Sonderausstellung

Vom Hemd zum Dessous

Meist ist sie verbannt zu einem Dasein im Verborgenen. Denn wer zeigt schon freiwillig seine Unterwäsche her, wenn er nicht Lady Gaga heißt? Im Museumshof Roßtal stehen die Unaussprechlichen von einst jetzt im Scheinwerferlicht: Die Sonderausstellung „Vom Hemd zum Dessous“ enthüllt, was im Lauf der Jahrzehnte schicklich verborgen blieb.

Am Anfang war – das Hemd. Männer und Frauen zogen das gute Teil jahrhundertelang unter Rock oder Gewand an. Das simple Kleidungsstück verriet allerdings schon viel über seinen Träger. Die liebevoll zusammengestellte Ausstellung, die letzte, die Hedwig Helmreich (72) als Pflegerin des Museums kenntnisreich arrangiert hat, beweist zum Beispiel, dass sich bereits am Hemd ablesen ließ, ob einer über Haus und Hof gebot. Oder im Stall schuften musste.

Zierliche Stickereien, von zarter Hand geduldig eingestichelt, zieren die feinen Hemden aus edlem Stoff. Leinen und Baumwolle wurden verarbeitet, doch schon hier begannen die Unterschiede.

Delikat Gesponnenes

Wer es sich leisten konnte, der ließ seine Unterwäsche aus delikat versponnenem Material fertigen. Beliebt war sparsame Trickserei: Hemdbrust, Kragen und Ärmel wurden gerne aus besserem Stoff bemessen, was in Hose oder Rock verschwand, war dann von gröberer Machart. Von Geschick, Fleiß und leerem Geldbeutel erzählt ein Hemd, das so oft geflickt wurde, dass nicht mehr zu erkennen ist, welcher Stoff zuerst da war.

Gutbetucht muss dagegen jener Mann gewesen sein, dessen Hemdbrust mit seinem Monogramm „JMR“ und der Jahreszahl 1854 geschmückt ist. Perfekte Hohlsaumstickerei ziert die Säume, aufwändig ausgeschmückt ist – kurz vor dem Bauchnabel – das Ende des Brustschlitzes: „Das sieht man oft“, erklärt Hedwig Helmreich, „die Stelle wurde ,Flohfenster‘ genannt.“

Um einiges jünger als die Geschichte des Hemdes ist die der Unterhose. Viele Jahrzehnte griffen Frauen zu einem stoffreichen Modell, bei dem zwei Beinlinge höchst funktional durch einen Gürtel miteinander verbunden waren – nahtlos. Wirklich eilig, durfte es dagegen die Besitzerin eines voluminösen Höschens nicht haben: Das handgenähte Teil wurde mit sage und schreibe 16 Knöpfen an einem dazugehörigen Leibchen befestigt.

Entschieden aufregender – wenn auch nicht unbedingt praktischer – wurde die Darunter-Mode vor rund hundert Jahren. Damals kam auf, was sich elegant „Dessous“ nennen durfte: Hüftgürtel, neckische Korsetts und kesse Büstenhalter. In Roßtal können auch erste, von Hand genähte Ausführungen von letzteren bestaunt werden: Deren Zweck bestand übrigens keinesfalls im Hervorheben. Eher das Gegenteil — nämlich das Verschwindenlassen war modisch und erwünscht.

Zu den Einblicken auf historische Liebestöter und Hemden – neben Leihgaben von Roßtaler Bürgern stellte Evelyn Gillmeister-Geisenhof, Trachtenberaterin des Bezirks Mittelfranken, einige zur Verfügung – gesellt sich schickes Darunter aus jüngerer Zeit. So lässt sich mühelos ablesen, wie der Trend in Richtung körperbetont ging. Aus den 50er Jahren etwa stammt ein neckisches Baby Doll, für das noch ziemlich viel Stoff verbraucht wurde, das aber schon mit niedlichen Rüschen punktet. Schick kommt dann endgültig mit edlen Bodys und BHs aus den 80ern ins Spiel.

Natürlich werden beim Betrachten der un-hemd-lichen Geschichte Erinnerungen wach. Marga Rüger (71), die Hedwig Helmreich beim Aufbau der Ausstellung unterstützt, erinnert sich an Kindertage: „Ich musste so ein Leibchen tragen, an dem mit Knöpfen und Straps die langen Strümpfe befestigt waren – das Ganze war aus Schafswolle gestrickt, unglaublich kratzig war das. Schrecklich.“

Und so steht am Ende der Ausstellung, beim Blick auf die zarten, pflegeleichten Kleinigkeiten, die wir heute tragen dürfen, auch ein erleichtertes Aufatmen...

Quelle: http://www.nordbayern.de/region/fuerth/enthullende-einblicke-1.208262