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Günter Liebert

Der Ortsname Clarsbach

Clarsbach stand wegen seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu Roßtal schon immer im geschichtlichen Schatten der einst mächtigen Burganlage und der ehemals bedeutsamen romanischen Laurentiuskirche, die schon im frühen Mittelalter auf dem dortigen Bergsporn errichtet wurde. Und es gehört wohl zum geschichtlichen Grundwissen eines jeden Roßtalers, dass der Ort bzw. das damalige Kastell im Jahr 954 König Otto I., der spätere Kaiser Otto der Große, belagert hatte. So hat es uns der Mönch Widukind in seiner Sachsenchronik überliefert. Doch Wenigen ist bekannt, dass der Name „Clarsbach“ schon um das Jahr 800 urkundlich genannt wurde, also mehr als 150 Jahre früher.

Was war der Grund für die frühe Erwähnung des Namens „Clarsbach“? In diesem Fall war es kein kriegerisches Ereignis, sondern eine Schenkung. Das um 780/90 gegründete Kloster St. Emmeram in Regensburg erhielt aus den Händen Karls des Großen einen umfangreichen Besitz entlang dem Flusslauf der Schwabach. Das klösterliche Land schloss die Höhen und das Hinterland beiderseits des Flusses ein und reichte von Heilsbronn bis vor die Tore Schwabachs.

In einer sog. Markbeschreibung, die etwa um das Jahr 800 verfasst wurde, dokumentierte das Kloster den Umfang seines Besitzes und beschrieb die Grenzen mit Hilfe markanter Punkte in der Landschaft. Dazu gehörten die Namen von Bachläufen, Dörfern bzw. Ansiedlungen und anderen Flurnamen sowie markante Punkte in der Landschaft. Auch eine Mühle nahe Leuzdorf findet sich in dieser Grenzbeschreibung, wobei auch der Müller namens Dragamuzil – ein slawischer Name – erwähnt wird. Diese Markbeschreibung des Klosters St. Emmeram ist übrigens die älteste in Bayern.

In diesem Dokument ist auch der Name „Claraspah“ als Grenzbezeichnung genannt. Ob dieses Wort sich auf den Ort Clarsbach oder den gleichlautenden Bach bezieht, wird in den weiteren Überlegungen und Ausführungen geklärt, wobei vorausgeschickt werden muss, dass der Bach- bzw. Flussname grundsätzlich immer älter ist als der gleichlautende Ortsname.

Die Endsilbe bzw. das Grundwort „pah“ ist die althochdeutsche Bezeichnung für „Bach“. Das Althochdeutsche wurde in der Zeit zwischen 750 und 1050 n. Chr. gesprochen. Aus ihr entwickelten sich die mittelhochdeutsche und später die neuhochdeutsche Sprache. Das Bestimmungswort „Claras“ bzw. „Clar“ hat mit dem Wort „klar“ im Sinne von klarer Bach nichts zu tun. Denn das Wort „klar“ fand erst im 12. Jahrhundert Eingang in die deutsche Sprache. Es ist ursprünglich ein lateinisches Wort „clarus“ und wurde unter dem Einfluss der kirchenlateinischen Sprache und dem Kirchengesang in die deutsche Sprache übernommen.1 Daher blieb bisher die Herkunft des Namens „Clarsbach“ im dunklen. Da aber „Clarsbach“ schon um 800 v. Chr., also mehr als 300 Jahre früher, erwähnt wurde, muss das Bestimmungswort „Clar“ bzw. „Claras“ aus einer Zeit herrühren, als die germanische Sprache in diesem Raum noch unbekannt war.

Diese Feststellung ist keineswegs überraschend, sind doch die Namen einiger Flüsse dieser Gegend keltischen Ursprungs (750–100 v. Chr.). Dazu gehören die Flüsse Aisch, Bibert, Rezat und Zenn, während Rednitz und Pegnitz in die vorkeltische Zeit zurückreichen.2 Die frühgeschichtliche Besiedelung dieses Raumes wird durch Ausgrabungsfunde rund um Roßtal bestätigt.

Am Nordhang von Weinzierlein wurde 1952 eine umfangreiche vorgeschichtliche Siedlung aufgedeckt, die aus der jüngeren Hügelgräberzeit zwischen 1400 und 1200 v. Chr. stammt. Gefunden wurden riesige Vorratsgefäße mit Wulstreifen. In Zirndorf entdeckte man einen größeren Wohnplatz aus der älteren Bronzezeit (2000–1700 v. Chr.) und bei der Leichendorfer Mühle wurde ein Grab aus der Hallstattzeit (800–400 v. Chr.) mit den Ausmaßen von 12 x 15 m freigelegt. Auch in Roßtal traten Funde aus der Hallstattzeit zutage.

Weitere Zeugnisse für eine frühgeschichtliche Besiedelung im Einzugsbereich der Bibert sind heute zum Teil noch erkennbare Hügelgräber, die zeitlich etwa zwischen 1500 (Mittlere Bronzezeit) und 700 v. Chr. (Hallstattzeit) zurückreichen. Bekannt sind vor allem die drei heute noch sichtbaren Hügel im Wald zwischen Weinzierlein und Kernmühle. Drei weitere Grabhügel gibt es im Wald zwischen Bronnenmühle und Friedrichsmühle unweit von Fernabrünst. In einem Waldstück zwischen Wendsdorf und Fernabrünst sind in der topographischen Karte des Landesvermessungsamtes ebenfalls zwei Grabhügel eingezeichnet. Die Vermutung liegt nahe, dass die Zahl der Grabhügel einst viel größer war, die aber bei der Rodung und Kultivierung der Landschaft durch die fränkischen Siedler im frühen Mittelalter wesentlich dezimiert wurde.

Diese Grabhügel nahe der Bibert und die beschriebenen archäologischen Fundstätten sind ein Beweis für eine frühgeschichtliche Besiedlung in der Nachbarschaft des kleinen Clarsbaches. Wenn die Bibert, die Zenn und die anderen genannten Flüsse einen keltischen Namen tragen, kann das dann nicht auch für den Clarsbach zutreffen? In einem umfangreichen Buch über geographische Namen in Deutschland von 1985 weist der Verfasser nach, daß das Bestimmungswort „Clar(as)“ keltischen Ursprungs ist.3 In England und Irland, wo die keltische Sprache heimisch war, gibt es jeweils einen Fluß mit dem Namen „Clare“. Auch in Südfrankreich, wo einst die Kelten lebten, kennt man einen Fluss namens „Clarentia“. Das Wort soll die Bedeutung von „Moder“ bzw. „Sumpf“ haben, wogegen Zweifel anzubringen sind. Eindeutig jedoch ist die keltische Herkunft des Namens.

Wie konnte sich dieser Name über Jahrhunderte hinweg, in denen die Menschen des Schreibens und Lesens nicht kundig waren, erhalten? Nun, die Voraussetzung dafür war allein eine kontinuierliche und dauerhafte Besiedlung der Region um den Clarsbach. Nur so konnte der Name von Mund zu Mund, von den Eltern auf die Kinder, von Generation zu Generation und von Stamm zu Stamm weitergegeben werden. Die gleiche Formulierung wurde bereits im Historischen Ortsnamenbuch Bayern4 von Wolfgang Wiessner verwendet. Der Verfasser stellte des weiteren fest: „In den Ortsnamen auf -dorf und -bach spiegelt sich die älteste Periode der fränkischen Besiedlung westlich der Rednitz-Regnitz-Linie.“ In dieser Zeit muss also dem keltischen Wort „clar(as)“ das Grundwort „pah“ für Bach angefügt worden sein.

Abschließend drängt sich die Frage nach dem ursprünglichen Siedlungsplatz auf. War er schon immer dort, wo er sich noch heute befindet, also nahe der Quelle des Clarsbachs, oder müssen wir den Ort flussabwärts suchen? Da der Bach von der Quelle bis zur Einmündung in den Weihersmühlbach in Wendsdorf nur eine Länge von 3,5 km hat und sich auf seinem Weg durch ein kleines Tal schlängelt, bot sich schon damals in Anbetracht der Topographie kein besserer Siedlungsplatz für eine kleine Zahl von Menschen an. Für diese Feststellung gibt es auch ein gewichtiges Argument. Die Bodenschätzungskarte vom Geologischen Landesamt weist für den landwirtschaftlich genutzten Boden in und um Clarsbach eine sehr gute Qualität aus, während nordwestlich jenseits der Bahnlinie der Boden wegen des stark sandigen Lehms von schlechter Qualität ist.5 Wir müssen daher annehmen, daß das heutige Clarsbach auch der Ort ist, an dem sich die ersten Siedler niederließen. Denn hier hatten sie neben dem guten Ackerboden auch noch frisches Quellwasser für den täglichen Gebrauch.

Auch wenn die Markbeschreibung des Klosters St. Emmeram aus der Zeit um 800 nach den amtlichen Bestimmungen für eine Jubiläumsfeier nicht ausreichend ist, so ist doch das Wissen um die ursprüngliche und weit zurückreichende Entstehung des Ortes Clarsbach schon eine geschichtliche Bereicherung.

Quellen:

1Grimms Wörterbuch
2 W. Wiessner: Historisches Ortnamenbuch, Landkreis Fürth, S. 18*
Anmerkung: Die Kelten lebten etwa in der Zeit zwischen 500 bis 200 v. Chr. im hiesigen Raum. Danach wurden sie von den Germanen verdrängt.
3 Bahlow, Hans: Deutschlands geographische Namenwelt, 1985, S. 264
4Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Mittelfranken, Band 1: Stadt- und Landkreis Fürth, S. 18*
5Landwirtschaftsamt Fürth

Günter Liebert

Der Zuckermandelweg in Clarsbach

Mitten in Clarsbach zweigt eine Straße Richtung Buchschwabach ab, die den seltsamen Namen „Zuckermandelweg“ trägt. Vielleicht hat schon mancher, der diesen Namen gelesen hat, sich über diese eigenartige Bezeichnung gewundert. Woher kommt dieser Name? Der Name wurde von einer nahe dieser Straße liegenden Flur übernommen, die im Urkataster „Am Zuckermantelweg“ bezeichnet wird. Der Unterschied liegt lediglich in der Silbe „mantel“. Aus dem „t“ wurde bei der Übernahme für den Straßennamen ein „d“.

Diesen Flurnamen findet man sehr selten – sein Vorkommen ist auf Bayern und das östliche Mitteldeutschland beschränkt – und wird eigentlich „Zuckmantel“ und nicht „Zuckermantel“ geschrieben. Seine Herkunft und Bedeutung war lange Zeit umstritten. Der Ursprung dieses Namens reicht über viele Jahrhunderte in die Zeit zwischen 750 und 1050 n. Chr. zurück, als die althochdeutsche Sprache noch die Muttersprache des Volkes war.

Der Name ist also nicht, wie man zunächst vermuten könnte, von Zucker oder Zuckerrüben abgeleitet. Schließlich wurde die Gewinnung von Zucker aus Rüben erst 1747 entdeckt und der Bau von Zuckerrübenfabriken erfolgte erstmals nach 1806. Hinzu kommt, daß die Wortbildung „Zuckermantel“ inhaltlich keinen Sinn ergibt.

Der Name Zuckmantel bezeichnete in früher Zeit eine Gabelföhre, die als Wegweiser an wichtigen Wegscheiden angebracht wurde1. Die Silbe „Zuck“ entwickelte sich sprachlich aus dem althochdeutschen Wort „zuoc“ und bedeutete der Ast, der Zweig oder auch Zacken bzw. Gabel von einem Baum2. An diesem Beispiel sieht man den langen Entwicklungsweg unserer heutigen Sprache.

Die zweite Silbe „mantel“ bzw. „die mantel“ ist die frühere bayerische Bezeichnung für die Föhre bzw. Kiefer, aus der man Terpentin, Teer und auch Pech gewinnen konnte. Aus diesem Grund verarbeitete man früher die Föhren auch zu Spänen, die man als Leuchtmittel nutzte, vor allem in geschlossenen Räumen. Dieser Verwendungszweck war der Grund, daß man die Föhre auch als „Lichtmantel“ bezeichnete3.

Zuckmantel bedeutete also nicht anderes als der Zacken bzw. die Gabel von einer Föhre und eine solche Gabelföhre diente an bedeutenden Straßenkreuzungen und Abzweigungen als Wegweiser. Solche Wegweiser waren natürlich nicht für die Ortsansässigen und die Bewohner aus der näheren Umgebung bestimmt, die mit ihrer Gegend wohl bestens vertraut waren. Sie können also nur für Unkundige bestimmt gewesen sein, deren Weg an Clarsbach vorbei führte. Wir wissen heute, dass Clarsbach schon im frühen Mittelalter in ein wichtiges Fernstraßennetz eingebunden war. Fernhändler, Fuhrleute, Reisende, Krieger und Pilger aus allen Herren Ländern waren auf solchen Straßen unterwegs und zu ihrer Orientierung dienten solche Wegweiser. Im neuen Heimatbuch von Roßtal, das im Jahr 2004 herausgegeben wurde, sind diese Altstraßen im einzelnen beschrieben, doch im Zusammenhang mit dem vorliegenden Thema werden sie nachfolgend nochmals kurz dargestellt4.

Die bekannteste Altstraße, die unweit von Clarsbach verlief, ist der sogenannte Mittelgermanische Weg, von dem sich ein Trassenteil von rund 1 km Länge nahe dem Böbelhof bis heute erhalten hat. Ein weiterer Abschnitt ging beim Bau des Umspannwerkes bei Raitersaich verloren. Dieser Fernweg, der mit großer Wahrscheinlichkeit schon von den Kelten (ca. 500 v. Chr.) genutzt wurde, führte von Italien in ziemlich gerader Süd-Nord-Richtung über die Alpen nach Augsburg, Donauwörth und Hallstadt bei Bamberg bis zur Nord- und Ostsee.

Ein weiterer frühgeschichtlicher Weg ist die „Judenstraße“, die heutige Kreisstraße zwischen Clarsbach und Raitersaich. Sie wird heute noch in den topographischen Karten so bezeichnet. In früheren Jahren führte dieser Weg bis nach Gottmannsdorf. Sie fiel dem Bau der Eisenbahn und des Umspannwerkes zum Opfer. Nach dem Volksmund wird diese Straße deshalb Judenstraße genannt, weil sie so alt oder fast so alt ist wie das jüdische Volk. Doch das ist ein Irrtum, denn keiner Straße sieht man ihr Alter an noch weiß man, wann sie entstanden ist. Der wirkliche Ursprung dieses Namens geht zwar auch weit in die Geschichte zurück, doch sie hat einen anderen Hintergrund.

Der Name „Judenstraße“ ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort, „Diotweg“ oder „Diutweg“. Daraus entstand dann im Volksmund die Judenstraße. Ein Diotweg war ein Verbindungsweg zwischen zwei Ortschaften, die beiderseits einer Altstraße lagen. Mit anderen Worten, ein Diotweg kreuzte einen Fernhandelsweg. Diese Bezeichnung war noch bis in das 13. Jahrhundert gebräuchlich, dann verschwand sie aus dem Sprachgebrauch. In unserem Fall kreuzte die Judenstraße den Mittelgermanischen Weg, der zwischen Clarsbach bzw. Raitersaich und Gottmannsdorf verlief.

Die Weinstraße tangiert ebenfalls unmittelbar Clarsbach. Sie zweigt nördlich des Böbelhofes vom Mittelgermanischen Weg ab und führte über Wimpashof Richtung Schwabach. Beim Bau der Eisenbahn wurde dieser Weg unterbrochen und ein Teilstück ging verloren.

Zum Schluß drängt sich natürlich dem interessierten Leser die Frage auf, wo dieser Wegweiser seinen Standort hatte. Leider muss diese Frage unbeantwortet bleiben. Nach der Flurkarte von 1878 ist das Flurstück, das den Namen Zuckermantel trägt, verhältnismäßig groß und liegt zwischen der Weinstraße und dem Zuckermandelweg. Hinzu kommt, daß auf der Höhe der betreffenden Flur ein Weg abzweigt, der in den heutigen topographischen Karten nicht mehr zu finden ist.

Anzumerken ist noch, daß der Zuckermandelweg in früherer Zeit ursprünglich in gerader Richtung nach Buchschwabach verlief und in späteren Jahren den Clarsbachern Kindern als Schulweg nach Buchschwabach diente.

Literatur:

1Grimms Wörterbuch, Band 16
2 Schmeller, Johann Andreas: Bayerisches Wörterbuch, S. 1105
3 Fromm: Die deutschen Mundarten, 1854
4Siehe hierzu das neue Heimatbuch von Roßtal, Seite 43–58, Die frühgeschichtlichen Altstraßen um Roßtal

Thomas Liebert

Archäologie vor Ort – der 1200 Jahre alte Markt Roßtal präsentiert seine Vergangenheit!

Im Jahr 2004 feierte der Markt Roßtal, Lkr. Fürth, sein 1050-jähriges Jubiläum. Grund der Feierlichkeiten war die erste Erwähnung des Ortes in der Sachsengeschichte Widukinds von Corvey. Er beschrieb eine heftige Schlacht an den Mauern der urbs horsadal, dem heutigen Roßtal, die König Otto I. im Jahre 954 gegen die Anhänger seines abtrünnigen Sohnes Liudolf schlug.

Geschichte der Archäologie in Roßtal

Die Textstelle bei Widukind gab letztendlich den Ausschlag für erste systematische archäologische Untersuchungen im Ortskern von Roßtal in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Von dieser Zeit an ergab sich bis ins Jahr 2003 immer wieder die Gelegenheit zu archäologischen Ausgrabungen. Bis heute wurde die ehemalige urbs horsadal zu rund 11 % ihrer Gesamtfläche untersucht. Damit gehört sie zu den bestuntersuchten frühmittelalterlichen Großburgen überhaupt.

Die zahlreichen archäologischen Ausgrabungen belegen nicht nur die Anfänge Roßtals im 8. Jahrhundert. Sie boten vielmehr eine solide Grundlage für verschiedene archäologische Projekte, die der Autor dieses Artikels im Auftrag des Marktes Roßtal und mit dessen tatkräftiger Unterstützung konzipieren und realisieren konnte. Eine nicht minder wichtige Rolle bei den im Folgenden vorzustellenden Projekten spielte die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Sie übernahm u. a. die wissenschaftliche Beratung bei der Einrichtung der Archäologischen Sammlung Roßtal und beteiligte sich zudem an der Finanzierung der Dauerausstellung.

Museumshof Roßtal

Wesentlicher Bestandteil des Projektes war die Einrichtung einer archäologischen Dauerausstellung, die fortan den Namen „Archäologische Sammlung Roßtal“ trägt. Mit ihr sollen dem Besucher aus Roßtal und der gesamten Region die bei den verschiedenen Grabungen in Roßtal zu Tage geförderten Funde auf allgemein verständliche Art präsentiert werden.

Pfarrkirche St. Laurentius

Als Ausstellungsort bot sich hierfür das Roßtaler Heimatmuseum an, das vom Heimatverein Markt Roßtal e.V. betreut wird. Der 1994 bezogene Gebäudekomplex, ein ehemaliges landwirtschaftliches Anwesen, stammt aus dem späten 16. Jahrhundert. Er befindet sich im Eigentum des Marktes Roßtal, in dessen Auftrag die denkmalgerechte Restaurierung des Anwesens durchgeführt wurde. Der „Museumshof“ bildet nicht nur einen optisch ansprechenden Rahmen, er bietet als Ausstellungsort vielmehr drei entscheidende Vorteile. Inmitten des Ortskernes von Roßtal und damit auch innerhalb der ehemaligen urbs horsadal gelegen, stellt er den räumlichen Bezug der archäologischen Fundstücke zu ihrem eigentlichen Fundort her. Darüber hinaus ist dank der ehrenamtlichen Tätigkeit der Mitglieder des Roßtaler Heimatvereines die regelmäßige Öffnung des Museumshofs und damit auch die Präsentation der Archäologischen Sammlung Roßtal gewährleistet. Und nicht zuletzt stellt die vom Heimatverein aufgebaute volkskundliche Sammlung die zeitliche Anknüpfung an die durch die archäologischen Funde abgedeckten Zeiträume der Roßtaler Geschichte dar.

Museumskeller – Archäologische Sammlung Roßtal

Innerhalb des Museumskomplexes fiel die Wahl des Ausstellungsortes auf einen tonnengewölbten Kellerraum unterhalb der eigentlichen Museumsgebäude. Er beherbergte bis vor kurzem lediglich ein Skelett, das an der ehemaligen Roßtaler Hochgerichtsstätte gefunden wurde. Mit einer Grundfläche von 5,9 x 4,1m bietet der Keller nicht allzu viel Ausstellungsraum. Erschwerend kommt hinzu, dass der Ansatz des Tonnengewölbes sehr niedrig ist. Als senkrechte Wand steht deshalb nur eine der beiden Stirnseiten zur Verfügung, da die andere durch den Treppenabgang unterbrochen ist.

Die geringe Ausstellungsfläche wurde bisher durch ein in den Fußboden unter einer Plexiglasscheibe eingelassenes Skelett zusätzlich eingeschränkt.

Erforderlich war ein verändertes Ausstellungs- und innenarchitektonisches Konzept, um den vorhandenen, tonnengewölbten Raum bestmöglich zu nutzen.

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Der Keller im Museumshof vor der Einrichtung der archäologischen Sammlung

Fundstücke – Ausstellungskonzept

Nach Durchsicht der Fundstücke im Depot der Archäologischen Staatssammlung in Baldham bei München war sehr schnell klar, wie deren Präsentation aussehen könnte. Der Autor entwarf ein Konzept, wonach anhand der Funde die verschiedensten Lebensbereiche im frühmittelalterlichen Roßtal aufgegriffen und exemplarisch vorgestellt werden sollten. Eines der Ziele bestand darin, zu zeigen, dass das Leben in einer frühmittelalterlichen Befestigung nicht nur militärische sondern auch verschiedenste zivile Facetten besaß. Darüber hinaus zielt das Konzept darauf ab, dem Publikum vorzuführen, wie sehr uns vor allem einfache, oft unscheinbare Funde – sprich Gegenstände des damaligen Alltags – ein Bild von den Lebensumständen des frühen bis hohen Mittelalters vermitteln können.

Ein weiterer Bestandteil des Konzeptes ergab sich aus der Besonderheit des Ausstellungsraumes. Wie konnte das Skelett unter dem Aspekt der Besiedlungskontinuität in Roßtal in das Ausstellungskonzept integriert werden. Mit ihm konnte einerseits die Anknüpfung an das spätmittelalterliche und neuzeitliche Roßtal hergestellt werden. Andererseits passte es sehr gut in das bisherige Konzept, weil es den Gerichtsstandort Roßtal repräsentiert, der bis 1796 bestand. Somit konnte eine weitere Facette des Alltags in Roßtal vorgestellt werden.

Eine überraschende Ergänzung wurde möglich, als im Herbst 2003 bei archäologischen Ausgrabungen am Roßtaler Pfarrhaus ein Säuglingsskelett freigelegt werden konnte. Auf Anregung des Roßtaler Bürgermeisters erfolgte dessen Blockbergung mit der Absicht, es ebenfalls zu präsentieren. Es galt nun einen den Skeletten würdigen konzeptionellen Rahmen für deren dauerhafte Ausstellung zu finden. Der Autor machte deshalb den Vorschlag, das Säuglingsskelett und die Delinquentin thematisch als „Außenseiter der christlichen Gemeinschaft“ zu präsentieren. Dadurch wurde deutlich, dass es bis weit in die Neuzeit hinein Randgruppen der Gesellschaft gab, die kein Anrecht auf Bestattung in geweihter Erde hatten. Hierzu gehörten eben auch die Delinquentin und der ungetaufte Säugling, der in dieser Notlage vor dem Pfarrhaus bestattet werden musste. Auch dies ist eine Facette des damaligen Alltags.

Das Ausstellungskonzept fand breite Zustimmung. Die Restaurierung, der von der Archäologischen Staatssammlung München dankenswerterweise als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellten Funde, übernahm U. Meyer-Buhr, Nürnberg. Die Kosten der Restaurierung trug der Markt Roßtal. Das Säuglingsskelett präparierte G. Zink vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Thierhaupten.

Gestalterische Umsetzung

Jeder Themenbereich sollte in einer eigenen Vitrine vorgestellt werden.

  1. Bewaffnung und Tracht der Roßtaler
  2. Handwerk und Gewerbe in der urbs horsadal
  3. Keramik im mittelalterlichen Alltag
  4. Metall im mittelalterlichen Alltag
  5. Außenseiter der christlichen Gemeinschaft
  6. Teilmodelle der ehemaligen urbs horsadal

In Zusammenarbeit mit den Herren Dr. Ch. Flügel und R. Köhnlein von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen wurde ein Vitrinenkonzept erarbeitet.

In vier Tisch-, zwei Wandvitrinen sowie einer Bodenvitrine werden die sechs Themenbereiche nun präsentiert. Als Textträger wurden insgesamt sechs Textfahnen neben den Themenbereichen installiert.

Die Ausführung der Vitrinen in Stahl, Holz und Glas sorgt für Transparenz und berücksichtigt die beengten Raumverhältnisse. Die Wahl verschiedener Grautöne, die für deren Lackierung ausgewählt wurden, soll die Fundstücke optisch hervorheben. Die Innenbeleuchtung in den Vitrinen verstärkt die Wirkung der Funde erheblich.

In der Bodenvitrine wurden die Delinquentin und der Säugling gemeinsam untergebracht. Während der Säugling bedingt durch die Blockbergung noch im originalen Erdmaterial gebettet ist, liegt die bereits mehrmals umgebettete Delinquentin auf sterilem, hellen Quarzsand. Auf diese Art hebt sich das Skelett nicht nur deutlich vom Untergrund sowie vom Säuglingsskelett ab, sondern der Betrachter erkennt sogleich, dass es sich beim gewählten Quarzsand nicht mehr um das originale Erdmaterial handeln kann. Um den vorhandenen Raum für die Besucher optimal auszunutzen, wurde die Bodenvitrine mit einer begehbaren Glasplatte abgedeckt. Die in die Bodenvitrine integrierte Innenbeleuchtung sorgt für eine gute Ausleuchtung der Skelette und verschafft ihnen eine eigene Wertigkeit, die ihrer Bedeutung für die Archäologie Mittelfrankens gerecht wird.

Die farbliche Gestaltung der Textfahnen wurde mit dem als Baumaterial des Gewölbekellers verwendeten Sandstein abgestimmt. Für den Texthintergrund wählte man einen sehr hellen, gelblichen Braunton. Der Text ist im selben Braunton allerdings in dunkelbraun gehalten, so dass er ausreichend zum Hintergrund kontrastiert, aber dennoch farblich mit diesem abgestimmt ist.

Archäologischer Rundweg Roßtal

Mit dem vorgestellten Ausstellungskonzept und der Gestaltung des Museumskellers gelang es zwar, die archäologischen Fundstücke optimal zu präsentieren, ein Problem blieb aber bestehen: Die Präsentation der Baubefunde. Sie stehen nicht nur gleichrangig neben den Funden, sondern sie bilden vielmehr den Kern der Ausgrabungsergebnisse in Roßtal. Ihnen musste also entsprechend Raum gewidmet werden, Raum, der im Museumskeller nicht zur Verfügung steht.

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Der Museumskeller nach der Einrichtung der archäologischen Sammlung

Zur Lösung wurde einerseits ein Teil der Baubefunde in Form zweier Teilmodelle der urbs horsadal im Ausstellungsraum aufgestellt. Die beiden Modelle zeigen die am besten untersuchten Abschnitte der Befestigung im Maßstab 1:100 und verschaffen dem Besucher eine Vorstellung vom Aussehen der urbs horsadal.

Andererseits entstand ein Rundweg durch das Areal der urbs horsadal, der den Besucher möglichst nahe an die ehemaligen Ausgrabungsstätten heranführt. Dieser Rundweg, der den Namen „Archäologischer Rundweg Roßtal“ trägt, verbindet die museal präsentierten Funde mit ihrem Bezugsobjekt, dem Bodendenkmal urbs horsadal. Der Rundweg wurde so angelegt, dass alle Aspekte der urbs horsadal angesprochen werden können und dass er in einem erträglichen Zeitumfang abgegangen werden kann. Des weiteren galt es, die Tafeln einigermaßen gleichmäßig entlang des Rundweges zu positionieren, um keine Lücken entstehen zu lassen. Zu guter Letzt war die Wegführung so zu wählen, dass sich auch jeder auswärtige und ortsunkundige Besucher leicht zurecht findet.

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Teilmodell der urbs horsadal

Dafür bot sich ein Weg an, der bereits durch das Ortsbild vorgegeben ist. Der Besucher wird entlang der Schulstraße und Rathausgasse kreisförmig durch die ehemalige urbs horsadal, den heutigen Oberen Markt, geführt. Diese Wegführung kommt zudem Gehbehinderten und Rollstuhlfahrern entgegen, die den Weg mühelos bewältigen können. Ausgangspunkt des Weges ist das Rathaus, womit dessen zentrale Funktion für den hiesigen Kleinraum betont werden soll. Von dort aus führt der Weg entlang der Ausgrabungsstätten und informiert auf bislang neun großen Tafeln über die möglichen Gründe der Anlage der Befestigung, über deren Funktionen und Charakter, über befestigungstechnische Gesichtspunkte, über Beschaffenheit und Aussehen der Befestigung, über weitere Baubefunde, über das zugehörige Gräberfeld, über die Art frühmittelalterlicher Kriegführung, sowie über die Ergebnisse der archäobotanischen und archäozoologischen Untersuchungen aus Roßtal. Der Betrachter erhält also ein umfassendes Bild über die Lebenswelt im frühmittelalterlichen Roßtal. Teil des Rundweges ist außerdem ein Klostergarten.

Um Besuchern die Orientierung zu erleichtern ist auf jeder Tafel ein Ortsplan mit dem Rundweg, seinen Stationen und dem jeweiligen Standort abgebildet. Auf diese Art können sich auch Quereinsteiger mühelos zurechtfinden.

Die Tafeln hängen in Schaukästen, deren Finanzierung dankenswerterweise der Energiekonzern N-ERGIE übernahm.

Um die thematisch miteinander verknüpften Präsentationen „Archäologische Sammlung Roßtal“ und „Archäologischer Rundweg Roßtal“ auch für jeden sichtbar optisch zu verbinden, zeigt ein eigens entworfenes Logo den Roßtaler Kirchturm als Bezugsmerkmal für den Markt Roßtal in Verbindung mit einer Ottonischen Münze. Sie wurde nicht nur in Roßtal gefunden, sondern ist gleichzeitig auch in der Archäologischen Sammlung Roßtal zu sehen.

Klostergarten

Bezogen sich die oben vorgestellten Einrichtungen thematisch unmittelbar auf die mit der Archäologie des Ortes verbundenen Erkenntnisse, so sollte der damit gesteckt Rahmen in einem Punkt erweitert werden. Das Konzept des Autors für den Archäologischen Rundweg Roßtal sah die Einrichtung eines frühmittelalterlichen Gartens im Bereich des Museumshofes vor.

Dieser Garten soll dem Besucher den Wissensstand und das geistig-religiöse Umfeld der Menschen des frühen Mittelalters vermitteln. Als besonders geeignet erschien dem Autor hierfür ein Gartenkonzept, das bereits in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts entwickelt wurde. Gemeint ist der Klostergarten, den der Abt Walahfrid Strabo in seinem Gedicht „hortulus“ beschreibt. Mit seiner Hilfe lässt sich nicht nur der botanische Wissensstand jener Zeit sehr anschaulich vermitteln. Auch frühmittelalterliche Pflanzen- und Zahlen Symbolik – beides für den heutigen Betrachter weitgehend fremde Welten – lassen sich mit seiner Hilfe visualisieren. Darüber hinaus erweist sich der Garten auch aus ökologischer Sicht als wesentliche Bereicherung des vorhandenen Streuobstbestandes, da er seltene, kaum mehr verwendete Pflanzen enthält. Auch dies ist ein dem Autor besonders am Herzen liegender Gesichtspunkt.

Der gut 13 x 10 m große Klostergarten stellt aber nicht allein eine Bereicherung des Museumsgartens und des Heimatmuseums an sich dar. Seine dauerhafte Präsenz im Roßtaler Ortsbild – direkt vor der Kirche gelegen – ruft dem Besucher sichtbar in Erinnerung, dass am selben Ort mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Kloster nach Aufgabe der Festungsfunktion horsadals zumindest im Entstehen war.

Tage mittelalterlichen Handwerks

Im Gegensatz zu den Dauereinrichtungen war als weiterer Programmpunkt des Jubiläumsjahres die Durchführung der zeitlich begrenzten „Tage des mittelalterlichen Handwerks“ geplant. Das Konzept sah vor, mittelalterliche Handwerks- und Kunsthandwerkstechniken experimentell vorzuführen. Dazu gehörte, dass so viel Roßtaler Handwerker wie möglich aktiv in die Veranstaltung einbezogen werden sollten. Die Akteure sollten ihr Handwerk ohne mittelalterliche Gewandung vorführen. Die Ausübung des Handwerkes sollte im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen. Aus diesem Grunde durfte während der Veranstaltung auch nichts verkauft werden, was nicht unmittelbar am Veranstaltungswochenende vor den Augen der Besucher hergestellt wurde.

Das Ziel des Veranstaltungskonzeptes bestand darin, sich einerseits von den zahlreichen sogenannten Mittelaltermärkten abzuheben, die meist zu reinen Verkaufsveranstaltungen mit einem Hauch von etwas, was man für Mittelalter hält, herabgesunken sind. Andererseits sollten die Akteure – insbesondere das Roßtaler Handwerk – sich auf diese Art aktiv mit mittelalterlichen Handwerkstechniken auseinandersetzen und dazu auch gleich den Besucher anregen. Denn die Besucher, Erwachsene wie Kinder, hatten die Möglichkeit bei verschiedenen der insgesamt über 20 Programmpunkte selber mit Hand anzulegen. Die Herstellung der im Museum ausgestellten Exponate wurde somit visuell und sinnlich nachvollziehbar und auf diese Art mit Leben erfüllt. Zu sehen waren Handwerkstechniken von Gewölbebau über Drechslerei bis hin zu mittelalterlicher Buchmalerei.

Rück- und Ausblick

Der Markt Roßtal hat sich der Verantwortung seiner besonderen Vergangenheit gestellt. Trotz der angespannten Haushaltslage, unter der die Kommunen allgemein zu leiden haben, war der Markt Roßtal bereit, in seine Vergangenheit und damit letztendlich in seine Zukunft zu investieren. Die bisherigen Erfahrungen haben darüber hinaus gezeigt, dass die vorgestellten Projekte bei den Roßtaler Bürgern und Besuchern aus der Region großen Zuspruch finden. Nicht zuletzt das Engagement der Roßtaler Handwerker und Handwerkerinnen bei den „Tagen des mittelalterlichen Handwerks“ und die durchwegs äußerst positiven Reaktionen der Veranstaltungsbesucher belegen, dass man Menschen mit Archäologie begeistern kann. Seit Bestehen der archäologischen Einrichtungen haben die Roßtaler aktiv begonnen, sich mit ihrer Archäologie und Geschichte zu identifizieren. Archäologie birgt offenkundig ein Identifikationspotential in sich, das in Roßtal entsprechend genutzt wird.

Als ebenso positiv hat sich die Zusammenarbeit mit der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern erwiesen. Die fachliche Beratung, Erstellung der innenarchitektonischen Planung wie die finanzielle Unterstützung des Ausstellungsprojektes trugen ebenfalls erheblich zum Gelingen des Projektes bei.

Hinweis: die Links sind nicht Teil der Originalveröffentlichung