Sommermonaten der Wasserquell nicht versiegen möge. In vielen fränkischen Gemeinden, so auch hier in Roßtal, wurde, schon seit Jahren, dieser Brauch, nun zur Tradition geworden, übernommen und zur genannten Zeit ziert die beiden Brunnenhäuser am Oberen Markt österlicher Schmuck. Ob in Roßtal in der Vergangenheit die öffentlichen Brunnen am Oberen Markt, der Badbrunnen an der Schlossmauer sowie die eigenen Wasserstellen immer ausreichend Wasser spendeten, 12 ist unbekannt.

Heute, bei einer unvergleichlich höheren Einwohnerzahl als noch vor 50 Jahren und mit einem dem Lebensstandard angepassten hohen Wasserverbrauch pro Person und Tag, wäre selbst bei einer Zusammenfassung der Wasserergiebigkeit aller drei ehemaligen öffentlichen Wasserstellen, der Bedarf in keiner Weise mehr zu decken. Das Problem, die Bevölkerung ausreichend mit Trinkwasser einer den strengen Vorschriften entsprechenden Qualität versorgen zu können, kann heute für viele Gemeinden meist nur über Tiefbrunnenanlagen oder durch den Anschluss an teilweise weitläufige Wasserversorgungsnetze gelöst werden. Das erfordert erhebliche Investitionen für die Kommunen und damit entsprechende Gebühren für die Wasser verbrauchenden Bürger. Doch es sind nicht die Wassergebühren allein, die zu einem vernünftigen Wasserverbrauch raten. Die Wasserversorgung unseres Marktes ist zwar, dank moderner Anlagen, ausreichend gesichert, aber ein sparsamer Umgang mit diesem Lebensmittel ist trotzdem geboten, denn Wasser guter Qualität steht nicht grenzenlos zur Verfügung.

Anmerkungen:

1 Wolfgang Wiessner: „Ortsnamenbuch von Bayern“, Stadt- u. Landkreis Fürth, München 1963, S. 83 sowie Hans Kreutzer/Gottlieb Schwemmer in: „Festschrift 1000 Jahre Roßtal“ 1955, S. 28, Burkhard von Seckendorf erhält von Burggraf Albrecht 1356 „die Hofreit ob dem Brunnen ...“
2Kreutzer/Düthorn: „Roßtal – Vergangenheit und Gegenwart“ S. 117, Heimatbuch 1978/79 und
3Kreutzer/Schwemmer: „Festschrift 1000 Jahre Roßtal“ S. 44
4Kirchenrechnungen aus den genannten Jahren, auch Akten Nr. 222 u. 232 des Archivs
**Kreutzer/Düthorn: „Roßtal – Vergangenheit und Gegenwart“, 1978/79, S. 141
5Kreutzer/Schwemmer in genannter Festschrift S. 24
6Hier irrte der Antragsteller, denn bereits 1627 werden Instandsetzungen vorgenommen
7Konrad Hacker: „Roßtaler Heimatblätter“ Nr. 3/1982
8Adolf Rohn: „Heimatbuch von Roßtal“ 1928, S. 96
9Adolf Rohn: „Heimatbuch von Roßtal“ 1928, S. 21
10Richard Preissel: „Hans Eckstein“ in „Roßtaler Heimatblätter“ Heft 1/1985
11Hans Kreuzer/Robert Düthorn: „Roßtal – Vergangenheit und Gegenwart“ S. 228, Heimatbuch 1978/79
12Der von Helmut Mahr veröffentlichte Bericht „Die medizinische, topographische und ethnographische Beschreibung des Landgerichtsbezirkes Cadolzburg durch den königl. Gerichtsarzt Dr. Rieger 1860“, Heft 4, Kulturkunde des Biber- und Zenntales, Mai 1985, vermerkt einschränkend für Roßtal, dass nur im Tal fließendes Wasser zu nutzen sei, „auf der Höhe bloß Ziehbrunnen“; werden diese Schöpfbrunnen nur von durch Sandschichten gefilterte Niederschlagswässer gespeist, dann kann es bei anhaltender Trockenheit zu Wasserarmut kommen.

Thomas Liebert   M.A.

„und einen härteren Kampf um die Mauer hat wohl keiner der Sterblichen je gesehen.“

Mit diesen Worten beschrieb der sächsische Chronist Widukind von Corvey die Schlacht an den Mauern der alten urbs horsadal, die sich Otto I. am 17. Juni des Jahres 954 mit der dortigen Besatzung lieferte. Waren die historischen Hintergründe und Zusammenhänge der modernen Geschichtsschreibung schon lange bekannt, so forderten erst die archäologischen Ausgrabungen im Laufe der letzten Jahrzehnte die im Boden erhaltenen Zeugnisse dieser mächtigen Burganlage ans Tageslicht. Spätestens seit den Grabungen im Jahre 1993 und der anschließenden Auswertung der bisherigen Grabungen durch P. Ettel, gehört die Wehranlage von Roßtal zu den besterforschten Anlagen jener Zeit.1 Dennoch muss betont werden, dass bis zu diesem Zeitpunkt nur ein kleiner Teil der urbs ergraben und somit erforscht werden konnte. In den letzten Jahren bot sich allerdings die Möglichkeit dem bisher gewonnenen Bild der Burganlage weitere Mosaiksteine hinzuzufügen. So zuletzt im Juni 2001, als im Flurstück 165 (Zinkenbuck 6) mit dem Bau eines Einfamilienhauses auf dem Grundstück der Familie Hofer begonnen werden sollte.

Nachdem der Neubau im unmittelbaren Bereich der Hangkante errichtet werden sollte, also dort, wo mit dem Verlauf der Wehrmauer zu rechnen war, wurden im Vorfeld der Baumaßnahme im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege archäologische Untersuchungen vorgenommen. Hierbei stieß man dann auch erwartungsgemäß auf Reste der alten Befestigung.

Archäologischer Befund

Die Fundstelle im Flurstück 165 liegt an der Hangkante des so genannten Oberen Marktes. Auf diesem Abschnitt fällt der Hang steil zur Pelzleinstraße ab. Bei ihm handelte es sich um ein feuchtes morastiges Tal, das erst seit dem vergangenen Jahrhundert als Hauptverkehrsweg innerhalb Roßtals genutzt und entsprechend ausgebaut wurde. Zugleich zeigten Bohrungen im benachbarten Gemeindegrundstück, dass sich auf dem Abhang zum Pelzlein Auffüllschichten befinden, die ursprüngliche Geländestruktur also etwas überprägt ist.

Innerhalb der untersuchten Fläche lagen die Reste der frühmittelalterlichen Befestigung. Sie zog in O-W-Richtung quer durch die etwa 10 m lange Baugrube (Abb. 1). Zur ungefähr einen Meter weiter nördlich befindlichen, gegenwärtigen Hangkante verlief die Mauer parallel. Von der Wehrmauer hatte sich an dieser Stelle - fast auf der gesamten freigelegten Mauerpartie - nur noch die unterste Steinlage erhalten. Lediglich an der Grenze zum östlich benachbarten Grundstück wurde mehr vom aufgehenden Mauerwerk gefunden. Grund dafür ist eine tiefgreifende moderne Störung, die im Mauerbereich das gesamte Flurstück 165 durchzog und bis auf die unterste Steinlage der Mauer herabreichte. Im Bereich der östlichen Flurstücksgrenze endete diese Störung. So besitzt das Mauerwerk dort im Aufgehenden noch knapp 1,8 m Höhe und reicht deshalb fast bis an die heutige Oberfläche heran.

Die frühmittelalterliche Mauer wurde in einer Bauphase errichtet und hatte maximal 2 m Breite. Die äußere Mauerschale - also der ursprünglich sichtbare Mauerspiegel - war aus grob behauenen, flach gelegten, teils quaderartigen Sandsteinen zusammengesetzt. Sie waren fast durchweg leicht kantengerundet. Ihre Formate bewegten sich zwischen 30 x 22 x 8 cm und 50 x 50 x 23 cm. Diese Steine wurden in Kalkmörtel verlegt. Hinter dieser gemörtelten Mauerschale befand sich eine Füllung aus überwiegend kantengerundeten Bruchsteinen und nur wenigen Sandsteinen mit Bearbeitungsmerkmalen. Die Steingrößen waren hier sehr unterschiedlich, sie reichen von nur wenige Zentimeter großen Exemplaren bis hin zu solchen mit 50 x 25 x 10 cm Größe. Diese Steine waren trocken gesetzt. Lediglich im Bereich der westlichen und östlichen Grabungsgrenze haben sich unmittelbar hinter der vorderen Mauerschale noch Beimengungen von Kalkmörtel erhalten. Die hintere, abschließende Mauerschale bestand aus nur wenig bis grob behauenen Sandsteinen unterschiedlichen Formats und Größe. Exemplare von 20 x 10 x 8 cm bis 90 x 40 x 15 cm Größe fanden hier Verwendung. Die hintere Mauerschale wurde ebenfalls trocken gesetzt. Auch war sie weit weniger sorgfältig angelegt als die vordere Mauerschale. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die Mauer von einem angeschütteten Erdwall hinterfangen wurde. Wenngleich die hintere Mauerschale weitgehend parallel zur vorderen verlief, so besaß sie ungefähr in der Mitte des freigelegten Mauerabschnittes einen ca. 80 cm langen, mit der hinteren Mauerschale verbundenen Mauerstumpf, der, trocken gesetzt, rechtwinklig zur restlichen Mauer verlief. Als Material fand für die Mauer brauner bis grau-brauner sowie rötlicher Sandstein Verwendung.

Im östlichen freigelegten Mauerteilstück wurden mehrere in zwei lockeren Gruppen befindliche Sandsteine angetroffen. Bei ihnen dürfte es sich um Steine handeln, die während der Erbauung der Mauer im dahinter liegenden Wallbereich zum Liegen kamen.

Die restliche Fläche der Baugrube wurde von braunem Erdreich bedeckt. Es zog zumindest teilweise in bzw. unter die Mauer und ist somit als Teil der künstlichen Wallanschüttung anzusehen. Deren Schichten bestehen aus hauptsächlich festem, sandig bis leicht lehmigen Material unterschiedlicher Ausprägung. Im Profil treten sie als unterschiedlich starke, von Süd nach Nord leicht abfallende Bänder in Erscheinung, die mal gegen, mal in die Mauer ziehen. Daraus darf gefolgert werden, dass das Hochziehen der Mauer und die Wallanschüttung in einem Zuge durchgeführt worden sind. Angesichts der Mauerwerkstechnik erscheint dieser Baufortgang auch als sinnvoll. Demgegenüber konnten bei der Anlage und beim Putzen der Fläche keinerlei Spuren hölzerner An- bzw. Einbauten festgestellt werden. Lediglich im Ostprofil wurden Spuren hölzerner Einbauten, u. a. zweier Pfähle, angetroffen. Im ergrabenen Abschnitt saß die Mauer nicht auf dem Anstehenden auf, sondern ebenfalls auf angeschüttetem Material.

Im Gegensatz zu den bisher freigelegten Mauerpartien der anderen Grabungsflächen ist dieser Abschnitt in einem Zuge errichtet worden. Die Verwendung von Mörtel zum Bau der Mauer, wie deren Bauweise, sprechen für eine Errichtung der Mauer in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Diese Datierung stützt sich auf die Untersuchungsergebnisse der anderen Mauerbefunde durch P. Ettel.2 Datierende Keramikfunde, die ihrerseits zur genaueren zeitlichen Einordnung des hier vorgestellten Mauerstückes hätten beitragen können, fehlen leider. Über die Ursachen der Einphasigkeit des Mauerbefundes kann wegen der Ausschnitthaftigkeit des Befundes nur spekuliert werden. Möglicherweise war dafür der an dieser Stelle sehr steile, erosionsgefährdete Abhang verantwortlich, der im 10. Jahrhundert eine gänzliche Neuanlage dieses Befestigungsabschnittes erforderte.

Über das an die Mauer anschließende Areal im Innenbereich der urbs gibt es im restlichen Flurstück 165 keine archäologischen Informationen. Nachdem es von der Baumaßnahme nur durch die Anlage schmaler Fundamentstreifen und eines Kanalgrabens betroffen war, in deren Bereich jedoch keine archäologischen Befunde beobachtet werden konnten, ergab sich hier für weitere Untersuchungen keine Notwendigkeit. Die Befunde der anderen Grabungsstellen belegen aber, dass die Wehranlage und das von ihr eingeschlossene Areal - also der heutige „Obere Markt“ - keinen rein militärischen Charakter besaß. Sowohl in karolingischer als auch in ottonischer Zeit wurde in der urbs horsadal Handwerk betrieben.3 Von der Anwesenheit sozial höher gestellter Personengruppen zeugen unter anderem Knochenfunde von Pfauen.4

Historischer Hintergrund

Widukind bezeichnet Roßtal in seiner sächsischen Geschichte als urbs horsadal.5 In Anbetracht der vorhandenen archäologischen Zeugnisse stellt sich deshalb die Frage, was Widukind generell unter einer urbs verstand. Urbes sind für Widukind befestigte Siedlungen mit Mauern und Toren und einer dauerhaft dort ansässigen Bevölkerung, die er gemeinhin als cives bezeichnet. Darüber hinaus kann bei Widukind auch eine Königsstadt wie Pavia oder eine alte Römerstadt wie Regensburg eine urbs sein. Solche Anlagen waren daher militärisch-politische wie wirtschaftliche Mittelpunkte eines Landschaftsraumes, mit dem sie in wechselseitiger Beziehung standen.6 Demgegenüber sprechen die auf den verlorenen Hersfelder aufgebauten Annalen im Zusammenhang mit Roßtal von castellum, womit aber der gleiche begriffliche Inhalt verbunden war.7 Anders als Widukind verwenden sie auch die Namensform Rossadal bzw. Rosodal statt Horsadal.8

Nach ihrer Gründung, die P. Ettel in die Zeit um 800 datiert, wurden die Festungsanlagen von Roßtal in der l. Hälfte des 10. Jahrhunderts verstärkt und ausgebaut.9 Ursprünglich diente die Burg in erster Linie sicher dem karolingischen Landesausbau dieses Gebietes.10 Schließlich befand sich die Region um Roßtal seit dem Sturz des baierischen Herzogs Tassilo III. im Jahre 788 und der Einbeziehung Baierns wie der westlichen Gebiete des Nordgaus in den unmittelbaren fränkischen Herrschaftsbereich in keiner militärisch-politisch prekären Grenzlage mehr.11 Der Grund für den späteren Ausbau im 10. Jahrhundert dürfte dagegen in erster Linie in der bis zur Schlacht auf dem Lechfeld im August 955 latent vorhandenen Ungarngefahr zu suchen sein. Von ihren Verheerungen in Franken berichtet Widukind noch für das Jahr 954 sowie für 955 in Baiern.12 Nicht nur über die wiederholten Einfälle der Ungarn in das Gebiet des Ostfränkischen Reiches erfahren wir von Widukind, sondern ebenso von den Maßnahmen, die König Heinrich I. ab 926 dagegen ergriff. „Zuerst nämlich wählte er unter den mit Landbesitz angesiedelten Kriegsleuten jeden neunten Mann aus, und ließ ihn in Burgen wohnen, damit er hier für seine acht Genossen Wohnungen errichte, und von aller Frucht den dritten Teil empfange und bewahre; die übrigen acht aber sollten säen und ernten und die Frucht sammeln für den neunten, und dieselbe an ihrem Platz aufbewahren. Auch gebot er, dass die Gerichtstage und alle übrigen Versammlungen und Festgelage in den Burgen abgehalten würden, mit deren Bau man sich Tag und Nacht beschäftige, damit sie im Frieden lernten, was sie im Fall der Not gegen die Feinde zu tun hätten.“13 Hintergrund dieses Erlasses ist wohl der Umstand, dass - wie schon in karolingischer Zeit - das Burgwerk als eine dem Staat zu leistende Pflicht betrachtet wurde. Beispielhaft ist hierfür eine Urkunde Arnulfs für seinen ministerialis Heimo im baierisch-böhmischen Grenzgebiet von 888. Sie „behält dem Grenzgrafen Aribo das Recht vor, eine Festungsanlage zum Schutz der Bevölkerung zu bauen und die Hintersassen der Herrschaft des Heimo zur Mithilfe daran zu verpflichten.“14 Der Wach- und Sicherungsdienst durch die dortige Bevölkerung stellt hierin eine üblicherweise zu erbringende (more soliter) Leistung dar. Wenn auch nach K.-U. Jäschke im 2. Viertel des 10. Jahrhunderts kaum jemand mehr daran anzuknüpfen vermochte, so geschah dies „jedoch wohl für die Herrichtung und die Neuanlage von Befestigungen, deren Schutzfunktion allen Beteiligten unmittelbar einleuchtete, der Führungsschicht aber auch willkommene Herrschaftssicherung ermöglichte: (...)“15 Für die Durchführung dieser Ausbaumaßnahmen muss auch in und um Roßtal genügend Bevölkerung vorhanden gewesen sein. Immerhin benötigte eine Burg von rund 5,2 ha Größe ein entsprechend dicht besiedeltes und landwirtschaftlich intensiv genutztes Umland, von dem sie versorgt wurde. Ob die Ausbaumaßnahmen in Roßtal nun aber im direkten Zusammenhang mit dieser sogenannten Burgenbauordnung Heinrichs I. stehen, oder eher eine allgemein übliche Reaktion auf die Erfordernisse der Zeit waren, sei dahingestellt. Schließlich begann Bischof Erchangar von Eichstätt schon 908 mit entsprechenden Baumaßnahmen zum Schutz vor den Ungarn.16

Landesverteidigung und Herrschaftssicherung waren die beiden wesentlichen Aufgaben solcher Burgen. So bedeutete für Konrad I. die Verfügungsgewalt über urbes ein Zeichen konkreter Macht. Ebenso ergab sich Herzog Burchard von Schwaben 919 König Heinrich I. cum universis urbibus etpopulo suo. Ursprünglicher Zweck dieser Burgenbauten war aber die Landesverteidigung. „Sie hatten ihren Zweck erfüllt, wenn die äußere Bedrohung des Landes überstanden war, und lebten nur dann weiter, wenn andere als militärische Faktoren ihren Bestand sichern halfen.“17 Als die Ungarngefahr mit der Schlacht auf dem Lechfeld endgültig gebannt war und Otto I. gleichzeitig mit diesem Sieg seine dominante Stellung im Reich dauerhaft sichern konnte, verlor die Burganlage von Roßtal offensichtlich ihre Existenzberechtigung. Denn für die 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts stellt P. Ettel die weitgehende Aufgabe der Burganlage fest, die möglicherweise auch durch die Rolle Roßtals in der Auseinandersetzung Liudolfs mit seinem Vater Otto I. begründet war.18 Wie allseits bekannt, führte die Auseinandersetzung Ottos I. mit seinem Sohn Liudolf den König vor die Mauern Roßtals. Dieses befand sich zu jener Zeit in den Händen der Aufständischen, die Liudolf bei seinem Marsch nach Regensburg den Rücken deckten. Otto seinerseits sah sich bei der Verfolgung seines Sohnes gezwungen, die Mauern der urbs horsadal zu berennen, sicher um sich den Rücken freizuhalten. Andererseits kann die Gefahr, die von der Festung und ihrer Besatzung ausging, nicht allzu groß gewesen sein. Oder waren die aufständischen Truppen durch die eintägige Schlacht etwa so geschwächt worden, dass Otto einigermaßen beruhigt nach Regensburg weiterziehen konnte? „Viele von beiden Seiten wurden getötet, noch mehr verwundet; die Finsternis der Nacht trennte das Treffen.“19 Vielleicht hat Widukind bei der Bewertung des Kampfes auch nur übertrieben, um die Leistung Ottos bei der Niederschlagung des Aufstandes herauszustreichen?20 Zerstörungen am Mauerwerk oder gar ein Brandhorizont im Innenbereich der Anlage konnten bislang jedenfalls archäologisch nicht nachgewiesen werden.21 Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass Otto I. sich nicht lange mit der Belagerung Roßtals aufhalten wollte und dabei auch nicht alle militärischen Mittel einsetzte. Ziel war die unmittelbare Verfolgung seines Sohnes, dessen er1 habhaft zu werden gedachte. Erst als Otto I. die Stadt Regensburg erreichte, hinter deren mächtigen Mauern sich Liudolf verschanzt hatte, richtete sich der König auf eine ordentliche Belagerung ein, bei der schließlich auch Belagerungsmaschinen eingesetzt werden sollten. „Hier suchte man einen Platz für das Lager aus und versah ihn mit Befestigungen; dann wurde die Belagerung der Stadt eifrig begonnen. Da aber die Menge der Verteidiger nicht zuließ, dass man die Maschinen an die Mauern brachte, gab es zuweilen sehr harte Kämpfe vor den Mauern.“22 Für Franken jedenfalls bedeutete der Liudolfaufstand die letzte große innere Erschütterung während der Herrschaft Ottos des Großen.

Abb. 1: Zeichnung der im Flurstück 165 freigelegten Befestigungsmauer (Umzeichnung: Th. Liebert)

Anmerkungen:

1P. Ettel, Karlburg - Roßtal - Oberammerthal. Studien zum frühmittelalterlichen Burgenbau in Nordbayern (Habilitationsschr. Univ. Würzburg 1995). Frühgeschichtliche und provinzialrömische Archäologie. Matrialien und Forschungen 5 (Rahden 2001).
2R. Ettel, Die königliche Burg Horsadal, Roßtal, Lkr. Fürth. Beiträge zur Archäologie in Mittelfranken 4, 1998, 278.
3Vgl. hierzu P. Ettel (Anm. 2) 275 f., 280 ff.
4Ebd. 293.
5Widukind, Sächsische Geschichte III. Buch, 34
6Vgl. H. Büttner, Zur Burgenbauordnung Heinrichs I. Blätter für deutsche Landesgeschichte 92 (l 956) 4 f.
7Vgl. hierzu W. Emmerich, Landesburgen in ottonischer Zeit. Archiv für Geschichte von Oberfranken 37, Heft 3 (1957) 90 f.; aber auch L. Diefenbach, Glossarium Latino-Germanicum (Frankfurt a. M. 1857) 105; castellum steht noch im Spätmittelalter für Stadt, womit auch eine kleine Stadt gemeint sein konnte.
8W. Emmerich (Anm. 7) 64.
9P. Ettel (Anm. 2) 273, 278.
10Für Roßtal wie für vergleichbare Anlagen gilt, dass sie, angeschlossen an die damaligen Fernstraßen, alle in wie auch immer gearteter Weise mit der Verwaltung des Landes verknüpft waren. Siehe hierzu H. Brachmann, der frühmittelalterliche Befestigungsbau in Mitteleuropa. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 45 (1993) 190.
11W. Volkert, Die herrschaftliche Organisation im Nordgau vom 8. bis zum späten 12. Jahrhundert. Handbuch der bayerischen Geschichte III, 3. Geschichte der Oberpfalz (München 19533) 19 f.
12Widukind (Anm. 5) III, 30; III, 44.
13Widukind (Anm. 5) I, 35.
14H. Büttner (Anm. 6) 6.
15K.-U. Jäschke, Burgenbau und Landesverteidigung um 900. Vorträge und Forschungen 16 (1975) 30.
16Vgl. H. Büttner (Anm. 6) 7.
17K.-U. Jäschke (Anm. 15) 120
18P. Ettel (Anm. 2) 287.
19Widukind (Anm. 5) III, 35.
20Vgl. hierzu die Ausführungen von G. Althoff, Geschichtsschreibung in einer oralen Gesellschaft.
Das Beispiel des 10. Jahrhunderts. In: B. Schneidmüller, St. Weinfurter (Hrsg.), Ottonische Neuanfänge (Mainz 2001) 151–169.
21P. Ettel (Anm. 2) 287.
22Widukind (Anm. 5) III, 36.